„A Night to Remember“ vor seiner Zeit
Von Susanne Störmer, © 2002
Die Titanic als Parabel für die Gesellschaft hatte vorerst spätestens mit Ende des 1. Weltkriegs ausgedient [1], und es sollte bis 1925 dauern, ehe wieder ein Sachbuch über Seefahrt auch den Untergang der Titanic erwähnte [2]. Das scheint eine Initialzündung gewesen zu sein, denn weitere Publikationen zum Thema Seefahrt allgemein und auch Titanic generell folgten in den nächsten Jahren, und eine sachliche bzw. vorgegeben sachliche Darstellung überwog ganz eindeutig. Damit drängt sich der Eindruck auf, dass die Titanic in Demokratien als Sachthema dominiert, während in anderen Herrschaftsformen der Untergang des Schiffes gehäuft als Parabel Anwendung findet. Bestätigt wird diese Vermutung, wenn man sich die Titanic-Literatur im deutschsprachigen Raum von 1919 bis 1939 ansieht [3]. Als geschichtlicher Hinweis ist an dieser Stelle daran zu erinnern, dass 1918 in Deutschland die Republik ausgerufen wurde, die 1933 durch Hitlers Machtübernahme ihr Ende fand. 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs an Deutschland, und beide Staaten formierten zum Großdeutschen Reich [4]. Und wie vermutlich beim ersten Titanic-Zeitabschnitt von 1912 bis 1918 ist es Josef Pelz von Felinau, der mit „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ den Schlusspunkt für die Titanic-Literatur für die Zeit von 1919 bis 1939 setzt. Es ist übrigens ein triumphaler Schlusspunkt, denn das Buch avancierte zum Bestseller. Außerdem steht dieses Buch heute in Titanicer-Kreisen in dem Ruf, das erste Titanic-Buch zu sein, das sogar verfilmt wurde [5]. Allerdings wurde Felinau nur wenige Jahre später bereits gar nicht mehr gerne auf dieses Buch angesprochen, und diese offensichtliche Ablehnung des eigenen Werks hielt wohl bis zu seinem Tod an. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen verdient auch dieser Titel eine genauere Betrachtung im zeitgeschichtlichen Zusammenhang sowie eine Interpretation, die im Rahmen eines Beitrages für eine Vereinszeitung naturgemäß nur einige Aspekte herausgreifen kann, die tiefergehend untersucht werden.
Wie bereits hinsichtlich des Erstlingswerks festgestellt, war Josef Pelz von Felinau ein Mensch, den man heute wohl als Titanicer bezeichnen würde [6]. Wahrscheinlich ist auch genau hier die Motivation Felinaus zu finden, die ihn dazu führte, den verhängnisvollen Kontakt mit Max Dittmar-Pittmann zu knüpfen.
Max Dittmar-Pittmann war ein deutscher Seemann, der in seiner 1926 veröffentlichten Biographie „Ein Menschenalter auf dem Meere“ unter anderem seine Erlebnisse als 3. Offizier der Titanic schildert [7]. Felinau fiel auf die Schilderungen dieses Mannes herein, was bei der damaligen Quellenlage durchaus nachvollziehbar ist. Allerdings hat Felinau nach eigenen Angaben auch selbst Forschung betrieben, unter anderem auch die Protokolle des amerikanischen und britischen Untersuchungsausschusses studiert und reiste dafür sogar in den 30er Jahren nach England. In einem Vorgriff auf den Inhalt von „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass beide Versionen Darstellungen und Namen enthalten, die in englischen Zeitungen von 1912 erwähnt wurden, wobei besonders in den ersten Tagen der zeitgenössischen Berichterstattung zu erkennen ist, dass die Reporter es entweder mit der Wahrheit nicht so genau nahmen und eine übertriebene Darstellung wählten, möglicherweise um ihren Lesern auf diese Art und Weise eine Vorstellung von der Größe des Schiffes und der unfassbaren Dimension der Tragödie zu geben, oder aber es sind auch die Reporter auf der Jagd nach Neuigkeiten bereits 1912 Hochstaplern aufgesessen. Unabhängig von der Qualität der Quellen kann man es aber trotzdem als gesichert ansehen, dass Felinau wirklich selbst geforscht hat. Als Motivation für diese Forschungen diente möglicherweise die Aussicht, selbst ein Sachbuch zum Thema Titanic zu verfassen. Und die Inspiration könnte von den Werken „Von Schiffen die untergingen“ (Autor: Friedrich Wencker, erschienen 1925), „Ein Menschenalter auf dem Meere“ (Autor Max Dittmar-Pittmann, erschienen 1926), „Der Untergang der Titanic“ (Autor H. Hesse, erschienen 1927) und „Titanic. Eine Ozeanphantasie“ (Autorin Maria Eugenie delle Grazie, erschienen 1928) ausgegangen sein.
Die Grundidee scheint gewesen zu sein, die Geschichte der Titanic mit dem Offizier Max Dittmar-Pittmann als zentraler Figur zu erzählen. Für diesen Offizier sprachen nämlich zwei Dinge: Zum einen konnte dadurch dem Leser [8] Vorgänge und Entscheidungen der Schiffsführung nahe gebracht werden, zum anderen war dieser Offizier für den Autor greifbar. Außerdem war es ganz offensichtlich, dass ein Deutscher als Hauptfigur zumindest in Deutschland selbst das Interesse der Medien an dem Buch steigern und sich dadurch auflagensteigernd auswirken würde.
Doch ein Dittmar-Pittmann alleine füllt noch kein Buch über die erste und letzte Fahrt der Titanic. Schließlich hatte dieser Offizier in seiner Autobiographie seine Erlebnisse ja auch bereits geschildert. Den Lesern musste mehr geboten werden – also musste der Autor weitere Quellen auftun. Felinau hat sich für Forschungsarbeit entschieden, wobei er das Quellenstudium in England machte. Diese Art von Annäherung an das Thema zeigt, wie ernst es Felinau mit dem Sachbuch war.
Allerdings hat die eigene Forschungsarbeit Felinaus offenbar zu einer Verzögerung geführt, die sich jedoch mit der Weltwirtschaftskrise erklären lässt, so dass der Autor erst in den 30er Jahren nach Großbritannien reisen konnte. Vielleicht fand aber Felinau auch erst nach der Machtergreifung Hitlers die Zeit dazu: Josef Pelz von Felinau war 1925 nach Berlin gekommen (womit er für die Vorträge von Max Dittmar-Pittmann nach Erscheinen von dessen angeblicher Autobiographie sowohl im richtigen Land als auch am richtigen Ort war!) und hatte am KüKa (Künstlerkabarett) zusammen mit Kästner, Weinert und Tucholsky gearbeitet, war aber mit Gründung des Rundfunks zu diesem Medium gewechselt. Ob Felinau nach 1933 aber noch in Deutschland blieb oder aber in seine Heimat nach Österreich zurückkehrte, ist ungeklärt – klar ist nur, dass Felinau 1938 eine Adresse in Wien als Wohnsitz angab [9]. Seine drei Kollegen vom KüKa gehörten übrigens zu den Verfolgten des Nazi-Regimes: Kästner wurde mit Schreibverbot belegt, Tucholsky ging ins Exil nach Schweden und Weinert über einige Zwischenstationen in die Sowjetunion.
Natürlich drängt sich angesichts der eigenen Forschungen Felinaus die Frage auf, warum er auf Dittmar-Pittmann hereinfallen konnte. Eine denkbare Erklärung ist folgende: Dittmar-Pittmann trat sehr überzeugend auf und konnte eventuell aufgekommene Zweifel und Widersprüche in seinen Angaben zu den Quellen über Jahre hinweg argumentativ beseitigen, indem er vielleicht Verwechslungen und politische Notwendigkeiten der damaligen Zeit anführte. Und möglicherweise war es Felinau in jenen Jahren zudem sehr wichtig, einen Überlebenden persönlich zu kennen, so dass er den Angaben Dittmar-Pittmanns mehr Glauben schenkte und vertraute als seinen anderen Quellen [10]. Sein Interesse am Thema und seine kommerzielle Ader haben in dem Fall dann verhindert, dass er den angeblichen deutschen Offizier kritischer hinterfragte.
