Das Erstlingswerk

von Susanne Störmer, © 2001

Zu den bekanntesten und am weitetesten verbreiteten Büchern zum Thema Titanic gehört „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ von Josef Pelz von Felinau. 1939 erstmals veröffentlicht, 1943/44 in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung neu herausgegeben [1], ist dieser Titel heute noch erhältlich und mittlerweile sogar als Hörbuch erschienen [2]. Abgesehen von Walter Lords „A Night to Remember“ hat zuden kein anderes Buch das Titanic-Bild von Generationen mehr geprägt. Außerdem dürfte zumindest im deutschsprachigen Raum kein anderes Titanic-Buch eine ähnlich hohe Durchdringungsrate der Bücherregale erreicht haben als die Werke von Walter Lord und Josef Pelz von Felinau.

Dabei könnten die Bücher unterschiedlicher nicht sein. Während Walter Lords „A Night to Remember“ als Zusammenstellung von Augenzeugenberichten gilt und damit den Ruf eines Sachbuchs und Standardwerks hat, ist Felinaus „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ ein Roman, der aber zumindest in früheren Jahren, als dieses Buch im deutschsprachigen Raum oftmals das einzig erhältliche zum Thema war, von den Lesern und Leserinnen als „wahre Geschichte“ aufgefasst wurde. Möglicherweise ist der Autor daran nicht ganz unschuldig, denn auch wenn Felinau sich schriftlich immer dagegen verwehrt hat, in seinem Buch etwas anderes als einen Roman zu sehen, so halten sich hartnäckig Gerüchte, dass Felinau höchstpersönlich auf der Titanic war oder auch dass er ein Passagier der Carpathia war. Der Süddeutsche Rundfunk ist nach eigenen Angaben im Besitz eines Interviews, in dem der angebliche Carpathia-Passagier Pelz von Felinau von der Rettungsaktion berichtet [3], und besonders im Raum Berlin gibt es bis heute viele Menschen, die Felinau aufgrund diverser Radiosendungen als Titanic-Überlebenden in Erinnerung haben [4]. Frühere Arbeitskollegen von Pelz von Felinau erinnern sich noch heute daran, dass der Autor generell als Titanic-Überlebender angesehen wurde – besonders auch, weil Felinau mit folgender Einlage zu beeindrucken wusste: Er bekam einen Anfall, bei dem er immer wieder „Titanic“ brüllte – für seine damaligen Kollegen ein so nachdrücklicher wie eindringlicher Beweis, dass Felinau an Bord jenes Schiffes gewesen ist [5]. Aber es sei noch mal betont: Pelz von Felinau war weder Passagier der Titanic noch der Carpathia – so hat er es selbst auch in späteren Korrespondenzen geschrieben bzw. schreiben lassen, auch wenn er in früheren Jahren hinsichtlich der Carpathia erwas anderes behauptet hat. Es mutet in diesem Zusammenhang daher auch fast wie eine Ironie des Schicksals an, dass Felinau über viele Jahre in Deutschland als Titanic-Fachkapazität angesehen wurde und sich dennoch von seinen Werken immer wieder distanzieren oder sie ins richtige Licht rücken musste.

Betrachtet man die Titanic-Arbeit Felinaus über den gesamten bekannten Zeitraum, so kann man schnell zu dem Schluss kommen, dass Felinau einer der ersten Titanicer war, auch wenn diese Bezeichnung ein so moderner Begriff ist, dass Felinau ihn selbst gar nicht kannte. – Am 24.10.1895 in Österreich geboren, war Josef Pelz von Felinau 16 Jahre alt, als der Untergang der Titanic die Welt erschütterte. In dem Alter ist man durchaus eindrucksfähig, und da Felinau zudem einen Hang zur Seefahrt gehabt hat, scheint Untergang der Titanic den damaligen Teenager so eingefangen zu haben, wie diese Geschichte auch heute noch zahlreiche Menschen in aller Welt fasziniert.
Felinau begann recht früh, sich literarisch mit der Thematik auseinander zu setzen – nach Schätzung der österreichischen Nationalbibliothek erschien „Der Untergang der Titanic. Ein melodramatisches Epos von Josef Ritter Pelz von Felinau“[6] vermutlich 1915. Der Autor war, sofern die Datierung „1915“ korrekt ist, knapp 20 Jahre alt. Dieses Werk Felinaus ist heute zwar relativ unbekannt, aber es ist in einigen Punkten absolut aufschlussreich und sehr wichtig bei der Beurteilung der späteren Arbeiten als Autor zum Thema Titanic.

