Die Briten und das Eis

Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen der Franklin-Expedition, der Terra-Nova-Expedition und dem Untergang der Titanic

von Susanne Störmer, © 2019

 

Als am 8. März 1912 die Nachricht um die Welt ging, dass der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol erreicht hatte, lag die Titanic noch in Belfast. In Bälde würde die Probefahrt durchgeführt und das Schiff an die Reederei übergeben werden. Doch die Titanic war das zweite Schiff der olympischen Klasse und zog von daher weniger Aufmerksamkeit auf sich als das Rennen zur Erreichung des Südpols, dem letzten Flecken Erde, den es noch zu erobern gegolten hatte. Nun hatte Amundsen diese Ehre für sein Land, Norwegen, gesichert.

Die britische Presse reagierte auf die Amundsen-Nachricht eher verbittert, denn Robert Falcon Scott war in etwa zeitgleich mit Amundsen in der Antarktis gewesen und auch Scott hatte den Südpol als Ziel gehabt – allerdings als ein Ziel unter diversen anderen. Von Scott und seiner Terra-Nova-Expedition fehlte jedoch im März 1912 noch jegliche Nachricht. Die Terra Nova, das Expeditionsschiff, war noch nicht aus der Antarktis in die Zivilisation zurückgekehrt. Eigentlich hätte Scott auch konkurrenzlos den Angriff auf den Südpol starten sollen; Amundsen hatte immer den Nordpol im Visier gehabt. Doch nachdem der Amerikaner Robert Edwin Peary 1909 behauptet hatte, den Nordpol erreicht zu haben, wandte Amundsen sein Interesse dem Südpol zu, den bisher noch kein Mensch erreicht hatte. Und so kam es in der Antarktis zu einem Wettrennen zwischen Amundsen und Scott, das der Norweger letztendlich für sich entschied. Und damit hatte das erst 1905 eigenständig gewordene Norwegen sich diese Ehre gesichert und nicht die große Seefahrer- und Entdeckernation England.

Als die Titanic Southampton am 10. April 1912 zu ihrer Jungfernfahrt verließ, war das Schicksal von Scotts Expedition weiterhin unbekannt. Zwar hatte das Expeditionsschiff Terra Nova am 1. April 1912 Neuseeland erreicht, doch Scott und seine Männer, die zum Südpol aufgebrochen waren, waren bei der Abfahrt der Terra Nova aus der Antarktis noch nicht wieder von ihrem Marsch zum Pol zurückgekehrt.

Die Expeditionsmitglieder mussten ein weiteres Mal in der Antarktis überwintern, und niemand im Rest der Welt wusste, wie es ihnen ging und ob noch alle lebten, da es keine Kontaktmöglichkeit gab. Man musste sich bis zum Frühjahr 1913 gedulden, bis die Terra Nova von einer weiteren Fahrt in die Antarktis wieder in die Zivilisation zurückgekehrt war.

Roald Amundsen war übrigens auch der erste Mensch gewesen, der die Nordwestpassage komplett seemännisch gemeistert hatte – von 1903 bis 1906 mit einer Hardangeryacht von 21,3m Länge und sechs Mann Besatzung unter Amundsen. Amundsen erreichte damit etwas, woran vor ihm viele gescheitert waren, unter anderem James Cook auf seiner letzten Reise. Die britische Admiralität hatte bereits im 19. Jahrhundert einen Preis für die Durchquerung der Nordwestpassage ausgelobt, da man sich von dieser Passage – sofern sie existierte – eine schnellere Verbindung vom Atlantik in den Pazifik versprach. Es schien eine Alternative zum Seeweg rund um Kap Hoorn zu sein, sofern sie denn schiffbar war. Amundsens Weg war jedoch für größere Schiffe ungeeignet, da seine Route an einigen Stellen über eine Wassertiefe von gerade mal einem Meter verfügte.

Die Franklin-Expedition

Seit 1520 gab es Überlegungen, dass im Norden des amerikanischen Kontinents eine Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik bestehen könnte. Seit 1524 sind Versuche dokumentiert, diese Verbindung zu finden, sie zu durchqueren und zu kartographieren.

