Foto „Kielwasser“ © Susanne Störmer 2014
Mein Weg zur Titanic
Für Schiffe interessiere ich mich, seit ich denken kann. Und so stieß ich zwangsläufig schon in recht jungen Jahren auf die Titanic, 1977 war es, und es war irgendein Film in schwarz-weiß, der im Fernsehen lief, vermutlich der deutsche Film von 1943. Nach der Ausstrahlung wollte ich auch ein Buch zum Thema haben, und das einzige Buch, das damals im Verzeichnis lieferbarer Bücher (wer kennt es noch?) aufgeführt war, war laut Buchhändlerin der Roman „Titanic. Tragödie eines Ozeanriesen“ von Josef Pelz von Felinau. Bis das Buch geliefert war, musste ich mich mit dem Eintrag zur Titanic im Lexikon meiner Eltern begnügen, wo die Geschichte der Titanic mit wenigen Worten erzählt wurde: Britischer Schnelldampfer, der am 15. April 1912 nach Kollision mit einem Eisberg im Atlantik und dem Verlust von rund 1500 Menschen unterging – ungefähr so lautete der Eintrag.
Mehr Stoff gab es mit dem Buch von Felinau. Für mich war damals der Unterschied zwischen Roman und Sachbuch noch nicht so richtig greifbar. Ein älterer Cousin versuchte mir den zu erklären, aber der Roman sollte doch authentisch sein, wie es in dem Buch hieß. Rund sechs Jahre später fragte ich mal wieder in der Buchhandlung nach Büchern über die Titanic, dieses Mal sogar nach „allen Büchern“, die es in Deutschland gab. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher listete neben Felinaus Roman zwei weitere lieferbare Titel: „Die letzte Nacht der Titanic“ von Walter Lord und „Titanic. Ende eines Traums“ von Wyn Craig Wade. Beide Bücher wurden bestellt, und nachdem sie vom Großhändler über die Buchhandlung zu mir gekommen waren, habe ich beide Bücher in einer Nacht verschlungen, obwohl ich anfangs sehr erstaunt war, dass es keinen deutschen Offizier Petersen an Bord der Titanic gegeben hat …
Als dann bald danach im Schulunterricht ein Referat über ein Thema gefordert war, das in der Schulklasse bisher wenig bekannt war, entschied ich mich für die Titanic auf Basis des Buches von Wyn Craig Wade, das in meinen Augen und bei meinem damaligen Wissensstand wirklich Neues zum Thema enthielt. Alle mussten vortragen und wurden benotet. Mein Titanic-Referat wurde abgewertet, weil die Lehrerin befand: „Zu dem Thema ist doch schon alles gesagt!“ Dabei war damals das Wrack noch nicht mal gefunden worden …
Meine erste Veröffentlichung zum Thema Titanic und überhaupt war dann für eine Schülerzeitung anlässlich der Entdeckung des Wracks. Mitschüler von der Redaktion wussten von meinem Interesse an der Titanic, hatten die Bewertung meines Referats auch nicht verstanden und sprachen mich an. Ich interviewte für diesen Beitrag meinen damaligen Physiklehrer, welche der damals diskutierten Methoden er für eine Bergung möglich halten würde, und ich erinnere noch, dass er sich für die Ping-Pong-Ball-Methode ausgesprochen hat.
1986 standen dann Studienfahrten von der Schule aus an, und die Fahrt, die Southampton (Titanic!) am Nähesten kam, führte nach Schottland. Schweden (ABBA!) hätte mich damals auch interessiert, war aber nicht im Angebot. Es war eine Rundreise durch Schottland bei schönstem Wetter – außer 15 Minuten Regen in Inverness, vor dem eine Gruppe, zu der auch ich gehörte, in eine Buchhandlung flüchtete. Dort entdeckte ich die englische Ausgabe von Wyn Craig Wades Buch, und bei einem Foto in dem Buch hatte ich ein deja-vu: Das Bild von der Titanic beim Stapellauf kam mir bekannt vor, obwohl ich es bewusst nie gesehen hatte. Das Buch wurde gekauft und beim Aufenthalt zur freien Verfügung in Edinburgh zwei Tage später suchte ich gezielt nach Buchhandlungen und dort dann über Bücher zur Titanic. Ich erwarb das Buch von Michael Davie, „Titanic. The Full Story of a Tragedy“, und war begeistert. Es gab Fakten und bei strittigen Themen wurde Argumente präsentiert, so dass man sich selbst ein Bild machen konnte – und es gab eine Quellenangabe, aus der mir klar wurde, dass es eine Autobiographie von Charles Herbert Lightoller, dem 2. Offizier der Titanic, und eine Biographie von ihm gab. Die Autobiographie war schon lange out of print, aber die Biographie sollte es noch geben. Dieses englische Buch damals in Deutschland zu bekommen war eine Geschichte für sich. Auslandsbestellungen machte die Buchhandlung nur mit Vorkasse oder jedenfalls einer Teilzahlung und es dauerte sechs bis acht Wochen, bis das Buch dann in die Buchhandlung geliefert wurde. Aber immerhin bekam ich so die Biographie von Lightoller nach einer langen Wartezeit. „Mythos Titanic“ von Wolf Schneider erschien ebenfalls 1986 und zwei Schulkameradinnen, die in den Herbstferien nach München gefahren waren und seit der Schottland-Reise von meinem Titanic-Interesse wussten, schrieben mir eine Postkarte aus München mit der Frage, ob ich wüsste, dass es dieses deutsche Buch gibt.
