Southampton und das Erbe der Titanic
von Susanne Störmer, © 2013
Southampton ist eine Stadt, die eng mit der Titanic verbunden ist. Aus Southampton legte die Titanic zu ihrer so tragisch verlaufenden Jungfernfahrt ab, und aus Southampton kam ein Großteil der Besatzung. Der Untergang der Titanic traf Southampton massiv in Form eines Verlusts an Einwohnern. Verschiedene Denkmäler wurden in den Folgejahren errichtet und gehören zu den bekanntesten Titanic-Denkmälern. – Heute ist Southampton der größte Kreuzfahrthafen Großbritanniens. Das sorgt für viele Transfergäste in der Stadt: Kreuzfahrtpassagiere und Besatzungsmitglieder, die von Bord gehen, Kreuzfahrtpassagiere und Besatzungsmitglieder die an Bord gehen, und Kreuzfahrtpassagiere, deren Schiff für ein paar Stunden im Hafen liegt. Das bedeutet aber auch, dass Southampton die Titanic als Touristenmagnet nicht unbedingt benötigt. Allerdings ist die Titanic präsenter in der Stadt als noch 1993. Es wird ein Southampton Titanic Trail angeboten, und das neue SeaCity Museum widmet sich in einer großen Ausstellung dem Thema.
Am 8. Juni 2013 – etwas mehr als 20 Jahre nach meinem ersten Besuch in der Stadt – hatte ich Gelegenheit, mir einen Eindruck zu verschaffen, wie Southampton heute die Geschichte der Titanic den Touristen und natürlich auch Einheimischen näher bringt. Mein Interesse lag dabei ganz besonders darauf, was bei dieser Führung erzählt werden würde – was nimmt jemand, der sich bisher nicht sehr intensiv mit der Titanic befasst hat, mit nach Hause?
Natürlich ist mir klar, dass die Qualität einer Führung immer auch vom Guide und dessen Tagesform abhängt. Meine Erwartungshaltung war aber schon, dass das Niveau der Führung zufriedenstellend ist.
Startpunkt des Southampton Titanic Trails war das Titanic Memorial in den Docks. – Der White Star Dock war durch die Crown Princess der Princess Cruises belegt, die dort auf ihre Taufe wenige Tage später durch die Herzogin von Cambridge vorbereitet wurde. Das Dock, aus dem die Titanic am 10. April 1912 abgelegt hat, war damit nur aus der Ferne zu sehen.
Von dem Titanic-Memorial in den Docks ging es dann zum Queen’s Park, der einen Blick auf das South Western House ermöglichte. Nächster Stopp war dann in Oxford Street vor dem Pub „The Grapes“, dem ein Stopp beim glücklichsten Haus Southamptons folgte – alle Crewmitglieder, die in dem Haus wohnten, sollen laut Guide überlebt haben. Danach stand die Holyrood Church auf dem Programm – und das war Ende des Titanic-Programms der Führung. Im weiteren Verlauf ging es dann um die Stadtgeschichte Southamptons, bis das SeaCity Museum erreicht wurde, das jeder Teilnehmer für sich selbst erkunden sollte.
Soweit zu den objektiven Fakten. Viel spannender ist sicherlich, was während der Führung alles erzählt wurde – und vielleicht auch wie sich die Gruppe zusammensetzte. Es war eine multinationale Gruppe, und mindestens zwei Leute aus dieser Gruppe nutzten bei der Tour die Chance, sich die Antworten auf ihre Titanic-Fragen vom Tour-Guide abzuholen.
Wenn ich ohne oder mit wenig Vorkenntnissen zur Titanic an der Tour teilgenommen hätte, hätte ich an Informationen von der Tour mit nach Hause genommen – wie schon bei der Tour selbst lasse ich diese Aussagen kommentarlos stehen:
- Die Titanic war das größte Schiff. Die Titanic war das schnellste Schiff. Die Titanic war unsinkbar.
- Nein, es war nicht die Olympic, die als Titanic untergegangen ist. Es war wirklich die Titanic, die gesunken ist. Allerdings war Kapitän Smith bei den Probefahrten unzufrieden mit der Backbordschraube, und so wurde die Backbordschraube der Titanic ausgetauscht– sie hat die der Olympic Als dann das Wrack entdeckt wurde, wurde zuerst das Heck gefunden und die Backbordschraube, und diese Schraube hatte die Baunummer der Olympic. Es war aber nur die Backbordschraube der Olympic an der Titanic, der Rest des Schiffes war die Titanic.
- Die Titanic machte ihre Probefahrten in Southampton Water. – Gebaut wurde sie in Belfast. Dort fanden erste Probefahrten statt. Dann fuhr sie nach Liverpool und danach kam sie nach Southampton, wo weitere Probefahrten stattfanden und wo sie ausgerüstet wurde. Insgesamt lag sie drei Tage in Southampton.
- Die Reiseroute der Titanic war Southampton – Cherbourg – ein Ort in Irland, dessen Name mittlerweile geändert ist – dann Belfast und dann New York.
- Das South Western House war früher ein Hotel. Am Abend vor der Abfahrt der Titanic nächtigten dort Ida und Isidor Strauß, Joseph Bruce Ismay, Kapitän Smith und die Astors.
