„Mit dem Eisberg voran“
Der Untergang der Titanic in der deutschen Presse im April 1912

von Susanne Störmer, © 2002

Durch die überwiegend amerikanisch dominierte Titanic-Literatur und dem dort vorgenommenen Fokus auf die New York Times sowie einiger Wochenblätter gehören diese Berichte zu den bekanntesten in der Titanic-Welt von heute. In England gibt es immerhin zwei Bücher, die sich mit der britischen Presse von 1912 auseinander setzen. Deutsche Zeitungsberichte jedoch waren, mit Ausnahme von dem Buch „Zwei Gesichter einer Katastrophe“ von Hess/Hessel sowie dem Nachfolgeprodukt „Titanic. Das Handbuch“ nie ein Thema und dementsprechend auch keine Grundlage für Bücher oder Dokumentationen über die Titanic.
Dabei ist die zeitgenössische Presse in Deutschland von 1912 durchaus interessant. Doch um dabei behilflich zu sein, die Berichte in den richtigen Zusammenhang zu setzen, soll ein kurzer geschichtlicher Abriss Hintergründe in Erinnerung rufen:
1871 war der Zusammenschluss der deutschen Kleinstaaten zum Deutschen Reich unter der Vorherrschaft Preußens und ohne Österreich vollzogen worden, damit war Deutschland 1912 noch ein junger Staat verglichen mit den „etablierten“ Ländern wie zum Beispiel Großbritannien, das damals mitsamt seiner Kolonien rund ein Drittel der Welt unter seiner Krone hatte. Der Kaiser war deutsches Staatsoberhaupt, unter „Hof und Gesellschaft“ wurde über das Kaiserhaus und den Adel berichtet wie man es heute von den Sport-, Film-, Fernseh- und Musikgrößen kennt, es gab ein Parlament, und Sozialdemokraten waren für die Konservativen so gut wie Staatsfeinde. Für Beleidigung von Arbeitswilligen wurden Gefängnisstrafen ausgesprochen – doch das Land wollte auch hoch hinaus. Bismarck hatte sich immer gegen Kolonien ausgesprochen, doch nach seiner Demission „gönnte“ sich auch Kaiser Wilhelm II Besitzungen in Übersee. Das Verhältnis zu England, obwohl das deutsche Kaiserhaus mit dem englischen Königshaus verwandt war, war zunehmend gespannt, besonders, weil Deutschland auf See England herausforderte. Dementsprechend waren Großbritannien und Deutschland Rivalen. Ein preußischer Wahlspruch lautete übrigens: „Armut schändet nicht, Armut adelt.“ Spätere Generationen mögen das vielleicht als einen ersten Hinweis auf preußische Minderwertigkeitskomplexe deuten, indem man das, was man nicht hat, als gar nicht erstrebenswert darstellt.

Betrachtet man die deutsche Presse im April 1912 hinsichtlich des Untergangs der Titanicm so fallen folgende Dinge auf:
– die politischen Meldungen unterscheiden sich nicht wesentlich von den heutigen (inkl. den Berichten von Unruhen in Afghanistan und Aufständen in Marokko);
– es gab noch andere Themen neben dem Untergang der Titanic
– die Katastrophe der Titanic wurde so behandelt wie auch heute große Unglücke in Zeitungen behandelt werden, allerdings fehlten damals die Fotos.
Die ersten Berichte vom Untergang der Titanic sind geprägt von fehlenden Informationen, dann werden die guten Nachrichten verbreitet, ehe am Ende die Meldung von dem Untergang mit dem hohen Verlust an Menschenleben wiedergegeben wird – entsprechend der Zeitverschiebung zwischen den USA und dem Kaiserreich. Erstaunlich ist jedoch, wie schnell die Übermittlung damals schon war.
