Der „Musical-Murdoch“

von Susanne Störmer, © 2003

 

Das Titanic-Musical in Hamburg ist die deutsche Erstaufführung und damit ist der Darsteller Wolfgang Höltzel (Bariton) zugleich auch der erste deutsche Murdoch in einem Musical – und der zweite überhaupt nach Theo Shall im Film von 1943.
Interessant wird die Darstellung Murdochs in dem Musical dadurch, dass eine andere Figur als in den Filmen gezeigt wird. Abgesehen davon hat Wolfgang Höltzel noch einen ganz persönlichen Bezug zur Titanic.

Das Interview wurde am 24. Januar 2003 vor einer Vorstellung geführt.

Wie würden Sie den im Musical dargestellten Murdoch beschreiben?
Murdoch ist eine durchgehende, handlungstragende Rolle mit einer schwarz-weiß Darstellung. Im ersten Teil, bis zum Zusammenstoß mit dem Eisberg, wird Murdoch als verwantwortungsvoller, selbst- und pflichtbewusster sowie kompetenter Offizier dargestellt. Im zweiten Teil zerbricht er an seiner Verantwortung, den Eisberg nicht rechtzeitig gesehen und umfahren zu haben, und zweifelt an seiner Kompetenz und zerbricht an seiner Schuld, unzählige Menschenleben auf dem Gewissen zu haben.

Mit welchen musikalischen Hilfsmitteln wird die Murdoch-Darstellung im Musical unterstützt?
Die Musik unterstützt die Selbsttzweifel. Murdochs Lied „Die Last des Kapitäns“ ist leise, langsam und hat den Vermerk „gebetsmäßig“. Es ist ein Selbstgespräch, beginnend in d-Moll und ended in F-Dur, untermalt mit Des-Dur, wodurch es sehr zerbrechlich wirkt und eine wackelige Harmonie entsteht. Murdoch trägt schwer an der Verantwortung. – Wenn ich „Die Last des Kapitäns“ singe und dabei das Publikum sehe, 1950 Menschen, dann denke ich immer: „So viele oder sogar noch mehr waren auch auf der Titanic“, und mir wird dann auch die Verantwortung bewusst, die die damals zu tragen hatten, für so eine Masse Menschen.

Der Untertitel des Musicals lautet ja „Menschen, Träume, Schicksale.“ – Welchen Traum hat Murdoch in dem Musical?
Seefahrer sein, Kapitän werden, wobei das wegen der Verantwortung wohl eher ein Alptraum ist.

Wie stellt Murdoch sich im Musical der Verantwortung, die Katastrophe nicht verhindert und damit viele Träume zerstört zu haben? (Es gibt Streit zwischen Ismay-Smith-Andrews, wer denn nun die Schuld hat.) – In einem Dialog im 1. Teil hat Murdoch eigentlich zum Ausdruck gebracht, dass er es sich nicht zutraut, Verantwortung zu übernehmen.
Murdoch zerbricht daran, die Katastrophe nicht verhindert zu haben. Zu Beginn des 2, Aktes ist Murdoch erledigt, zusammengebrochen, sehr verzweifelt – der Kapitän spricht ihn an und er reagiert gar nicht – es ist ihm alles außer Kontrolle geraten. Er bedroht die Passagiere beim Einbooten mit dem Revolver. Er steht unschlüssig an der Reling. Und auch im Musical nimmt er sich das Leben. Er erschiesst sich zwar nicht, doch ziemlich zum Ende geht er auf dem schrägen Deck nach unten, dem Wasser entgegen.

Wie wurden Sie für diese Rolle ausgewählt?
Ich bin hingegangen und habe vorgesungen. Es waren 15 Bewerber für die Rolle. Warum ich genommen wurde, weiß ich nicht. Die Entscheidung wurde hinter verschlossenen Türen getroffen.

Was reizt Sie an dieser Rolle?
Die beiden Extreme. Im ersten Teil ist er knackiger Offizier, im zweiten Teil völlig verzweifelt.

Haben Sie eigentlich Interesse am Thema Titanic?
Ich bin damit aufgewachsen. In unserer Familie wird erzählt, dass ein Verwandter von uns in der 3. Klasse auf der Titanic gefahren und umgekommen ist. Er ist vorangefahren und hat seine Frau und seine beiden Kinder zurückgelassen. Sein Name taucht allerdings auf keiner Passagierliste auf. – Natürlich besteht die Möglichkeit, dass die Geschichte nur erfunden wurde, um ein einfaches Verschwinden zu vertuschen oder dass er die Gelegenheit genutzt hat, um unterzutauchen … Auf der anderen Seite gab es zur fraglichen Zeit nicht sehr viele große Schiffsunglücke, und es heißt ja auch, dass die Passagiere der 3. Klasse gar nicht richtig und vollständig registriert wurden.

Wie bereiten Sie sich auf die Darstellung einer historischen Figur vor?
Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich einen historischen Charakter spiele. Ich hole mir Informationen aus dem Internet und aus Fachliteratur. Inzwischen avanciere ich zum theatereigenen Titanic-Fachmann und nerve meine Kollegen mit dem zur dargestellten Geschichte gehörenden Hintergrundwissen …

Weckt die Darstellung eines historischen Charakters denn das Interesse an der „Vorlage“?
Ja, sehr! – Natürlich wird das Interesse geweckt! Ich habe inzwischen so vieles über William McMaster Murdoch erfahren, dass er mir schon wie ein Verwandter vorkommt. Er hat zehn Tage nach mit Geburtstag, und ich fühle mich ihm immer näher, je mehr ich mich mit der Thematik und seiner Biographie beschäftige. Er war ganz offensichtlich ein beeindruckender Mensch, und ich hätte ihn gern persönlich kennengelernt. Kürzlich träumte ich nachts sogar, auf der Titanic zu sein! Und ganz offensichtlich nicht als Passagier, denn wir fuhren aus dem Hafen und ich verfolgte fachmännisch die erfreuliche Wendigkeit des Schiffes! Wer weiß, vielleicht war ich ja im Traum Murdoch selbst?!

Wolfgang Höltzel ergänzt: „Es macht Spaß, ihn darzustellen aber auch Kummer, weil er nicht historisch korrekt dargestellt wird.“

Mein Dank geht an Anja Kniess von der Stage Holding, die das Treffen ermöglichte, und natürlich an Wolfgang Höltzel, der sich die Zeit nahm, meine Fragen zu beantworten und auch bei der Nachbearbeitung mit guten Vorschlägen aufwartete.