Allerdings ergibt sich auch ein kleiner, interessanter Einblick in die Persönlichkeit Felinaus, wenn man den Glauben an Dittmar-Pittmann mit der Behauptung im Vorwort des Erstlingswerks, dass der Autor selbst ein Passagier der Carpathia war, kombiniert: Es scheint so, als wenn es Felinau an Selbstwertgefühl gemangelt hat, so dass er glaubte, seine Arbeit durch die Autorität eines Augenzeugen (anfangs er selbst als angeblicher Passagier der Carpathia, später Max Dittmar-Pittmann) aufwerten zu müssen., um Anerkennung und Beachtung zu erfahren. Vor diesem Hintergrund wird es noch verständlicher, warum Felinau Dittmar-Pittmann nicht stärker in Frage stellte, sondern ihm trotz einener Forschungen, die ja in einigen Punkten andere Ergebnisse gebracht haben müssen, bis nach Erscheinen des Buches bedingungslos glaubte. Möglicherweise war eine andere Begegnung und Zusammenarbeit im Zusammenhang mit dem deutschen Titanic-Film der Anlass für Felinau, auf Druck von anderen Dittmar-Pittmann zu überprüfen, um dann zu erkennen, dass er einem Hochstapler aufgesessen war [11].
Letztendlich gelang es Dittmar-Pittmann seine Camouflage lange genug aufrecht zu erhalten, um als Vortragender zum Thema Titanic durch die Lande zu reisen und zudem als Hauptinformationsquelle für ein geplantes Sachbuch zu dienen. Es muss Felinau wie ein Glücksfall erschienen sein, einen Überlebenden der Titanic, und zudem noch einen, der tiefe Einblicke in die Schiffsführung gehabt hatte, persönlich zu kennen und dazu gewinnen zu können, für das geplante Sachbuch zur Verfügung zu stehen. Das jedoch erwies sich später als eine Täuschung, die zudem dazu führte, dass dem Autor die Anerkennung, die seine Titanic-Werke verdienen, verweigert wurde und wird.
Die ersten drei Bücher der 30er Jahre zum Thema Titanic erschienen im deutschsprachigen Raum nach der Machtergreifung Hitlers. In drei Sachbüchern zum Thema Seefahrt oder Funk wird die Titanic kurz abgehandelt, wobei die Fakten mehr oder weniger richtig genannt werden [12]. Von 1937 bis 1939 kamen dann fünf Bücher heraus, die von den Titanicern der Gegenwart als Titanic-Bücher eingestuft werden.
Den Anfang machte Robert Prechtl mit „Titanensturz. Roman eines Zeitalters“ (geschrieben nach Angaben des Autors 1934-35; erschienen in einem österreichischen Verlag und in Deutschland zu jenem Zeitpunkt nicht erhältlich [13], spätere Auflagen wurden unter dem Titel „Der Untergang der Titanic“ verkauft), den Schlusspunkt setzte Josef Pelz von Felinau mit „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ [14].
„Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ ist deutlich anzumerken, dass der Autor plante, ein Sachbuch im unterhaltsamen Stil zum Thema Titanic zu verfassen, wobei seine Hauptquelle – neben den eigenen Forschungen – der nun schon öfter angesprochene Max Dittmar-Pittmann war. Und dieser Max Dittmar-Pittmann belegt mit seinem Vorwort ganz eindeutig, welches Ursprungskonzept der Autor für sein Buch hatte:
„Ich habe dies gelesen.
Alle darin enthaltenen Ereignisse sind wahr.
Selbst Gespräche sind stellenweise dialoggetreu wiedergegeben. Bei aller romanhaften Gestaltung, die der Verfasser anwandte, hat mich das Buch so erschüttert, als ob ich zum zweiten Male den Untergang des Schiffes mit all seinem unfassbaren Dunkel und dem unmittelbaren Grauen seines Geschehen erlebt hätte.“[15]
Damit hat Josef Pelz von Felinau die Idee gehabt, einen „Walter Lord“ zu schreiben, ehe es überhaupt einen „Walter Lord“ gab. Es war das Pech des Autors, dass er sich a) auf einen Zeitzeugen Max Dittmar-Pittmann verließ und b) vielleicht bedingt durch das politische Klima nicht mehr gewillt war, seine Ursprungsabsicht konsequent durchzuhalten und eben doch Passagen einbaute, die eine Interpretation zulassen. Möglicherweise beschlich Felinau auch Angst vor der eigenen Courage, denn bisher hatte es im deutschsprachigen Raum noch kein reines Sachbuch über die erste und letzte Fahrt der Titanic in dem geplanten Stil und Umfang gegeben, das sich gut verkauft. Aber der Roman von Robert Prechtl (erschienen 1937 in Österreich) mit John Jacob Astor als zentraler Figur war ein sehr großer Erfolg. Außerdem hatte dieser Erfolgsautor seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass man sich dem Thema Titanic nur als Roman und Symbol nähern konnte [16]. Und Felinau war kommerziell und nicht innovativ, möglicherweise hat auch ein mangelndes Selbstwertgefühl dazu beigetragen, dass er sich nicht stark genug fühlte, neue Ideen zum Erfolg zu führen. Ob jedoch Felinau zu jenem Zeitpunkt Prechtls Buch wirklich kannte, ist offen [17].
Ungefähr 15 Jahre später sollte dann ein amerikanischer Autor mit dem Namen Walter Lord das Thema Titanic ohne einen Max Dittmar-Pittmann und lediglich konzentriert auf den Zeitpunkt der Kollision bis zur Ankunft auf der Carpathia und offenbar aus Augenzeugenberichten bestehend [18] literatisch aufbereiten und damit einen Welterfolg und ein Standardwerk schaffen.
Aber es bleibt ganz klar festzuhalten, dass Felinau durchaus schriftstellerisch in der Lage gewesen wäre, bei gleicher Quellenlage und Konzeption wie Walter Lord ein ähnliches Werk wie „A Night to Remember“ zu schaffen, denn dass Felinau packend schildern und die Leser einwickeln konnte, steht ganz außer Frage, das hat er im Laufe seines Lebens in seinen zahlreichen Publikationen sowie Hörfunkproduktionen bewiesen, und Belege dafür findet man auch bei den „Sachbuchabschnitten“ von „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“.
(Hinweis: Nachfolgende Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg Berlin von 1939)
Auffälligstes Stilmittel in dem Buch ist die gewählte Zeit. Felinau hat sich für Präsens entschieden, wodurch eine größere Nähe zum Geschehen erzeugt wird und alles unmittelbarer wirkt. Ebenfalls auffällig ist, dass viele englische Bezeichnungen und Redewendungen beinahe nachlässig eingeworfen werden, wodurch offenbar Weitläufigkeit vermittelt werden soll. Diese Anglizismen lassen das Werk von der Sprache her übrigens überraschend modern wirken, wobei Fehler wie „Good-bye“ als Begrüßungsfloskel (S. 34) für eine unfreiwillige Komik sorgen. Dem damaligen Zeitgeist wird in der Sprache durch Bezeichnungen wie zum Beispiel „Irischer Niggersong“, „halbzivilisierter Orang-Utang“ (für einen schwarzen Sänger, beides S. 7), „dickwanstiger Nigger“ (S. 68) Rechnung getragen, aber abgesehen davon zieht Felinau in dem Werk großartig alle Register der Stilmittel und liefert wunderbar gezielt eingesetzte Metaphern, die einerseits sein schriftstellerisches Talent offenbaren und andererseits natürlich ihre Wirkung beim Leser hinterlassen, denn durch die vielen Vergleiche wird einerseits eine Nachvollziehbarkeit der Eindrücke erreicht und andererseits durch Assoziationen der Leser Stimmungen vermittelt. Offenbar war sich Felinau bewusst, dass zu seinem Leserkreis Menschen gehörten, für die eine Fahrt in die nächste Stadt bereits eine Weltreise war. In der damaligen Zeit arbeiteten die meisten Menschen noch dort, wo sie auch wohnten, und eine Urlaubsfahrt an ferne Plätze war noch kein Standard. Außerdem war zu erwarten, dass die Leser des Buches nicht unbedingt alle in den höchsten Kreisen verkehrten, was metaphorische Beschreibungen des Lebens in der 1. Klasse erforderlich machte, um es dem Leser näher zu bringen. Dem Werk hat diese Auseinandersetzung des Autors mit dem zu erwartenden Kenntnisstand des Lesers sehr gut getan.
