Die letzte Wache
Nach einem Vortrag auf der JHV 2008 des Deutschen Titanic-Vereins
von Susanne Störmer, © 2008
Über die Ursachen des Untergangs der Titanic ist schon viel veröffentlich worden, und regelmäßig zum Jahrestag gibt es ganz neue Erkenntnisse, warum denn das Schiff nun gesunken ist. Für mich ist immer noch die Kollision mit einem Eisberg Auslöser für den Untergang der Titanic gewesen, und aus diesem Grund ist zu fragen, ob diese Kollision vermeidbar gewesen wäre. Deswegen sind folgende drei Fragen von Interesse:
1. Welche Eiswarnungen sind wann eingetroffen, und welche davon wurden an die Brücke weitergeleitet?
2. Wann kam der Kapitän auf die Brücke und wie lange blieb er?
3. Was geschah beim Ausweichmanöver?
Auch die Untersuchungsausschüsse von 1912 wollten Antworten auf diese Fragen finden. Deren Ergebnisse habe ich ausgeblendet, nachdem ich auf Aussagen gestoßen bin, die nicht zur „offiziellen Geschichtsschreibung“ passen, und ich habe mich an eine neue Untersuchung gemacht, die sich auf die Aussagen von 1912 stützt. Für den Navigator kann ich an dieser Stelle nur einen Auszug zur Verfügung stellen, denn zu diesen Themen ließ sich ein ganzes Buch schreiben, und das habe ich auch getan [1].
Aufgrund der Länge des Textes habe ich an dieser Stelle eine Dreiteilung vorgenommen:
- Die Eiswarnungen
- Auf der Brücke der Titanic am 14. April 1912
- Das Ausweichmanöver
Die Fußnoten sind in den jeweiligen Abschnitten zu finden.
Fazit
Die Eiswarnungen des 14. April 1912 belegen, dass die Titanic nachts durch ein Seegebiet fuhr, in dem es zahlreiche Eisberge und auch Treibeis- und Packeisfelder gab. Die Indizien sprechen dafür, dass dieses auch der Schiffsführung der Titanic bekannt war. Deswegen war auch Kapitän Smith auf der Brücke – und zwar nach Verlassen des Restaurants bis zum Zeitpunkt der Kollision und darüber hinaus. Dementsprechend stand der Kapitän in der Verantwortung beim Ausweichmanöver.
Es besteht die Möglichkeit, dass die Titanic kurz vor und bei der Kollision mehr als nur einen Eisberg in ihrer Nähe hatte. Und auch das überlieferte Ausweichmanöver findet keine Unterstützung durch Zeugen: Überlebende der Wache aus dem Maschinenraum berichten vom Maschinenbefehl „Stopp“, und ein hartes Ruderkommando hat niemand auf dem Schiff bemerkt. Mehr noch: Hätte es nur ein Ruderkommando nach steuerbord gegeben, dann hätte – wie bereits 1912 von Senator Burton erkannt und vom Rudergänger Rowe bestätigt wurde – auch das Heck beschädigt werden müssen. Die Überlebenden berichten von Stößen oder schleifenden Geräuschen im Zusammenhang mit der Kollision; niemand hat eine deutliche Bewegung des Schiffes gespürt, wie sie bei einem harten Ruderkommando und einem mit voller Fahrt voraus fahrenden Schiff zu erwarten gewesen wäre. Die ruhige See hätte dieses Kommando sogar noch deutlicher spürbar machen müssen. Da niemand davon berichtet und zudem nichts von Beschädigungen am Heck oder am Mittelteil des Schiffes bekannt ist, muss es ein anderes Ruderkommando gewesen sein, das den Rest des Schiffes vom Eisberg befreit hat. Welches Kommando es war, lässt sich derzeit nicht ermitteln.
Warum die Untersuchungsausschüsse und die Geschichtsschreibung diese Zeugenaussagen ignorierten, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden.
[1] Susanne Störmer (2007), Dampfer Titanic: Eisberg voraus. Die letzten Stunden vor der Kollision neu untersucht, Norderstedt: Books on Demand