Die erste These, die sich mit Hilfe des Erstlingswerk aufstellen lääst, ist, dass Pelz von Felinau kommerziell war. Auch wenn „kommerziell“ anrüchig klingt und kaum jemand gerne als „kommerziell“ bezeichnet wird, so ist es doch die Basis für großen Erfolg, selbst wenn das Erreichte von den nachfolgenden Generationen nur in den seltensten Fällen entsprechend gewürdigt wird. Bekannte Beispiele dafür findet man besonders in der Musikszene, wo Stars, die teilweise sogar ein ganzes Jahrzehnt dominierten, schnell in Vergessenheit geraten, unabhängig davon, was sie in ihrer Zeit geleistet haben [7].
Mit dem Buch „Der Untergang der Titanic“ zieht der Autor bereits in jungen Jahren alle strategischen Erfolgsregister. Zuerst einmal ist das Werk als Gedicht abgefasst, was vor dem Hintergrund, dass in jenen Jahren Lyrik populärer war als Prosa, absolut konsequent ist. Zudem versieht Felinau sein Erstlingswerk mit einem Vorwort, das auf den ersten Blick für sich selbst spricht.
Betrachtet man die von 1912 bis 1915 im deutschsprachigen Raum erschienene Titanic-Literatur [8] und zieht zudem das Alter des Autoren (= 20) in Betracht, so liegt hier der Schluss nahe, dass Josef Ritter Pelz von Felinau quasi als erste schriftstellerische Gehversuche populäre Aspekte der zeitgenössischen Titanic-Literatur aufgegriffen und selbst verarbeitet hat, um eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen.
Um kurz die Behauptung, dass der Autor Passagier der Carpathia war, aufzugreifen: Ein Buch des Carpathia-Passagiers Philip Mauro, der die Ereignisse der ersten und letzten Fahrt der Titanic schilderte, erschien bereits 1912 auf englisch und wurde auch ins Deutsche übersetzt [9]. Der junge Felinau hat in seinem Gedicht ebenfalls die erste und letzte Fahrt der Titanic zum Thema, geht gleichfalls nicht auf die Rettungsaktion der Carpathia ein (obwohl er im Vorwort angibt, Augenzeuge gewesen zu sein) – damit liegt die Vermutung nahe, dass Felinau von jenem Werk inspiriert wurde.
Ausserdem wird im Vorwort eine gewisse Religiosität deutlich. Dieser Ansatz wird noch verstärkt durch das dem Gedicht vorangestelltem Motto
Wie tief müsst ihr dereinst gesündigt haben
Dass euch so schwer des Schicksals Keule traf
Mauro war damals in christlichen Kreisen ein bekannter Autor [10], und außerdem wurden besonders 1912 diverse Predigten zum Thema und mit dem Thema Titanic in Buchform veröffentlicht. Felinau als Zeitgenosse mit einem Interesse an der Seefahrt und zudem offenbar ein gläubiger Mensch wird zumindest einige dieser Predigttexte gekannt haben und dann auch von ihnen inspiriert worden sein.
Die Gestaltung des Werkes als Gedicht unter Verwendung von Erfolgsrezepten anderer Autoren bei dieser Thematik belegt aber auch, dass es Felinau daran gelegen war, gelesen (oder aber gehört) zu werden. Und auch wenn sich bei dem Beleg einer kommerziellen Ader heute immer der Verdacht aufdrängt, dass jemand nur abkassieren möchte, indem er/sie auf einer Erfolgswelle mitschwimmt, so verdient es das Erstlingswerk von Felinau trotz allem, auch auf die Möglichkeit einer anderen Aussage hin untersucht zu werden, besonders weil dieses Werk vermutlich in einer besonderen Zeit entstanden ist: 1915 tobte der 1. Weltkrieg, und drei Jahre später sollte das Ende des Krieges auch das Ende des deutschen Kaiserhauses wie der Habsburger Donaumonarchie bedeuten.
Da Felinau bei seinem Erstlingswerk zum Thema Titanic bereits in drei Punkten bewiesen hat, dass er Konzepte anderer Autoren aufgegriffen hat, wird ein vierter Aspekt der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem Thema Titanic für die Interpretation des Gedichtes interessant: Anders als heute, wo die Titanic mehrheitlich entweder als Katastrophe oder aber als Unterhaltungsobjekt (Film!) angesehen wird, wurde sie in jenen Jahren in der Literatur fast ausschließlich als Parabel für die Gesellschaft in Essays und anderen Publikationen verwendet [11]. Somit ist der erste Interpretationsansatz, dass Felinaus „Der Untergang der Titanic“ trotz der Authentizitätsbezeugung im Vorwort eine Parabel ist.

