Die Kapitäne der Titanic

Die Unterschiede zwischen Smith und Haddock

von Susanne Störmer, © 2007

 

In der Seefahrtsliteratur fehlt selten der Hinweis, dass die Persönlichkeit des Kapitäns Einfluss auf die ganze Besatzung und damit auf den Zustand des Schiffes hatte – ein sorgfältiger Kapitän würde immer eine sorgfältige Besatzung haben, und ein nachlässiger Kapitän hatte immer ein nachlässiges Schiff. Vermutlich wird der Einfluss der Kapitäne auch nach einem Wechsel bei der alten Besatzung auf dem neuen Schiff angehalten haben, denn Gewohnheiten ändern sich nur langsam.
Beim Blick auf die Titanic spielen zwei Kapitäne eine große Rolle: Edward John Smith und Herbert J. Haddock, denn die Mehrheit der Besatzung kam von Schiffen, die vorher entweder von E. J. Smith (Olympic) oder Haddock (Oceanic) kommandiert wurden. Beim Blick auf das sogenannte Deck-Department ergeben sich daraus interessante Zahlen:

Es fällt auf, dass von den Besatzungsmitgliedern, die von der Olympic (Smith) kamen, weniger überlebt haben als von der Oceanic (Haddock). Nun kann es damit zusammenhängen, dass die Crewmitglieder vielleicht lieber mit den Offizieren arbeiteten, die sie kannten, oder aber die Mannschaften von der Olympic waren mit der Ausrüstung der Titanic vertrauter, so dass sie auf dem Schiff und besonders bei der Bedienung der Davits wichtiger waren als in den Booten auf See. Es kann aber auch mit der Persönlichkeit der Kapitäne zusammenhängen, mit denen sie zuvor gefahren waren. Damit stellt sich die Frage, was über diese beiden Kapitäne bekannt ist.

Über E. J. Smith ist viel geschrieben worden in der Titanic-Literatur. Ein Offizier der Titanic, James Paul Moody, war vorher unter Herbert J. Haddock auf der Oceanic gefahren und schrieb in einem Brief von der Titanic:
„Daddy Haddock is going to the Olympic until old ‚E. J.‘ retires on his old age pension from the Titanic.“
(„Daddy Haddock geht auf die Olympic, bis der alte ‚E. J.‘ von der Titanic in Rente geht.“) [1]
Und außerdem urteilt er über E. J. Smith:
„Though I believe he’s an awful stickler for discipline, he’s popular with everyone.“
(„Obwohl ich ihn für einen schrecklichen Pedanten in Sachen Disziplin halte, ist es bei allen sehr beliebt.“
) [1]
Auch C. H. Lightoller ist lange unter Haddock auf der Oceanic gefahren. Seine Bewunderung für E. J. Smith, die auf gemeinsamen Jahren auf der Majestic basieren soll. ist ziemlich bekannt, dennoch soll sie der Vollständigkeit halber hier noch mal aufgeführt werden:
„I had been with him many years, off and on, in the mails boats, Majestic, mainly, and it was an education to see him con his own ship up through the intricate channels entering New York at full speed. One particularly bad corner, known as the South-West Spit, used to make us fairly flush with pride as he swung her round, judging his distances to a nicety; she heeling over to the helm with only a matter of feet to spare between each end of the ship and the banks.“
(„Ich habe viele Jahre auf den Postdampfern mit ihm zugebracht, immer mal wieder, hauptsächlich auf der Majestic, und es war eine Lehrstunde, ihm dabei zuzusehen, wie er sein eigenes Schiff durch das verschlungene Fahrwasser kommandierte und mit voller Kraft voraus in New York einlief. Eine besonders üble Ecke, die als South-West Spit bekannt war, ließ uns gewöhnlich vor Stolz erröten, als er sie herumschwang, die Entfernungen peinlich genau abschätzte; und sie legte sich dem Ruderkommando folgend über, wobei nur wenige Fuß Fahrwasser zwischen beiden Enden des Schiffs und den Sandbänken blieb.“) 
[1]
Problematisch an dieser Erinnerung Lightollers ist, dass für die Jahre 1904 bis 1912 die Majestic nur für ein halbes Jahr in Smith’s Vita auftaucht und danach keine gemeinsame Fahrenszeit der beiden mehr nachweisbar ist; Lightollers Erinerung muss sich also auf die Zeitspanne 1900 bis Juni 1904 beziehen [2].
Lightoller und Moody kannten beide Kapitäne der Titanic. Interessant scheint mir Moodys Aussage über Smiths Pedanterie in Sachen Disziplin zu sein – wenn Moody das für erwähnenswert hält, dann muss es meiner Meinung nach ein auffälliger Unterschied zu Haddock gewesen zu sein. Dabei sollte auf keinen Fall vergessen werden, dass in jenen Jahren die Disziplin eine herausragende Rolle spielte. Und Moody, der auf dem Trainingsschiff Conway seine Seefahrerlaufbahn begonnen hatte, wird früh an Disziplin gewöhnt worden sein. Das macht die Herausstellung der Pedanterie in Sachen Disziplin durch Moody in dem Brief allerdings noch bemerkenswerter.

