Die Californian und andere Geisterschiffe

von Susanne Störmer, © 2008

 

Von der sinkenden Titanic aus wurden die Lichter eines anderen Schiffes gesehen, das nach Schätzungen Überlebender zwischen drei und zehn Seemeilen entfernt war. Doch statt dem sinkenden Ozeanriesen zur Hilfe zu kommen, verschwand dieses andere Schiff im Laufe der Nacht. Bis heute ist die Identität dieses Schiffes, das auch als „Geisterschiff“ bezeichnet wird, ungeklärt. Es gibt zahlreiche Vermutungen, Indizienbeweisketten für oder gegen bestimmte Namen und besonders im englischsprachigen Raum mehrere Bücher, die sich ausschließlich diesem Teilaspekt der Titanic-Katastrophe widmen. Denn: Wäre das andere Schiff zur Titanic gekommen, hätten bedeutend mehr Menschen, wenn nicht sogar alle an Bord, gerettet werden können als die 712, die letztendlich durch die Carpathia aufgenommen wurden.

Das Thema „Geisterschiff“ ist so komplex wie emotional besetzt. Erstmals in der über 15jährigen Geschichte des Titanic-Verein Schweiz soll nun in einer TiPo-Serie eine Darstellung dieses Themas erfolgen. Den Anfang macht die Hauptverdächtige des Jahres 1912: Die Californian der Leyland Line.

Die denkwürdige Reise der Californian im April 1912

Die Californian war ein Frachtschiff, das auch über einige Passagierkabinen verfügte. Im April 1912 stand sie unter dem Kommando von Kapitän Stanley Lord, 1877 in Bolton (England) geboren, Extra Master. Eine Anstellung der White Star Line hatte er Anfang des 20. Jahrhunderts abgelehnt, weil ihm nur ein Posten als 3. oder 4. Offizier angeboten wurde [1]. Am 5. April 1912 verließ die Californian London mit Kurs auf Boston, Massachusetts. Für Lord war es die 28. Reise als Kapitän der Leyland Line und die sechste als Kapitän der Californian.

Am Abend des 14. April 1912 sichtete die Californian drei Eisberge einige Meilen südlich von ihrem Kurs und warnte per Funk andere Schiffe vor dieser Gefahr. Diese Warnung wurde auch im Funkraum der Titanic vom Funker Bride gehört [2]. Kapitän Lord blieb auf der Brücke, da auf der Californian angesichts der Eiswarnungen anderer Schiffe klar war, dass man sich auf ein Eisfeld zu bewegte und es irgendwann während der Nachr erreichen würde. Als das Eis um 22:20 Uhr Schiffszeit Californian gesichtet wurde, ließ Kapitän Lord das Ruder hat über legen und die Maschinen stoppen [3]. Um 22:21 Uhr Schiffszeit Californian war das Schiff gestoppt und blieb das auch bis zum nächsten Morgen 6 Uhr Schiffszeit [4]. Die Stopp-Position des Schiffes wurde mit 42° 05 Nord, 50° 07′ West [5] ermittelt, wobei 42° 05′ Nord durch eine Sternenobservation von Chief Officer Stewart um 22:30 Uhr Schiffszeit Californian bestätigt wurde [6].

Gegen 23 Uhr Schiffszeit Californian sah Kapitän Lord das Licht eines anderen Schiffes von Osten her kommen. Auf Nachfrage beim Funker erklärte dieser, dass er nur die Titanic hören konnte. Lord war zwar der Meinung, dass das Licht des Schiffes, das von der Californian aus gesehen wurde, nicht die Titanic sein könne, dennoch ließ er die Titanic durch seinen Funker davon in Kenntnis setzen, dass die Californian von Eis eingeschlossen und gestoppt sei. Diese Meldung drang jedoch nie zur Schiffsführung der Titanic durch. Später wurde Lord vorgehalten, dass er, wenn er die Titanic schon so explizit warnen ließ, davon ausgegangen sein muss, dass die Lichter, die er sehen konnte, die von der Titanic waren. Wenn allerdings die Stopp-Position der Californian korrekt war, konnte sie in den 40 Minuten seit dem Stoppen nicht so weit nach Süden driftet worden sein, um die Titanic sehen zu können.

Der Funker Evans legte sich nach der missratenen Kommunikation mit der Titanic schlafen.