Angetrieben von Sir John Barry (82) unternahm die britische Admiralität 1845 einen neuen Anlauf. Die Benennung des Expeditionsleiters war sehr schwierig – fünf Kandidaten kamen aus verschiedensten Gründen nicht zum Zug, so z. B. Francis Crozier, weil er Ire war, und James Fitzjames, weil er zu jung war. Beide nahmen dennoch an der Expedition teil – Crozier als Stellvertreter des Leiters und Kapitän eines der beiden Expeditionsschiffe; Fitzjames war Kapitän des Flaggschiffes der Expedition.

Die Wahl fiel letztendlich auf Sir John Franklin (59). Auch Franklin war als Expeditionsleiter nicht unumstritten – mit 59 Jahren hatte er bereits ein hohes Alter erreicht und war zuletzt vor 17 Jahren in der Polarregion gewesen. In dieser entlegenen Gegend war man ausschließlich auf sich allein gestellt – Hilfe von außen konnte noch nicht herbeigerufen werden, und da man einen noch unbekannten Weg suchte, würden Rettungsexpeditionen auch erstmal den Weg suchen müssen. Doch an Rettungsexpeditionen dachte keiner – immerhin würden die Expeditionsschiffe nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet sein, und damals war britische Technologie Weltspitze.

Franklin nahm die ehrenvolle Aufgabe an und erhielt zwei Schiffe – die HMS Erebus und die HMS Terror, zwei zu Polarforschungsschiffen umgebaute Bombarden, die bereits bei Expeditionen in die Arktis und Antarktis zum Einsatz gekommen waren. Zwei Berge in der Antarktis sind nach diesen beiden Schiffen benannt: Mount Erebus ist der südlichste aktive Vulkan der Erde [1]; Mount Terror ist ein erloschener Vulkan auf der Ross-Insel.

Die Erebus war Franklins Schiff, Fitzjames war ihr Kapitän. Die Terror stand unter dem Kommando von Crozier. 134 Mann sollten an der Expedition ins Unbekannte teilnehmen. Die Schiffe waren mit Dampfmaschinen ausgerüstet und hatten eine Schraube, die, sollten die Schiffe im Packeis festsitzen, entfernt werden konnte. In erster Linie jedoch waren die Erebus und Terror Segelschiffe. Es gab eine Heißwasserheizung an Bord, die mit Kohlen geheizt wurde, und eine Meerwasserentsalzungsanlage zur Trinkwassergewinnung. Für das leibliche Wohl der Besatzung waren Vorräte für drei Jahre an Bord – überwiegend in Konservendosen, damals eine neue Erfindung. Und zur Vermeidung von Skorbut, einer Vitaminmangelkrankheit, wurde Zitronensaft in großen Mengen an Bord genommen. Nicht geplant war das Erlegen von arktischem Wild zur Frischfleischversorgung; man hatte nur Schrotflinten für die Vogeljagd dabei.

Für die Unterhaltung der Besatzung gab es an Bord der beiden Schiffe insgesamt rund 2900 Bücher. Auch eine Drehorgel und verschiedene Musikinstrumente wurden mitgenommen. Die Navigationsausstattung entsprach den damals modernsten Standards, schließlich musste man in bisher nicht oder kaum kartographierten Gebieten navigieren.

Am 19. Mai 1845, einem Montag, brach die Expedition in Greenhithe (bei Dartford in Kent) auf. Bis zur Davisstraße an der Westküste Grönlands begleitete ein zusätzliches Versorgungsschiff die Erebus und die Terror. Am 12. Juli 1845 kehrte das Versorgungsschiff um und nahm Briefe der Mannschaft in die Heimat mit. Auch fünf Besatzungsmitglieder beendeten die Reise an dieser Stelle und fuhren mit dem Versorgungsschiff zurück nach Großbritannien. Diese Briefe waren die letzten direkten Nachrichten von der Expedition in die Heimat.

Am 26. Juli 1845 ankerten die Erebus und die Terror vor einem Eisberg. Zwei Walfängerboote begegneten ihnen und man besuchte sich gegenseitig an Bord. Das war der letzte Kontakt der Expedition mit Europäern.

