Die Carpathia
© Susanne Störmer, 1998.
Anfang April 1912 liegt die Carpathia, ein Auswandererschiff der Cunard Line, ziemlich unbeachtet am Cunard Pier in New York, schließlich gibt es größere, schönere und schnellere Schiffe als jenes “Arbeitspferd”. Kommandant der Carpathia ist Arthur Henry Rostron, Spitzname “the Electric Spark” (= der Elektrische Funken); laut dem 2. Offizier der Carpathia, James Gordon Bisset in seiner Autobiographie, eine ausgezeichnete Charakterisierung dieses Kapitäns.
Für Rostron ist die Carpathia erst das zweite Kommando als Kapitän. Rostron ist, wie Bisset sich später erinnert, ein tiefgläubiger Mensch, der an die Kraft von Gebeten glaubt. Bisset beobachtet während seiner Wachen oft, wie Rostron auf der Brücke steht, die Mütze etwas angehoben hat und die Lippen zu einem stillen Gebet bewegt. Dieser Kapitän der Carpathia ist wirklich nicht der Seemann, wie man ihn sich vorstellt – Rostron raucht nicht, trunkt nicht und flucht nicht. Allerdings wird Rostron mit Skepsis beobachtet, seit er – damals noch als Wachoffizier – die Sichtung einer Seeschlange meldete.
Auf der Carpathia hat Rostron fünf nautische Offiziere, sieben Ingenieure, drei Ärzte (ein englischer, ein italienischer und ein ungarischer), einen Zahlmeister, einen Chefsteward, einen Funker sowie rund 300 Mann “einfache” Besatzungsmitglieder unter sich.
Die Männer auf der Carpathia registrieren auch die Presseberichte von der erfolgreich absoliverten Probefahrt der Titanic am 2. April 1912. Am 10. April soll die Titanic Southampton zu ihrer Jungfernfahrt verlassen – und Bisset stellt in seiner Autobiographie fest, dass die Titanic mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 22 Knoten New York am Dienstag, den 16. April 1912, erreichen wird, zwei Tage, nachdem ihr Schwesterschiff, die Olympic, den dortigen White Star Pier geräumt hat.
Als die Titanic am 11. April nach ihrem Zwischenstopp in Queenstown Kurs auf New York nimmt, verlässt die Carpathia – sie ist, wie die Titanic, nicht voll ausgebucht – mit 1035 Menschen (inklusive Besatzung) jenen Hafen in Richtung Gibraltar und Mittelmeer. Die entgegengesetzten Kurse sowie die unterschiedlichen Abreisetage und Geschwindigkeiten der beiden Schiffe werden sie unter normalen Umständen zwar nicht einander in Sichtweite, aber dennoch südlich der Neufundlandbänke relativ nah zueinander bringen – nah genug für die Carpathia, um eine wichtige Rolle in der Tragödie der Titanic zu spielen.
Am 14. April 1912 befindet sich die Carpathia etwa 1000 Seemeilen östlich von New York. Sie empfängt bis zum Abend drei Eiswarnungen – eine von der Caronia, eine von der Baltic und eine von der Californian. Für die Carpathia ist das kein Anlass zur Sorge oder für erhöhte Wachsamkeit, denn man befindet sich etwa 30 Seemeilen südlich von dem Eis.
Der 2. Offizier Bisset übernimmt am Abend des 14. April 1912 um 20:00 Uhr die Brückenwache. Um 21:40 Uhr Schiffszeit bringt der Funker der Carpathia, Harold Thomas Cottam, eine Eiswarnung von der Mesaba auf die Brücke – Bisset schätzt die Warnung nur als weitere Bestätigung der bereits früher empfangenen Meldungen ein. Als Kapitän Rostron auf die Brücke kommt, berichtet ihm der 2. Offizier von der neuesten Eiswarnung. Rostron lässt Cottam auf die Brücke kommen und fragt den Funker, welche Schiffe in seiner Reichweite sind.