Bis Mitternacht hatte der 3. Offizier Groves Wache. Er war der einzige unter den Nautikern, der das andere Schiff mit eigenen Augen gesehen und für ein Passagierschiff gehalten hat. Sein Kapitän widersprach ihm bereits auf der Brücke, konnte Groves aber offensichtlich nicht von dem Eindruck abbringen.
Groves sah, wie das andere Schiff um 23:40 Uhr Schiffszeit Californian stoppte und die Lichter auszuschalten schien. Auf Nachfragen des britischen Untersuchungsausschusses gab Groves zu, dass ein Verlöschen der Lichter auch eine optische Täuschung gewesen sein könnte – wenn das andere Schiff nämlich so stark abgedreht hatte, dass es statt der Breitseite der Californian nun den Bug zuwandte.
Einige Minuten nach Mitternacht wurde Groves vom 2. Offizier Stone und dem Anwärter Gibson abgelöst. Stone war von Lord eingeschärft worden, das andere Schiff genau zu beobachten. Wie vor ihm schon Groves versuchte Stone, mit der Morselampe Kontakt mit dem anderen Schiff aufzunehmen, erhielt jedoch keine Antwort. Dafür sah er allerdings erst einen Lichtblitz über dem anderen Schiff, den er ab der zweiten Erscheinung dieser Art dann für weiße Raketen hielt. Insgesamt wurden von der Californian aus acht Raketen gesichtet – und diese Raketen bereiteten Stone einiges Kopfzerbrechen. Denn zum einen stiegen sie nicht so hoch auf wie Raketen es normalerweise taten, so dass er die Vermutung hegte, diese Raketen würden von einem anderen Schiff hinter dem Horizont abgefeuert; zum anderen verwirrte es Stone, dass die Raketen ihre Peilung veränderten, wenn auch das andere Schiff seine Peilung änderte, so dass diese Raketen eigentlich doch von dem Dampfer abgefeuert worden sein mussten [7]. Denn laut Stone begann die Peilung des anderen Schiffes sich mit Beginn des Abfeuerns der Raketen zu verändern, was darauf hindeutete, dass das andere Schiff wieder Fahrt aufnahm. Auch hörten weder Stone noch Gibson die Explosionsgeräusche von den Raketen. Beide beobachteten das andere Schiff weiter, und Gibson bemerkte, dass dieses irgendwie schräg im Wasser zu liegen schien, als wenn es Schlagseite nach steuerbord zu haben schien – so sagte er zumindest vor dem britischen Untersuchungsausschuss [8]. So verlockend die Schlagseite nach steuerbord auch zu sein scheint: An dieser Stelle muss betont werden, dass die Titanic nach Aussagen Überlebender Schlagseite nach backbord hatte!
Stone informierte Kapitän Lord per Sprachrohr über die abgefeuerten Raketen und ließ später den Anwärter den Kapitän noch persönlich informieren, dass das andere Schiff außer Sicht war. Lord fragte bezüglich der Raketen jedes Mal, ob es Reedereisignale wären und ob sie irgendwelche Farben hätten – Stone erklärte, dass er nicht wüsste, ob es Reedereisignale wären, und dass alle Raketen weiß waren.
Mit dem Wissen, das seit dem 15. April 1912 verfügbar ist, liegt es natürlich nahe, dass die Californian die Notraketen der Titanic gsichtet hat – allerdings gibt es einen entscheidenden Punkt: Stone sah, wie das andere Schiff seine Peilung veränderte, woraus er schloss, dass dieses Schiff in Fahrt sei, und dementsprechend antwortete er vor dem britischen Untersuchungsausschuss, als er offenbar zu der Erklärung gebracht werden sollte, dass er die Seenot des anderen Dampfers anhand der Raketen hätte erkennen müssen: „Ein Dampfer, der in Seenot ist, fährt nicht vor ihnen weg, my Lord.“ [9]
Nachdem der andere Dampfer verschwunden war, sah Gibson einige Zeit später erneut einen Lichtblitz am Horizont und kurz darauf noch mal zwei weitere, die in Intervallen abgefeuert wurden. Diese Leuchtsignale schienen aus noch größerer Entfernung als die ersten acht zu kommen.

