Schiffe ohne Häfen, Meer mit Grenzen
Kreuzfahrten während der Pandemie
von Susanne Störmer, © 2020
Kreuzfahrten sind seit dem Ende der Ozeanliner das Hauptbeschäftigungsfeld für Passagierschiffe. Daneben gibt es noch die Fähren, die weiterhin im klassischen Liniendienst tätig sind, die aber auch unter Wettbewerbsdruck mit den Billigfliegern stehen. Dennoch werden die Kreuzfahrtschiffe als die legitimen Nachfolger der glamourösen Ozeanliner angesehen und, wenn es zur Zielgruppe des Angebots passt, entsprechend vermarktet. Andere Reedereien hingegen richten sich mit ihrem Angebot an ein Publikum, das Partys feiern und immer neue Kicks erleben möchte – jeden Tag ein anderer Hafen und jede Nacht ein anderes Restaurant und ein anderes Unterhaltungsprogramm an Bord. So wurden jedes Jahr neue Schiffe in den Dienst gestellt, die selbst den verwöhntesten Gästen immer noch etwas Neues boten. Außerdem gibt es die Expeditionsfahrten in entlegene Ecken der Welt, wie z. B. die Antarktis oder Arktis oder auch die Amazonas-Region. Kleinere Schiffe bieten hier mehr Möglichkeiten zur Erkundung als die „großen Pötte“, die aufgrund ihres Tiefgangs eingeschränkter sind, dafür aber mehr Unterhaltung an Bord und weniger Seefahrt pur versprechen. Die Antarktis und Alaska wurden zunehmend auch Ziel für größere Kreuzfahrtschiffe, wodurch diese Reiseziele auch für Passagiere mit schmaleren Reisebudget in den Fokus rückten. In Kombination mit scheinbar immer günstiger werdenden Flugpreisen selbst auf Langstrecken war die Welt wirklich klein geworden.
Die Reedereien versprachen eine unbeschwerte Zeit – spätestens ab dem Moment, an dem man sein Gepäck für die Einschiffung abgegeben hat bis zu dem Moment, wo man sein Gepäck wieder alleine weiter transportieren muss. Die Reisefreiheit, nicht nur innerhalb der EU, sondern auch global, da man als Tourist in viele Länder für einen bestimmten Zeitraum (meistens 90 Tage) nur mit Reisepass visumfrei einreisen darf, hat ebenfalls zu der Illusion eines globalen Dorfes beigetragen. Doch 2020 änderte sich alles. Zuerst noch relativ unbeachtet, begann ein neues Virus seinen Zug um die Welt und breitete sich so rasant wie noch kein Virus jemals zuvor aus.
Nun ist man auf Kreuzfahrtschiffen nicht unerfahren im Umgang mit Viren an Bord. Das Norovirus ist ein alter und unerwünschter Bekannter auf Schiffen. Es löst heftige Durchfälle und Erbrechen aus, und die damit einhergehende Dehydrierung des Körpers kann lebensbedrohlich werden. Sein Ausbruch an Bord ist gefürchtet und kann zu ungewollten negativen Schlagzeilen in der Presse führen. Zahlreiche Hygienemaßnahmen an Bord sollen verhindern, dass das Norovirus sich an Bord ausbreitet, dennoch kam es in der Vergangenheit immer mal wieder zu größeren Infektionen an Bord von diversen Schiffen, so z. B. im Januar 2019 auf der Oasis of the Seas und im September 2019 gleich auf vier AIDA-Schiffen, der AIDAstella, AIDAbella, AIDAnova und AIDAmar. Betroffene bleiben üblicherweise auf ihren Kabinen in Quarantäne, bis sie vom medizinischen Personal an Bord für gesund erklärt wurden, während die Besatzung für die Dauer des Ausbruchs mit einem erhöhten Reinigungsaufwand konfrontiert wird.