Cottam nennt die Titanic, die er aufgrund der Lautstärke ihrer Signale in einer Entfernung von 30 oder 40 Seemeilen vermutet, wobei er ergänzt, dass es auch mehr Meilen sein können, da die Titanic eine sehr starke Anlage hat. Dann erwähnt er die Californian, die für die Nacht abgestoppt hat, weil sie von Eis eingeschlossen ist, außerdem hört Cottam die Frankfurt, die Mount Temple, die Virginian, die Birma sowie die Olympic, die zwar 500 bis 600 Seemeilen westlich von der Carpathia steht, aber wie die Titanic eine sehr starke Anlage und zwei Funker an Bord hat.
Früher am Tag hat Cottam bereits die Mesaba, die Baltic und die Caronia identifiziert – und mit Ausnahme der Mesaba und der Californian werden die Funker der von Cottam aufgezählten Schiffe nur wenige Stunden später Ohrenzeugen der verzweifelten Hilferufe der Titanic.
Nachdem Cottam von der Brücke verschwunden ist, sind Rostron und Bisset alleine. Bisset schildert in seiner Autobiographie Tramps and Ladies, wie sich die Lage zu diesem Zeitpunkt auf der Carpathia darstellt:
Das Wetter war schön, die See ruhig und es wehte kein Wind. Der Himmel war klar, und die Sterne schienen. Es gab keinen Mond, aber das Nordlicht flackerte wie aufleuchtende Mondstrahlen über den Horizont. Die Luft war intensiv kalt.
Obwohl die Sicht gut war, ließen die besonderen atmosphärischen Bedingungen, teilweise ausgelöst durch das Schmelzen eines großen Eisfeldes im Golfstrom nördlich von uns, die See und den Himmel ineinander übergehen, so dass es schwierig war, den Horizont zu bestimmen.
Kapitän Rostron starrte schweigend voraus und in den Himmel, dann wandte er sich nach Norden, beobachtete das Lichterspiel des Nordlichts. Ich hatte besseres vor als seine Gedanken zu stören. Dann lüftete er seine Mütze einige Zentimeter und sprach ein stilles Gebet, seine Lippen bewegten sich tonlos.
Danach wandte er sich zu mir und stellte fest: ‘Sie werden vielleicht die Titanic sichten, wenn sie nach Süden steuert, um das Eis zu umgehen. Ich gehe nicht davon aus, dass sie versuchen wird, direkt durchzufahren, wenn die Eisbrocken und Eisberge so dick sind, dass die Californian für die Nacht gestoppt hat. Funk ist eine wunderbare Sache, nicht wahr? Das Eis ist in diesem Jahr sehr früh nach Süden gekommen. Es muss ein frühes Tauwetter an der Labradorküste gegeben haben. Wir sind hier in freiem Gewässer, aber passen Sie trotzdem auf.’
‘Wir sind bald in wärmeren Wetter’, bemerkte ich.
‘Wer weíß, was voraus liegt?’, sagte er leise, dann ergänzte er: ‘Mir tut Smith von der Titanic leid. Nach dem ganzen Medienrummel beweist sie sich nun auf ihrer Jungfernfahrt als lahme Ente, und jetzt verursacht dieses Eisfeld einen weiteren Zeitverlust, wenn er es südlich umfährt, was ich vermute. Sie muss ein wundervolles Schiff sein, aber dieses ganze Zeitungsgetöse scheint eine Art von Blasphemie zu sein; zu behaupten, sie sei unsinkbar und all das.’
Ich kannte die Einstellung des Kapitäns und respektierte sie, deswegen murmelte ich eine Zustimmung. Er änderte das Thema brüsk: ‘Die Nacht ist klar und ich gehe rein.’”
Auf der Carpathia nimmt alles seinen üblichen Lauf. Der Funker Cottam sitzt an seinem Gerät und lauscht den Geschäftstelegrammen, die der Funker Phillips auf der Titanic an Cape Race, der Landstation auf Neufundland, sendet. Cottam hört auch, dass der Funker Evans von der Californian mit der Meldung: “Wir sind gestoppt, blockiert vom Eis” in die Telegramme der Titanic hinein platzt – zu der Zeit ist die Titanic nach Angaben von Bisset nicht mehr als 20 Seemeilen von der Californian entfernt. Cottam grinst, als er Phillips’ kurze Antwort hört: “Halt die Klappe, alter Junge, ich bin beschäftigt.” Phillips sendet weiter an Cape Race, während Evans und Cottam nun – unabhängig voneinander – entscheiden, sich schlafen zu legen. Auf ihren Schiffen sind sie die einzigen Funker, ihre Dienstzeit ist vorüber, und die Geschäftstelegramme der Titanic rechtfertigen kein längeres Verharren am Funkgerät.