Um 4 Uhr morgens fand dann Wachwechsel auf der Brücke der Californian statt. Der Chief Officer erhielt von Stone einen ausführlichen Bericht, warf einen Blick durch das Fernglas, sah einen Dampfer mit vier Masten im Süden liegen und meinte, dass mit dem Schiff ja alles in Ordnung sein müsse. Stone widersprach mit dem Hinweis, dass dieser Dampfer ein anderer als derjenige sei, der sie in den Nachtstunden beschäftigt hatte. Bei Tageslicht erkannte Stewart, dass dieser Dampfer einen gelben Schornstein hatte. Die Identität dieses Dampfers ist bis heute unklar.
Um 4:30 Uhr Schiffszeit Californian wurde Kapitän Lord vom Chief Officer geweckt und kam auf die Brücke. Um 5 Uhr dann wurde Kapitän Lord bewusst, dass der Dampfer, der im Süden warm nachts Raketen abgefeuert hatte – hier hat der Chief Officer offensichtlich eine fehlerhafte Annahme Lords nicht korrigiert, denn Stewart wusste von Stone, dass der Dampfer im Süden ein anderer war als der, der die Raketen abgefeuert hatte – und Lord ließ den Funker wecken. Der Funker fand heraus, dass die Titanic nachts SOS gesendet hatte. Nach einer offiziellen Bestätigung des Notrufs durch die Virginian, deren Funker eine Nachricht seines Kapitäns an den Kapitän der Californian mit der Position der Titanic übermittelte, nahm Lord Kurs auf die SOS-Position. Um 6 Uhr morgens war die Californian dann definitiv wieder in Bewegung und auf dem Weg zur Notrufposition der Titanic. Sie musste durch das Eisfeld hindurch nach Westen fahren, um den gefunkten Unglücksort zu erreichen. Dort angekommen traf sie auf die Mount Temple, aber sie fanden nichts von der Titanic. Dafür war nun die Carpathia im Osten in Sicht. Die Californian fuhr nun ein weiteres Mal durch das Eisfeld, jetzt mit Ostkurs, und erreichte die Carpathia, als diese die Rettungsaktion abgeschlossen hatte.
Ein weiteres Schiff, das von der Californian bei den Fahrten durch das Eis gesehen worden war, was die Almerian von der Leyland Line, ein Frachter ohne Funk, die von der ganzen Tragödie nichts wusste und unbeirrt ihren Kurs fortsetzte. Auch von der Mount Temple aus wurde ein anderes – bis heute unbekanntes Schiff – in dem Seegebiet gesehen – ein „ausländisches“ Schiff mit schwarzem Schornstein und weißem Wappen, das auch schon nachts zwischen 1 Uhr und 1:30 Uhr Schiffszeit Mount Temple dort herumgegeistert sein soll; ein Schiff auf Ostkurs. Außerdem sprach die Mount Temple von einem Schoner, den die nachts auf ihrem Weg zur Titanic gesehen haben will – allerdings kann ein Segelschiff bei Windstille keine Fahrt machen; fährt es unter Einsatz von Hilfsmaschinen, gilt es als Maschinenschiff und muss dieses durch entsprechende Lichterführung kenntlich machen. Von einem Schoner in dem Eisfeld ist auch in der Erstausgabe der New York Times vom 15. April 1912 die Rede [10], als noch niemand wusste, dass die Titanic sank. Damit dürfte klar geworden sein, dass – sofern Moore von der Mount Temple und Lord von der Californian nicht lauter fliegende Holländer gesehen haben – mehrere Schiffe zumindest im weiteren Umkreis um den Unglücksort waren und die Notsignale weder gehört (Funk!) noch gesehen (Raketen!) haben.
Die Californian suchte noch weiter in dem Seegebiet, in dem die Carpathia die Rettungsboote aufgenommen hatte, entdeckte aber keine Überlebenden mehr und nahm dann am Vormittag ihren Kurs auf Boston wieder auf.
Während der Suchaktion der Californian müssen auf die Frankfurt und die Birma in dem Seegebiet eingetroffen sein, doch aush sie konnten keine Überlebenden mehr aufnehmen. Nach der ergebnislosen Suche setzten alle diese Schiffe ihre Reise fort.