1847 machte sich in Großbritannien Besorgnis hinsichtlich der Franklin-Expedition breit, da man seit zwei Jahren nichts mehr von ihr gehört hatte. Lady Franklin (Ehefrau von Sir John Franklin), das britische Parlament und die Presse drängten die Admiralität, eine Suchaktion zu starten. An dieser Stelle wurde das erste Versäumnis deutlich: Niemand hatte sich Gedanken über eine mögliche Rettung der Expedition gemacht. Es gab keine vorbereiteten Pläne, die man einfach nur aus der Schublade ziehen konnte. Ein Scheitern war offensichtlich nicht in Betracht gezogen worden.

Seit dem Frühjahr 1848 starteten mehrere Suchexpeditionen; von Land aus und zu See von Osten und Westen her. Viele der Expeditionen gerieten selbst in Not. Begleitet wurden die Suchexpeditionen von großer öffentlicher Aufmerksamkeit – das Drama im Eis der Arktis, fernab von jeglicher Zivilisation, packte die Menschen und ließ sie mit Lady Franklin bangen. Die britische Admiralität lobte zudem eine Belohnung in Höhe von £ 20.000 aus für jede Hilfeleistung für die Expedition oder aber für Informationen zum Verbleib der Expedition. Doch die ersten Suchexpeditionen verliefen ergebnislos und führten dazu, dass weitere Hilfeleistungen – dieses Mal für die Suchexpeditionen – erforderlich wurden.

Im Frühjahr 1854 waren die Expeditionsteilnehmer offiziell für tot erklärt worden – nach so vielen Jahren ohne Nachrichten von der Expedition selber und ohne irgendeine Spur in der Arktis war es sehr wahrscheinlich, dass die komplette Expedition verloren war.

Im gleichen Jahr gab es erste Nachrichten: John Rae, schottischer Arzt und Arktisforscher, der für die Hudson Bay Company Teile der Arktis auf dem Landweg erkundete, erfuhr von Inuit, dass eine Gruppe weißer Männer in der Nähe der Mündung des Black Rivers verhungert sei. Die Inuit berichteten auch von Kannibalismus unter den Weißen. Bei den Inuit fanden sich Artefakte, die eindeutig der Franklin-Expedition zuzuordnen waren. Rae verzichtete auf einen Besuch der Gräber der Weißen, da es einen mehrtägigen Marsch in einen besonders unzugänglichen Teil der arktischen Wildnis bedeutet hätte.

Sein Bericht löste in Großbritannien Skepsis aus: Ein schottischer Arzt, mithin ein gebildeter Mann, vertraute den Berichten von Inuit, nach damaligem Verständnis unzivilisierte Wilde. Außerdem wurde die Franklin-Expedition von einem Gentleman, Sir John Franklin geleitet, und die Besatzung bestand aus Christen, da war Kannibalismus einfach unvorstellbar. Doch es gab die nicht wegzudiskutierenden Artefakte der Expedition, die Rae von den Inuit erworben hatte. Und so erhielt Rae die Hälfte der von der Admiralität ausgelobten Prämie.