Liest man die ersten Berichte, die natürlich auf der falschen Annahme basieren, dass die Titanic, womöglich im Schlepp der Virginian, auf Halifax zuläuft, so sieht man auch gleich die Bemühungen der Nachrichtenleute, die Meldungen zu interpretieren. So wird der Schluss gezogen: Wenn die Titanic noch mit eigener Kraft fährt, sind ihre Maschinen noch in Ordnung.
Natürlich wird auch darüber spekuliert, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Die Witterungsbedingungen werden als neblig und vielleicht sogar stürmisch vermutet, später dann so dargestellt – hier sieht man ganz eindeutig, welches Bild in den Köpfen der Menschen damals von Schiffbrüchen vorherrschte. Ein Schiffbruch in einer sternenklaren, windstillen Nacht war unvorstellbar.
Dieses Bild wird auch dann noch transportiert, als klar ist, dass das Schiff gesunken ist und viele Menschen ihr Leben verloren, aber keine Details zum Unglückshergang von der Carpathia übermittelt wurden. Weiter wird davon ausgegangen, dass die Titanic gekentert ist.
Heute sehen wir im Untergang der Titanic den perfekten Untergang: Kann sich jemand vorstellen, dass ein sinkendes Schiff sich schnöde auf die Seite legt? Die mit dem Bug voran sinkende Titanic ist für uns zum Symbol des idealen Versinkens geworden, und eigentlich liegt ja auch eine schlüssige Bewegung darin: Bug voraus, d. h. in Vorwärtsfahrt und damit weiterhin in der Fahrtrichtung …
Zurück zu den Zeitungen 1912: Schon kurz nach den ersten Meldungen über den Unfall der Titanic, als alle noch davon ausgingen, dass sie weiterhin schwimmt, werden Experten zum Thema Eisberge befragt. Die Hamburger Nachrichten lassen sogar einen Experten zu Wort kommen, wie man sich bei Sichtung eines Eisberges verhält … Dieser Experte sagt eindeutig: Man fährt mit Rückwärtsfahrt auf dem gleichen Weg zurück, um zum einen den gefährlicheren und unsichtbaren Unterwasserausläufern zu entgehen und um zum anderen wieder in Gewässer zu gelangen, von denen man weiß, dass sie eisfrei sind. Weiter wird spekuliert, was der Kapitän gemacht haben könnte – es wird generell davon ausgegangen, dass der Kapitän auf der Brücke war, da vorliegende Berichte von anderen Schiffen belegen, dass der Kurs der Titanic mitten durch ein Eisfeld führte. Interessanterweise schleicht sich hier ein Übersetzungsfehler ein: Während englischsprachige Zeitungen vom Ausmaß des Eisfelds berichten, schreiben deutsche Zeitungen unisono, dass der Eisberg diese gigantischen Ausmaße hatte.
Außerdem wird von Anfang an betont, dass dieser Unglücksfall nichts mit der Größe des Schiffes zu tun hatte. Was aus heutiger Sicht merkwürdig anmuten mag, hatte damals einen ganz konkreten Hintergrund: Auf der Hellig von Blohm & Voss war mit der Imperator ein noch größeres Schiff im Bau. Offenbar gab es damals weltweit kritische Stimmen, die der Meinung waren, Schiffe dieser Größe ließen sich nicht mehr sicher über die Meere führen.
Für heutige Leser irritierend oder vielleicht auch komisch erscheint es, dass Dampfschiffe der damaligen Zeit als „der“, also als männlich betrachtet wurden. Segelschiffe waren ja generell weiblich. Nun gibt es mindestens zwei Erklärungsmöglichkeiten für die „Männlichkeit“ der Dampfschiffe;
1.) Der männliche Artikel bezieht sich auf das Wort „Dampfer“, d. h. wenn von „Der Olympic ist auf dem Weg nach New York“ die Rede war, war eigentlich gemeint „Der Dampfer Olympic“ und durch Auslassung ist nur der männliche Artikel geblieben.
