Verrückt nach Mary

Von Kay Linnecker, © 2005

 

Ein Schiff kommt nach Hamburg, und die Stadt steht Kopf. Morgens um halb fünf ist die U3 Richtung Landungsbrücken am Berliner Tor bereits überfüllt, so dass über die Lautsprecher die energische Durchsage erklingt: „Die nächste U-Bahn fährt in fünf Minuten!!!“ – aber das kann für die Wartenden bereits zu spät sein, denn heute kommt doch sie nach Hamburg! Der HVV hätte eben früher mit seinen Zügen einsetzen müssen, denn sie versetzt Hamburg noch vor Beginn des Berufsverkehrs in einen Ausnahmezustand. Pech hat, wer arbeiten muss.

Nachdem das Abendblatt und andere Tageszeitungen schon tagelang vorher einen Countdown mit Sonderberichten gestartet haben, überträgt der NDR tagsüber live vom Kreuzfahrtterminal (Radio), während das Fernsehen den ganzen Tag über Sondersendungen im Programm hat, unter anderem mit der Liveübertragung eines Wendemanövers des Schiffes im Hafen um die Mittagszeit. Und was den Bayern ihr Papstbier ist, das ist den Hamburgern ihr QM2-Day-Marzipan aus Lübeck.
Dabei war vor wenigen Wochen noch die QE2 im Hafen. Sie wurde aber laut Zeitungsbericht nur von einigen Dutzend überwiegend älteren Männern empfangen. Andererseits ist die QE2 so eine grossartige alte Lady, dass ein dermassen überdrehter Empfang, wie ihn die QM2 nun schon das zweite Mal erlebt, sich mit der Würde des Schiffes wohl auch nicht vereinbaren liesse.

Warum aber Mary und nicht irgendein anderes grosses Passagierschiff?
Die wenigen Erklärungsversuche in den Medien scheitern. Vermutlich ist auch niemand an einer Erklärung interessiert, denn das würde den Zauber von der Veranstaltung nehmen. So kann jeder
selbst zum Hafen gehen und für sich herausfinden, was den besonderen Reiz der Mary ausmacht.
Hilfreich für die Initiatoren des Wirbels um Mary ist sicherlich, dass die QM2 das grösste Kreuzfahrtschiff der Welt ist. Mit Superlativen lässt sich ja ausgezeichnet Werbung machen. Und dann gehört sie zur traditionsreichen Cunard Line, die 1840 den ersten Postdampferdienst auf dem Nordatlantik begründete. Dass die Cunard Line nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, wird dabei völlig
ausgeblendet – 1912 fuhren 24 Schiffe unter der Cunard-Flagge (13 davon über 12 Knoten), 2005 sind es nur noch zwei: Die QE2 und die QM2. Die in einem vorjährigen Geschäftsbericht für 2005
angekündigte Indienststellung der Queen Victoria lässt auch noch etwas länger auf sich warten. Es bleibt also bei zwei Schiffen, aber dafür Königinnen!
Die eine eine „grand old Lady“ der Meere (QE2), die andere jung und exzentrisch (Mary) mit einem Planetarium als besondere Extravaganz an Bord.

Vielleicht ist noch interessant, dass Cunard Line mittlerweile nur noch eine Marke („Brand“) der an der Börse in New York notierten Carnival Corporation und der kleineren Carnival PLC aus London ist. Die Firmen schlossen sich 2003 als gleichberechtigte Partner zusammen.
1998 kaufte Carnival Corporation die Cunard Line. Andere Marken in diesem Verbund sind Carnival Cruise Lines, Princess Cruises, Holland America Line, Windstar Cruises, Seabourn Cruise Line, P&O Cruises, Ocean Village, Swan Hellenic, AIDA, Costa Cruises und P&O Cruises Australia. Diese anglo-amerikanische Partnerschaft sieht ihr Kerngeschäft bei den Kreuzfahrten, erlebte 2004 nach eigenen Angaben ein Rekordjahr bei einer Auslastung von rund 62% (über alle Marken gerechnet) und beschäftigte dabei insgesamt 70.000 Mitarbeiter.
Die Marken bedienen einzelne Marktsegmente und damit kann die komplette Palette des Kreuzfahrtmarktes durch Carnival Corporation und Carnival PLC abgedeckt werden. Cunard wird als Premium-/Luxusmarke gesehen.

Bei den Massenberichterstattungen im Vorfeld des Hamburg-Besuchs der QM2 fehlte übrigens auch der dezente Hinweis der Cunard nicht, dass an Bord ihrer Schif fe durchaus noch Bekleidungserwartungen existieren. Das jedoch hat die ganzen Sehleute am 1. August 2005 am Hamburger Hafen nicht weiter belastet, als sie wind- und wasserdicht verpackt die Mary bei Schmuddelwetter begrüssten und spätabends mit dem längsten Feuerwerk Hamburgs wieder verabschiedeten.