In der Tat hat das Gedicht außer dem Vorwort sowie im Nachsatz verwendeten Namen Titanic so gut wie nichts mit der Geschichte des Dampfers zu tun. Bis auf den Namen „Astor“ kommt alles anonym und höchstens mit Funktionsbezeichnungen wie „Kapitän“, „Leutnant zur See“, „Deckoffizier“, „Bootsmann“ daher. Dabei ist jedoch zu beachten, dass der Name „Astor“ lediglich im Zusammenhang „König der Dollarwelt“ fällt und danach wieder in der Masse der Worte untertaucht, so dass „Astor“ definitiv nicht für den Menschen John Jacob Astor steht, sondern als Synonym für „reicher Mensch“ zu verstehen ist [12]. Damit erreicht der Autor eine absolute Pauschalisierung der Personen und macht sie ambivalent.
Beim ersten Lesen hinterlässt das Gedicht einerseits einen hektischen und überdrehten Eindruck, andererseits klingt aber auch Resignation aus den Zeilen. Hervorgerufen werden diese Effekte durch Stilmittel wie Metaphern und geschickt eingesetzte Alliterationen. Auch der beständige Wechsel des Reimschemas hinterlässt eine Art Wechselbad der Gefühle, besonders auch, weil sich kein beständiger und wiederkehrende Rhythmus bilden lässt. So kommen Worte mal stakkatoartig wie Maschinengewehrsalven, dann wieder langsam, fast melancholisch wie bei Begräbnissen und gelegentlich auch marschmäßig wie bei Büttenreden im Karneval.
Die verwendeten Adjektive wandeln sich im Laufe des Gedichts von positiv besetzen Attributen, die zudem eine gehobene Stimmung vermitteln, zu düster behafteten Assoziationen und dem totalen Absturz – eine literarisch sehr gut aufgemachte Basis für die letzten Stunden der Titanic. Doch die Wahl der Adjektive dient, genau wie das Thema des Werkes, nur als Kulisse für eine ganz andere Szenerie – den 1. Weltkrieg.

