Deutsche Postkarte, Sammlung Susanne Störmer

 

Auf der Titanic endete Murdochs Laufbahn zur See. Dabei begann alles ganz ausgezeichnet: Mit seiner Versetzung von der Olympic auf die Titanic war auch zugleich die Beförderung zum Chief Officer verbunden – und damit kam er in der Hierarchie an Bord direkt nach dem Kapitän, dessen Stellvertreter er auch war. Es sah also ganz so aus, als sollte auch er den Weg vieler Verwandter inklusive seines Vaters und Großvaters machen, die allesamt als Kapitäne zur See gefahren waren, also das sogenannte Endamt ihrer Laufbahn erreicht haben. Nur würde es William McMaster Murdoch dann bei einer prestigereichen Reederei gelingen, die Postschiffe der Royal Mail und der US Mail stellte. Mehr ging damals gar nicht. Dass er zudem zur Royal Naval Reserve gehörte und dort den Rang eines Leutnants bekleidete, war nur noch das Tüpfelchen auf dem I – aber ein wichtiges Mosaiksteinchen auf dem Weg zum Kapitän bei der White Star Line.

Ein paar Tage vor der Probefahrt ging es an Bord, und die Musterrollen verraten, dass die dienstälterien Offiziere – William McMaster Murdoch, Charles Herbert Lightoller und David Blair – vor dem Rest des Deckdepartments anreisten. Der wurde von Herbert J. Haddock nach Belfast geführt, der als Kapitän gemustert war – wobei Haddock schon fast direkt nach der Ankunft in Belfast wieder abreiste in Richtung Southampton, wo er das Kommando über die Olympic übernehmen sollte. E. J. Smith, bisheriger Kapitän der Olympic und dienstältester Kapitän der Reederei, sollte die Titanic übernehmen.
In der Zeit des Kapitänstausches, als Haddock von Belfast nach Southampton fuhr und E. J. Smith von Southampton nach Belfast (übrigens zusammen mit Dr. O’Loughlin) hatte nach den heute bekannten Unterlagen Murdoch mit seinem neuen Rang als Chief Officer und damit Stellvertreter des Kapitäns das Kommando an Bord.

Sollte Murdoch sich darauf etwas eingebildet haben, wurde er schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt – vielleicht noch nicht auf der Probefahrt und vermutlich auch noch nicht bei der Überführungsfahrt nach Southampton, doch in Southampton tauchte dann Henry Tingle Wilde wieder auf. Den kannte Murdoch noch als Chief Officer von der Olympic, das heißt, beide kannten sich von dem Schwesterschiff der Titanic, doch auch Wilde hatte die Olympic nun verlassen, machte also die erste Fahrt und Kapitän Haddock nicht mehr mit. Stattdessen war Wilde – ein Witwer mit vier Kindern – bei halber Bezahlung an Land („on half pay“ hieß es damals) und wartete darauf, endlich wieder ein eigenes Schiff zu bekommen (Wilde hatte im Frühjahr 1911 schon mal für eine Fahrt die Zeeland kommandiert, wurde danach wieder als Chief Officer eingesetzt, das aber immerhin auf der Olympic). Aber statt ein eigenes Schiff zu bekommen, wurde ihm der Posten des Chief Officers auf der Titanic angeboten – Murdoch sollte dann wieder 1. Offizier werden, so dass die Top 3 auf dem Schiff Kapitän Smith, Chief Officer Wilde und 1. Offizier Murdoch lauten würde. Das war die vertraute Rangordnung von der Olympic. Das bedeutete dann auch, dass Lightoller 2. Offizier werden würde (in der Rolle war er einige Jahre nicht mehr gefahren) und Blair ganz aussteigen musste. Es sollte auch nur für so lange sein, wie Wilde an Bord blieb – oder, wie Murdoch am 8. April an seine Eltern schrieb: „So gut wie versprochen, dass ich, wenn Wilde geht, wieder aufsteige.“

Wilde scheint auch mit sich gerungen zu haben, ob er das Angebot der White Star Line annimmt, als Chief Officer auf der Titanic zu fahren, bis er endlich sein eigenes Kommando bekommen könnte, doch Freunde rieten ihm zu, die Stellung anzunehmen – und am Ende akzeptierte Wilde. Letztendlich war die Jungfernfahrt der Titanic, des dann größten Schiffes der Welt, durchaus ein Ereignis, das sich vermutlich gut in jedem Lebenslauf machte.

Letztendlich kam es dann so, wie wir es heute kennen: Edward John Smith wurde Kapitän der Titanic, Henry Tingle Wilde als Chief Officer sein Stellvertreter, William McMaster Murdoch fuhr als 1. Offizier in dem Rang, dessen Pflichten er schon seit 1906 kannte, und Charles Herbert Lightoller musste erstmals seit mehreren Jahren wieder die Aufgaben eines 2. Offiziers wahrnehmen.  Für David Blair war kein Platz mehr an Bord, denn die dienstjüngeren Offiziere blieben unverändert.

Am 10. April 1912 begann dann die Fahrt in die Geschichte!