Ein sehr schönes Beispiel für Felinaus Stil liefert folgende eigentlich simple Beschreibung, die jeden Germanisten in helles Entzücken versetzen müsste (S. 32 – 33):
„Aus dem Meere dringt ein tiefes, atemholendes Summen, knisternd wie feine, rauschende Seide – der Westwind! In der Fahrtrichtung liegt die See wie ein Bahrtuch. Nichts zu erkennen, nur rabenschwarze Finsternis, aus der wie ein unsichtbarer Nebel das Unbehagen steigt und die Sehnsucht nach festem Land! Und während die See ihre flüsternden Melodien dem Schiffe entgegenrauscht, scheint sie dabei ganz heimlich und leise die Gängel einer ungeheuren Wiege zu bewegen – eine treue, uralte Amme, der Gott die halbe Erde in die Arme gelegt hat und mit ihr auch den – Tod.
Drohend in das gespenstige Dunkel des eigenen Schattens gekleidet, der wie ein zweites Ungeheuer neben dem ersten einherrast, wühlt sich das Schiff durch die Nacht. Kaum dass ein aufspringender Delphin noch Zeit hat, in die Tiefe zurückzutauchen [19], während das Kleingetier, von dem zischenden Mahlstrom mitfortgerissen, streckenlang in der gewaltsamen Spur dahinzieht. Allen anderen voran ein Heer leuchtender Quallen und Medusen; und der fahle Phosphorglanz, der von ihnen ausgeht, scheint wie das gespenstische Licht einer anderen Welt den Weg des Kolosses vorzuzeichnen.“
Und wie schon in seinem Erstlingswerk wandelt sich der Stil mit Fortgang der Geschichte, doch die Art und Weise wie der Autor diesen Wechsel vollzieht und welche Wirkung er damit erzielt, zeigt, dass ihm die Worte gehorchten und er die Sprache beherrschte (S. 205 f.):
„Erbarmungslos ergießt sich die Wasserflut durch das Schiff. Reisst Türen und Wände ein, überschwemmt die Räume – steigt – steigt – unaufhaltsam. Erreicht die Stallungen im Zwischendeck. Schlägt an den Leibern der aufbrüllenden Tiere hoch – dringt in den Laderaum – brandet über Kisten, Fässer und Ballen. – Steigt weiter! Erreicht die Automobile – wuchtet sie hoch – schmettert sie wie Spielzeug durcheinander. Steigt und steigt – polternd, gurgelnd von Raum zu Raum. Erreicht die Lebensmittelmagazine im Mittelschiff; Fünfzigtausend Säcke Kaffee! Waggonladungen Zucker: ein einziger donnernder Schwall!
Kaffee mit Salzwasser und Würfelzucker!
Kaffee für Haifische, Tümmler und Garnelen.
Eiskaffee für Walfischem Seehunde und Robben.
Die Sintflut steigt weiter. Klettert Zoll für Zoll die Wände hoch, durch Spalten und Ritzen heult die entweichende Luft. Symphonie auf der Teufelsorgel!
Die Flut steigt gegen die Decke – presst, drückt und schiebt. Der darüberliegende Raum ist die Postzentrale. Das gepresste Wasser schiesst durch die Dielenritzen in fauchenden Geysiren auf, bis der Boden mit berstendem Knall zerfetzt. Sieben Millionen Briefe wirbeln hoch.
Sieben Millionen Grüße an Haifische, Tümmler und Garnelen. –
Weiter klettert die See – von Wand zu Wand – von Raum zu Raum – steigt – und steigt! Unerbittlich!
Erschreckend steil schwebt die Uhr im Treppenhaus über dem Abgrund, der sich mit jeder Sekunde tiefer und unheildrohender dem eindringenden Meere öffnet. Noch einmal hören die Fliehenden den melodischen Glockenschlag, dann bekommt das prachtvolle Werk das Übergewicht und zerschellt am Fusse der Treppe! Die Ehre in Trümmern – der Ruhm verflogen – und die Zeit – dahin!“
Der Autor verstand Literatur wohl als „Kino im Kopf“, und gegen diese Beschreibungen wirkt jeder Film armselig. Welche Möglichkeiten hätten sich Felinau eröffnet, wenn er diesen bildhaften und selbst im Rhythmus zu den Szenen passenden Stil mit einer guten Quellenlage sowie echten Augenzeugenberichten gepaart hätte …
Und auch die Dialoge sind gut durchdacht und bestechen allein schon dadurch, dass sie zu den Charakterisierungen der Personen passen. Kombiniert mit einer sehr geschickten Wortwahl, entstehen Stimmungsbilder, die beeindruckend in ihrer Vielfalt und Farbigkeit sind.
In „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ finden sich viele in Überlebenden- und Zeitungsberichten historisch überlieferte Begebenheiten, die in die Handlung des Buches eingebaut wurden. Die Beeinflussung Smith‘ durch Ismay ist natürlich ein Thema, und auch der Quartiermeister Modey hat einen Auftritt, Wilde wird als „erster Offizier“ bezeichnet – was auf heutige Titanicer-Generationen wie schlechte Kenntnis wirkt, erweist sich als Beleg für tatsächliches Quellenstudium Felinaus, denn in Zeitungsberichten von 1912 taucht der Bericht von Quartiermeister Moody als Bericht eines Überlebenden auf – und dieser Moody berichtet unter anderem, das sich der erste Offizier Wilde kurz nach der Kollision erschossen hat [20].
In Felinaus Buch findet man auch die Geschichte, dass Kapitän Smith nach dem Untergang mit einem Baby im Arm zu einem Rettungsboot geschwommen ist, das Kind den Leuten im Boot gereicht hat, danach die Frage stellte: „Wo ist Murdock?“ und auf die Erwiderung, dass der Offizier nicht mehr lebte, sich vom Boot abwendet und versinkt, verarbeitet – auch diese Geschichte findet sich in zeitgenössischen Zeitungsberichten wieder [21].
Übrigens wirkt diese Geschichte im Buch etwas merkwürdig, da Murdock sich schon kurz nach der Kollision aus der Handlung verabschiedet – ein Selbstmord wird zwar nicht beschrieben, aber durch die Wortwahl impliziert – und damit Smith‘ Frage an die Leute im Rettungsboot eigentlich nur zeigt, dass der Kapitän nicht ganz auf der Höhe der Handlung war. Doch das kann durchaus ein beabsichtigter Effekt gewesen sein.