Die Deutungsmöglichkeiten hängen nun davon ab, wann das Gedicht tatsächlich entstanden ist und ob man dem Autor eventuell prophetische Gabe bescheinigen will. Geht man davon aus, dass die Datierung „ca. 1915“ richtig ist und das Werk eine Aufarbeitung von Felinaus eigenen Erlebnissen ist, d. h. eine Art Rückblick und Gegenwartsanalyse, ergibt sich folgender Interpretationsansatz:
1914 wurde dieser Krieg von allen beteiligten Ländern jubelnd begrüßt, und mit Begeisterung zogen die Soldaten aus – jeder wollte dabei sein, da man davon ausging, dass die Kämpfe bis Weihnachten entschieden wären. Doch nach wenigen Wochen bereits wurde der Bewegungskrieg zu einem Stellungskrieg, der sich über Jahre unentschieden hinziehen sollte und letztendlich von allen Beteiligten als traumatisch empfunden wurde. 1915 war absolut offensichtlich geworden, dass der Krieg eben nicht schnell vorüber sein würde – und Großbritannien hielt Deutschland und Österreich-Ungarn im Würgegriff der Seeblockade, worauf besonders Deutschland mit einem uneingeschränkten U-Boot-Krieg antwortete, der unter anderem die Versenkung der Lusitania (7. Mai 1915) zur Folge hatte und am Ende kriegsentscheidend werden sollte, denn er führte dazu, dass die USA 1917 auf Seiten der Entente in den Krieg eintraten, wodurch sich das Patt an den Fronten zu ungunsten der Mittelmächte aufhob. 1915 bereits gab es erste Einschränkungen in der Versorgung der Bevölkerung, und die langen Verlustlisten machten deutlich, dass dieser Krieg nicht die fröhliche Veranstaltung war, die man im Sommer 1914 anscheinend noch erwartet hatte.
Besonders deutlich werden die Gegensätze, mit denen der Autor arbeitet, an den Anfangs- und Endzeilen des Gedichts „Der Untergang der Titanic„. Hier drängt sich förmlich ein Vergleich auf zwischen dem fröhlichen Ausmarsch der Truppen im Sommer 1914 in einen Krieg („Vergassen sie bald wo sie waren!“), von dem alle dachten, er wäre Weihnachten vorüber, und die grausame Realität des Stellungskrieges an allen Fronten, der sich bis zum November 1918 hinzog. Und vor dem Hintergrund, dass der 1. Weltkrieg von den damals noch herrschenden Monarchien in Österreich-Ungarn und Deutschland gegenüber dem Volk auch immer wieder als schwere Prüfung für die beiden Völker verkauft wurde, gewinnt das Motto ebenfalls noch mehr an Bedeutung, besonders im Hinblick der Verwendung der Jungfernfahrt der Titanic als Parabel für das Sterben der Soldaten im Krieg und das Leid der Zivilbevölkerung, das von der massiven englischen Blockade der Versorgungswege hervorgerufen wurde. Und die Bordkapelle steht stellvertretend für die Militärkapellen, unter deren fröhlichen Spiel immer neue Soldaten von der Heimat an die Front zum Sterben zogen.
Bei diesem Interpretationsansatz wird die Darstellung einer fiktiven Figur, die lediglich als Funktionsbezeichnung existiert, ebenfalls interessant und gewinnt an Bedeutung: Der Heldentenor, der im goldenen Theatersaal das vom Kunstgeist bezauberte Publikum mit seiner göttlichen Stimme verzaubert.
Mit der Bezeichnung „göttliche Stimme“ wird der Heldentenor interpretierbar als Synonym für Pfarrer, die ja die göttliche Botschaft verkünden sollen, damit also durchaus auch als „göttliche Stimme“ betrachtet werden können – und das Publikum steht für das Volk, das der „göttlichen Stimme“ zuhört.
Der Heldentenor hat bei einer Beschreibung des Einbootens seinen nächsten Auftritt, hier jedoch als jemand im Narrengewand, der von den Menschen nicht mehr beachtet wird, und diese Menschen brechen zudem das eigene Gebot. Auch hier lässt sich wieder eine Interpretation vor dem Hintergrund des ersten Weltkriegs ableiten, denn unter der Maßgabe, dass das Gebot „Du sollst nicht töten“ im Krieg naturgemäß außer Kraft gesetzt wird, aber andererseits die Pfarrer die Truppen segneten und in den Kirchen für den Sieg der eigenen Nation gebetet wurde (in Deutschland wurde bei Kriegsausbruch sogar „Nun danket alle Gott“ in den Kirchen gesunden [13]), gewinnt der Heldentenor im Narrengewand, der anfangs noch die „göttliche Stimme“ hatte, einen tieferen Sinn als Symbol für Pastoren in ihren Gewändern.