2.) Da die Dampfer so groß und stark und mächtig im Vergleich zu den Segelschiffen erschienen, konnten sie nach dem damaligen Rollenverständnis nur männlich sein. Erst als z. B. „der“ Titanic deutlich macht, dass „er“ sinken konnte und damit doch Schwächen hatte, wurden die Dampfer stillschweigend wieder weiblich. (Man könnte auch böse sein und schreiben: Weil Dampfer im Vergleich zu Segelschiffen einfach und schmutzig waren und ihnen jegliche Schönheit und majestätische Würde eines Segelschiffes unter vollen Segeln fehlte, wurden sie als männlich bezeichnet, aber das führt hier zu weit vom Thema ab.)

Als klar war, dass die Titanic gesunken ist und zudem viele Menschen ihr Leben verloren haben, ändert sich der Ton der Berichterstattung. Interessanterweise ist es Ballin, der dazu mahnt, dass es nicht nur darum geht, der Rettungsmöglichkeiten zu erhöhen (das wäre ja in dem Moment ein Beheben der Auswirkung gewesen), sondern dass es darum gehen muss, die Schiffe so sicher zu machen, dass so ein Unglück nicht wieder geschieht (hier fordert der große Reeder also ein Ansetzen an der Ursache – ein Schiff, das nicht kollidiert bzw. durch einen Wassereinbruch nicht sinken kann, braucht keine zusätzlichen Rettungsboote). Der aufmerksame Leser von heute registriert, dass auch damals schon lieber die Auswirkungen und damit die offensichtlichsten Dinge behoben werden sollten, anstatt dass man sich der Ursachen annahm. Weiterhin interessant ist, dass nun erstmals von dem Geschwindigkeitsrekord geschrieben wird, den Kapitän Smith aufstelen sollte und wollte – gerade auch vor dem Hintergrund, dass er die Scharte der Kollision mit der Hawke auswetzen musste. Und obwohl alle Berichte immer wieder betonen, dass keine genauen Informationen vorlieren, werden trotzdem drastische Schilderungen von der Kollision und dem Untergang geliefert, um dann Ismay die Schuld zu geben, dass von der Carpathia keine Informationen weitergeleitet wurden. Es interessierte die damaligen Reporter genau so wenig wie es die heutigen interessieren würde, dass eine Übermittlung der Namen Geretteter Vorrang vor dem Informationsbedürfnis der Allgemeinheit haben könnte – und auch die Angehörigen an Land waren damals so egoistisch wie sie es heute sein würden: Dass ihre Telegramme mit der Frage, ob ihre Liebsten sich an Bord der Carpathia befinden, nicht beantwortet wurden, wurde ebenfalls Ismay zugeschrieben.
Niemand erwähnt, dass anstelle der Aufnahmen und Beantwortung irgendwelcher Anfragen erstmal die Namen aller Geretteten gesendet wurden – was aus heutiger Sicht irgendwie auch vernünftiger erscheint.
Im Zusammenhang mit der Kritik an Ismay bar jeglicher Beweislage finden sich dann auch Vorwürfe an die Carpathia für das lange Schweigen und Nichtbeantworten von Reporteranfragen – der Berliner Lokalanzeiger schreibt sogar, dass deswegen der amerikanische Senat einen Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen hat, vor dem sich Ismay und der Kapitän der Carpathia dafür zu verantworten haben.
Interessant ist auch, dass es anfangs heißt, die Virginian hätte die Überlebenden an Bord genommen und sie später auf die Carpathia transferiert – es dauert einige Zeit, bis die Wahrheit durchsickert, und natürlich schreiben die Zeitungen dann bar jeglicher Informationslage, dass die Überlebenden stundenlang im Sturm und im schweren Eisgang getrieben sind, ehe die Carpathia sie aufnehmen konnte. Dem Rollenbild entsprechend waren zudem viele Frauen hysterisch oder gar irr geworden.
Weitere erwähnenswerte Punkte in den ersten Presseberichten:
– Die Hamburger Nachrichten haben einen Teil des Funklogs von Cape Race in der deutschen Übersetzung nachgedruckt. Sicherlich ein Glanzstück, das man in dieser Form nicht unbedingt erwarten würde.