Die Carpathia und die Titanic setzen ihre ursprünglichen Kurse fort – die Carpathia dampft mit 14 Knoten nach Osten, die Titanic mit etwa 22 Knoten nach Westen. Entgegen der Vermutung Rostrons ändert die Titanic ihren Kurs trotz des Eisfeldes nicht.
Um 23:40 Uhr streift die Titanic einen Eisberg – während die Carpathia weiter in Richtung Osten fährt; sie steht zu dem Zeitpunkt etwa 50 Seemeilen süd-südöstlich von der Titanic.
Auf der Carpathia wären alle ahnungslos von der Tragödie, die sich innerhalb der Reichweite ihres Funkgeräts abspielte, geblieben, hätte Cottam nicht gegen 0:20 Uhr aus einer Laune heraus die Kopfhörer entgegen seiner ursprünglichen Absicht noch ein weiteres Mal aufgesetzt. Er hört nichts. Doch anstatt nun wieder abzuschalten und – wie er es eigentlich beabsichtigt – schlafen zu gehen, ruft Cottam kurz Phillips auf der Titanic. Der antwortete mit einem kurzen „Weitersenden“, also fühlt Cottam sich ermutigt, mit Phillips eine Unterhaltung zu beginnen. „Guten Morgen, alter Junge, weißt du, dass Cape Code Telegramme für Dich hat?“
Phillips‘ Antwort ist so überraschend wie eindeutig: „CQD CQD CQD SOS SOS CQD SOS Kommt sofort. Wir haben einen Eisberg gestreift. CQD alter Junge. Position 41° 46′ Nord, 50° 14′ West. CQD SOS.“
Cottam fragt in seiner Verflüffung, ob er seinen Kapitän informieren soll, was Phillips bejaht. Der Funker der Carpathia rennt halb angezogen wie er ist auf die Brücke, informiert dort den wachhabenden 1. Offizier Dean, der Bisset um Mitternacht abgelöst hat, und läuft dann zusammen mit Dean zu Kapitän Rostron. Rostron ist erst wenig erbaut davon, dass zwei seiner Leute ohne anzuklopfen in seinen Raum stürzen, dann ist er völlig perplex über das, was ihm erzählt wird – doch nachdem ihm der Funker versichert, dass es keinen Zweifel an diesem Notruf gibt, springt Rostron aus dem Bett, befiehlt seinem 1. Offizier bereits, auf Nordkurs zu gehen und eilt dann mit Cottam in den Kartenraum, um den genauen Kurs der Carpathia zum Havaristen abzusetzen.
Bisset erinnert sich in seiner Autobiographie an folgende Details: “Um diese Zeit war es 0:30 Uhr, und ich war am Einschlafen. Plötzlich hörte ich die Stimme des Kapitäns den Befehl auf die Brücke geben: ‘Stoppt sie. Holt den Chefingenieur. Holt den Chief Officer. Ruft alle Offiziere. Alle Mann an Deck und macht die Boote fertig zum Ausschwingen.’
Besonders der letzte Befehl brachte mich mit einem Satz aus meiner Koje. Ich flog in meine Klamotten und Mantel, zog meine Stiefel an und sprang auf die Brücke, um herauszufinden, was los war. Dean informierte mich kurz mit aufgeregter Stimme: ‘Die Titanic hat einen Eisberg gestreift und den Notruf gesendet.’
Die Carpathia wurde bereits gewendet. Der Kapitän war im Kartenraum und setzte den Kurs ab. Er kam auf die Brücke und sagte knapp zum Rudergänger: ‘Nord 52 West. Volle Kraft voraus.’
‘Aye, aye, Sir, Nord 52 West.’