Ebenfalls interessant an Moody Brief ist die Bezeichnung „Daddy Haddock“ für Kapitän Haddock – im Gegensatz zu „old E. J.“ für Smith. Aus „Daddy Haddock“ klingt beinahe etwas Fürsorgliches neben all der Autorität heraus. Und auch von Haddock gibt es eine Charakterisierung eines langjährigen Gefährten auf Schiffen: Dr. Beaumont, Schiffsarzt, fuhr unter Haddock auf der Oceanic und Olympic und beschreibt Haddock in seiner Autobiographie wie folgt:
A gentleman, yet he had his „moods“, when he could be peevish and inscrutable as the Sphinx. Withal, even when highly displeased with everyone in general, he was calm and dignified, never raising his voice beyond his usual soft tones, which was a strong defence unto himself but irritating enough to the other fellow. Some men did not like Haddock, and could not get on with him, mainly because they never understood him as did Claude Lancaster, his Purser for many years, and myself, who by dint of close observation and practice, anticipated even any rise or fall in his mental barometer. One of his faintest quibs was to call me „medico“ when the cerebral sea was calm and the horizon clear, switching round to the official „surgeon“ when any puff of storm-clouds was in sight, which was always the signal to me to close haul all sail and retreat to my room, when I remained till the sun shone again.
(Ein Gentleman, aber er hatte seine „Phasen“, wenn er reizbar und undurchschaubar wie eine Sphinx sein konnte. Dabei war er, selbst wenn er mit allen generell unzufrieden war, ruhig und würdevoll, niemals erhob er seine Stimme über seine üblichen sanften Töne, was ein starker Schutz selbst war, aber lästig genug für den anderen. Einige Männer mochten Haddock nicht und kamen mit ihm nicht klar, hauptsächlich weil sie ihn niemals so verstanden wie sein langjähriger Zahlmeister Claude Lancaster und ich, die mittels genauer Beobachtung und Erfahrung sogar jedes Steigen oder Fallen seines mentalen Barometers vorausahnen konnten. Eine seiner leichtesten Witzeleien war es, mich „Medico“ zu nennen, wenn die mentalen Wogen glatt und der Horizont klar war, was zum offiziellen „Surgeon“ wurde, sobald die ersten Sturmwolken aufzogen, was für mich das Zeichen war, alle Segel einzuholen, und mich in meine Kajüte zurückzuziehen, wo ich blieb, bis die Sonne wieder schien.“)
[3]

