Neue Beweise oder nur eine Lightoller-Legende?
von Susanne Störmer, © 2010
Im September machte eine gewisse Lady Louise Patten Schlagzeilen – ihr neuer Roman „Good as Gold“ stand vor der Veröffentlichung. Der Untergang der Titanic spielte für die Handlung eine Rolle, und in diesem Zusammenhang wurde der Zweite Offizier Charles Herbert Lightoller in dem Buch als Kronzeuge bemüht. Als entscheidendes Beweisstück dienen Aufzeichnungen von Commander Lightoller, die nach der Evakuierung von britischen Truppen aus Dünkirchen 1940 entstanden sind. Und gemäß der Aufzeichnungen in diesem Roman geschah am 14. April 1912 auf der Titanic während der Wache vom Ersten Offizier Murdoch folgendes:
• Nachdem Murdoch die Wache übernommen hatte, wurde die Geschwindigkeit erhöht, und es war geplant, während der Nacht den Dampfdruck weiter zu erhöhen. Das gehörte zu einem Geschwindigkeitstest, mit dessen Hilfe die Eigner einige Stunden früher in New York ankommen und damit Schlagzeilen machen wollten.
• Murdoch sah den Eisberg deutlich früher als die Männer im Krähennest, da er von der Brücke aus einen anderen Blickwinkel hatte.
• Murdoch gab sofort den Befehl „Hart steuerbord“ und dachte, er hätte Zeit genug, um diesen Eisberg zu umfahren.
• Auf dem Nordatlantik galten, was die Umsetzung dieses Befehls anbelangt, zu der Zeit noch die „Tiller Orders“, doch der Steuermann zu dem Zeitpunkt, Robert Hitchens [sic!] war bis dahin auf
der Indienroute und im Ostseedienst gefahren, von wo er an die „Rudder Orders“ gewöhnt war. – „Tiller Orders“ bedeutet, dass das Ruderkommando angibt, in welche Richtung das Heck drehen soll. „Rudder Orders“ bedeutet hingegen, dass das Kommando angibt, in welche Richtung der Bug drehen soll.
• Hitchens Reaktion auf Murdochs dringenden Befehl, der nach „Tiller Order“ gegeben war, war demnach eine Ausführung des Befehls nach „Rudder Order“, also genau in die entgegengesetzte Richtung. Das Schiff steuert noch weiter auf den Eisberg zu statt von ihm weg.
• Als Murdoch diesen Irrtum bemerkte, entdeckte auch der Ausguck den Eisberg. Murdoch versuchte noch, den Irrtum zu korrigieren, aber es war zu spät.
Normalerweise sind Titanic-Geschichten in fiktionalen Werken kein Anlass, die britische Presse zu Schlagzeilen zu bewegen, dass das letzte Rätsel der Titanic gelöst sei oder aber – besonders in Schottland – dass der Erste Offizier letztendlich doch von aller Schuld freizusprechen sei. Bei „Good as Gold“ sorgte allerdings ein besonderer Umstand der Autorin dafür, dass genau so ein Wirbel um das Buch gemacht wurde. Lady Louise Patten hat nicht nur eine beachtliche Karriere in der Wirtschaft hingelegt, sondern sie ist die Enkelin von Charles Herbert Lightoller.
Im Nachwort des Romans stellt Lady Patten klar, dass „Good as Gold“ mehr als Fiktion ist, denn es enthält Fakten rund um die Titanic, die fast einhundert Jahre lang Familiengeheimnis der Lightollers waren [vgl. „Good as Gold“, Paperback Edition, Nachwort]. Sie erklärt weiter, wie sie, die ihren Großvater niemals kennengelernt hat, von dieser Geschichte erfahren hat: Durch Sylvia Lightoller, der Ehefrau von Charles Herbert Lightoller und Großmutter von Lady Louise Patten.
Louise Patten hat in ihrer Jugend viel Zeit mit ihrer Grossmutter verbracht und dabei auch viel über die Titanic gesprochen. Gemeinsam haben sie sogar einen zeitlichen Ablaufplan erstellt, aus dem ersichtlich wurde, was genau alles schief gelaufen ist in jener schicksalhaften Nacht. Denn da war nicht nur der Irrtum von Hichens, sondern auch noch die Befehle von Ismay, die Titanic nach der
Kollision schnell wieder Fahrt aufnehmen zu lassen – erst nach Mitternacht wurden die Maschinen endgültig gestoppt.
Sylvia Lightoller hat ihrer Enkelin auch erzählt, dass ihr Großvater nicht immer die Wahrheit gesagt hat vor den Untersuchungsausschüssen, sondern nur das getan hat, was er für seine Pflicht hielt.
Auf der Carpathia hat Ismay Lightoller demnach klar gemacht, wie seine Pflicht aussah: Wäre die White Star Line für schuldig befunden worden, dann wäre die Reederei bankrott gegangen und alle wären arbeitslos gewesen.
Und die Frage, woher Lightoller, der wachfrei hatte, eigentlich wusste, was während der entscheidenden Minuten auf der Brücke passierte, erklärt Lady Patten damit, dass Lightoller, als die Waffen an Kapitän Smith, Chief Officer Wilde, den Ersten Offizier Murdoch und Lightoller selbst ausgegeben wurden, Smith und Murdoch ihm berichteten, was passiert ist.
Kritisch betrachtet findet sich hier die Erinnerung an Erzählungen der Großmutter mit einer Fiktion vermischt. Die Großmutter kennt die Geschichte auch nur vom Hören-Sagen und hat sie (gemäss dem Nachwort des Romans) in den 60er Jahren der Enkelin anvertraut. Damit sollte sich naturgemäß die Frage stellen, wie verlässlich diese Aussage insgesamt ist.
Wenn man davon ausgeht, dass in jeder Geschichte ein Körnchen Wahrheit steckt, dann lässt sich die Aussage aus dem Buch zumindest so weit reduzieren, dass Lightoller vor den Untersuchungsausschüssen nicht die Wahrheit gesagt hat.
Weitere Punkte in der Geschichte sind, dass auf der Carpathia Absprachen zu den späteren Aussagen stattgefunden haben und dass die Geschichte vom Ausweichmanöver, wie sie bisher immer verfilmt wurde, falsch ist und es offenbar einen Fehler auf Seiten des Steuermannes Hichens gab.
Wie sich jetzt diese Erkenntnisse in die überlieferte und mit beeideten Zeugenaussagen belegbare Geschichte einbauen lassen, bedarf einer gesonderten Betrachtung.