Die Californian tauchte in den Schlagzeilen auf, als nach ihrer Ankunft in Boston die Gerüchte aufkamen, dass von der Californian aus die Notraketen der Titanic gesehen wurden. Durch Erzählungen von Besatzungsmitgliedern stand die Californian schnell im Fokus bei der Identifizierung des Geisterschiffes.
Besonders auffällig erscheint bis heute die scheinbar auffällig Parallelität der von der Californian beobachteten Aktionen des unbekannten Schiffes mit den Ereignissen auf der Titanic. Allerdings spielt uns hier die Zeit einen Streich, denn Schiffszeit Californian war nicht identisch mit Schiffszeit Titanic [11]. Dessen ungeachtet hat der britische Untersuchungsausschuss im Jahr 1912 die Uhrzeiten gleichgesetzt. Das führt dazu, dass in dem im Abschlussbericht abgedruckten Funklog alle Uhrzeiten der Titanic eine Zeitdifferenz von 1h 50 Minuten zur New York Zeit aufweisen – mit Ausnahme der Untergangszeit, bei der basierend auf dem Funkspruch der Carpathia eine Zeitdifferenz von 1h 33 Minuten zwischen Schiffszeit Titanic und New-York-Zeit festgelegt wird [12]. Und natürlich führt das auch dazu, den Vorwurf, die Californian sei das Geisterschiff der Titanic, zu untermauern, denn es erscheint doch ausgesprochen unwahrscheinlich, dass ein weiteres Schiff in dem Seegebiet sich quasi synchron zur Titanic verhalten hat. Und mehr noch: Da sowohl von der Titanic als auch von der Californian aus bei dem ihnen unbekannten Schiff das rote Backbordpositionslicht gesehen wurde, muss dieses Schiff entweder kein Steuerbord gehabt haben – oder es waren sogar zwei Schiffe zwischen Titanic und Californian … Auch wenn im Jahr 1912 die offiziellen Schuldzuweisungen eindeutig waren: Angeklagt oder gar verurteilt wegen unterlassener Hilfeleistung wurde niemand von der Californian.

Im Laufe der Jahre hat es diverse Untersuchungen zum Thema „Die Titanic und die Californian“ gegeben. Kapitän Lord selbst trat nach dem Film „A Night to Remember“ an die Mercantile Marine Service Association heran, wo er mit Leslie Harrison einen treuen Streiter für seine Sache fand. Lord starb 1962, Harrison kämpfte weiter, verfasste diverse Bücher und war auch engagiert dabei, eine neue offizielle Untersuchung der Rolle der Californian zu erreichen. 1997 starb Harrison. Ein gegenwärtig sehr wortgewaltiger Verteidiger von Kapitän Lord ist der irische Jurnaliste Senan Molony, und auf dessen Buch „Titanic and the mystery ship“ wird in dieser Serie für die Verteidigung von Kapitän Lord zurückgegriffen.
Die Gegenseite wird vertreten durch die von dem britischen Anwalt und Autor Leslie Reade (1904 – 1989) in dem Buch „The Ship that stood still“ vorgebrachten Argumente. Reade hat mit seinem Buch Massstäbe bezüglich der Recherchetiefe gesetzt, allerdings tappte auch er in die Zeitenfalle, indem er Schiffszeit Californian mit der Schiffszeit Titanic gleich setzte. Dadurch erreicht er zwar wie alle anderen auch eine erstaunliche Parallelität der Ereignisse, aber die Schiffszeiten zwischen Titanic und Californian waren unterschiedlich!

Das Wichtigste vorweg: Eine neue offizielle Untersuchung der Rolle der Californian fand 1992 statt, als durch die Entdeckung des Wracks der Titanic sowie die Bekanntgabe der Koordinaten die Entfernung zwischen Stopp-Position der Californian und der Fundstelle des Wracks festgestellt werden konnten. Die Ergebnisse der Neuuntersuchung waren:
1. Die Californian war zwischen 17 und 20 Seemeilen von der Titanic entfernt, mit großer Wahrscheinlichkeit waren es 18 Seemeilen.
2. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Titanic von der Californian gesehen wurde.
3. Die Notsignale der Titanic wurden gesehen, aber es wurde darauf nicht angemessen reagiert.
4. Die Nachricht von Gibson drang nicht durch zu Kapitän Lord. Stattdessen hat sich der 2. Offizier Stone „schwer geirrt“.
Da, wie schon festgestellt, ganze Bücher, zum Thema Californian und ihre Rolle beim Untergang der Titanic geschrieben wurden, kann in dieser Serie die Argumentation pro und contra Californian wirklich nur mit Fokus auf die zentralen Punkte geführt werden. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchtem dem seien die genannten Bücher empfohlen, und natürlich gibt auch das Internet genug her.