Die Diamond Princess
Die Diamond Princess war im Jahr 2014 während einer Australienkreuzfahrt so stark vom Norovirus betroffen, dass das gesamte Schiff desinfiziert werden musste, wodurch sich die nachfolgende Kreuzfahrt verzögerte. Das jedoch war nichts im Vergleich zu dem Ausbruch des neuartigen Corona-Virus, Covid-19, ab dem 5. Februar 2020 auf dem Schiff. Ein Passagier, der die Diamond Princess in Hongkong verlassen hatte, war sechs Tage später positiv auf Covid-19 getestet worden. Die Diamond Princess informierte beim Einlaufen in Yokohama die örtlichen Behörden davon – und wurde unter Quarantäne gestellt, nachdem japanische Behörden von den 3771 Menschen an Bord zehn Personen positiv auf das neue Virus getestet hatten. Die Passagiere mussten in ihren Kabinen bleiben und auch alle Mahlzeiten auf ihren Kabinen einnehmen. Auf dem Schiff allerdings breitete sich das Virus trotz aller Quarantänemaßnahmen weiter aus, zeitweise war die Diamond Princess der Ort mit den meisten Infizierten außerhalb Chinas. Die Quarantäne wurde am 20. Februar 2020 aufgehoben, da waren 705 Personen an Bord infiziert und sechs verstorben. Insgesamt waren es 791 Infizierte und 13 Tote im Zusammenhang mit der Diamond Princess.
Reaktionen der Reedereien
Die Reedereien reagierten mit Routenänderungen auf die zunehmende Ausbreitung des Virus in Asien. So gab z. B. die Cunard Line am 6. Februar 2020 bekannt, dass die Queen Mary 2 Hongkong nicht anlaufen würde, sondern dafür ein weiteres Mal auf ihrer Weltentdeckertour Singapur besuchen sollte. Doch auch dieser Plan war schnell Makulatur, und so wurde Australien vorzeitig zum Ziel – mit vielen ungeplanten Seetagen am Stück für die Passagiere, für die zum Teil Abreisearrangements völlig neu organisiert werden mussten oder die sich selbst um eine neue Rückreise kümmern mussten. Gleiches gilt natürlich für die Reisenden, die – um beim Beispiel der Queen Mary 2 zu bleiben – neue Anreiserouten benötigten, wenn sie eigentlich geplant hatten, in Hongkong zuzusteigen, sofern sie die Reise unter geänderten Bedingungen überhaupt noch antreten wollten. Und um auf den neu zusammengestellten Teilstrecken überhaupt noch Auslastung zu erzielen, wurden die Kabinen zu Sonderangeboten angeboten.
Weitere Maßnahmen wurden bereits bei der Einschiffung ergriffen, um das Virus von Bord fernzuhalten. So musste man bei der Einschiffung angeben, ob man in den letzten 14 Tagen in China, besonders in der Region Wuhan, oder in anderen zu Risikogebieten erklärten Regionen gewesen war oder Kontakt zu Personen hatte, die sich dort aufgehalten hatten und/oder wenn man Symptome hatten, die denen von Covid-19 ähnelten. In dem Fall war auf jeden Fall eine gesonderte Untersuchung noch vor dem Anbordgehen erforderlich, sofern man überhaupt noch auf das Schiff gelassen wurde. Und auch wer mit eindeutigen Erkältungssymptomen einchecken wollte, sollte gesondert untersucht werden.
Je weiter Covid-19 sich ausbreitete, umso strikter wurden die Maßnahmen der Reedereien. So war Anfang März 2020 Reisenden über 70 Jahren sowie chronisch Kranken bei einigen Reedereien nur noch die Mitfahrt gestattet, wenn sie eine ärztliche Bescheinigung vorlegen konnten, dass sie reisefähig sind. Andere Reedereien empfahlen, benötigte Medikamente für mindestens 14 Tage über das geplante Reiseende hinaus einzupacken und sich auch die Namen der Medikamente zu notieren, damit im Fall der Fälle auch im Ausland eine Beschaffung möglich war. Trotzdem wurde es immer schwerer für Kreuzfahrtschiffe, Häfen zu finden, die sie noch anlaufen durften. Die Routine, von der man als Passagier normal wenig mitbekam, und die scheinbar nur eine Formalie war, wurde allmählich zu einer Zitterpartie mit immer häufiger negativem Ausgang, d. h. dem Schiff wurde das Einlaufen in den Hafen von den lokalen Behörden verweigert.
