Ein Film berührt die Massen
James Camerons „Titanic“ war vor 20 Jahren ein großes Ereignis
von Susanne Störmer, © 2018
In der Titanic-Zeitrechnung seit dem Untergang 1912 gibt es zwei maßgebliche Wendepunkte: Zuerst die Entdeckung des Wracks 1985 und danach den Film von James Cameron, der in Deutschland und Österreich am 8. Januar 1998 in die Kinos kam. Camerons Film war nicht der erste Titanic-Film, nicht mal der erste Titanic-Film in Farbe, und so begleitete den Film bereits in der Produktionszeit eine gehörige Portion Skepsis, die von den Medien auch vorgetragen wurde. – Zur Erinnerung: 1998 gab es noch keine sozialen Medien, und das Internet war ebenfalls noch in der Entwicklung. Eine Interaktion mit den Medien war damals deutlich schwieriger als heute, so dass die Reichweite und der Einfluss ein anderer war.
In der organsierten Titanic-Welt, die damals eher überschaubar war, herrschte eine gespannte Erwartungshaltung. James Cameron war ein bekannter Regisseur, und es war bekannt, welche Aktivitäten er unternommen hatte: Er hatte intensiv recherchiert, um größtmögliche Authentizität beim Schiff zu erreichen – und er war zum Wrack getaucht. Alles Anstrengungen für einen Film, bei dem von Anfang an klar war, dass das Schiff untergehen würde und dessen Geschichte zumindest rudimentär (untergegangen nach einer Kollision mit einem Eisberg) gefühlt weltweit bekannt war. Über die damals häufig verwendeten interaktiven Mailinglisten wurden Informationen über den Film verbreitet, so z. B. Camerons Charakterisierungen einiger Filmfiguren, die für das Casting herangezogen worden waren. Für Spannung sorgten die Fragen, wie wohl einzelne Personen der Geschichte im Film dargestellt werden würden und wie Cameron das damalige große Streitthema der Californian und ihre Rolle bei der Rettung im Film lösen würde.
Auf der Convention 1997 der British Titanic Society gab es die Möglichkeit, den ersten Trailer des Films in englischer Sprache zu sehen. Später konnte man sich den Trailer in englischer Sprache aus dem Internet von einer Homepage zum Film downloaden – auch das war damals noch etwas relativ Neues. Dennoch gab es Anlass zur Besorgnis, denn der Starttermin wurde vom Juli 1997 auf Dezember 1997 (in Nordamerika) verschoben. Die Produktionskosten waren so hoch angestiegen, dass zwei Filmgesellschaften zusammen den Film finanzieren mussten (20th Century Fox und Paramount Pictures). Ein Ausstieg oder ein Regisseurwechsel war zu dem Zeitpunkt dann schon nicht mehr möglich. Allerdings verzichtete Cameron während der letzten Produktionsmonate auf sein Gehalt. Weitere Ereignisse, wie z. B. eine Lebensmittelvergiftung am Set in Mexiko, wurden zudem als schlechtes Omen für den Film gedeutet. Eine kleine Randnotiz unterstreicht die Zweifel, die es mehrheitlich vor der Premiere von „Titanic“ gab: Die Filmmusik gab es im Dezember 1997 bereits als Sonderangebot in der CD-Abteilung von Brinkmann, einer mittlerweile nicht mehr existierenden Technikkaufhauskette.
Der Film kommt in die Kinos
Weltpremiere hatte der Film am 1. November 1997 auf dem Filmfestival in Tokio, Europapremiere war am 18. November 1997 im Rahmen der Royal Film Performance [1] in London. Die professionellen Filmkritiker in den Feuilletons gaben sich bestenfalls lauwarm – die FAZ schrieb „Man muß ihn nicht unbedingt gesehen haben“ und die Neue Züricher Zeitung befand „Armselige Standardromantik“ [2]. Doch das Publikum sah es anders; vielleicht wurde es durch eine große Marketing-Kampagne in den Film gelockt, aber auch so eine Kampagne muss zünden und im Idealfall die Herzen der Menschen erreichen. Aber die Kampagne alleine erklärt sicher nicht, warum plötzlich Generationen in die Kinosäle strömten, darunter auch welche, die seit Jahrzehnten kein Kino mehr von innen gesehen hatten. Der Film berührte ganz offenbar die Menschen, sprach sie auf einer emotionalen Ebene an, passte anscheinend in die Zeit, d. h. es war der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt. Wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn der Film im Sommer 1997 in die Kinos gekommen wäre? Hätte „Titanic“ auf den nördlichen Breitengraden in langen, hellen Sommernächten die gleiche Wirkung entfaltet wie in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres?