Die anderen Offiziere einschließlich des Chefingenieurs waren nun auf der Brücke. Der Kapitän bat uns in den Kartenraum und sagte: ‘Die Titanic hat einen Eisberg gestreift und ist 58 Seemeilen von hier in der Peilung Nord 52 West in Seenot. Wir werden unsere äußerste Kraft machen, wenn wir ihr zu Hilfe eilen. Setzen Sie eine Extrawache im Maschinenraum ein und holen Sie jedes mögliche Gramm an Dampf heraus. Wir können sie in vier Stunden erreichen. Alle Seemänner an Deck, um scharf Ausschau zu halten und die Boote auszuschwingen. Wir müssen möglicherweise 2000 oder mehr Menschen aufnehmen. Alle Stewards zum Dienst, um Decken bereitzulegen und heißen Kaffee, Tee und Suppe zu bereiten. Die Ärzte sollen sich im Speisesaal bereit halten. Alle Gangwaypforten öffnen. Bootsmannsstühle an jeder Gangway bereithalten. Jakobsleitern über die Seite. Die vorderen Kräne aufriggen und Dampf auf die Winden. Öl bereithalten, um bei Bedarf die See zu beruhigen. Raketen klarmachen. Alles muss so still wie möglich getan werden, um unsere eigenen Passagiere nicht zu alarmieren.’
Das alles, schnell gesprochen in Rostrons klaren und festen Tönen in weniger als einer Minute, weckte die schlaftrunkenen Männer sofort zu höchster Wachsamkeit auf. Der Chefingenieur eilte nach unten. Der Chief Officer kümmerte sich um Details an Deck, übertrug uns verschiedenste Pflichten, während mehr und mehr Befehle vom Kapitän kamen.
Innerhalb weniger Minuten erhöhten die Maschinen das Tempo ihrer Vibrationen, und am Ende jagten wir mit 16 Knoten vorwärts; die höchste Geschwindigkeit, die diese alte Dame jemals in ihrem Leben erreicht hat.”
(Anm. der Verfasserin: Andere Quellen berichten von 17 oder gar 17,5 Knoten, die die Carpathia in jenen Stunden erreichte.)
Rostron verstärkt den Ausguck – wie üblich befindet sich ein Matrose im Ausguck, zudem wird ein weiterer Matrose vorne am Bug stationiert. Und auf der Brücke befinden sich der wachhabende 1. Offizier Dean, der Kapitän selbst – und als ergänzender Ausguck der 2. Offizier Bisset im Brückennock.
Und so jagt die Carpathia mit voller Kraft voraus und so schnell, wie niemand es ihr zugetraut hat, hinein in das Eisfeld, das die Californian zum Abstoppen gebracht hat und der Titanic zum Verhängnis geworden ist. Der Funker Cottam informiert den Funker Phillips auf der Titanic: „Wir kommen so schnell wie möglich und erwarten, in vier Stunden bei Euch zu sein.“ Danach bleibt Cottam ein stummer Zuhörer – er will den anderen Funkverkehr der Titanic nicht stören.
Um 1:25 Uhr morgens hört Cottam die Titanic der Olympic mitteilen: “Wir setzen die Frauen und Kinder in die Boote.” Und um 1:45 Uhr morgens wendet sich die Titanic an das Schiff, das von allen, die auf die Hilferufe reagiert haben, am ehesten eintreffen wird, die Carpathia: “Kommt so schnell wie möglich. Der Maschinenraum ist bis zu den Kesseln geflutet. Danke, alter Junger, gute Nacht.”
Als Rostron diese beiden Meldungen hört, zieht er zum ersten Mal in Erwägung, dass die Titanic untergehen könnte. Vorher ist er davon ausgegangen, dass sie zwar schwer beschädigt ist – sonst hätte sie auch keinen Notruf abgesetzt – aber sich auf jeden Fall schwimmend halten wird, doch dass Passagiere, Besatzung und Post auf die Carpathia und andere der Titanic zu Hilfe eilenden Schiffe gebracht werden müssen. Auf der Carpathia kommt es allen unglaublich vor, dass das unsinkbare Schiff doch untergehen kann. Die Anzeichen dafür, dass die Lage auf der Titanic weitaus ernster ist, als es sich alle auf den der Titanic zu Hilfe kommenden Schiffe vorstellen können, mehren sich:
Um 1:45 Uhr werden die Funksignale schwächer; ein Zeichen dafür, dass Reservebatterien benutzt werden.