Dann begannen die generellen Sperrungen von Häfen für Kreuzfahrtschiffe; Madeira gehörte mit zu den ersten. Die Azoren erlaubten nur noch das Anlaufen, um Proviant und Treibstoff an Bord zu nehmen, aber es durfte niemand vom Schiff das Land betreten. Und ab 12. März 2020 begannen die Reedereien bekannt zu geben, dass sie ihren Betrieb vorübergehend einstellten oder die Reisen vorübergehend aussetzen. Innerhalb weniger Tage war klar, dass erstmal keine Kreuzfahrten mehr stattfinden würden. AIDA gehörte mit zu den ersten Reedereien, die eine generelle Unterbrechung der Kreuzfahrten verkündete. Die Schiffe sollten die aktuellen Reisen an einem geeigneten Ort beenden. Das bedeutete für die betroffenen Passagiere viele Planänderungen – bei gleichzeitig immer weiter zusammengestrichenen Flugverbindungen. Und so spielten sich zahlreiche kuriose Szenen ab. Die Queen Mary 2 zum Beispiel war am 14. März 2020 in Fremantle (Australien) angekommen und blieb dort unerwartet über Nacht im Hafen. Eigentlich hätten Besatzungsmitglieder abgelöst werden sollen, darunter auch der Kapitän. Die neue Crew inklusive neuer Kapitän waren bereits in Fremantle, doch sie durften nicht an Bord. Die Abzulösenden mussten bleiben und sollten die Queen Mary 2 zurück nach Southampton bringen; die Weltentdeckerreise, die am 10. Januar 2020 in Southampton begonnen hatte und am 19. April 2020 in Southampton enden sollte, wurde am 15. März 2020 in Fremantle abgebrochen. Die Passagiere mussten das Schiff verlassen, unabhängig von ihrem eigentlichen Zielort. Nur diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage waren zu fliegen, durften an Bord bleiben, mussten aber auf einem Schiff ohne Unterhaltungsprogramm aushalten. Zwischenstopps waren nur noch zum Nachtanken und Proviant auffüllen vorgesehen, es gab also auch keine Landgänge mehr. Am 15. April 2020 erreichte die Queen Mary 2 dann Southampton und ist seitdem, wie so viele andere Kreuzfahrtschiffe, aufgelegt.
Für die Passagiere, die die Queen Mary 2 in Fremantle verlassen hatten, mussten Rückflüge in ihre Heimat organisiert werden. Wobei die Flugverbindungen wie bereits erwähnt immer weiter eingestellt wurden. Und auch Umsteigeverbindungen über Drehkreuze wie Dubai waren nicht mehr so ohne weiteres möglich, weil die Länder ihre Flughäfen schlossen oder die Einreisebestimmungen so strikt fassten, dass selbst ein einfacher Transit zu einer 14tägigen Quarantäne geführt hätte. Viele Passagiere kümmerten sich selbst um ihre Rückflüge – und sahen sich dann noch mit dem Problem konfrontiert, dass sie deutlich mehr Gepäck als das übliche Freigepäck mit sich führten. Da kamen schnell ungeplante Zusatzkosten in beträchtlicher Höhe dazu.