– Nachdem der Untergang bekannt war, wurde die Ausstattung der Titanic besonders von den Zeitungen, die dem Kaiserhaus nahe standen (z. B. die Kieler Neueste Nachrichten), völlig übertrieben dargestellt, eventuell vor dem Hintergrund, dass übertriebener britischer Protz und Prunk dem Untergang geweiht war – das wäre dann die erste Verwendung der Titanic für anti-britische Propaganda gewesen. Auch würde damit das Motto: „Armut schändet nicht, Armut adelt“ noch mal wieder (wenn auch versteckt) forciert werden.
– Im Eifer des Gefechts gab es dann noch die kuriose Meldung, die Titanic wäre „mit dem Eisberg voran gesunken“. Natürlich heisst es im englischen Original „bow first“, also „Bug voran“, womit der Übersetzungsfehler dann auch wieder ein Beleg für die Eile ist, mit der die Meldungen übersetzt und gedruck wurden
– Manche Zeitungen geben auch kurze kritische Anmerkungen zu Berichten, denen sie nicht unbedingt vertrauen, sehen es aber als ihre Chronistenpflicht an. diese trotzdem wiederzugeben.
Und es sind erneut die Hamburger Nachrichten, die mit einer Glanzleistung aufwarten: Es wurde geschrieben, dass die Carpathia die Rettungsboote der Titanic ein ganzes Stück entfernt von der SOS-Position der Titanic aufgenommen hat. Wer auch immer den Bericht geschrieben hat, konstruiert daraus folgendes Bild: Die Boote wurden dort ausgesetzt, wo die Kollision war, aber die Titanic fuhr weiter und die Boote konnten ihr nicht folgen.
Hier hat jemand offenbar die Meldung, dass die Titanic nach Halifax steuere, mit der Tatsache, dass sich die Rettungsboote nicht an der SOS-Position befanden, verbunden. Also hat sich schon 1912 jemand Gedanken gemacht, wie es kommt, dass zwischen den Booten und der SOS-Position offenbar eine Diskrepanz lag.
Diese Diskrepanz wurde jedoch schnell vom Tisch gewischt: Die Titanic ist nach der Kollision nicht mehr gefahren, und da die SOS-Position nach Angaben von Boxhall und Rostron korrekt war, ist die Carpathia eben so schnell gefahren wie niemals zuvor und auch später niemals wieder: 17 Knoten anstatt ihrer normalen Geschwindigkeit von 14 Knoten. So liess sich natürlich auch die vorzeitige Ankunft des Schiffes bei den Booten erklären. – Erst die Entdeckung des Wracks 1985 zeigte, dass die Untergangsstelle nicht mit der SOS-Position überein stimmt. Da die Titanic nach der Kollision nur noch wenig gefahren ist, muss eben doch die SOS-Position falsch gewesen sein. Dementsprechend ist auch die Carpathia nicht schneller als ihre normale Höchstgeschwindigkeit gefahren. – Dennoch ist es faszinierend, dass schon 1912 jemand bemerkt hat, dass die SOS-Position erheblich von der Position der Carpathia bei der Aufnahme der Rettungsboote abwich.

Alles in allem sind die deutschen Zeitungen von 1912 durchaus faszinierendes Lesematerial. Nach Ankunft der Carpathia in New York werden auch Überlebendenberichte geboten, die nicht unbedingt zum Standard in der aktuellen Literatur gehören, und auch die Kommentare deutscher Experten zum Thema „Eisberge und Seefahrt“ findet man in dieser Form nicht in den Büchern. Es gibt durchaus Aspekte, die damals aufgeworfen wurden, dann aber wieder untergegangen sind, die Beachtung verdienen. Und eine Aufarbeitung der Berichterstattung in der deutschen Presse von 1912 wäre sicher ein lohnendes Forschungsgebiet.