Und es gab Mehrfachtäter und mehr noch Mehrfachtäterinnen – so gab es eine Statistik, die besagte, dass 60% der Filmbesucher weiblich waren und von diesen 60% wiederum mehr als die Hälfte unter 25 Jahren. Zu dem Zeitpunkt, als die Statistik erhoben wurde, hatten 20% der Filmbesucher den Film schon zwei Mal gesehen, und 76% davon wollten ihn noch weiteres Mal sehen. [3]
Diese Begeisterung für den Film führte nicht nur dazu, dass das Feuilleton noch mal neu auf den Film schaute und die kritische Meinung revidierte. Eine weitere Folge von dem Erfolg war, dass viele auf den Titanic-Zug aufsprangen. Eiligst warfen Verlage Titanic-Bücher auf den Markt, meistens schnell angefertigte Übersetzungen aus dem Englischen, und schufen so eine bis dahin auf dem deutschsprachigen Buchmarkt unbekannte Auswahl an Literatur zum Thema. Niemand hatte offenbar mit so einem Erfolg des Films gerechnet; alles, was irgendwie mit „Titanic“ zu tun hatte, fand reißende Abnehmer und auch in Schulen war das Schiff oder der Film oder beides – so genau ließ es sich nicht immer trennen – ein Thema. Und trotz der anfänglich maximal lauwarmen Begeisterung der professionellen Kritik hagelte es Auszeichnungen für den bis dahin kommerziell erfolgreichsten Film der Filmgeschichte – so z. B. allein 11 Oscars [4] – keinen davon gab es übrigens für eine schauspielerische Leistung.
„Titanicer“ sahen „Titanic“
Einen Eindruck, wie Titanicer den Film gesehen haben, gab es im Navigator Nr. 2, 1. Jahrgang vom März 1998. Die Kommentare vermitteln heute, mit einem Abstand von 20 Jahren, ein Gefühl von der Wucht, den der Film damals entwickelte:
Ich war zunächst etwas enttäuscht über den Film, aber die Art und Weise, wie Cameron ihn inszenierte und die Love-Story einbaute ist (sehr) gelungen. Und das, was mir wirklich wichtig war, ist wirklich toll: Die Uniformen, die Kulisse, eben alles was mit dem Schiff Titanic zu tun hat.
Über den Film kann man viel sagen, z. B. bombastisch, super, Spannung und Entsetzen pur, faszinierend und vieles mehr. Er war Komödie, Drama und Liebesgeschichte in einem. Ich möchte behaupten, dass dieser Film der mit Abstand beste war, den ich je gesehen habe.
Die Titanic war noch viel schöner und beeindruckender wie auf all den Fotos und Bildern, die man jahrelang betrachtet hat. Es erscheint fast wie das erste Rendezvous, bei dem die ganze Bewunderung für die Lady geweckt wird.
Das Schönste für mich war es, die Einrichtung der Titanic zu sehen und die vielen Flüge über das Schiff.
Cameron machte die Titanic lebendiger denn je, und fast wünscht man sich, einmal selbst über die große Freitreppe vorbei an der Wanduhr auf das Bootsdeck zu wandern. (…) Umso bedauerlicher ist es, dass Cameron zu Gunsten seiner Liebesromanze auf einige doch sehr wesentliche Aspekte des Unglücks verzichtet hat!
Sehr beeindruckt haben mich auch die Schreie der 1500 Menschen im Wasser. Ich war mindestens genauso geschockt wie die Menschen in den Rettungsbooten und kann heute genau nachvollziehen, warum diese Menschen so “ohnmächtig” waren. Am Ende des Films war ich immer noch ohnmächtig.
Man muss wohl mindestens vier Mal in diesen Film gehen, um zu sehen, was in allen vier Ecken gleichzeitig abläuft; ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte. (…) Die beste Szene, oder die, die den meisten Eindruck auf mich machte, war doch relativ einfach. Man sieht das Schiff von sehr weit oben: Titanic liegt bewegungslos in der Wasserwüste, auf einmal zerplatzt mit einem dumpfen Knall eine weiße Rakete. Im Gegensatz zu den Bordszenen mit den vielen Menschen wird hier die Einsamkeit in jener Nacht doch sehr gut dargestellt. In vier Stunden wird die Rettung kommen – zu spät.
Doch es gab auch kritische Stimmen:
Hochgelobt wurde der Film im Vorfeld, zum ersten Mal sollten die historischen Begebenheiten beachtet werden, mit Geld wurde nicht gegeizt und das Resultat: Drei Stunden lang Herzschmerz, schmalzige Dialoge und banale Fehler. (…) Alles in allem war der Film von so manchen Szenen ganz gut, aber doch ein Hohn in seinem Ganzen, wenn man die PR und den Aufwand mitbetrachtet.