Auch alle anderen Kreuzfahrtschiffe und damit auch deren Reedereien waren von der Betriebsunterbrechung und den immer weiter zusammengestrichenen Flugverbindungen betroffen. Deswegen entschieden manche Reedereien, ihre Schiffe möglichst schnell in ihre Heimatregionen zurückzuholen und stellten es den Passagieren frei, an Bord zu bleiben. Besonders die Passagiere, die Zeit hatten, weil sie nicht mehr im aktiven Berufsleben stehen, nahmen dieses Angebot an. Das erwies sich jedoch nur so lange als die bessere Entscheidung, wie das Schiff frei von Covid-19 war.
Ein Land, das besonders restriktiv bei der Einfahrt von Kreuzfahrtschiffen war, war Südafrika, das mit Kapstadt über einen sehr beliebten Hafen verfügte. Die AIDAmira war auf einer Kreuzfahrt mit Ausgangs- und Endpunkt Kapstadt, als es Probleme beim Wiederanlaufen von Kapstadt gab. Passagiere des Schiffs hatten im gleichen Flieger gesessen wie Besatzungsmitglieder des Frachters MV Corona (das Schiff heißt wirklich so!), von denen zwei mittlerweile positiv auf Covid-19 getestet wurden. Erst als die betroffenen Passagiere negativ auf Covid-19 getestet worden waren, durften alle Passagiere das Schiff, das eine Woche in Kapstadt gelegen hatte, verlassen und in ihre Heimat fliegen.
Das (vorläufige) Ende von Fernreisen
Innerhalb kürzester Zeit, waren Fernreisen, die in den vergangenen Jahren teilweise unproblematischer geworden waren als Bahnreisen in Deutschland, damit so gut wie eingestellt. Und je mehr Flugverbindungen ausfielen, umso mehr waren die einzelnen Länder gefordert, ihre Bürger, die sich im Ausland aufhielten, wieder nach Hause zu holen. Ende März wurden dafür extra Flieger gechartert, doch gerade bei den Reisenden, die außerhalb Europas gestrandet waren, wurde die Rückholung selbst für Regierungsstellen sehr schwierig. Wenn es offiziell arrangierte Rückflüge gab, musste den gestrandeten Reisenden je nach örtlicher Erlasslage möglicherweise von den jeweiligen lokalen Behörden noch die Erlaubnis zur Fahrt zum Flughafen gegeben werden – in vielen Ländern waren die Quarantäne-Maßnahmen so strikt, dass die Fahrten zum Flughafen zur Ausreise eine Sondergenehmigung erforderlich machte, die manchmal erst nach langen Verhandlungen erteilt wurde und manchmal dann wieder widerrufen wurde und erneut verhandelt werden musste.
Und manchmal mussten die Reedereien auch improvisieren, um ihre Passagiere nach Hause zu bringen. So traf es Reisende von Transocean auf der Columbus und der Vasco da Gama, die beide auf Weltreisen waren, die abgebrochen wurden. Nun sollte die Columbus die Europäer, vornehmlich Briten, beider Schiffe nach Tilbury (London) bringen und die Vasco da Gama die Australier und Neuseeländer in ihre Heimat. Vor Phuket (Thailand) fand der Transfer der Passagiere zwischen den beiden Schiffen mit Tenderbooten auf See statt – selbstverständlich mit Gepäck.
Generell zeigte sich, dass die Organisation der Rückreise der Passagiere mit jedem Tag, die die Pandemie andauerte, schwieriger wurde – und der Schwierigkeitsgrad erhöhte sich weiter, je mehr Nationalitäten an Bord waren und je größer die Schiffe waren. Die Artania von Phoenix Reisen zum Beispiel hatte nach dem Abbruch der Weltreise in Sydney noch rund 800 Passagiere an Bord, die lieber mit der Artania nach Hause reisen als fliegen wollten. Als es dann jedoch erste Covid-19-Fälle an Bord gab, wurde Fremantle zur Endstation. Um rund 800 Passagiere nach Hause bringen, die vornehmlich aus Deutschland kamen, benötigte man drei Charterflieger. Das gelang auch und war offenbar unproblematischer als überhaupt die Erlaubnis zum Einlaufen nach Fremantle zu erhalten.