Wenn man sich genauer mit einigen Details der Titanic-Geschichte, fällt vielleicht auch das unterschiedliche Verhalten der Offiziere beim Einbooten auf. Lightoller, der „Haddock.Mann“, wurde quasi nur auf Befehl tätig, d. h. obwohl er das Beladen und Fieren der Boote für richtig hielt, tat er es erst, als er vom Kapitän die Genehmigung dazu hatte.
Auf der anderen Seite scheint Murdoch einfach auf eigene Initiative gehandelt zu haben – was im Widerspruch zu Smith’s Disziplinpedanterie zu stehen scheint. Mit der mir aktuell bekannten Quellenlage ist an dieser Stelle keine Aufklärung möglich, denn es besteht durchaus die Möglichkeit, dass Smith Murdoch den Befehl zum Einbooten und Abfieren gegeben hat.
Ebenfalls auffällig ist, dass Murdoch die Boote nach dem Motto: „Frauen und Kinder zuerst und wenn dann noch Platz ist, dürfen Männer diesen auffüllen“ belud, während Lightoller das „Frauen und Kinder zuerst“ so auslegte, dass erst wenn alle Frauen und Kinder von Bord waren, die Männer evakuiert werden sollten. Die unterschiedliche Interpretation des „Frauen und Kinder zuerst“ basiert vielleicht auch auf einer unterschiedlichen Einschätzung der Kapitäne, die bei früheren Bootsmanövern den Offizieren eingeimpft wurde.
Gleichfalls fällt auf, dass Smith beim Einbooten eigentlich nur an backbord gesehen wurde und erst ganz zum Schluss auf dem Weg zur Brücke an Boot A vorbei ging und den Männern dort zurief, sie sollten auch daran denken, sich selbst zu retten [4]. Da die Steuerbordseite auf Segelschiffen in die Zuständigkeit des Kapitäns fiel und die Backbordseite die seines Stellvertreters war, hätte Smith auf der Titanic eigentlich an steuerbord aufhalten müssen – über die Gründe, warum er es auf der Titanic nicht tat, kann nur spekuliert werden.
Ein weitere Auffälligkeit: Die bei der Kollision wachfreien Offiziere, die von der Oceanic kamen und die Kollision bemerkten, gingen zwar an Deck, blieben dann aber in ihren Kammern, bis sie geholt wurden – obwohl zum Beispiel Pitman um Mitternacht der Befehl zum Einbooten gegeben wurde, wartete Pitman noch darauf, geholt zu werden.
Wilde dagegen machte sich gemäß Zeugenaussagen auf eine eigenständige Erkundigungstour. Selbstverständlich war er der Stellvertreter des Kapitäns, doch er hatte wachfrei – wie hätte ein langjähriger Chief Officer unter Haddock in so einer Situation reagiert? – Dabei ist zu beachten, dass nach allem, was mit bekannt ist, unklar ist, ob Wilde auf Eigeninitiative das Schiff inspiziert hat oder ob er einen Auftrag dafür erhalten hat. Letztendlich haben viele wichtige Zeugen nicht überlebt und deswegen nie ihre Geschichte erzählen können.
Ebenfalls aufschlussreich ist es, die Aussagen und das mutmaßliche Auftreten der überlebenden Besatzungsmitglieder vor den Untersuchungsausschüssen mit ihrer Vorschichte (Smith oder Haddock) im Hinterkopf zu lesen. Mein Eindruck ist, dass die Männer, die schon länger unter dem Einfluss von Smith standen, deutlich selbstbewusster auftraten und viel eigenständiger agierten – diese Eigenständigkeiten zeigte sich vermutlich auch bei Murdoch und seiner Entscheidung, die Rettungsboote nicht nur klar zu machen, sondern auch auszuschwingen, zu beladen und zu fieren.

Eine interessante Frage ergibt sich allerdings aus den offensichtlichen Unterschieden bei den Kapitänen: Wie wäre die Geschichte der Titanic abgelaufen, wenn Haddock Kapitän geblieben wäre? Wie hätte Haddock auf die Eiswarnungen reagiert?
Für mich besonders interessant ist hier die Frage, wie Murdoch mit diesem Kapitän klar gekommen wäre. Das jedoch würde an dieser Stelle zu weit ins Reich der Spekulationen führen, obwohl es zweifellos ein spannendes Thema wäre.

[1] Marcus, Geoffrey (1988), The Maiden Voyage, London, Unwin Hyman, S. 39 -40
[2] Lightollers Schiffe zwischen 1904 und 1911 wurden im Navigator Nr. 2., 11. Jahrgang, abgedruckt, im Jahr 1912 weisen die Crewlisten der Olympic für die Reisen im Januar, Februar und März zwar einen Kapitän Smith, aber eben keinen Offizier Lightoller aus, so dass auch hier eine Begegnung ausscheidet. Smith’s Schiffe von 1900 (Eintritt Lightollers in die White Star Line) bis 1912 sind laut Gary Cooper (1992), The Man Who Sank the Titanic? The Life and Times of Captain Edward J. Smith, Stoke-on-Trent, Witan, S. 170:
Juni 1895 – November 1902: Majestic
Dezember 1902 – Mai 1903: Germanic (während eines Umbaus der Majestic)
Juni 1903 – Juni 1904: Majestic
Juni 1904 – März 1907: Baltic
Mai 1907 – März 1911: Adriatic
Mai 1911 – März 1912: Olympic
April 1912: Titanic
[3] Beaumont, J. C. H. [ohne Datum], Ships – and People, London, Geoffrey Bles
[4] British Inquiry, 10585