- Die Titanic war gar nicht unsinkbar! Das ist nur eine Erfindung der Presse gewesen. Allerdings hat man auf der Titanic die Schottenwände nicht bis ganz nach oben durchgezogen, denn das hätte in der 1. Klasse für einen Absatz im Boden gesorgt, und man wollte den 1. Klasse Passagieren nicht zumuten, über einen Absatz zu steigen. Und so waren die Schottenwände eben nicht hoch genug.
- Die Titanic hatte zu wenig Rettungsboote, da mehr Rettungsboote die Aussicht gestört hätten. Wer hat schon gerne eine Kabine mit Blick auf ein Rettungsboot?
- Die Höchstgeschwindigkeit der Titanic betrug 26 Knoten.
- Das Unglück ereignete sich, als es neblig war und generell gute Bedingungen für Eisberge herrschten. Das Kommando auf der Brücke hatte der 2. Offizier Lightoller.
- Die Besatzung einschließlich Kapitän Smith hielt das Schiff für unsinkbar, deswegen wurde zuerst auch kein Notruf gesendet. Irgendwann wurde dann doch CQD, was laut Guide „Come quick, distress“ bedeutet, gefunkt. Funker Phillips fragte Kapitän Smith, ob er den Notruf „SOS“ funken sollte, doch Smith sagte zu ihm: „Nein, CQD reicht.“
- Nach der Ankunft der Überlebenden in New York wurde Ismay verhaftet. Er hatte sich bei seinem Bruder versteckt, und Kapitän Rostron von der Carpathia stritt ab, dass er etwas mit dem Verstecken von Ismay zu tun hatte.
- Die White Star Line stellte fest, dass die Titanic um 2:14 Uhr unterging. Dementsprechend endete die Bezahlung der Crew auch um 2:14 Uhr. In dem Moment, wo der Kapitän befahl: „Jeder für sich selbst“, war der Arbeitsvertrag eines Crewmitglieds beendet.
- Die Titanic hatte drei Schwesterschiffe: Die Olympic, die Britannic und die Gigantic. Die Gigantic sollte noch umbenannt werden, da der Name zu dicht an „Titanic“ gewesen sei. Aber dann kam der 1. Weltkrieg, die Gigantic wurde torpediert und versenkt und so ist bis heute nicht bekannt, dass es sie gab.
- Die Frage eines Teilnehmers des Trails, wann denn Cunard und White Star zusammen kamen, beantwortete der Guide mit: „Irgendwann in den 1880ern. Sie fuhren dann als White Star Cunard, doch nach der Titanic hat man dann White Star im Namen gestrichen.“
Nachfrage einer Teilnehmerin: „Also hat ein Schiff der gleichen Reederei die Überlebenden aufgenommen?“
Guide: „Ja, aber sie fuhren unter unterschiedlichen Namen.“ – Keine weiteren Nachfragen an dieser Stelle. - Die White Star Line konnte es nie mit der Cunard Line in Sachen Geschwindigkeit aufnehmen. Die Carpathia war zum Beispiel sechs Knoten schneller als die Titanic. Hätten die beiden Schiffe sich ein Rennen über den Atlantik geliefert, hätte die Titanic verloren
- Das Engineers Memorial in Southampton ist nach Aussage des Guides ein Memorial für die gesamte Crew der Titanic.
- Es gab auch ein Memorial für die Postleute im Postamt in der High Street. Dieses Memorial jedoch ist nach einem Umbau des Postamts verschollen. Man hatte es ganz besonders sicher aufbewahren wollen, und nun kann man es nicht mehr finden.
Am Ende stand dann ein Besuch des SeaCity Museums. Dieses neue Museum widmet sich ausführlich der Titanic. Es gibt interaktive Stationen und auch eine multimediale Nachstellung des britischen Untersuchungsausschusses. Ebenfalls vorhanden: Eine Wand mit Fotos und Kurzangaben zur Crew – und genau hier beginnt es, ärgerlich zu werden. Denn es gibt Fehler bei den Angaben zur Crew, die nicht erforderlich gewesen wären, wenn man zumindest die letzten zehn bis fünfzehn Jahre genutzt hätte, um die Unterlagen zu aktualisieren – oder wenn man vor dem Druck mal aus bekannten Titanic-Seiten im Netz die aktuellsten Erkenntnisse gezogen hätte. Bei dem durchaus hohen Eintrittspreis von £8.50 finde ich es inakzeptabel, wenn (in Teilen) ein Forschungsstand von vor 20 Jahren präsentiert wird.
Die Fehler aus der Ausstellung finden sich auch in der Crewliste wieder, die im Museumsshop verkauft wird – Erstveröffentlichung 2006, und da betont der Autor, dass er seit 35 Jahren in Sachen Titanic forscht. Da ist es dann für mich unverständlich, dass spätestens seit der Jahrtausendwende bekannte Daten nicht in das Buch eingeflossen sind.
Alles in allem war diese Titanic-Erfahrung sehr ernüchternd, und ich wünsche Southampton und der Titanic, dass der Guide am 08.06. einfach nur einen schlechten Tag hatte.