Ebenfalls vor Fremantle lag die MSC Magnifica, deren Weltreise ebenfalls abgebrochen wurde. MSC suchte einen Hafen, wo die Passagiere an Land gehen und ihre Heimreise antreten konnten. Zuerst sollten die Passagiere in Dubai ausgeschifft werden, doch noch während die MSC Magnifica auf dem Weg dahin war, zogen die Behörden die Erlaubnis zurück und die MSC Magnifica kehrte nach Fremantle zurück, wo nach längeren Verhandlungen die Erlaubnis erteilt wurde, Proviant und Treibstoff zu bunkern. Nun sollte das Schiff, nur mit technischen Stopps unterwegs zum Auffüllen der Vorräte, alle Passagiere direkt nach Europa bringen – Zielhafen war Marseille, wo sie am 20. April 2020 anlegte.
Doch wenn ein Hafen erreicht war und ein Schiff dort anlegen durfte, hieß es noch nicht, dass die Passagiere auch von Bord gehen durften. Marseille war am 21. März 2020 Endpunkt der abgebrochenen Südamerikareise der Costa Pacifica. Allerdings durften in Marseille nur französische Staatsbürger von Bord gehen. Danach wurde Savona (Italien) angelaufen, wo allerdings nur die italienischen Staatsbürger von Bord gehen durften. Der ursprüngliche Plan, alle anderen Passagiere, die noch an Bord waren, mit dem Bus zum Flughafen von Rom zu bringen, wurde nach Protesten geändert und die Costa Pacifica fuhr nach Civitavecchia, wo sie am 23. März ankam. Dort durften zuerst die Passagiere mit südamerikanischen Staatsangehörigkeiten von Bord und direkt zum Flughafen gebracht werden, um von dort in ihre Heimatländer geflogen zu werden. Deutsche Staatsangehörige mussten noch bis zum 26. März auf dem Schiff bleiben, nachdem bereits zugesagte Transfers für den 24. März kurzfristig abgesagt wurden.
Covid-19 an Bord
War die Organisation der Rückkehr schon nicht einfach, wenn es keine nachgewiesenen Covid-19-Fälle an Bord eines Schiffes gab, wurde es manchmal richtig schwierig, wenn bestätigte Fälle an Bord waren. So irrte die Braemar von Fred Olsen tagelang durch die Karibik und kreuzte vor den Bahamas – kein Hafen erteilte die Erlaubnis zum Einlaufen. Am Ende erbarmte sich dann Kuba aus humanitären Gründen und offensichtlich auf Bitten der britischen Regierung. Die Passagiere wurden dann von Havanna nach Hause geflogen.
Schlagzeilen machte auch die Zaandam, die auf einer Südamerikareise war und auf der ebenfalls Covid-19-Fälle an Bord identifiziert wurden. Daraufhin wurde der Zaandam das Anlaufen von Häfen in Südamerika (Chile, Ecuador, Kolumbien) verweigert, und auch die Durchfahrt durch den Panamakanal war vorerst nicht gestattet worden. Die Reederei, Holland-America-Lijn, schickte die bereits aufgelegte Rotterdam zur Zaandam, und die gesunden Passagiere wurden vor der Pazifikküste Panamas von der Zaandam auf die Rotterdam transferiert. Beide Schiffe steuerten danach Florida an, doch wegen der Covid-19-Fälle an Bord der Zaandam, die zum Teil einen schweren Verlauf nahmen – vier Passagiere verstarben – wurde zuerst ein Anlaufen von Fort Lauderdale von den Behörden nicht gestattet. Versuche, schwer erkrankte Personen in Mexiko, Kuba, Martinique oder Barbados anzulanden, waren gescheitert, und hätte Florida auf dem strikten Kurs beharrt, dass medizinische Hilfe nur Kreuzfahrtschiffen unter amerikanischer Flagge gewährt wird, wäre der Plan gewesen, die Erkrankten auf der Zaandam zu behandeln und nur die Fälle, für die eine Behandlung in einem Krankenhaus zwingend erforderlich war, an Land zu bringen. Allerdings wäre in dem Fall unklar geblieben, ob die amerikanische Küstenwache den Transport übernommen oder ob die Reederei einen privaten Transport hätte organisieren müssen.