Pro und Contra Californian

Zur Verdammung der Californian im Jahr 1912 führte, dass niemand sich vorstellen konnte, die Notrufposition der Titanic sei falsch gewesen. Dementsprechend machte die Californian sich schon dadurch verdächtig, dass ihre Wache die Raketen im Südosten gesehen hatte – denn die Notrufposition der Titanic war im Südwesten der Stopp-Position der Californian. Aus der Sichtweise des Jahres 1912 stiegen also die Raketen an der falschen Stelle auf … Damit war auch die Position der Californian in Zweifel gezogen worden, und ihre Stopp- Position wurde nach Belieben verschoben [13], so dass sie das Geisterschiff gewesen sein musste.
Wie wir durch die Entdeckung des Wracks wissen, war die Notrufposition der Titanic falsch. Mehr noch: Die Titanic befand sich südöstlich von der Stopp-Position der Californian, sofern denn diese Position korrekt war. Es gibt derzeit keinen bekannten Beleg, der die Stopp-Position der Californian VOR dem Untergang der Titanic sozusagen öffentlich dokumentiert – das wäre ein Funkspruch mit Positionsangabe gewesen, wie zum Beispiel in der Eiswarnung vom frühen Abend geschehen. Natürlich gab es für die Californian auf ihrem Weg nach Boston keine Veranlassung, zwischen 18 Uhr und 22:20 Uhr nach Süden zu fahren, wenn sie nach Boston wollte, aber Wind und Strömung können Schiffe versetzen. Der Wind konnte damals vermutlich wegen der zumindest nachts herrschenden Flaute vermutlich vernachlässigt werden, damit bleibt die Strömung die große Unbekannte – sofern wir Stewarts Aussage vor den Untersuchungsausschüssen nicht in Frage stellen wollen, dass er am 14. April 1912 um 22:30 Uhr abends die Breitenposition der Californian per Sternenobservation ermittelt und 42° 05′ Nord ermittelt hat. Wenn diese Position korrekt war, dann befanden sich Titanic und Californian zweifelsfrei außerhalb der für sie möglichen Sichtweite und können einander nicht gesehen haben. Dementsprechend muss es mindestens ein weiteres Schiff zwischen Titanic und Californian in jener Nacht gegeben haben.

Was laut Molony noch dagegen spricht, dass die Titanic und die Californian einander gesehen haben: Während die Californian bereits ab 23 Uhr ihrer Zeit die Lichter eines anderen Schiffes gesehen hat, das noch rund 40 Minuten in Sichtweite fuhr, bis es gestoppt hat, hat die Titanic erst nach der Kollision und ungefähr mit Beginn des Einbootens die Lichter eines anderen Schiffes entdeckt. Entweder waren sowohl der Ausguck als auch die Offiziere auf der Brücke mit Blindheit geschlagen, dass sie die stationäre Californian nicht bemerkt haben, oder alle hatten eine Amnesie, so dass die Lichter des Schiffes mit Beginn des Einbootens quasi neu entdeckt wurden – oder sie haben schlicht kein Schiff bemerkt, weil erst noch kein Schiff da war. Wenn das von der Titanic aus gesehene Schiff aber erst nach der Kollision in Sichtweite kam, kann es nicht die Californian gewesen sein, da die Californian bereits seit 22:21 Uhr ihrer Zeit und damit vielleicht um 22:04 Uhr Schiffszeit Titanic [14] gestoppt hatte.