In „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ finden zudem einige echte Legenden der Titanic-Geschichte Erwähnung. Unbedingt zu nennen sind hierbei das Blaue Band, das die Titanic angeblich holen sollte, die Geschichte des Blauen Diamanten, der angeblich jedem Besitzer Unglück gebracht hat und sich ebenfalls angeblich auf der Titanic befand [22], und die ägyptische Mumie, die an Bord gewesen sein soll. Literarisch verarbeitet wird die angebliche ägyptische Mumie an Bord der Titanic erstmalig in dem 1938 (!) veröffentlichten Drama „Fahrt ins andere Land“ von Albert Steffen. Damit kann man davon ausgehen, dass Felinau auch während der Arbeit an seinem Buch sich weiterhin mit dem Thema Titanic auseinander setzte und offen für weitere Anregungen war.
Auffällig an „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ sind außerdem folgende Dinge: Neben realen Namen von Titanic-Passagieren tauchen auch fiktive Namen auf. Das lässt die Vermutung zu, dass der Autor keine vollständige Passagier- und Besatzungsliste hatte und deswegen Namen erfinden musste, um eine Vielfalt an Charakteren einzubinden. Andererseits jedoch ist die Einbindung von Fiktivgestalten zum Beispiel in einem als authentisch gefeierten Titanic-Film 59 Jahre später extrem erfolgreich gewesen. Entweder war Felinau seiner Zeit weit voraus, oder das gesellschaftliche Klima entspricht wieder dem der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Weiter auffällig an dem Buch ist die fehlerhafte Schreibweise der Namen der Offiziere, wobei „Murdock“ sozusagen historisch ist, denn in den Zeitungen und sogar in den Protokollen der Untersuchungsausschüsse taucht immer wieder die Schreibweise „Murdock“ auf. Dagegen ist „Loeve“ für „Lowe“ und „Lightolder“ für „Lightoller“ nicht so einfach zu erklären, kann jedoch gleichzeitig als Beleg dafür gelten, dass Felinau das Buch Prechtls damals nicht gekannt hat, denn Prechtl hat diese Namen richtig geschrieben. Außerdem hatte die Titanic gleich zwei 1. Offiziere an Bord. Die Bezeichnung erhalten im Buch nämlich sowohl Wilde als auch Lightolder, Murdock dagegen erhält „Leutnant“ als Rangbezeichnung.
Zudem führt Felinau fiktive Charaktere für einige Besatzungsmitglieder ein: Statt Dr. O’Loughlin aus Irland und Dr. Simpson aus Nordirland ist ein Dr. Morell (Deutsch-Amerikaner) der einzige Bordarzt [23]. Statt Joseph Bell ist ein „Romain“ Chefingenieur an Bord, und außerdem sind Namen für Rudergänger und Unteroffiziere historisch nicht belegbar. Vermutlich war die Quellenlage des Autors auch für die Besatzungsliste nicht ausführlich genug.
Eine andere fehlerhafte Schweibweise erstaunt allerdings etwas: In seinem Erstlingswerk schrieb Felinau noch „Carpathia“, in seinen späteren Titanic-Werken wurde das Schiff jedoch zur „Karpathia“ und ganz konsequent heißt es dann auch „Kalifornian„. Und auch der Kapitän der Carpathia muss mit einer kleinen Namensänderung leben: Aus „Rostron“ wird „Rostrom“, und der Funker der „Kalifornian“ heißt bar jeglicher Quellenlage „Morrison“ (Prechtl hatte auch hier den richtigen Namen „Evans“ verwendet), während die Namen von Kapitän und Offizieren des Schiffes wieder richtig sind.
Eine Erklärung für diese Schieflage kann sein, dass Felinau bei seinen Forschungsreisen nach England – wie viele Kontinentaleuropäer – von Zeitmangel geplagt wurde. Außerdem musste er bei dem britischen Archivierungssystem erst mal die Quellen finden! Auch heute ist das oft noch die schwierigste Hürde der Titanic-Forschungen. Aber im Gegensatz zu heutigen Forschern ging Felinau davon aus, dass er einen Überlebenden, der sich noch gut an die Ereignisse erinnerte, kannte. Das kann ihn sogar schon bei der Vorgehensweise seiner Forschungen beeinflusst haben., indem er nur nach den Dingen suchte, die ihm Dittmar-Pittmann nicht erzählen konnte, um die ihm vor Ort vorhandene Zeit optimal auszunutzen.
Interessant ist übrigens, dass Felinau bei der Beschreibung der Inneneinrichtung und der Bordkapelle auf gar keinen Fall die historische Titanic als Vorbild hat, denn die war im Vergleich zu Felinaus Beschreibung geradezu spartanisch eingerichtet. Vielmehr entspricht die Titanic in Felinaus Buch den Phantasieschöpfungen deutscher Zeitungen von 1912, und die Bordkapelle ist in bester Tradition deutscher Überseedampfer zusammengesetzt. Da in den englischen Zeitungsberichten 1912 nach dem Untergang der Titanic kaum auf die Inneneinrichtung eingegangen wurde, liegt hier die Vermutung nahe, dass Felinau sich bei dieser Ausstattung „seiner“ Titanic auf Dittmar-Pittmann verließ, der wiederum sein Wissen aus deutschen Zeitungen hatte.
Eingeleitet wird das Buch mit dem Motto:
„Zerbrich die Sprache und mit ihr alle Begriffe und Dinge!
Der Rest ist Schweigen. – Dies Schweigen aber ist – Gott!“
das im krassen Widerspruch zur im Buch angewandten Sprache steht, aber ein weiteres Mal die Gläubigkeit des Autors belegt. Dieses Motto ergibt Sinn in Verbindung mit dem zentralen Monolog des Buches, das den Turmbau zu Babel mit aufgreift. Außerdem fällt in einem anderen Dialog, in dem es um den Sinn der Tragödie geht, der Satz: „Die Sprache der wirklichen Erkenntnis ist das Schweigen. Stellen Sie sich die Stille der lybischen Wüste vor (…) Lauschen Sie in die Stille der Sternennacht. (…)“ (S. 304)
Das bedeutet gleichzeitig auch, dass die Frage und Suche nach Gott das übergeordnete Motiv in dem Buch ist – wobei der Aufbau des Buches darauf hindeutet, dass dieses Motiv erst während der Arbeit an dem Werk nachträglich eingefügt wurde.
Interessant an dem Buch ist, dass sich Motive aus dem Gedicht wiederfinden: Das tanzende Wien im Zusammenhang mit einer Teilnahmslosigkeit der Welt an der Tragödie, die schon wieder in Vergessenheit gerät, als derReiz der sensationellen Neuigkeit verflogen und die Leichenbergung abgeschlossen ist, der Ballsaal, der Heldentenor – ihrer Bedeutung aus dem Gedicht sind sie enthoben, aber so ganz konnte der Autor nicht von ihnen lassen.
Das Buch verfügt über zwei übergeordnete Handlungsstränge, die jedoch durch das Bordleben miteinander verwoben sind. An diesen Handlungssträngen kann man besonders deutlich erkennen, dass die veröffentlichte Fassung sich doch von der ursprünglichen Idee und dem ersten Konzept unterscheidet. Der eine Erzählstrang soll an dieser Stelle ungeachtet der historischen Tatsachen als „sachlicher Teil“ bezeichnet werden, der andere als fiktiver. Der sachliche Teil lässt sich wiederum untergliedern und zwar in „Die Erlebnisse Dittmar-Pittmanns“, „Ismay und das Blaue Band“, „Rettung“ sowie „Bordleben“. Über das Bordleben erfolgt dann auch die Verbindung mit dem fiktiven Teil, der aus den Hauptfiguren Eva Stevenson und Lord Canterville sowie der Nebenfigur Alma Stevenson (Evas Mutter) besteht.
Im sachlichen Teil lassen sich in den Untergliederungen „Erlebnisse Dittmar-Pittmanns“ und „Ismay und das Blaue Band“ höchstens Interpretationen auf gleicher Ebene anstellen, eine schlüssige Parabel wird nicht zwingend erkennbar.