Am 2. April 2020 legten Zaandam und Rotterdam in Fort Lauderdale an. Schwer erkrankte Passagiere wurden in Krankenhäuser gebracht, die anderen direkt mit Bussen aufs Rollfeld vom Flughafen, so dass sie in ihre Heimatländer fliegen konnten. Ziele der Flüge waren San Francisco, Atlanta, Toronto, Frankfurt am Main und London.
Auch die Coral Princess musste ihre Südamerikareise abbrechen. Sie hatte Passagiere mit Erkältungssymptomen an Bord, und bei späteren Tests gab es positive Fälle. Weder in Buenos Aires (Argentinien) noch in Rio de Janeiro (Brasilien) hatten Passagiere trotz gültiger Rückflugtickets ausschiffen können, so dass die Coral Princess mit den Passagieren ebenfalls nach Fort Lauderdale kam.
Zum Redaktionsschluss des Navigators Nr. 90 ist nur noch die Artania unterwegs, nachdem die Erkrankten in Fremantle in Behandlung gegeben und die anderen Passagiere mit Charterflügen nach Deutschland zurückgeflogen wurden. Alle anderen Kreuzfahrtschiffe haben ihre Reisen inzwischen beendet und warten darauf, dass es weiter geht. Zu Beginn des Aufliegens übermittelten die Schiffe zum Beispiel in der Zielangabe im AIS die Botschaft „We will be back“, die AIDAluna schrieb beim Driften diese Nachricht quasi ins Kielwasser, doch diese Ankündigung scheint allmählich zu verpuffen, je länger die Zwangspause andauert. Manche Schiffe liegen in Häfen, viele Schiffe auf Reede, so z. B. auch vor Manila (Philippinen), wo anscheinend Besatzungsmitglieder in ihrer Heimat von Bord gehen sollten. Doch die Philippinen verweigern das Anlegen. So liegen am 17. Mai 2020 inzwischen 24 Kreuzfahrtschiffe vor Manila auf Reede, darunter die Queen Elizabeth der Cunard Line. Die Cunard Line hat in diesem Jahr den 180. Jahrestag der ersten Fahrt der Britannia, doch die zugehörigen Jubiläumskreuzfahrten fallen noch in die Phase der Betriebsunterbrechung, die aktuell bis zum 31. Juli 2020 andauern soll.
Weitere Ankerplätze von vielen Kreuzfahrtschiffen sind vor den Bahamas, wo Reedereien Privatinseln haben, und vor der Küste Floridas. – Wer alt genug ist, fühlt sich vielleicht noch an die Ölkrise in den 1970er Jahren erinnert, die unter anderem dazu führte, dass Öltanker zum Teil direkt nach der Übernahme durch die Reederei in der Geltinger Bucht (in der Nähe von Flensburg, Schleswig-Holstein) aufgelegt wurden.
Was wird aus den Besatzungen?
Zu den Menschen an Bord von Schiffen gehören natürlich auch Besatzungen. Im Mai wurde eine Schätzung veröffentlicht, nach der weltweit 150.000 Besatzungsmitglieder auf Frachtschiffen festsetzen. Auch die Besatzungen von Kreuzfahrtschiffen sind betroffen, und es ist offenbar schwierig bis unmöglich, die Menschen, deren Einsatzzeiten auf Schiffen abgelaufen sind, in ihre Heimatländer zurückzubringen, trotz Bemühungen der Reedereien. So fehlt es an Flugverbindungen, aber auch an Einreiseerlaubnissen. Es mehren sich Berichte, dass Crewmitglieder aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben, weil die Rückkehr in ihre Heimatländer sich immer wieder verzögerte.