Mehrere Jahre später habe ich mit einer Kollegin einen Vortrag über die Titanic vor der Anglo-German-Society in Kiel gehalten. Die Ausarbeitung des Vortrags hat dazu geführt, dass ich mehr und mehr Informationen haben wollte – mehr, als in den zu der Zeit in Deutschland erhältlichen Büchern zu finden war. Meiner Erinnerung nach waren das die Bücher von Felinau (als Roman keine Grundlage für einen Sachvortrag), Lord und Schneider sowie das Buch von Robert Ballard zur Entdeckung der Titanic. Das Buch von Wade war out of print und das von mir hochgeschätzte Buch von Michael Davie gab es weiterhin nicht in deutscher Sprache.
Auch meine expliziten Nachforschungen zum 1. Offizier Murdoch nahmen zu und führten mich letztendlich 1992 nach Schottland, wo ich Murdochs Neffen zum ersten Mal getroffen habe (viele weitere Male folgten). Interessanterweise war er mit einer Schwedin verheiratet und hörte auch gerne ABBA. Und 1993 fuhr ich erstmals nach Southampton und war endlich an dem Ort, der mir immer so weit entfernt erschienen war; die Welt war damals einfach noch deutlich kleiner und der Radius der Menschen deutlich eingeschränkter. In Southampton war die Convention der British Titanic Society mein Ziel, wo ich unter anderem Günter Bäbler kennenlernte. Es war der Beginn einer langjährigen Titanic-Freundschaft, auch wenn Günter schon früh den Verdacht hatte, dass es mir gar nicht um die Titanic ging, sondern um Murdoch. Unter titanicfiles haben wir trotzdem begonnen, ein paar der vielfältigen Themen zur Titanic zusammen zu stellen. Unter anderem finden sich dort auch Texte von Günter oder mir oder Gästen zu speziellen Aspekten der Titanic-Geschichte, die in unterschiedlichen Ausgaben der Titanic Post des Titanic-Verein Schweiz oder im Navigator des Deutschen Titanic-Vereins von 1997 e. V. veröffentlicht wurden.
Ein weiteres Ergebnis dieser England-Fahrten der 1990er Jahre war die Gründung des Deutschen Titanic-Vereins, damals noch unter dem Namen „Titanic Infomations Center Deutschland e. V.“, an der ich initiativ beteiligt war.
1997 trat ich dann selbst unter die Titanic-Autoren und wurde zur ersten Autorin, die ein deutschsprachiges Sachbuch zum Thema über einen Verlag veröffentlichen konnte. Es war mir eine besondere Freude, meiner früheren Deutschlehrerin, die mein Titanic-Referat mehr als zehn Jahre zuvor abgewertet hatte, weil zu dem Thema schon alles gesagt worden sei, ein Exemplar zu überreichen.
Im Zuge des Titanic-Films von 1998 gab es als lebenden deutschsprachigen Titanic-Autor in Deutschland Wolf Schneider – und es gab mich, weiterhin die einzige Sachbuchautorin zum Thema Titanic in Deutschland. Ich war deswegen gefragt als Interviewpartnerin von Radiosendern aus der ganzen Republik (denen habe ich nach der Arbeit im 15-Minuten-Takt Interviews gegeben) aber war auch Gast in TV-Sendungen wie zum Beispiel „Die aktuelle Schaubude“, eine Sendung, die ich als Kind immer gerne gesehen und mit Spielkameradinnen und dem Mikrofon von Papas Tonbandgerät nachgespielt hatte.