Lady Franklin ließ jedoch nicht locker und als die Admiralität weder Schiffe noch Besatzungen zur Verfügung stellen noch Geld ausgeben wollte, um nach Toten zu suchen, startete Lady Franklin eine dritte eigene Expedition, die zum Teil mit öffentlich eingeworbenen Spendengeldern finanziert wurde. Unter Kapitän Francis Leopold McClintock, einem 38 Jahre alten Iren, startete eine kleine Dampfyacht mit 26 Mann Besatzung eine weitere Suche nach der Franklin-Expedition. Im September 1859, mehr als 14 Jahre nachdem die Franklin-Expedition gestartet war, kehrte McClintock zurück: Er hatte zahlreiche Relikte der Franklin-Expedition gefunden – unter anderem auch die bis heute einzige bekannte schriftliche Aufzeichnung der Expedition. Daraus ging hervor, dass Sir John Franklin am 11. Juni 1847 in der Arktis verstorben war und dass man sich nach zwei Jahren, in denen die Schiffe im Eis feststeckten, zu Fuß zu einem Außenposten der Hudson Bay Company durchschlagen wollte. Das bedeutete einen Fußmarsch von etwa 350km – allerdings ohne arktistaugliche Ausrüstung. Die Admiralität hatte der Expedition keine Schlitten mitgegeben, die genutzt werden konnten, falls die Schiffe aufgegeben werden mussten – und offenbar hatte Franklin auch diese Ausrüstung nicht gefordert; ein weiteres Indiz dafür, wie sicher man sich seiner Sache war. Also hatte sich die Besatzung unter der Führung von Crozier und Fitzjames mit Beibooten beholfen, die mit Nahrungsmitteln und anderen Gegenständen, die die Besatzung auf ihrem Marsch nach Süden zu benötigen glaubte, beladen worden waren – doch die Beiboote waren als Schlitten ungeeignet. McClintock bestätigte auch die Informationen, die John Rae von Inuit erhalten hatte. Spätere forensische Untersuchungen an Leichen, die der Franklin-Expedition zugeordnet werden können, bestätigten, dass es zu Kannibalismus gekommen ist.

Die Expeditionsschiffe Erebus und Terror wurden 2014 (Erebus) und 2016 (Terror) gefunden, nachdem Kanada seit 2008 mehrere Suchexpeditionen in die Arktis geschickt hatte. Auch hier waren Hinweise von Inuit hilfreich, die sich an aus dem Wasser ragende Mastspitzen erinnerten, die sie beim Fischen gesehen hatten.

Die Franklin-Expedition und ganz besonders die Suche nach ihr und ihr Schicksal faszinierten damals die Öffentlichkeit, und wie die Suchaktion der kanadischen Regierung nach den Schiffswracks zeigt, hält sich das Interesse bis heute. Über die Gründe für das Scheitern der nach damaligen Maßstäben bestausgerüsteten Expedition wird bis heute spekuliert. Sicherlich kann man davon ausgehen, dass zumindest die älteren Briten und Amerikaner auf der Titanic mit der damals bekannten Geschichte der Franklin-Expedition vertraut waren, als die Titanic in der Nacht zum 15. April 1912 mitten durch ein Eisfeld fuhr.

Der Südpol als Ziel

Näher lag im öffentlichen Bewusstsein 1912 jedoch der Südpol, den der Norweger Roald Amundsen am 14. Dezember 1911 erreicht hatte. Das wurde am 8. März 1912 bekannt, also kurz vor der Jungfernfahrt der Titanic. Und auch das Wettrennen zum Südpol hatte seit Bekanntwerden der Konstellation 1910 großes Interesse in der Öffentlichkeit gefunden. Die See- und Entdeckermacht Großbritannien wurde von Norwegen herausgefordert … Dabei hatte eigentlich Großbritannien gefühlt die Erstbetretungsrechte für den Südpol, schließlich hatte diese Nation allein im 20. Jahrhunderts bereits zwei große Expeditionen in Richtung Südpol auf den Weg gebracht, die jeweils mit einem neuen Südrekord zurückgekehrt waren, ohne jedoch den Südpol selbst zu erreichen.

Es war das goldene Zeitalter der Antarktis-Forschung, in Großbritannien spricht man heute noch vom „Heldenzeitalter“ (Heroic Age), als die Antarktis im Mittelpunkt internationalen Interesses stand und Expeditionen extreme Ausdauerleistungen unter widrigsten Umständen vollbrachten. Eine dieser Expeditionen war die Discovery-Expedition, die von 1901 – 1904 dauerte und von Robert Falcon Scott geleitet wurde. Scott war auf der Suche nach einer Möglichkeit für den nächsten Karriereschritt und sah diese Chance in der Leitung der Discovery-Expedition, durch die er noch vor Beginn zum Fregattenkapitän befördert wurde. Ein Expeditionsmitglied war Ernest Shackleton, Unterleutnant der Royal Naval Reserve. Zusammen mit Scott und dem Zoologen Edward Wilson war Shackleton beim „Marsch nach Süden“ dabei, bei dem am 30. Dezember 1902 mit dem Erreichen von 82° 17‘ Süd ein neuer Südrekord aufgestellt wurde.