Um 2:05 Uhr verstummt die Titanic – da ist die Carpathia noch 34 Seemeilen von der Titanic entfernt.
Zwischen 2:45 Uhr und 3:15 Uhr sichtet die Carpathia zahlreiche Eisberge muss einen Zick-zack-Kurs fahren, um von diesen gefährlichen Hindernissen klarzusteuern. Die Geschwindigkeit bleibt unverändert bei “volle Kraft voraus”. Und die Carpathia kommt durch, dampft weiter in Richtung Titanic – im Maschinenraum sorgen zwei Schichten an Heizern und Trimmern dafür, dass das Schiff so schnell ist wie niemals zuvor und danach niemals wieder. Über diese halbe Stunde zwischen den Eisbergen bei voller Fahrt voraus wird Kapitän Rostron später sagen: “Gottes Hand hat das Ruder der Carpathia geführt.”
Alle auf der Carpathia halten angespannt Ausschau nach der Titanic – allmählich müsste das große Schiff in Sicht kommen, wenn sie noch schwimmt, was zu dem Zeitpunkt auf der Carpathia immer noch gehofft wird. Dass von der Titanic keine Funksignale mehr kommen, muss nicht unbedingt bedeuten, dass sie bereits untergegangen ist; es kann auch nur eine zusammengebrochene Stromversorgung dahinter stecken.
Mehr und mehr nähert sich die Carpathia der angegebenen Position der Titanic. AB und an sieht man grüne Lichter aufsteigen – anfangs geht man davon aus, dass es von der Titanic abgeschossene Raketen sind, doch als mit jeder Meile, die man sich der Titanic nähert, einfach keine Aufbauten oder Masten oder Lichter des Ozeanriesen in Sicht kommen, vermutet man auf der Brücke der Carpathia, dass diese grünen Lichter von einem Rettungsboot aus abgeschossen wurden und man sie nur auf eine so große Distanz sehen kann, weil die Nacht so außergewöhnlich klar ist. Kapitän Rostron gibt die Anweisung, als Antwort ebenfalls Raketen abzufeuern, um den Leuten auf der Titanic zu zeigen, dass Hilfe naht.
Um 3:30 Uhr steckt die Carpathia ein weiteres Mal zwischen Eisbergen, und Eisschollen schleifen am Rumpf entlang. Rostron reduziert die Geschwindigkeit erst auf “halbe Kraft” und dann auf “langsam voraus” – man steuert vorsichtig weiter in die Richtung, in der die grünen Lichter abgeschossen werden und hält weiterhin scharf Ausschau nach der Titanic, die man immer noch irgendwann zu sehen hofft.
Um vier Uhr morgens setzt dann die Dämmerung ein. Gleichzeitig lässt Rostron die Maschinen stoppen – nach dreieinhalb Stunden ist man an Ort und Stelle. Aber keine Spur von der Titanic – die als “undenkbar” unterdrückte Vermutung, dass die gigantische Titanic bereits gesunken ist und die Carpathia zu spät kommt, wird auf der Brücke der Carpathia nun zur traurigen Gewissheit.
Auf der Carpathia setzt sich trotz der Anspannung in allen die Macht der Gewohnheit durch – acht Glas werden angeschlagen und der Mann im Ausguck singt aus: “Alles wohl und Laternen brennen hell!” Auf der Brücke löst Chief Officer den 1. Offizier Dean ab – und in diesem Moment wird ein Rettungsboot gesichtet, das sich in der leichten Brise, die mit der Morgendämmerung einsetzt, der Carpathia nähert.
Um 4:20 Uhr steht der 4. Offizier der Titanic auf der Brücke der Carpathia Kapitän Rostron gegenüber. Rostron fragt ohne irgendwelche Einleitungen oder Formalien aber voller Erregung: “Wo ist die Titanic?”