Schlagzeilenträchtig geriet der Versuch von TUI Cruises, die Rückreise von Besatzungsmitgliedern zu organisieren. So wurden alle Besatzungsmitglieder, die auf den anderen Schiffen entbehrlich waren (ein Schiff auf Reede oder im Hafen benötigt immer eine Mindestbesatzung), auf der Mein Schiff 3 zusammengezogen. Die Mein Schiff 3 fuhr dann mit den Besatzungsmitgliedern von den anderen Schiffen als Passagiere nach Cuxhaven. Doch noch ehe die Rückreisen wirklich beginnen konnten, gab es positive Tests auf Covid-19 an Bord der Mein Schiff 3. Das Schiff wurde unter Quarantäne gestellt. In dieser Situation stiegen die Spannungen an Bord, auch weil die Besatzungen seit Ende März mit neuen Arbeitsverträgen zu schlechteren Konditionen ausgestattet wurden. Da jedoch bei vielen Besatzungsmitgliedern ganze Familien von dem Lohn abhängig sind, wurden diese Verträge unterschrieben.
Und was wird aus den Kreuzfahrten?
Natürlich stellt sich inzwischen auch die Frage, wie es mit den Kreuzfahrten weitergehen wird. Für Kreuzfahrten sind geöffnete Häfen erforderlich, und auch eine Infrastruktur für die An- und Abreise der Passagiere und Besatzungsmitglieder muss wieder vorhanden sein. Wie sich die Lage weltweit entwickeln weiter entwickeln wird, ist derzeit „Spökenkiekerei“. Es stellt sich auch die Frage, wann – und vielleicht sogar ob – Länder ihre Häfen wieder für große Schiffen öffnen werden. So hat Kanada die Regelung erlassen, dass bis Ende Juli 2020 nur Schiffe mit Platz für bis zu 500 Passagieren ihre Häfen ansteuern dürfen. Und aus Neuseeland wurde verlautbart, dass die Grenzen für Touristen erst wieder geöffnet werden sollen, wenn ein Impfstoff verfügbar ist.
Die Reedereien jedoch verlieren derzeit viel Geld – durch die Rückerstattungen für abgebrochene oder nicht mehr durchgeführte Reisen, sofern die Buchenden keine Gutscheinlösung oder Umbuchung, die oftmals mit einem erhöhten Betrag einhergehen als der ursprüngliche Betrag, bevorzugen, aber auch durch die Kosten, die die aufgelegten Schiffe verursachen. Die großen börsennotierten Reedereien wie Carnival Cruises, zu der u. a. die Marken Cunard, AIDA, Costa, Princess und P&O gehören, haben sich inzwischen frisches Geld besorgt, dafür allerdings ihre Schiffe als Sicherheit hinterlegt. Doch wer benötigt noch Kreuzfahrtschiffe, wenn die Industrie womöglich länger als gedacht in Zwangspause muss? Und welche Reedereien überleben eine längere Zwangspause ohne Einnahmen aber mit weiter laufenden Ausgaben? – Denn selbst wenn über Gutscheine oder Umbuchungen ein Cash Out verhindert wird: Diese Einnahmen werden zukünftig fehlen. Wer seine für 2020 geplante aber abgesagte Reise auf 2021 verschiebt, wird 2021 mindestens diese Kreuzfahrt weniger buchen.