Die „Erlebnisse Dittmar-Pittmann“ vermitteln dem Leser Einblicke in die Schiffsführung. Natürlich ist Dittmar-Pittmann gegen die Rekordfahrt, natürlich warnt er vor der Eisgefahr – aber überraschenderweise ist der Deutsche nicht der einzige: Ein Offizier namens Murdock verliert angesichts der Rekordjagd seinen Optimismus, und auch andere Offiziere haben ihre Bedenken wegen der Fahrt durch das Eis, so dass die führenden Seemänner an Bord durchaus Verantwortungsbewusstsein zeigen, sich aber nicht durchsetzen können. Nach dem Passieren des Eisbergs ist es außerdem Murdock, der den Kapitän holen will und ihn auf dem Bootsdeck trifft, während Lightolder meldet, dass alles in Ordnung ist und die Maschinen wieder volle Kraft voraus laufen. Dieser Erzählstrang dominiert zudem die Schilderungen der Zeit von der Kollision bis zum Untergang und könnte durchaus ein eigenständiges Werk ergeben.
Gleiches gilt für „Ismay und das Blaue Band“. In diesem Erzählstrang dreht sich alles darum, wie sehr Ismay von dem Schiff überzeugt ist (und seine Gesprächspartner damit langweilt) und wie sehr er darauf drängt, dass die Titanic das Blaue Band holt. Für dieses Ziel setzt er sich über alle Sicherheitsbedenken hinweg und nimmt sogar das Risiko in Kauf, dass die Maschinen nach der Fahrt ausgetauscht werden müssen.
Verknüpft man diese beiden Stränge, so wird natürlich ebenfalls ein eigenständiges Werk daraus, das als Interpretation nur die gleiche Ebene zulässt und die ewigen Titanic-Beispiele ergibt: „Langsam kommt man sicherer ans Ziel“, „Sicherheit geht vor!“ und natürlich „Menschlicher Größenwahn fordert immer viele Opfer.“
Das „Bordleben“ hingegen dient einerseits zur Beschreibung der Reise, zur Vermittlung von Stimmungen und dem Aufbau eines sehr gelungenen Spannungsbogens, so dass diese Passagen als ursprüngliche Fragmente zu sehen sind. Darüber hinaus wird dieser Erzählstrang aber vom Autor stellenweise auch dazu benutzt, über Äußerungen und Diskussionen der Charaktere sowie durch Beschreibungen der Empfindungen von oftmals namenlosen Personen ein Weltbild zu vermitteln, das von Gläubigkeit, einem traditionellen Sittenempfinden und einer Sehnsucht nach Unschuld (die Beschreibung des Kinderspielzimmers ist eine wunderbare Metapher dafür, S. 141 – 142) geprägt ist.
Die Gläubigkeit, im Buch gleichbedeutend mit Christlichkeit, wird in einer Art Schlüsselmonolog von Pastor Andersen (fiktive Figur, Deutscher) gegenüber Dittmar-Pittmann deutlich (S. 122 – 123). In dieser Sequenz wird, auch durch die Erwähnung von Eva Stevenson, zudem der sachliche mit dem fiktiven Teil und damit mit der Parabel verbunden, so dass Felinaus „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ ein in sich geschlossenes Werk ist. Der angebliche Hauptzeuge Max Dittmar-Pittmann wird dabei zum Bindeglied zwischen den beiden Welten des Buches. Da die anderen Erlebnisse Dittmar-Pittmanns an Bord der Titanic deutlich weniger tiefschürfend sind, ist davon auszugehen, dass Felinau den Offizier dazu verwendet hat, der Figur Pastor Andersen für seine zentralen Aussagen einen Empfänger zu geben, der durch seine angebliche Teilnahme an der Jungfernfahrt der Titanic eine Autorität genießt, die den anderen Charakteren des Werks fehlt. Natürlich kam auch die Darstellung der Schlüsselszene des Buches mit Hilfe von zwei Deutschen auf einem englischen Schiff dem damaligen verordneten Zeitgeist sehr entgegen.
Einige der im Monolog von Pastor Andersen angeschnittenen Punkte werden kurz darauf in anderen Zusammenhängen wieder angeschnitten – so findet man die babylonischen Türme und die Inkarnation aus „(…) Sie häufen Güter – babylonische Türme voll wertlosen Krams, – wappnen sich gegen Gott mit Barrikaden von Banksafes und gehen von dieser Welt – ein gefluchtes Gebet auf den Lippen: Es war eben wieder eine verpfuschte Inkarnation. (…)“ (S. 131) wieder in der Unschuldsparabel bei der Beschreibung des Spielzimmers: „(…) Auf dem Spieltisch liegt ein aufgeschlagenes Bilderbuch mit den dicken plumpen Lettern ‚Vom Bäumlein, das andere Blätter gewollt hat.‘
Daneben ragt ein stolzer Turmbau aus buntbeklebten Holzwürfeln in die Region traumbanger Wirklichkeit: Menetekel Babylon!
Unvollendete Symphonie eines klopfenden Kinderherzens.
Der kleine Bauherr schläft, auf den Lippen das stolze Lächeln eines jungen Siegers, und die Stille der Schöpfung schwingt in unergründlichen Rhythmen durch das Dunkel der elterlichen Kabine.
Morgen wird das große Werk vollendet sein – morgen wird ihn die Mutter in die Arme schließen: ‚Junge, mein Junge, das hast Du aber fein gemacht.‘ – Morgen, – kleiner braver Jackie Taylor!“ (S. 142)
Hier lässt sich ableiten, dass die Kinder unschuldig und in Gott leben, aber durch ihre Eltern, die bereits die Inkarnation verpfuscht haben, dazu ermuntert werden, ebenfalls schuldig zu werden. In diesem Interpretationsschema, besonders vor dem Hintergrund des „Morgen“, das es weder für die Titanic noch für den Turmbau geben wird, erscheint dann der Untergang der Titanic als Gottesgericht, das auch einst Babylon getroffen hat.
Und für die Parabel „Untergang der Titanic = Gottesgericht für Größenwahn und sündiges Leben“ spricht zudem, dass Pastor Andersen in dem zentralen Monolog des Buches sich besonders dieser Thematik annimmt. So wendet er sich direkt an Dittmar-Pittmann mit: „Eine Frage, – die Sie mir bitte nicht übelnehmen wollen: – würde Sie es sehr verwundern, wenn dieses Schiff ein Gottesgericht treffen würde?“ (S. 126)
Im weiteren Verlauf der Unterhaltung, die fast einseitig vom Pastor geführt wird, sagt Andersen: „Das Leben befasst sich nicht mit Schuldfragen, Herr Pittmann, es urteilt nach Gesetz und Folgen. Ich weiss, es gibt Menschen, die vom Missgeschick verfolgt scheinen, sie können die anständigsten und besten Menschen sein, aber sie sind hartmäulig an ihrer Seele. Sie wollen es einfach nicht merken, wohin sie das Schicksal haben will! Sie bringen nicht den Mut auf, sich dem unendlichen Kraftstrom der Wahrheit anzuvertrauen, jenem Unendlichen, das trotz unseres Sträubens, trotz unseres hirnverbrannten Bockens darauf besteht, aus uns lebendige Wahrheiten und keine Missgeburten der Lüge zu machen! Weil ihnen der Glaube fehlt und das Vertrauen zu jener Macht, die weiser und klüger unsere Geschickte zu lenken imstande ist, als es der verirrte Wille unserer unbeherrschten Leidenschaft vermag. Leid ist Irrtum, Herr Pittmann, und, wo ein Schmerz ist, dort ist etwas falsch. Schmerz ist der einzige Kompass für das Kurshalten nach den Inseln der Seligen, um in Ihrer Sprache zu bleiben.“ (S. 131)
Das Motiv des Urteilens taucht ebenfalls in einer anderen Passage wieder auf:
„Im Zwischendeck ist es still geworden. Speisesäle und Gesellschaftsräume liegen im tiefen Dunkel. Die regelmäßigen Atemzüge der Schläfer beweisen, dass hier die Nacht schon längst begonnen hat. Hier lebt man, schläft man derbe, traumlose Nüchternheit – anspruchslos und ungeschminkt. Hier duftet es nicht nach arabischen Wundern – hier riecht es nach Alltag, Schweiß und Kattun und, wo das Rauchen nicht polizeilich verboten ist, nach Zigaretten, das Stück zum halben Penny.