Unklar ist, wie sicher die Datierung des Gedichts auf das Jahr 1915 ist. Denn eine andere Deutung wird überzeugender und verleiht dem Gedicht eine stärkere Aussagekraft, wenn man die Entstehungszeit auf November 1918 (Felinau war da 23 Jahre alt), d. h. nach Ende des 1. Weltkriegs setztz.
Dann dient die Titanic („das Riesenschiff“) als Parabel für den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, der mit Ende des 1. Weltkriegs unterging und in viele kleinere Staaten aufgeteilt wurde. Gleichzeitig verschwand die K.u.K.-Monarchie der Habsburger, und in den Straßen tobte die Revolution und das mit das Chaos. Vielerorts wurde eine Räteregierung ausgerufen.
Die Anfangszeilen beschreiben in diesem Zusammenhang das sorglose Leben der Oberschicht vor dem 1. Weltkrieg, das sich offenbar immer mehr von den Lehren der Kirche entfernt hat und vom Autor mit „schamlos“ und „frevelnd“ bezeichnet wird.
Die Endzeilen beschreiben dann das Kriegsende und damit auch das Ende der Habsburger und das Ende des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn, und gleichzeitig ruft der Autor dazu auf, sich wieder Gott anzunähern („Näher zu Dir, mein Gott“), um den Tod, der auch gleichbedeutend ist mit Zerfall, zu überwinden.
Das Einbrechen der Flut in den Schiffsrumpf, das in dem Gedicht sehr eindringlich unter Verwendung der weiter oben erwähnten Stilmittel geschildert wird, steht dann für die Urgewalt, mit der d ie alte Ordnung des Vielvölkerstaats durch die Völker selbst hinweg gespült wurde, und der Kampf der Passagiere auf dem Bootsdeck für ein Platz im Rettungsboot ist das Gleichnis für den Überlebenskampf der Adligen in der Revolution. Schließlich war auch damals schon die Erinnerung an die französische Revolution von 1789 vorhanden, und viele französische Adelige mussten die Revolution mit dem Leben bezahlen. Bei Kriegsende konnte niemand wissen, wie sich die Veränderungen in der Gesellschaft für die frühere herrschende Klasse auswirken würden.
Besonders eindringlich als Parabel für den Aufruhr, der von Soldaten, die sich verraten fühlen, entfacht wurde, sind folgende Zeilen aus dem Teil, der das Fluten des Schiffes beschreibt:
Und gleichsam, als ob ihn die bleichen Gesichter
Empörten im Scheine der tausenden Lichter,
Wälzt sich das lichtscheue Schreckensphantom
Im rasenden, allesvernichtenden Strom,
Sturmumgeifert im dampfenden Schaum
Durch Schächte und Kojen, zum Dynamoraum.
Über die Leichen der nächtlichen Wache
Gurgelt und brandet der Blutgeist der Rache
Und, hui, in die wilden Elektromotore
Stürzt sich der Tod mit verzerrtem Gesicht
Und mordet – das Licht!

Wenn man sich in diesem Zusammenhang in Erinnerung ruft, dass Christus als das Licht der Welt bezeichnet wird, so ergibt sich ein weiterer religiöser Interpretationsansatz: Die Revolution hält sich nicht an christliche Grundsätze, sondern vernichtet sie sogar. Und der „Blutgeist der Rache“ steht für die Wut der Soldaten auf diejenigen, die sie an den Fronten verraten und verkauft haben. Und dazu zählte auch die Gesellschaft, deren bekanntestes Symbol die Titanic war und ist. In der Vorkriegsgesellschaft war jedoch auch der Glaube fest verankert – und der Autor beschreibt nun in diesem Gedicht wie die Flut (= die Revolution) alles mit sich reißt und sogar das Licht (= den Glauben) mordet.
Geht man bei dieser Deutung des Lichtes noch etwas weiter, dann kann man einen weiteren Bogen zu Jesus Christus schlagen, denn in dem Licht der Welt liegt zudem der Frieden. Eine Revolution ist jedoch niemals friedlich, so dass der Aufstand nach Kriegsende eben nicht den von der Bevölkerung ersehnten Frieden bringt, sondern weitere Unruhen und Kämpfe, dieses Mal jedoch im eigenen Land (= Schiffsrumpf).
Der Kapitän ist in dieser Interpretation der Stellvertreter für die Regierung – sehr sinnvoll wird der Kapitän beim Feiern von der Kollision informiert und zu rascher Aktion aufgefordert. Es ist verlockend, dieses so zu deuten, dass die Regierung Österreich-Ungarns mehr auf gesellschaftlichen Anlässen als bei ihrer eigentlichen Aufgabe in Erscheinung getreten ist – bis dann plötzlich die Nachricht kam, dass der Thronfolger von serbischen Unabhängigkeitskämpfern erschossen wurde (= die Kollision mit dem Eisberg) und gehandelt werden musste. Diese Aktivitäten führten jedoch zum Krieg.
Der Deckoffizier, im deutschen Sprachgebrauch auch oft als Steuermann bezeichnet, steht bei dieser Interpretation für die ausführenden Ordnungsorgane, d. h. die Polizei. Dem Kapitän (= der Regierung) unterstellt, gelingt es ihnen nicht, die Kollision mit dem Eisberg (= das Attentat auf den Thronfolger) zu verhindern, und im späteren Tumult auf dem Bootsdeck (= Straßen der Städte) sind sie es, die Waffen einsetzen und schießen.
Der Heldentenor mit der göttlichen Stimme ist nun keine Parabel mehr für einen Pfarrer, sondern für den Monarchen, der sich ja grundsätzlich für von Gott legitimiert hielt und dem man damit ebenfalls eine göttliche Stimme unterstellen kann. Dieser Heldentenor (= Kaiser) wird vom früheren Publikum (= Volk) nicht mehr beachtet, als er sich an einen Rettungsring (= das alte System) klammert und davon nicht lassen kann. Die Bezeichnung „Narrengewand“ steht dann dafür, wie wenig ernst der Heldentenor doch eigentlich genommen wurde – und nach dem Tod des greisen Kaisers Franz Josef I im Jahr 1916 kam als letzter österreichischer Kaiser Karl I auf den Thron, und ihm wurde offenbar wenig zugetraut. Anscheinend hatte er aufgrund seines relativ jungen Alters (er war noch keine 30 Jahre alt) nicht die Aura, um das Volk im hochexplosiven Gemisch des Vielvölkerstaas Österreich-Ungarn wie sein Vorgänger Franz Josef I zusammenzuhalten. Und es hatte bereits unter Franz Josef I gegärt und nur mit Mühe hatte der Verbund gehalten werden können. Manche Historiker halten sogar den 1. Weltkrieg für den verzweifelten Versuch der herrschenden Klasse in Österreich-Ungarn, ihren Staat in der bestehenden Form zu retten – in dem Land herrschte ein extremer Konservatismus, und lediglich der Thronfolger, der 1914 in Sarajevo erschossen wurde, war Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, stand aber gleichzeitig für die Kräfte, die nach Unabhängigkeit der einzelnen Völker im Staat strebten, für die verhasste Habsburger Dynastie.