Beim „Marsch nach Süden“ wurde auf Schlittenhunde gesetzt, doch mangels Erfahrung und wegen verdorbenem Futter verendeten alle 22 Hunde während des Marsches. Die drei Männer überlebten, litten allerdings an Schneeblindheit, Erfrierungen und Skorbut. Und Scott sandte Shackleton vor Ende der Expedition zurück nach England, nach Angaben von Scott aus gesundheitlichen Gründen. Allerdings konnte der Militärarzt in England bei Shackleton keinen Befund feststellen. In der Öffentlichkeit blieb Shackleton loyal zu Scott, obwohl Scott Shackelton in dem Buch über die Expedition mehrfach als „unser Invalide“ bezeichnete.

Shackleton kehrte mit der Nimrod-Expedition von 1907 bis 1909 in die Antarktis zurück. Ein zweiter Marsch nach Süden brachte am 9. Januar 1909 einen neuen Südrekord mit dem Erreichen von 88° 23‘ Süd. Doch 180 km vom Südpol entfernt musste diese Expedition umkehren. Statt auf Hunde hatte Shackleton auf Ponys gesetzt. Weitere Erfolge von Shackletons Nimrod-Expedition waren die Erstbesteigung des Mount Erebus und das Erreichen des magnetischen Südpols.

Nach seiner Rückkehr wurde Shackleton als Held gefeiert und am 13. Dezember 1909 zum Ritter geschlagen. Außerdem veröffentlichte er das Buch „The Heart of the Antarctic“. Ein Exemplar des Buches befand sich in der Bibliothek der Titanic. Die Passagierin Martha Stephenson las in diesem Buch am Abend des 14. April 1912 und bestaunte die Bilder vom Eis und den Eisbergen auf der Südhalbkugel, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur wenige Stunden später selbst mitten zwischen Eis und Eisbergen sein würde – allerdings in einem offenen Rettungsboot und auf der Nordhalbkugel.

1910 begann Scotts Terra-Nova-Expedition. Eines der Expeditionsziele war, erstmals den Südpol zu erreichen. Scott setzte dabei auf eine Hybrid-Strategie bei den Zugmitteln für die Schlitten: Hunde, Ponys, Motorschlitten und Manneskraft. Das Hauptlager schlug man am Kap Evans auf; die Hütte von der Discovery-Expedition wurde als Lager- und Schutzplatz mitgenutzt. Während der Anreise zur Antarktis hatte man auch die Nachricht erhalten, dass Amundsen ebenfalls auf dem Weg zum Südpol war – damit würde es zu einem Wettlauf zum Pol kommen. Scott jedoch ignorierte nach außen hin den Norweger.

Amundsen setzte ausschließlich auf Hunde als Zugtiere. Die Hunde hatten unter anderem den Vorteil, dass für sie als Fleischfresser Nahrung auch in der Antarktis vorhanden war – und man schwächere Tiere erschießen und an stärkere Tiere verfüttern konnte. Amundsen hatte von Anfang an geplant, einen Großteil der Schlittenhunde während der Reise zum Pol und zurück zu schlachten und ihr Fleisch sowohl an die Artgenossen als auch an die Expeditionsteilnehmer zu verfüttern. So bekamen die Expeditionsteilnehmer auch unterwegs frisches Fleisch, das wiederum vor Skorbut schützte.

Scott war anders gestrickt. Bei der Depotanlage im antarktischen Sommer 1910/11 bemerkte er, dass die Ponys, die als Lasttiere bei der Depotanlage dienten, unter diesen Bedingungen sehr litten. Hauptmann Oates, der sich freiwillig für die Expedition beworben und £ 1.000 aus seinem Privatvermögen gespendet hatte, hatte vorgeschlagen, das große Depot dennoch am vorgesehenen Ort zu errichten und die Ponys dort dann zu schlachten. Scott lehnte ab. Er legte das große Depot weiter nördlich als geplant an. Oates prophezeite Scott, dass er diese Entscheidung noch bereuen würde. Trotz der Entscheidung, das Depot zur Schonung der Tiere weiter nördlich anzulegen, verlor Scott die meisten Ponys auf dem Rückweg. – Die Ponys hatten in der Antarktis einen großen Nachteil: Für sie gab es dort kein Futter, so dass ihr Heu mitgeführt werden musste. Dieses Heu nahm jedoch Platz für andere Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände weg. Außerdem vertrugen die Ponys die Kälte schlechter als die Schlittenhunde, die an arktische Temperaturen gewöhnt waren.