Die ersten Auswirkungen sind an Land bereits spürbar. So hat Carnival angekündigt, dass von den 1100 Stellen in Großbritannien 450 abgebaut werden sollen – das sind Menschen, die sich um die sichere Rückkehr der Passagiere sowie um Rückerstattungen oder Umbuchungen gekümmert haben. Aber auch auf andere Branchen im Kreuzfahrtumfeld wird sich die Betriebsunterbrechung und möglicherweise eine darauffolgende Konsolidierung der Kreuzfahrtindustrie auswirken. So hat die Meyer-Werft in Papenburg zwar die Iona für P&O am 14. Februar 2020 ausgedockt, doch bis Mai 2020 ist es nicht zur Abnahme und Übergabe durch P&O gekommen. Meyer hat in einem auf youtube abrufbaren Video eine düstere Prognose für den Kreuzfahrtschiffbau abgegeben, denn den Reedereien wird, sofern sie diese Krise überstehen, Geld für Neubauten fehlen – und wenn es zu Flottenreduzierungen oder Reedereipleiten kommt, sind schlagartig auch neuere Schiffe auf dem Markt, was nach Erwartung der Meyer-Werft ebenfalls den Bedarf an Neubauten reduzieren wird.
Ein sehr wichtiger Faktor für erfolgreiche Kreuzfahrten jedoch sind die Kunden, die Passagiere. Und für die stellt sich die Frage nach einer Krankenversicherung für Schiffsreisen stärker als vor der Covid-19-Pandemie. So ist die Behandlung durch den Schiffsarzt an Bord auch für Passagiere, die in Deutschland gesetzlich krankenversichert sind, eine privatärztliche Behandlung. Denn der Schiffsarzt ist kein Kassenarzt. Und für den Fall, dass man krankheitsbedingt das Schiff verlassen und in einem Krankenhaus in einem ausländischen Hafen weiter behandelt werden muss, benötigt man eine Auslandskrankenversicherung, sofern man nicht über die gesetzliche Krankenversicherung abgesichert ist. Außerhalb der EU sowie einigen weiteren Ländern, mit denen ein Sozialversicherungsabkommen besteht, muss man eine Auslandsreisekrankversicherung abschließen, wenn man sich gegen die Behandlungskosten von Krankheiten während der Reise absichern will. In anglo-amerikanischen Ländern stellen sich inzwischen Kreuzfahrtfans die Frage, ob sie überhaupt noch eine Reisekrankenversicherung für Schiffsreisen bekommen werden, besonders dann, wenn sie älter als 70 Jahre sind und/oder an einer chronischen Erkrankung leiden. Selbst wenn Kreuzfahrten nach der Zwangspause wieder aufgenommen werden, werden sie vermutlich zumindest am Anfang anders sein als vor dem 12. März 2020, als erste Reedereien ihre Betriebsunterbrechungen wegen Covid-19 ankündigten.
Quellen:
Internet:
https://www.nzz.ch/wissenschaft/coronavirus-so-eskalierte-die-lage-auf-der-diamond-princess-ld.1545789 (aufgerufen am 03.05.2020)
https://www.cruisetricks.de/kreuzfahrtschiffe-auf-der-suche-nach-einem-ausschiffungshafen/ (zahlreiche Aufrufe, zuletzt am 17.05.2020)
https://www.cruisetricks.de/finanzen-und-status-der-vier-groessten-kreuzfahrt-unternehmen-in-der-corona-krise/ (aufgerufen am 17.05.2020)
https://www.schiffe-und-kreuzfahrten.de/news/vasco-da-gama-und-ms-columbus-tauschen-gaeste-auf-offener-see/200623/ (zuletzt aufgerufen am 17.05.2020)
https://www.dw.com/de/corona-kreuzfahrer-danken-kuba/a-52804959 (zuletzt aufgerufen am 17.05.2020)
https://www.cruisetricks.de/florida-verweigert-weitgehend-die-aufnahme-von-covid-19-infizierten-von-kreuzfahrtschiffen/ (zuletzt aufgerufen am 17.05.2020)
https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Panorama-3,panoramadrei3478.html (zuletzt aufgerufen am 17.05.2020)
https://www.reisereporter.de/artikel/9364-norovirus-alarm-bei-aida-kreuzfahrt-passagiere-klagen-ueber-magen-darm-virus-auf-kreuzfahrtschiffen (zuletzt aufgerufen am 17.05.2020)