Bei dieser Deutung gewinnt auch das weiter oben bereits zitierte Motto eine noch stärkere Gewichtung – der Untergang des Heimatstaates wird damit als Strafe Gottes für frühere massive Verfehlungen der Menschen und besonders der Oberschicht, die ja den Staat führte, gesehen.
Und wenn man das Vorwort ebenfalls als bereits zum Buch gehörig ansieht und damit loslöst von der Wahrheitserwartung, gewinnt selbst der Passagier auf der Carpathia ein anderes Gewicht. Felinau bringt damit zum Ausdruck, dass er sich selbst nicht als zu der untergegangenen Gesellschaft zugehörig betrachtet, sondern einer anderen Generation (= anderes Schiff), die Rettung bringt, indem man all das Leid aber auch das Schöne als Gottes Weg begreift. Damit distanziert sich Felinau aber auch von der Gesellschaftsgruppe, zu der er vermutlich selbst gehört hat. Gleichzeitig jedoch spricht er sich für die Bewahrung des Glaubens aus und steht dadurch im Widerspruch zu anderen Künstlern jener Zeit, die mehr oder weniger offen Atheisten waren. Gott und der Glaube selbst waren eben von der alten Führungsgarde zu oft als Legitimation ihrer Macht angeführt worden, so dass für die Künstler und meuternden Soldaten auch die Religion wenigstens eine Teilschuld an den Zuständen, die zum Trauma „1. Weltkrieg“ geführt hatten, trug.