Den antarktischen Winter 1911 verbrachten die Briten unter anderem mit Vorträgen in ihrer Unterkunft, die nach Hierarchien unterteilt war. Offiziere und Mannschaften waren räumlich getrennt. Diese strikte Trennung zwischen Offizieren und Mannschaften traf man im April 1912 beim amerikanischen Untersuchungsausschuss ebenfalls an, als der 2. Offizier Lightoller in Washington darauf bestand, dass die als Zeugen geladenen Offiziere getrennt von den als Zeugen geladenen Mannschaftsmitgliedern untergebracht wurden.

Die Norweger hingegen hatten einen Raum für alle, und sie nutzten die Zeit, ihre Ausrüstungen zu verbessern. So gelang es ihnen unter anderem, das Leergewicht von Transportboxen um einige Kilogramm zu reduzieren, was wiederum das Gewicht der Schlitten verringerte und somit weniger Zugleistung erforderlich war. Auch hatte Amundsen die Expeditionskleidung bei den Inuit abgeschaut und aus den besten verfügbaren Pelzen Kleidung schneidern lassen. Die Briten hingegen setzten auf damalige High-Tech-Kleidung.

Der Wettlauf zum Südpol

Amundsen konnte früher starten, da die Hunde besser an das antarktische Klima angepasst waren als Scotts Ponys, und er startete weiter südlich. Dafür musste er unbekanntes Terrain bezwingen, während Scott zumindest bis 180 km vor dem Pol den Pfaden Shackletons folgen konnte.

Amundsen verließ sich ganz auf die Hunde. Und er erreichte als erster Mensch den Südpol am 14. Dezember 1911. Von Scott fehlte noch jede Spur. Amundsen hinterließ ein Zelt und eine Nachricht am Südpol, außerdem ein paar Ausrüstungsgegenstände, die man nicht mehr benötigte. Erst überlegte man noch, Kanister mit Brennspiritus ebenfalls zurückzulassen, doch dann entschied man sich dagegen.

Die gefährliche Rückfahrt gelang ebenfalls – sehr hilfreich war, dass Amundsen seine Depots deutlich gekennzeichnet hatte und von mehreren Seiten über einige Meilen Hinweisschilder zu den Depots gesetzt worden waren. Ebenfalls hilfreich war, dass Amundsen die Verschlüsse der Petroleumkanister antarktisoptimiert hatte. Die normalen Verschlüsse wurden unter den antarktischen Bedingungen porös und so konnte Brennstoff entweichen. Das war kritisch, da Petroleum nicht in unendlichen Mengen zur Verfügung stand, aber für die Zubereitung von warmen Speisen und auch zum Schmelzen von Schnee sowie natürlich für das Wärmen des Zeltes erforderlich war. Amundsens Optimierung war wirksam – als viele Jahre später ein Kanister der Amundsen-Expedition gefunden wurde, war der Verschluss immer noch dicht und der Kanister so voll wie am Anfang.

Amundsen war mit seinen Leuten so rechtzeitig wieder zurück an seinem Basislager, dass er mit der Fram [2] die Antarktis verlassen und nach Tasmanien segeln konnte. Von dort aus meldete er, dass er den Südpol erreicht hatte, verschlüsselt nach Norwegen, um zu verhindern, dass die Nachricht abgefangen und die abgeschlossenen Exklusivverträge nicht mehr eingehalten werden konnten. Von Norwegen aus ging die Nachricht von den ersten Menschen am Südpol um die Welt und alle Exklusivverträge konnten erfüllt werden.