“Weg. Sie ist um 2:20 Uhr gesunken.” Boxhalls Antwort ist nur noch eine Bestätigung, die keiner mehr benötigt. Noch kann sich allerdings niemand das Ausmaß der Tragödie ausmalen. Aber mit jedem weiteren Rettungsboot, das die Carpathia erreicht, beginnt sie sich abzuzeichnen. – Die Carpathia und ihre Besatzung haben eine großartige Leistung vollbracht, sie sind eine halbe Stunde früher als angekündigt am Ort des Geschehens – aber dennoch zu spät gekommen.
Der beginnende Morgen des 15. April 1912 spendet Licht für eine Szene voller Tragik – umgeben von zahlreichen großen und kleinen Eisbergen nimmt die Carpathia die erschöpften und teilweise unterkühlten Überlebenden der Titanic aus den Rettungsbooten der Titanic auf. Eine Ansammlung von Wrackteilen markiert den Ort, an dem der Gigant in der Tiefe versunken ist.
Stille macht sich auf der Carpathia breit – und nach und nach versammeln sich Menschen an der Reling des Dampfers: Die Passagiere der Carpathia, die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von den Vorgängen an Bord wach geworden sind, sowie die bereits an Bord genommenen Überlebenden der Titanic. Die bereits an Bord genommenen Überlebenden starren angstvoll in jedes weitere Rettungsboot, das anlegt . sie hoffen, noch vermisste Familienangehörige oder aber Freunde oder Bekannte zu entdecken. Fast alle hoffen vergeblich.
Um 8:30 Uhr geht der letzte Überlebende an Bord – es ist der 2. Offizier der Titanic, Charles Herbert Lightoller. Spätestens jetzt erkennen viele Frauen, dass sie zu Witwen und ihre Kinder zu Halbwaisen geworden sind, zudem ist nun klar, dass gute Freunde und Bekannte die Nacht nicht überlebt haben. Die Carpathia ist zu einem Schiff der Trauer geworden. Die Hausflagge des Dampfers weht auf Halbmast.
Rostron entscheidet, dass die Carpathia mit den Überlebenden nach New York zurückkehren wird. Das bedeutet zwar eine Verspätung im Fahrplan seines Schiffes, aber die anderen beiden Alternativen, die der Kapitän hat, sind nicht durchführbar – um mit den Überlebenden die Fahrt nach Gibraltar fortzusetzen, fehlt der Proviant, und Halifax auf Neufundland, der Hafen, der am nähesten liegt, ist nur mit einer Fahrt durch das Eisfeld zu erreichen, das der Titanic zum Verhängnis wurde.
Die Passagiere und die Besatzung der Carpathia räumen ihre Unterkünfte für die Überlebenden und ziehen selbst in freie Kabinen der 3. Klasse. An Land dagegen macht man sich Sorgen um die Stabilität der Carpathia aufgrund der unerwarteten zusätzlichen Menschen an Bord. Doch da die Carpathia bei Antritt ihrer Reise nur zu einem Drittel belegt gewesen ist, sind die in der Presse geäußerten Befürchtungen grundlos.
Den härtesten Job auf der Carpathia hat nun der einzige Funker. Von ihm wird erwartet, dass er die Namen der Geretteten möglichst schnell übermittelt. Cottam arbeitet bis zur völligen Erschöpfung, schließlich war er, als der erste Notruf empfangen wurde, bereits über 16 Stunden im Dienst gewesen, und irgendwann schläft er einfach über dem Gerät ein. Dann erhält er Unterstützung von Harold Bride, dem 2. Funker der Titanic, der überlebt hat, selbst aber schwer angeschlagen ist. Zumindest Cottam verliert in der Zeit vom 15. April bis zur Ankunft der Carpathia in New York jegliches Zeitgefühl, gibt, zusammen mit Bride, alles, was er geben kann – und wird trotzdem kritisiert, weil die Namen der Geretteten viel zu langsam übermittelt werden. Aber: Die Carpathia hat eine schwache Funkanlage, sie muss, um in Verbindung mit Land zu treten, eine Funkstation auf einem anderen Schiff als Relaisstation benutzen, und wenn jene Station die übermittelten Daten weiterleitet, kann Cottam keine weiteren Nachrichten mehr senden. In jenen Tagen hat die Marconi-Gesellschaft allen anderen Funkern übrigens auch bis auf die wichtigsten Meldungen absolute Funkstille verordnet, um den Funkverkehr der Carpathia nicht zu stören.
