Und damit wurde alles anders

Erinnerungen an die Zeit vor dem 1. September 1985

von Susanne Störmer, © 2015

Als mein Interesse an der Titanic 1977 geweckt wurde, war sie ein Schiff, das am 15. April 1912 im Nordatlantik nach einer Kollision mit einem Eisberg gesunken war. Die einzigen bekannten Fotos waren die von 1912 und den Jahren davor, die damals schon in den Fotoarchiven der Bilderdienste archiviert waren. Die Lage des Wracks war nicht bekannt.

Dementsprechend vielfältig waren auch die Vorstellungen zum Aussehen der Titanic am Meeresgrund – sie reichten von einem Trümmerfeld voller verrosteter Einzelteile ohne klare Schiffsform bis hin zu einem völlig intakten Wrack, dem nur ein Schornstein fehlte (nämlich der, von dem bekannt war, dass er vor dem Untergang abgebrochen war) und das darauf wartete, endlich gehoben und in den Hafen von New York geschleppt zu werden, um so die 1912 unterbrochene Fahrt zu vollenden. Clive Cussler griff diese Fantasie in seinem Science Fiction „Hebt die Titanic!“ auf.

Es wurde auch darüber theoretisiert, wie man das Wrack aus so großer Tiefe heben könne, so dass es, wenn vielleicht auch nicht nach New York, dann jedoch zumindest in einen Hafen geschleppt werden könne. Eine Idee war z. B., den Rumpf mit Ping-Pong-Bällen zu füllen, die dann für genügend Auftrieb sorgen würden, um das Wrack an die Oberfläche zu bringen. Eine andere Idee war, das Wasser, das um das Wrack herum war, zum Gefrieren zu bringen, so dass der entstandene Eisblock zusammen mit dem Wrack an die Wasseroberfläche kommen würde. – Doch für all diese Überlegungen fehlte ein entscheidendes Puzzlestück: Das Wrack der Titanic selbst.

Anfang der 80er Jahre gab es dann in der ARD (westdeutscher Fernsehsender) eine große Sendung zur Titanic, die von Armin Halle moderiert wurde – mit nachgespielten Szenen, Ausschnitten aus einigen Filmen, unter anderem aus dem damals noch nicht synchronisierten Farbfilm „SOS Titanic“, bewegten Bildern aus Wochenschauen von 1912 sowie Charles Haas (damals Präsident der Titanic Historical Society) und Eva Hart (Überlebende) als Studiogäste. Außerdem als Studiogäste dabei waren zwei Wissenschaftler, die zum Top-Thema der 80er Jahre, dem drohenden Weltuntergang und der Symbolik der Titanic in diesem Zusammenhang, Stellung nehmen mussten. Weiter gab es einen Kapitän als Studiogast, der aus nautischer Sicht sagen durfte, dass die Titanic an ihrem Untergangsort sehr viel Pech gehabt hatte, dort auf Eis zu stoßen. Hans-Magnus Enzensberger las aus seiner Komödie „Titanic“ und spielte in Spielszenen Ausguck Frederick Fleet. Es gab einen Modellbauer, der ein Modell der Titanic gebaut hatte, das wirklich untergehen konnte – das wurde in einem im Studio aufgestellten Pool dann auch vorgeführt. Und es wurden Bilder vom Meeresgrund der Region gezeigt, wo das Wrack der Titanic vermutet wurde – Bilder einer Expedition von Jack Grimm, texanischer Milliardär, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Titanic zu finden, bis dahin aber gescheitert war.

Dieser Milliardär war schon wieder in Vergessenheit geraten, als am 1. September 1985 das Wrack der Titanic durch eine franko-amerikanische Expedition gefunden wurde. Und damit wurde alles anders. Es gab neue Bilder von der Titanic – die ersten seit 1912! Nun wusste man endlich auch, wie das Wrack aussah – und das die Science Fiction von Clive Cussler wohl eher nicht Realität werden würde. Dafür ergaben sich andere Möglichkeiten – und neue Diskussionen. Doch das ist eine andere Geschichte.