Natürlich ist es verlockend, das um 23:40 Uhr gestoppte Schiff, das von der Californian aus gesehen wurde, mit der Titanic gleichzusetzen – allerdings spielt auch hier wieder die Zeitdifferenz zwischen den Schiffszeiten eine Rolle, denn die Titanic kollidierte um 23:57 uhr Schiffszeit Californian mit dem Eisberg und stoppte erst einige Minuten danach endgültig [15]. Diese Zeitdiskrepanz lässt sich nicht wegdiskutieren – aber damit gewinnt plötzlich die Geschichte vom Maschinisten Ernest Gill von der Californian wieder an Glaubwürdigkeit, dessen Zeitangaben von 1912 und bei Gleichsetzung der Uhrzeiten zwischen Californian und Titanic wie 1912 durch den britischen Untersuchungsausschuss geschehen, eben nicht zu den Zeiten der Titanic-Ereignisse zu passen scheinen. Dass ihm dennoch geglaubt wurde, ist wiederum eine andere Sache.
Gill will um 23:56 Uhr Calufornian-Zeit an Deck gegangen sein und ein Passagierschiff in voller Fahrt etwa zehn Seemeilen entfernt im Süden gesehen haben . 23:56 Uhr Californian-Zeit ist 23:39 Uhr Titanic-Zeit, und zu der Zeit fuhr die Titanic vermutlich noch mit voller Kraft voraus [16]. Als Gill eine halbe Stunde später wieder an Deck war, sah er das andere Schiff nicht mehr – dafür aber sah er Raketen aufsteigen, die er für Notraketen hielt. Gill sah es nicht als seine Aufgabe an, die Brücke zu informieren und legte sich wieder schlafen. Erst als er am nächsten Morgen geweckt wurde und von der Titanic hörte, wurde ihm klar, was gesehen hatte. – Für seine Geschichte bekam er laut Funker Evans $500 von einer Zeitung bezahlt. Damit ist aber immer noch nicht klar, wie belastbar die Beobachtungen von Gill sind.

Nicht bestritten wird von Molony, dass Stone und Gibson von der Californian die Notraketen der Titanic sahen. Molony weist darauf hin, dass die von der Californian gescihteten Raketen so tief lagen, dass sie für Stone und Gibson nicht als Notraketen, die eine große Höhe erreichten, erkennbar waren. Molony vermutet, dass die Raketen von der Titanic unterhalb des sichtbaren Horizonts abgefeuert wurden und deswegen so aussahen, als würde das Schiff in Sichtweite der Californian nur Raketen abfeuern, die vielleicht die Höhe des Mastlichts erreichten. – Notraketen sollten Höhen von 180 bis 240 Metern erreichen; so hoch waren die Masten des von der Californian gesichteten Schiffes definitiv nicht. Dementsprechend wussten Stone und Gibson mit den Lichtsignalen nichts anzufangen, konnten sie nicht einordnen – und Kapitän Lord hat sich nie auf die Brücke begeben, um diese Lightsignale selbst in Augenschein zu nehmen. Er verließ sich blind auf seinen 2. Offizier und dessen Urteilsvermögen, während Stone später sagte, dass er sich auf das Urteilsvermögen des Kapitäns verließ.

Leslie Reade argumentiert mit Vorschriften und Beschreibungen der Reedereisignale der damaligen Zeit und kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der Farbgebung der Raketen – alle waren weiß – Kapitän Lord und/oder der 2. Offizier Stone hätten erkennen müssen, dass es sich um Notraketen handelte. Denn es gab keinerlei Reedereisignale im Jahr 1912, die ausschließlich weiße Raketen beinhalteten. Lord war sehr auf die Reedereisignale fixiert, und Stone hat immer wieder erklärt, dass die Raketen keinerlei Farben hatten. Notraketen waren damals weiß – und es waren auch die einzigen weißen Raketen, die auf hoher See abgeschossen wurden laut Reades Recherchen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass weder Stone noch Gibson die von Boxhall auf einem Rettungsboot abgeschossenen Leuchtsignale gesehen hat, die wiederum von der aus Südosten kommenden Carpathia gesichtet wurden – sehr tief liegend zwar, dass sie sie erst für das Steuerbordlicht der Titanic hielten, aber sie haben sie gesehen. Dass nur die Antwortsignale der Carpathia von der Californian ganz entfernt am Horizont wahr genommen wurden, ist für Molony ein weiteres Indiz, dass die Distanz zwischen Californian und Titanic größer war als die Sichtweite und damit mindestens ein weiteres Schiff zwischen den beiden Dampfern lag. Und Molony findet auch Indizien dafür, dass von den Rettungsbooten aus noch das Licht der anderen Schiffes gesehen wurde – der Dampfer selbst bei Tageslicht aber nicht mehr sichtbar war, also davongefahren sein muss, während die Californian noch lange nach Tagesanbruch gestoppt im Eisfeld lag.