Der Untergang der Titanic und Nachrichten von Scott

Am 1. April 1912 erreichte die Terra Nova Neuseeland, um dort zu überwintern und im nächsten antarktischen Sommer wieder zu Scotts Basislager zurückzukehren. Die Terra Nova brachte keine Nachrichten von Scott und seiner Expedition zum Südpol mit, aber es war nun klar, dass Norwegen das Wettrennen zum Südpol gewonnen hatte. Dass es noch keine Nachrichten von Scott und seinen Männern gab, musste nichts bedeuten – sie konnten immer noch sicher ins Basislager zurückgekehrt sein, nachdem die Terra Nova die Antarktis verlassen hatte. Weitere Nachrichten würde es erst 1913 geben, wenn die Terra Nova ein weiteres Mal in der Antarktis gewesen war.

Am 15. April 1912 sank die Titanic nach einer Kollision mit einem Eisberg. Sie war zu dem Zeitpunkt das größte Schiff der Welt und dementsprechend auch das bis dahin größte Schiff, das jemals gesunken war. Auch war es das bis dahin größte Schiffsunglück von den Opferzahlen her: 1.496 Tote.

Die Titanic war übrigens auch das bis dahin größte Schiff, das jemals versucht hatte, ein Eisfeld mit mehr als 20 Knoten Fahrt zu durchqueren.

Beim nachfolgenden Untersuchungsausschuss zum Untergang der Titanic  in Großbritannien wurde Sir Ernest Shackleton in den Zeugenstand gerufen. Er beantwortete Fragen zu Eisbergen, zur Navigation im Eis und vieles mehr. Der Anwalt der White Star Line machte durch seine Befragung Shackletons aber auch deutlich, dass dessen Erfahrungen im Eis auf einem kleinen Schiff von 277 BRT gemacht wurden. Auch wenn es nicht explizit ausgesprochen wurde: Die Titanic war mit ihren 46.329 BRT deutlich größer.

Amundsen tourte mit seiner Geschichte 1912 zuerst durch Australien und Neuseeland und später dann durch Europa und auch Großbritannien. Klarheit über Scotts Schicksal erhielt die Welt, als die Terra Nova von ihrer Fahrt in die Antarktis am 10. Februar 1913 wieder Neuseeland erreichte und erste Telegramme aufgegeben wurden: Scott war mit vier weiteren Männern nach Amundsen am 18. Januar 1912 Südpol gewesen. Auf dem Rückweg waren alle Männer umgekommen. Die letzten drei, darunter Scott und Wilson (der schon bei der Discovery-Expedition mit dabei gewesen war), waren 20 Kilometer südlich vom großen Depot verhungert. Schlechtes Wetter hatte das Weitergehen verhindert, und eine unklare Befehlslage war ursächlich dafür, dass ein Team mit den Schlittenhunden nur bis zum großen Depot gefahren war und der Polgruppe nicht noch weiter nach Süden entgegen gekommen war. Offen ist, wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn man im Sommer 1910/11 das große Depot ohne Rücksicht auf die Ponys wie ursprünglich vorgesehen weiter südlich angelegt hätte …

Die tragische Geschichte von Scotts Expedition stellte schnell Amundsens Erfolgsgeschichte in den Schatten. Zu glatt war alles für den Norweger gegangen, der zudem sehr fokussiert auf das Erreichen des Südpols, dem einzigen Ziel der Expedition, vorgegangen war.

Scott und seine Leute hingegen waren verhungert, da sie es nicht mehr bis zum rettenden Depot geschafft hatten – und sie waren auch daran gescheitert, dass ihnen Petroleum fehlte. Die Kanister waren auf dem Rückweg in den Depots nicht mehr so voll wie sie hätten sein sollen. Damit fehlte ihnen Brennstoff zum Erwärmen von Speisen, Auftauen von Schnee für Trinkwassergewinnung und zum Heizen ihres Zeltes. Die Temperaturen in der Antarktis waren und sind extrem, und der Sommer 1911/12 war ein schlechter mit niedrigeren Temperaturen als erwartet.