Am 18. April 1912 erreicht die Carpathia am Abend New York. Über 30.000 Menschen bilden eine schweigende Mauer am Cunard Pier und warten im strömenden Regen. War die Carpathia zwar ein Schiff voller Trauer aber dennoch eine Insel der Ruhe gewesen, so müssen sowohl Besatzung der Carpathia als die Überlebenden der Titanic erkennen, welchen Medienrummel der Untergang der Titanic ausgelöst hat. Als Held gefeiert wird unter anderem Kapitän Rostron – zu recht! Er hat mit seinem Schiff alles riskiert, die 1035 Menschen an Bord einer Gefahr ausgesetzt, um den 2200 Menschen auf der Titanic zu helfen. Doch nur für 705 von ihnen war sein Schiff noch rechtzeitig gekommen.
Die Carpathia nimmt ihre am 11. April 1912 ein weiteres Mal auf – und in jedem Hafen, den sie auf dieser Reise anläuft, werden Kapitän, Schiff und Besatzung wie Helden gefeiert. Titanic-Überlebende Molly Brown lässt Erinnerungsmedaillen für die Besatzung der Carpathia prägen und stiftet zudem einen Pokal für das Schiff. Dieser Pokal wird zum Maskottchen der Carpathia.
Für Rostron ist die Rettung der Überlebenden der Titanic der Beginn einer großen Karriere – er kommandiert später die Mauretania und auch die Berengaria, wird Kommodore der Cunard Line und geadelt. Rostron stirbt im November 1940 an einer Lungenentzündung, die er sich in den zahlreichen Nächten in den kalten und feuchten Luftschutzbunkern Southamptons während deutscher Luftangriffe auf die Stadt zugezogen hat. Von den anderen Offizieren der Carpathia überlebt nur der 2. Offizier Bisset den 2. Weltkrieg – auch er geht geadelt und als Kommodore in den Ruhestand, nachdem er zuletzt die Queen Mary und die Queen Elizabeth kommandiert.
Die Carpathia selbst fährt weiter im Mittelmeerdienst. Im September 1914 wird sie von der italienischen Regierung mit einer Strafe belegt, weil ihr die nötige italienische Lizenz zum Befördern von Auswanderern fehlt. Nachdem die Carpathia während des 1. Weltkriegs zuerst von Piräus, Griechenland, aus weiter im kommerziellen Dienst fährt, wird sie ab 1915 wieder auf dem Nordatlantik eingesetzt – sie verkehrt von Liverpool aus nach New York und Boston.
Am 17. Juli 1918 besiegeln zwei deutsche Torpedos das Schicksal des Schiffes. Die Carpathia fährt im Konvoi nach Boston, als sie etwa 100 Seemeilen (ca. 190 km) westlich von Fastnet Rock, Irland, von den Torpedos getroffen wird. Ein dritter Torpedo trifft das Schiff, als die Rettungsboote besetzt werden. Fünf Mann der Besatzung werden durch Explosionen getötet, während die übrigen 218 sowie alle 57 Passagiere von dem Kriegsschiff Snowdrop aufgenommen und nach Liverpool gebracht werden.
Die Carpathia sinkt am 17. Juli 1918 um 0:40 Uhr – und mit ihr versinkt der Pokal, der an die größte Tat des Schiffes erinnert.
Die genaue Lage des Wracks der Carpathia ist übrigens bis heute unbekannt – es hat sich noch niemand die Mühe gemacht, danach zu suchen.
Quellen:
Kommodore Sir James Bisset, Tramps and Ladies. My Early Years in Steamers, Sydney, 1959
Walter Lord, A Night to Remember, London, 1988
Susanne Störmer, Titanic – Mythos und Wirklichkeit, Berlin, 1997
Cunard Archives im Internet, http://www.liv.ac.uk/~archives/cunard/ships/carpath.htm (zuletzt besucht 1998)
Titanic Discuss List im Internet
Wichtiger Hinweis:
Alle Textzitate sowie die wörtlichen Reden sind dem Buch Tramps and Ladies. My Early Years in Steamers entnommen worden.