Molony weist noch auf ein anderes Dilemma hin: Mal angenommen, Stone oder Lord hätten realisiert, dass dort Notraketen abgefeuert wurden. Wenn jetzt einer von ihnen den Funker geweckt hätte, hätten sie den Notruf der Titanic gehört – und dann hätten sich sich einem großen Problem gegenüber gesehen: Die Raketen stiegen im Südosten auf, die Notrufposition der Titanic war aber im Südwesten … Wohin also fahren? Zu dem Ort, an dem die Raketen aufstiegen und damit vermutlich der Titanic keine Hilfe leisten? Oder der Titanic Hilfe leisten und einem anderen dieselbige verweigern? Oder anders gefragt: Hätte irgendjemand auf der Californian in der Nacht zum 15. April 1912 merken können, dass die Notrufposition der Titanic falsch war? Ohne vorher zur falschen Position gefahren zu sein?
Ein von Lord-Gegnern häufig vorgebrachtes Argument gegen die Verteidigung von Kapitän Lord ist, dass er auf die Raketen hätte reagieren müssen und wenigstens den Funker wecken lassen sollen. Und wenn Lord es schon nicht gemacht hat, hätte vielleicht der 2. Offizier Stone etwas unternehmen und den Funker wecken müssen. Seit dem 15. April 1912 ist dieses Argument zweifellos richtig – und wenn Lord der gefunkten Position mehr Vertrauen geschenkt hätte als den gesichteten Lichtsignalen, dann wäre er nachts durch die Eisbarriere gefahren und hätte wie die anderen Schiffe, die die Notrufposition erreichten, nichts gefunden [17] – während die Titanic im Südosten weiterhin untergegangen wäre. Aber Lord hätte es dann jedenfalls versucht gehabt.

Fußnoten:
[1] Reade [1993], S. 15
[2] Aussage Bride in den USA und Großbritannien
[3] Molony (2006), S. 11
[4] Molony (2006), S. 11
[5] Molony (2006), S. 94 f.
[6] Molony (2006), S. 95 und britischer Untersuchungsausschuss, 8706
[7] Reade (1993), S. 73
[8] 7515 – 7523
[9] 8037
[10] Titanic Post Nr. 42
[11] siehe erstellte Tabelle mit den Uhrzeiten zu einigen markanten Ereignissen
[12] ohne Autor (1990), S. 65 ff.
[13] Molony (2006)
[14] siehe Störmer (2007), Kapitel „Wie spät war es“ oder auch TiPo Nr. 64
[15] Molony (2006) anhand von Zeugenaussagen, dass nach der Kollision noch Fahrt im Schiff war
[16] Wenn man jedoch wie der britische Untersuchungsausschuss die Schiffszeit Californian mit der Schiffszeit Titanic gleich setzt, dann ist der Zeuge Gill erledigt, weil er um 23:56 Uhr ein Schiff in voller Fahrt gesehen haben will, das zu der Zeit gestoppt gewesen ist.
[17] Die Carpathia ist auf die Rettungsboote gestoßen, weil sie sich südöstlich der Notrufposition der Titanic befand und ihr Kurs zu der berühmten Position 41° 46′ Nord, 50° 14′ West zufällig den Ort streifte, an dem sich die Rettungsboote der Titanic befanden. Wäre die Carpathia aus einer anderen Richtung gekommen, hätte auch sie zuerst an der falschen Stelle gesucht. Und da die Carpathia die Rettungsboote erreichte, ehe sie an der Notrufposition war, sich aber niemand vorstellen konnte, dass die letzte Position der Titanic falsch gewesen war, stellte man zwar erstaunt fest, dass die Carpathia für die zu überwindende Distanz eine halbe Stunde weniger als erwartet benötigt hatte – das aber schob man darauf, dass das Schiff die eigene Höchstgeschwindigkeit deutlich übertroffen hatte. Rechnen wir mit dem Wissen von heute, dann war die Carpathia nicht schneller als ihre Höchstgeschwindigkeit; ihre zurückgelegte Strecke war lediglich kürzer.

Quellenangabe
– Die Untersuchungsausschüsse im Internet: www.titanicinquiry.org
– Senan Molony (2006), Titanic and the mystery ship, Stroud: Tempus
– ohne Autor (1990), Report on the Loss of the S.S. Titanic. The official government inquiry, Gloucester: Alan Sutton Publishing Limited
– Leslie Reade (1993). The ship that stood still. The Californian and her mysterious role in the Titanic disaster, Sparkford: Patrick Stephens Limited
– Susanne Störmer (2007). Dampfer Titanic: Eisberg voraus. Die letzten Stunden vor der Kollision neu untersucht, Norderstedt: Books on Demand