Weitere organisatorische Probleme waren sicherlich auch mit ursächlich für das tragische Ende – so hatte Scott erst im letzten Moment entschieden, wer zur Polgruppe gehören sollte und wer zurückkehren sollte. Alles war auf Vierergruppen ausgelegt, doch am Ende bestand die Polgruppe aus fünf Männern. Das bedeutete für die letzte zurückkehrende Unterstützungsgruppe, dass die Rationen in den Depots neu aufgeteilt werden mussten.  Außerdem wollte Scott den Pol mit menschlicher Muskelkraft erreichen – die Männer zogen die schwer beladenen Schlitten auf dem Polplateau selbst; einige hatten aber bereits vorher schon ziehen müssen, da die Motorschlitten in der antarktischen Kälte schon früh ihren Geist aufgegeben hatten und die Ponys nach und nach verstarben oder geschlachtet werden mussten. Die Hundeschlitten waren erfolgreicher als erwartet und begleiteten die Expedition deswegen länger als ursprünglich vorgesehen. Auch das sorgte für Verzögerungen im Zeitplan – und es führte zu unterschiedlichen Anweisungen für die Hundeschlitten bezüglich des weiteren Vorgehens, insbesondere des Entgegenfahrens zur Polgruppe, wenn diese bereits auf dem Rückweg war.

Allerdings war von Anfang an geplant, dass auf dem Polplateau die Polgruppe ihre Schlitten selber ziehen sollten. Durch die Kälte und die harte körperliche Arbeit war der Kalorienbedarf der Männer jedoch höher als man es sich vorgestellt hatte – spätere Berechnungen haben ergeben, dass 6.000 kcal pro Mann je Tag benötigt wurden, die Vorräte jedoch nur 4.500 kcal pro Mann je Tag hergaben. Damit waren die Männer unterversorgt, als sie die schweren Schlitten selbst ziehen mussten, und dieser Nahrungsmangel verstärkte sich von Tag zu Tag, so dass die Männer nach und nach auszehrten. Das wiederum machte sie anfälliger für die Kälte. Zudem fehlten frische Vitamine, so dass zumindest einige Männer unter Skorbut zu leiden begannen, unter anderem Hauptmann Oates von der Polgruppe, bei dem eine alte Kriegsverletzung aus dem Burenkrieg wieder aufbrach.

Über das Wettrennen zum Südpol wird – wie auch über die Titanic – bis heute geschrieben, und das Scheitern von Scott berührt die meisten Menschen mehr als der Erfolg Amundsens. Und betrachtet man die Franklin-Expedition, die Terra-Nova-Expedition und den Untergang der Titanic, dann ist die Geschichte von den Briten und dem Eis auch eine Geschichte des Scheiterns – trotz aller anderen unbestreitbaren Erfolge der britischen Seefahrer- und Entdeckergeschichte.

Übrigens gibt es noch eine weitere Verbindung zwischen der Terra-Nova-Expedition und der Titanic: Lady Kathleen Scott, Witwe von Robert Falcon Scott, war Bildhauerin. Zwei ihrer Werke zeigen Robert Falcon Scott, eine dieser Statuen steht in Christchurch, Neuseeland, die andere auf dem Waterloo Place in London. Außerdem schuf Kathleen Scott die Statue von Kapitän Edward John Smith von der Titanic, die bis heute in Lichfield (England) steht.

[1] Am 28. November 1979 zerschellte Flug Air Newzealand 901, ein Sonderflug als touristischer Rundflug in die Antarktis, am Mount Erebus. 257 Menschen starben, es gab keine Überlebenden.

[2] Die Fram ist heute im eigens für sie gebauten Museum in Oslo zu besichtigen.

Quellen:

Franklin-Expedition: https://de.wikipedia.org/wiki/Franklin-Expedition und https://en.wikipedia.org/wiki/Franklin%27s_lost_expedition

Amundsen/Scott:
Smith, Michael (2008), I am Just Going Outside: Captain Scott, Antarctic Tragedy, Stroud: Spellmount Publishers
Smith, Michael (2009), An Unsung Hero: Tom Crean – Antarctic Survivor, Cork: The Collins Press
Knopp, Guido (2011), Der Wettlauf zum Südpol, München: Bertelsmann

Internetrecherche zur Nachrichtenübermittlung 1912 bezüglich Amundsen und Scott.