Sollte das Entstehungsdatum 1915 für dieses Gedicht sich jedoch als unterschütterlich erweisenm so ist, sofern man den zweiten Interpretationsansatz stehen lassen will, dem Autor prophetische Fähigkeit zu bescheinigen, denn 1915 war nicht unbedingt absehbar, dass drei Jahre später eine Revolution alles, was bisher da gewesen war, hinweg fegen und den Staat Österreich-Ungarn auflösen würde. Andererseits ist aber festzustellen, dass Felinau in späteren Titanic-Werken durchaus einen Hang zum Okkulten und Spiritistischem beweist, so dass es mir nicht unmöglich erscheint, dass ein damals 20jähriger Autor mit der Parabel Titanic ein Gedicht veröffentlicht, das sich rückblickend als Prophezeiung erweist. Nachzuvollziehen, ob bereits 1915 für vorausdenkende Menschen absehbar war, dass ein verlorener Krieg massivste gesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen würde, ist anhand den mir bekannten Quellen nicht möglich. Aber es gab auf jeden Fall starke anarchistische Tendenzen (die Kaiserin Elisabeth wurde schließlich von einem Anarchisten ermordet), in vielen Kreisen herrschte zudem der Wunsch nach einer Veränderung des gesellschaftlichen Systems, dessen Strukturen noch in absolutistischer Zeit begründet worden waren, weswegen Reformen für aufgeschlossene und frei denkende Menschen unabdingbar erschienen, um die Länder fit für die Zukunft zu machen, und zudem traten immer wieder kommunistisch motivierte Unruhen und Unabhängigkeitsbestrebungen auf, so dass sich für die Menschen, die andere Wahrnehmungen als Tageszeitungen und Geschichtsbücher haben, womöglich bereits andere Tendenzen abzeichneten, die für uns heute so einfach nicht mehr fassbar sind.

Unabhängig von der Entstehungszeit des Werkes wird jedoch deutlich, dass die Geschehnisse des 1. Weltkrieges auf den jungen Felinau massivste Eindrücke hinterlassen haben, und er bedient sich, wie viele andere Autoren in jener Zeit, der Titanic als Parabel. Ob die Leser/innen ihn und seine Botschaft verstanden haben, sei dahingestellt, aber das Thema Titanic sollte Felinau auch vor dem 2. Weltkrieg wieder einholen – vermutlich erging es ihm jedoch wie alle anderen Titanicer: Das Thema hat ihn nie wieder losgelassen.

Quellen:

Josef Ritter Pelz von Felinau, Der Untergang der Titanic, Wien, ohne Datum (ca. 1915)
Günter Bäbler, Bibliotheca Titanicana, Rüti ZH, 2001
Jo Mihaly, „… da gibt’s ein Wiederseh’n“, Freiburg, 1982
Werner Köster, Thomas Lischeid (Hg), Titanic. Ein Medienmythos, Leipzig, 1999

[1] Datierung nach Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main
[2] Josef Pelz von Felinau, „Titanic“, Frankfurt/Main (Buch) und München (Hörbuch als CD und MC)
[3] Information am 30.08.1997 während eines Studiogesprächs. Der SDR hatte geplant, dieses Interview im Zuge einer Sendung zum Thema Titanic zu senden, nahm davon aber Abstand, als ich nachdrücklich darauf beharrte, dass Felinau nicht auf dem Schiff war!
[4] privat
[5] privat
[6] vgl. Günter Bäbler, Bibliotheca Titanicana, Rüti ZH, 2001
[7] Als Beispiele aufzuführen sind in diesem Zusammenhang ABBA (dominierten die 70er Jahre) und auch die Andrews Sisters (dominierten die 40er Jahre und standen in keinem Verwandschaftsverhältnis zu Thomas Andrews von der Titanic.) Obwohl beide Gruppen jeweils ein Jahrzehnt geprägt haben, gelten sie nicht als innovativ. Kommerziell waren sie jedoch extrem erfolgreich, indem sie populäre Strömungen aufgriffen und perfektionierten.
[8] z. B. mit Hilfe von Günter Bäbler, Bibliotheca Titanicana, Rüti ZH, 2001
[9] Philipp Mauro, Was hat uns der Untergang der Titanic zu sagen? Von einem Mitreisenden des Rettungsschiffs Carpathia, Gotha, 1912
[10] vgl. Günter Bäbler, Bibliotheca Titanicana, Rüti ZH, 2001
[11] vgl. Werner Köster, Thomas Lischeid (Hg), Titanic, Ein Medienmythos, Leipzig, 1999
[12] Interessant ist jedoch an dieser Darstellung, dass beschrieben wird, wie Astor erst versucht, mit Bestechung in ein Boot zu gelangen, dann aber in einer Blutlache (= erschossen) umgeben von flatternden Geldnoten liegt. Im Cameron-Film existiert eine etwas andere Szene, die aber auch eine Bestechung, eine Leiche und flatternde Geldnoten zeigt.
[13] Jo Mihaly, „… da gibt’s ein Wiederseh’n“, Freiburg, 1982