Es hat ein Gutes, man bleibt von dem Katzenjammer der Zivilisation verschont, und erwacht mit gesundem Blick und klarem Verstand noch vor dem ersten Hahnenschrei, – wenn – ja, wenn – wie sagt Pastor Andersen:
– ‚Wenn das Leben nach Schuld und Nichtschuld urteilen würde, und nicht nach Gesetz und Folge!'“ (S. 144)
Doch erst in Verbindung mit dem Erzählstrang „Rettung“ kommt eine Bedeutung in diese Sequenz und damit in das Buch.
Der Erzählstrang „Rettung“ verbindet die drei Erzählstränge des sachlichen Teils und lässt aus dem fiktiven Teil nur Alma Stevenson dabei sein. Sie ist die Stellvertreterin für „Mütter“ in diesem Buch, und der Name „Alma“ bedeutet ja auch „die Nahrung Spendende“.
Im Erzählstrang „Rettung“ gibt es einen weiteren zentralen Dialog zwischen Dittmar-Pittmann und dem Arzt Dr. Morell, in dem es um Schuld und damit auch um die Sinnfrage bei der Tragödie geht. „Warum haben wir überlebt, während so viele andere Unschuldige gestorben sind?“, ist dabei das eigentliche Diskussionsthema. Dr. Morell ist der Wissenschaftler, der an keine höhere Macht glaubt, sondern nur an den Zufall, Pittmann bricht eine Lanze für die Erkenntnis, die in der Stille und dem Schweigen liegt.
Da – wenn man das Vorwort mit einbezieht – das Schweigen jedoch Gott ist, dann hat der Autor die wichtigste Interpretationshilfe mitgeliefert: Dittmar-Pittmann spricht sich für Gott aus und sagt damit a) dass Überleben und Sterben nicht zufällig waren, sondern von Gott gesteuert und b) dass der Untergang der Titanic ein Gottesgericht war. Damit wurde, um die Thematik von Pastor Andersen wieder aufzugreifen, nach Schuld und Nichtschuld geurteilt – was jedoch bei dem Tod der zahlreichen augenscheinlich Unschuldigen wie zum Beispiel der Kinder Erklärungen wie Inkarnation und Erziehung erforderlich macht, damit diese These Bestand haben kann. Beide Einflüsse werden vom Autor genannt, die Inkarnation durch Pastor Andersen, die Erziehung durch die Spielzimmer-Parabel.
Wichtig für die Thematik des Buches, „Wo ist Gott?“ und „Gottesurteil“, ist das deutsche Auswandererehepaar Jan-Peter und Anne aus Altona sowie ein Referendar. Jan-Peter und Anne haben nur sich selbst, und für ihr Glück haben sie alles aufgegeben, was sie in der alten Welt besaßen – in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der neuen Welt. Jan-Peter ist das Sinnbild des hart arbeitendenm wortkargen deutschen Mannes, Anne das Ideal der schweigsamen, duldsamen deutschen Frau, die zu ihrem Mann aufblickt, ohne ihn nichts ist und ihr Leben nach seinen Wünschen ausrichtet. Bei der Evakuierung der Titanic verlieren die beiden einander.
Auf der Karpathia unterhält sich ein gebrochener Jan-Peter, der sich an nichts mehr erinnert, mit dem Referendar – Jan-Peter hat seine Anne verloren, der Referendar seinen Gott. Der Referendar denkt, dass Gott sich abgewandt hat, denn sonst hätte Gott die Tragödie verhindert. Während des Gesprächs sieht Jan-Peter eine Frau vorübergehen und erkennt in ihr Anne. Bei diesem Wiedersehen findet der Referendar zu Gott zurück und versteht den Untergang der Titanic nun zwangsläufig auch als Gottesgericht, womit Gott sich beim Untergang nicht abgewandt, sondern offenbart hat. Die Unschuldssehnsucht, die der Autor besonders im Zusammenhang mit dem Kinderspielzimmer deutlich zum Ausdruck bringt, basiert sicherlich auf der Zeit, in der das Werk geschrieben wurde: Die Nationalsozialisten herrsten mit Repressionen, Überwachung und Drohungen. Einem Bevölkerungsteil, den Juden, wurden Staatsbürgerrechte versagt, es gab Rassengesetze und die Blut- und Bodenideologie. Die Regierung schrieb der Bevölkerung vor, welche Kunst für deutsche Staatsbürger angemessen war, welche Bücher sie lesen und welche Musik sie hören durften. Alle, die nicht der Norm entsprachen, wurden bestenfalls ausgegrenzt und schlimmstenfalls massiv verfolgt. Wer überleben wollte, musste entweder mitschuldig werden oder aber auswandern und damit die Heimat verlieren.
Der fiktive Erzählstrang stellt die Figuren Eva Stevenson und Lord Canterville in den Mittelpunkt. Eva Stevenson reist mit ihrer Mutter Alma Stevenson nach New York, sie reisen in der 1. Klasse. Eva leidet abends und nachts an Alpträumen – sie sieht das Schiff untergehen. Tagsüber kann sie sich an nichts erinnern. Mit Fortschreiten der Fahrt verstärken sich diese Bilder, der Schiffsarzt Dr. Morell weiss sich keinen Rat, gibt Morphium und diagnostiziert „Bordpsychose“. Auf der unsinkbaren Titanic scheinen die Träume des Mädchens wirklich nur Halluzinationen zu sein, niemand hält sie für eine Cassandra.
Interessant an der Figur Eva Stevenson sind folgende Dinge: „Eva“ bedeutet übersetzt „Frau“. Gleichzeitig wird durch die Charakterisierung und Beschreibung Evas das Bild einer reinen, unberührten Schönheit vermittelt, die jedoch auch eine dunkle Seite hat, die Mütter und Männer (hier vertreten durch den Arzt) vor Rätsel stellt und von beiden nicht richtig erkannt wird.
Besonders in Verbindung mit Eva Stevenson verwendet der Autor viele Metaphern, die mit Katzen zu tun haben. In der christlichen Mythologie stehen Katzen für das Geheimnisvolle, ja sogar für das Gefährliche und Teuflische – während im alten Ägypten Katzen heilige Tiere waren.
Kontrapunkt zu Eva ist übrigens Harriet (= weibliche Form von Henry, Henry = Heinrich, Heinrich = reiches Heim), die als südländische Typ beschrieben wird. Während Eva, ein unverheiratetes junges Mädchen, nachts vom Schiffsuntergang träumt und Bilder sieht, die bald eintreten werden, kämpft Harriet, eine allein reisende, verheiratete Frau und Mutter, den Kampf um eheliche Treue – und verliert ihn, obwohl sie alles auf dem Schiff als Lüge erkannt hat. Damit steht Harriet symbolisch für die verheiratete Frau, die durch die Ehe ihre Unschuld verloren und gesündigt hat.
Eva und Harriet begegnen sich im Verlauf des Buches übrigens nicht. Und während Eva ihr Leben auf der Titanic verliert, wird Harriet gerettet, allerdings ist sie nach dem Ehebruch mit einem südamerikanischen Ingenieur eine gebrochene Frau, die keine Gefühle mehr hat und stumpfsinnig wird. Ihre Leidenschaft ist ausgelöscht worden.