[Der Film] hatte am 19. Dezember 1997 in Calgary Premiere. […] Die Schauspieler, die die Offiziere der Titanic darstellten, waren für mich ein traurig aussehender Haufen, meilenweit entfernt von den auf Segelschiffen trainierten Offizieren jener Zeit, von denen jedes Wort und jeder Blick absoluten Gehorsam und sofortigen Respekt hervorrief. Von den Szenen, die meinen Verwandten Will Murdoch darstellten, war ich absolut angeekelt. Es war eine wohlüberlegte Verleumdung des Andenkens an einen herausragenden Seemann und eine Beleidigung der zahlreichen Generationen von Kapitänen, die unsere Familie in der besten Tradition der See hervorgebracht hat.
Wirkung und Auswirkung des Films
Die letzte zitierte Kritik stammt – wie aus dem Text hervorgeht – von einem Verwandten des 1. Offiziers der Titanic. Dieser mittlerweile verstorbene Verwandte, ein Großcousin Murdochs, lebte in Kanada und war damals Mitglied im DTV. Und auch in Schottland war man von der Darstellung Murdochs in dem Film nicht begeistert. Die Journalistin Dorothy-Grace Elder, die u. a. zusammen mit Lady Diana eine Kampagne gegen Landminen geführt hatte und später Abgeordnete im schottischen Parlament wurde, startete eine Kampagne, die als „Murdoch-Kampagne“ in Großbritannien bekannt wurde und dazu führte, dass 20th Century Fox am 15. April 1998 einen Manager aus der britischen Niederlassung nach Dalbeattie sandte, um dort einen Scheck für einen Schulfond zu überreichen – £ 5.000 als Geste der Entschuldigung bei einem Einspielergebnis von über 1 Milliarde US$ stimmte Dorothy-Grace Elder zwar nicht versöhnlich, doch es bedeutete das Ende für ihre Kampagne. Ein Kampagnenziel, dass im Film deutlich gemacht wird, dass die Handlung fiktiv ist, wurde ebenfalls nicht erreicht. Auch war es Dorothy-Grace Elder, die deutlich machte, dass in dem Film die negativ dargestellten Charaktere, die reale Namen erhalten haben, Briten waren, während negativ dargestellte Charaktere, die Amerikaner waren, in dem Film fiktive Namen haben. Und der damals sehr präsente Streitpunkt „Rolle der Californian“, dessen filmische Darstellung durch Cameron von Titanicern mit großer Spannung erwartet worden war, wurde in dem Film ganz einfach ausgelassen.
Im deutschsprachigen Raum fanden diese Aspekte weniger Beachtung; das Ende der Murdoch-Kampagne war in deutschen Zeitungen nur eine kleine Randnotiz; die Kampagne selbst hatte keine Beachtung gefunden. Dafür lag die Ausstellung in der Hamburger Speicherstadt viel näher, und die Titanic-begeisterten Massen strömten nun dorthin. Es gab Titanic-Merchandising-Artikel, wo Film und Wirklichkeit vermischt wurden. Titanic-Sammlungen wurden aufgebaut, die, wenn sie heute aufgelöst werden, nicht die Preise erzielen, die die Besitzer erwartet haben, da 1998 und auch noch 1999 einfach viel zu viele Produkte zum Thema auf dem Markt gekommen sind. Die für den Wert eines Sammlungsstücks erforderliche Seltenheit ist damit nicht gegeben. Doch so weit dachte man vor 20 Jahren, im März 1998, noch nicht. Damals lief „Titanic“ immer noch im Kino, Leonardo DiCaprio und Kate Winslet waren Stars geworden und ein paar Titanicer hatten ihre fünf Minuten Ruhm gehabt. Im Schatten des Films entwickelte sich zudem unser Verein prächtig, doch das ist eine andere Geschichte, die im Sonderheft aus dem Juni 2017 zum 20jährigen Vereinsjubiläum nachzulesen ist.
[1] Die Royal Film Performance ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung des Cinema and Television Benevolent Fund, die sich um die Unterstützung notleidender Film- und Fernsehschaffender Großbritanniens kümmert. Um Geldmittel zu generieren, wird ein Mal im Jahr ein Film gezeigt und unter den Gästen ist ein Mitglied des britischen Königshauses; 1997 war es Prince Charles, der den Film „Titanic“ von James Cameron bei der Jahresveranstaltung sah.
[2] „Selig auf dem Wrack der Träume“, Der Spiegel Nr. 13/1998, wiederveröffentlicht in „TITANIC. Der Untergang einer Welt. SPIEGEL E-Book“, Spiegel Verlag 2017
[3] Diese Besucherinnen sind jetzt maximal 45 Jahre alt und haben mit Chance Kinder, die nun in dem Alter sind, in dem ihre Mütter damals in den Film „Titanic“ strömten.
[4] Zuvor 11 Oscars für einen einzigen Film hatte es 1960 für Ben Hur gegeben; damals wurden allerdings weniger Kategorien ausgezeichnet.