Damit bleibt noch Lord Canterville, die sicherlich interessanteste Figur der gesamten Titanic-Literatur. Allerdings ist in der ersten Version von Felinaus „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ lediglich ein Nebendarsteller und seine Rolle nur in Grundzügen vorhanden. Natürlich vermiest er Ismay bereits die Laune, als der Präsident mit Vanderbilt und Oberst Washington anstoßen will und Canterville fragt, ob er mit anstoßen darf. Dabei stellte Canterville die kühne Behauptung auf, ihm würden die meisten Aktien der Titanic gehören, was die anderen jedoch für Hochstapelei halten.
Canterville ist ein in Cherbourg zugestiegener Ägyptologe und derjenige, der die ägyptische Mumie an Bord gebracht hat. Er trifft Eva Stevenson an Deck, nimmt sie mit in die Kabine und zeigt ihr die Mumie – Eva sieht sich selbst. Canterville eröffnet ihr, dass sie, Eva, die Reinkarnation einer ägyptischen Seherin ist.
Nimmt man jedoch einige Äußerungen des ersten Cantervilles und ruft sich in Erinnerung, dass Felinau selbst in einer späteren Vertonung der zweiten Version seines Buches die Rolle des Lord Canterville gesprochen hat, so ist es einfach zu verlockend, daraus den Schluss zu ziehen, dass die Figur „Lord Canterville“ für Josef Pelz von Felinau steht. Der Autor hat sich damit selbst an Bord geschrieben.
In der Interpretation der ersten Romanfigur „Lord Canterville“ sprechen folgende Punkte dafür:
– Wenn Canterville sagt, dass er die meisten Aktien der Titanic in seiner Hand hält, so kann es auch dafür stehen, dass der Autor natürlich über den Fortgang der Geschichte in dem Buch entscheidet. Die künstlerische Freiheit lässt ihm alle Wege offen. (S. 80)
– Als Eva Stevenson fragt, ob es ein Rückerinnern an frühere Leben gibt, sagt Canterville, dass es nur geht, wenn Eva so einsam wie er werden möchte. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Autor seine mit Schreibverbot belegten oder gar ins Exil gegangenen Freunde vermisst und zudem in der Erinnerung an demokratischere Zeiten vereinsamt: Zu der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, war die Freiheit des Denkens und Handelns nur eine Erinnerung, und da Bespitzelung ein Klima von Misstrauen schafft, war es schwer, anderen gegenüber offen zu sein, besonders dann, wenn man wusste, dass die anderen sozusagen „linientreu“ waren. (S 113 f.)
– Canterville ist es auch, der dem Referendar, der sich auf der sinkenden Titanic bereits aufgegeben hat, zu Taten animiert und ihn auffordert, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Übertragen bedeutet das, dass der Autor (= Canterville) sich mehr Aktionen von der Kirche (= Referendar) zur Rettung der Menschen wünscht. Vor dem Hintergrund, dass der Protest der Kirche gegen die Ausgrenzung von ganzen Bevölkerungsgruppen im 3. Reich nur vereinzelt durch einzelne Geistliche stattfand (die meistens früher oder später im Konzentrationslager endeten), während der höhere Klerus sich dazu öffentlich nicht äußerte, ein durchaus verständlicher Wunsch. (S. 199)
– Es ist auch Canterville, der Ismays Selbstmord verhindert und den Präsidenten auffordert, weiterzuleben. Damit macht der Lord deutlich, dass es nicht am Menschen ist zu richten, sondern dass es Gottes Aufgabe ist. Damit wird natürlich der Interpretationsansatz vom sachlichen Teil verstärkt, andererseits kann man es jedoch aus als Protest des Autors gegen die Justiz in Deutschland in jeder Zeit werten, die nicht nach „Schuld und Unschuld“, sondern nach „Gesetz und Folge“ urteilte. (S. 222)
– Cantervilles Schlussszene ist auf dem Bootsdeck kurz vor dem Untergang. Er tröstet die umherirrende Eva Stevenson, die ihre Mutter verloren hat, und Eva schläft in seinen Armen ein. Dieses Bild gewinnt tiefere Bedeutung, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Eva dem Lord bei der ersten Begegnung erzählt hat, sie habe andere Passagiere davon reden hören, dass der Tod als Passagier verkleidet die Fahrt mitmache. Canterville sagt darauf, dass der Tod einem Wesen wie Eva nur mit Freundschaft begegnen könne und sagt zudem: „Kann es etwas Schöneres geben, als in den Armen eines Freundes einzuschlafen?“ (S. 106)
– Der Referendar sucht Lord Canterville auf der Karpathia und erfährt, dass ein Passagier mit diesem Namen nicht in den Listen genannt wird, es dementsprechend keinen Lord Canterville auf der Titanic gegeben hat. (S. 273 f.) Auch das entspricht der der Annahme, dass Felinau sich in Form des Lord Canterville in die Handlung auf der Titanic geschrieben hat, denn Felinau (= Canterville) war ja auch nicht auf der Titanic.
Die Einbindung von sich selbst in die Handlung eines ursprünglich als Sachbuch konzipierten Werkes zeigt aber auch, wie sehr sich Felinau mit der Titanic beschäftigt hat. Er wollte selbst mitfahren auf dem Schiff, selbst dabei sein – ein für Titanicer durchaus typischer Wunsch. Offenbar hat sich Felinau während seiner Arbeit an seinem Buch sogar als Passagier gefühlt, der es nicht geschafft hat, das Schiff zu verlassen. Und damit eröffnen sich vor dem weltpolitischen Hintergrund wieder neue Interpretationsansätze, die einen Einblick in Felinaus Gedankenwelt geben und möglicherweise sogar prophetisch waren:
In seinem Erstlingswerk hat Felinau die Titanic bereits mit dem Staat Österreich-Ungarn gleichgesetzt. Warum also sollte er in dem autobiographischen Teil des Buches nicht die Titanic mit Deutschland und dem Großdeutschen Reich gleichgesetzt haben? Die Romanfigur Canterville ist in Cherbourg zugestiegen, die Fahrt der Titanic begann aber in Southampton. Der Autor Josef Pelz von Felinau kam 1925 nach Deutschland, die Republik war jedoch bereits 1918 ausgerufen worden. Canterville bleibt auf der sinkenden Titanic, und Felinau ist in Deutschland geblieben bzw. durch seine Rückkehr nach Österreich 1938 in die deutsche Volksgemeinschaft eingegliedert worden. Die Überlebenden auf der Karpathia stehen damit für alle, die es geschafft haben, Deutschland zu verlassen, indem sie geflohen oder ins Exil gegangen sind. Von den Überlebenden auf der Karpathia kennt keiner Lord Canterville, ja, sein Name taucht gar nicht auf der Passagierliste der Titanic auf. Vermutlich haben die Bekannten Felinaus, die Deutschland verlassen haben, jeden Kontakt mit ihm abgebrochen (= sie kannten ihn nicht mehr), und Felinaus Arbeit in der Weimarer Republik ist offenbar sehr unauffällig und im Gegensatz zu anderen nicht politisch motiviert gewesen (= fehlte auf der Passagierliste). Felinaus Sympathie mit den Verfolgten und Flüchtlingen wird auch deutlich an der Szene, in der er Canterville zu Eva Stevenson sagen lässt, dass den Menschen im Zwischendeck (= den Ausgegrenzten) seine Sympathien gehören (S. 108 f.), nachdem Canterville zuvor das rastlose Leben der Reichen als verlogen und oberflächlich abgekanzelt hat (S. 107 f.). Nachdenklich an dieser Kritik stimmt übrigens, dass sie erschreckend aktuell wirkt – sie könnte sich auch auf die Gesellschaft der Gegenwart beziehen, was einen interessanten Aspekt auf unsere Zeit wirft.
„Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ wurde ein großer Erfolg. Von 1939 bis 1940 gab es insgesamt fünf Auflagen. Und das Buch prägte entscheidend das Titanic-Bild in Deutschland, obwohl es, bedingt durch die Quellenlage und das Endkonzept ein Roman war und nicht das versprochene Sachbuch. Es ist ein sprachlich hochklassiges Werk, dessen voller Wert erst sichtbar wird, wenn man Textarbeit betreibt. Dabei wird auch offensichtlich, dass Felinau über ein sehr hohes Bildungsniveau besonders in der klassischen Literatur verfügt hat – manche Metaphern lassen sich nur entschlüsseln, wenn man weiß, wer zum Beispiel „Solveig“ und wer „Ophelia“ war.
Allerdings erwies sich das Werk für Felinau als nicht völlig unproblematisch, und schon wenige Jahre später sollte eine Neufassung von „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“ erscheinen.
Quellenangaben:
Josef Pelz von Felinau, „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“, Berlin, ohne Jahr
Günter Bäbler, „Bibliotheca Titanicana“, Rüti ZHm 2001
Robert Prechtl, „Der Untergang der Titanic„, ohne Ort, ohne Datum
Die Information, dass Josef Pelz von Felinau in einem Hörspiel Lord Canterville sprach, wurde mir von Günter Bäbler gegeben.
Hermann Söldner erwies sich als zuverlässiger Ansprechpartner, wenn es darum ging, die passenden Geschichten zu den vom Autor aus Klassikern oder Sagen zitierten Namen in den Ursprungswerken zu ermitteln.
Gerhard Schmidt gab historische Informationen zur Revolution 1848 und vermittelte einige wichtige Hintergrundinformationen.
[1] Folgt man der offiziellen Datierung von Felinaus Erstlingswerk (siehe Titanic Post Nr. 37), kann man das Ende auf das Jahr 1915 festsetzen, geht man davon aus, dass das Gedicht von Felinau später erschienen ist (vermutlich Ende 1918), so markiert das Gedicht den Endpunkt.
[2] Friedrich Wencker, Von Schiffen, die untergegangen, Minden, 1925
[3] Eine Übersicht findet man in Günter Bäbler, Bibliotheca Titanicana, Rüti ZH, 2001, indem man die Haupt- und Nebenliste für die entsprechenden Jahreszahlen durchgeht.
[4] Interessanterweise war von den Revolutionären 1848 bereits der Traum von einem Großdeutschland zusammen mit Österreich geträumt worden. Nach diversen Machtkämpfen entschied sich die Nationalversammlung in Frankfurt/Main aber für die kleindeutsche Lösung, doch der preußische König Friedrich Wilhelm IV lehnte die angetragene Krone als Kaiser der Deutschen entschieden ab. Bereits vorher war es nach blutigen Aufständen in Wien (und auch in Berlin) in Österreich zu Vergeltungsaktionen gekommen (so wurde Robert Blum trotz seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter der Nationalversammlung bei Wien hingerichtet). Der österreichische Kaiser verabschiedete eine Reichsverfassung, die im Gegensatz zur Reichsverfassung der Paulskirche stand, für die Doppelmonarchie und machte damit klar, dass er nicht an einer deutschen Kaiserkrone interessiert war und eher seine unruhigen nichtdeutschen Reichsbestandteile fester an Wien binden wollte. Die Reichseinigung Deutschlands unter Ausschluss Österreichs erfolgte erst unter Bismarck 1871.
[5] (1) Andere Titanic-Bücher, die verfilmt wurden, sind „A Night to Remember“ von Walter Lord (1958), wobei die Buchvorlage als Sachbuch eingestuft wird; „Raise the Titanic“ (dt. „Hebt die Titanic„) von Clive Cussler (1979), hier diente ein Science Fiction als Vorlage.
(2) Es ist anzumerken, dass die Behauptung, Felinaus Buch von 1939 diente als Vorlage für den Titanic-Film von 1943 nicht ganz richtig ist. Die Beweisführung für diese These befindet sich im Haupttext im Zusammenhang mit dem Film von 1943 (voraussichtliche Veröffentlichung: TiPo Nr. 40)
[6] vgl. Titanic Post Nr. 37
[7] vgl. Titanic Post Nr. 36, Beitrag „Der deutsche Offizier auf der Titanic“ (S. 18 ff) oder Susanne Störmer, „Titanic – Eine Katastrophe zwischen Kitsch, Kult und Legende“, Elmshorn, 2000, Kapitel „Papier ist geduldig“, S. 27 ff
[8] Zur Vereinfachung des Leseflusses wird hier und im folgenden lediglich die männliche Form gewählt. Grundsätzlich jedoch alle Bezeichnungen wie z. B. „Leser“ geschlechtsneutral gemeint.
[9] privat
[10] Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass zum Beispiel Emma Sägesser als echte Überlebende der Katastrophe ihre Geschichte einfach den Erlebnissen eines angeblichen Titanic-Offiziers (der jedoch später als Hochstapler erkannt wurde) angepasst hat (vgl. hierzu Günter Bäbler, Reise auf der Titanic, Zürich, 1998, S. 167)
[11] dazu mehr im 3. Teil von „Josef Pelz von Felinau und die Titanic“ (Veröffentlichung voraussichtlich in TiPo Nr. 40)
[12] vgl. Günter Bäbler, „Bibliotheca Titanicana“, Rüti ZH, 2001, S. 168
[13] siehe „Josef Pelz von Felinau und die Titanic„, 3. Teil, voraussichtliche Veröffentlichung in der TiPo Nr. 40
[14] Dieses Werk erschien einige Jahre später unter gleichem Titel aber in einer erheblich erweiterten und veränderten Fassung. Die überarbeitete Ausgabe ist ein Thema des 3. Teils dieser Serie (voraussichtliche Veröffentlichung: TiPo Nr. 40)
[15] Josef Pelz von Felinau, „Titanic. Die Tragödie eines Ozeanriesen“, Büchergilde Gutenberg Berlin, ohne Datum; Copyright 1939 by Verlagshaus Bong & Co., Berlin, S. 5
[16] vgl. Nachwort in Robert Prechtl, „Der Untergang der Titanic„, ohne Ort, ohne Datum
[17] Hier ist unbedingt an die damalige politische Lage zu denken. 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und damit wurde natürlich auch das Verbot zahlreicher Bücher auf Österreich mit ausgedehnt. Damit ist es zweifelhaft, ob Felinau, selbst wenn er Prechtls Buch kannte, es gewagt hätte, sich auf das seit dem Anschluss verbotene Buch zu beziehen und es als Quelle zu verwenden.
[18] Diese Einschränkung muss sein, da dem Buch eine Quellenangabe, die eindeutig nachvollziehbar macht, woher Lord seine Informationen bezogen hat, fehlt. Und „A Night to Remember“ enthält durchaus Passagen, die historisch eigentlich nicht belegbar sein können, so z. B. Details von Vier-Augen-Gesprächen, bei denen beide Personen zu den Opfern der Titanic gehören.
[19] Ein ganz wichtiger Hinweis an für alle Cameron-Fans: Diese Sequenz wurde erstmals 1939 veröffentlicht, also 59 Jahre vor jenem bewussten Film! Wenn also jemand eine Idee „geklaut“ hat, dann ist es offensichtlich, wer es gewesen sein muss.
[20] Quelle z. B. Liverpool Echo, ca. 20. April 1912
[21] Quelle z. B. Liverpool Echo, ca. 20. April 1912
[22] vgl. TiPo Nr. 36, S. 14ff
[23] Ob Hitlers Leibarzt, Dr. Theodor Morell, in irgendeiner Beziehung dazu steht, ist anhand des vorliegenden Quellenmaterials nicht nachvollziehbar.