TITANIC

von Susanne Störmer, © 1997

 

Drei Stunden und zwanzig Minuten TITANIC – welcher Titanicer kann dazu schon „Nein“ sagen? Um das Wichtigste gleich an den Anfang zu setzen: James Camerons TITANIC ist unbedingt sehenswert, ein Kinofilm, kein Fernsehfilm – und kein Film, der sich schnell abschütteln lässt, obwohl es „nur“ eine Lovestory ist. Kein Film, der uns etwas für das Leben mitgeben will, ein Film, den man überinterpretiert, wenn man etwas hineininterpretiert – TITANIC will uns nur unterhalten, und das macht er gut. Beeindruckende Aufnahmen, geniale Computeranimationen und dazu eine hübsche Romanze – es gibt keinen Grund, sich zu schämen, wenn man diesen Film „gut“ oder noch besser findet. Das Ergebnis rechtfertigt auf jeden Fall den Aufwand, den Cameron betrieben hat. Es ist vielleicht der ultimative Titanic-Film, auf jeden Fall ist es aber das Beste, was bisher über die Titanic auf die Leinwand gebracht wurde.

Doch aus Titanicer-Sicht kann es kein historisch korrekter Film sein, denn Cameron hat fiktive Charaktere in den Mittelpunkt gestellt. Aber die dichterische Freiheit des Drehbuchautors hat den Regisseur nicht davon abgehalten, alle Anstrengungen zu unternehmen, ein geschichtlich korrektes Umfeld zu erstellen. Dennoch bleiben Titanic-historisch natürlich Zweifel, und es gibt auch genug Diskussions- und Zündstoff. Dafür sorgt allein schon die Tatsache, dass die Titanicer seit den Bergungsexpeditionen in zwei Lager gespalten sind. Pikanterweise beginnt Camerons TITANIC mit Aufnahmen vom Wrack (Cameron ist höchstpersönlich in die Tiefen des Nordatlantiks getaucht) und mit einer Darstellung von den Bergungsexpeditionen, die mehr in Richtung Contra gehen. Gemäß Internet-Geflüster ist George Tulloch (Chef von R.M.S. Titanic Inc., der Firma, die die Bergungsexpeditionen leitet) im Viereck gesprungen, als er die Darstellung von Brock Lovett in dem Film gesehen hat. Ganz eindeutig kommt hier der Einfluss der Historiker der Titanic Historical Society (USA), die als Berater fungierten, durch – denn dieser Titanic-Verein hat sich absolut gegen die Bergungsexpeditionen ausgesprochen.
Die Retourkutsche von Tulloch folgte übrigens bereits: Er ließ es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass Cameron, der mit einem russischen U-Boot zum Wrack getaucht ist, Beschädigungen an der Titanic verursacht hat. Tulloch hat sogar Teile des russischen U-Boots am Wrack gefunden, diese gehoben – und ausgestellt.

Doch zurück zum Film: Wie es im Leben so üblich ist, sieht eine alte Dame zufällig eine Live-Übertragung der Bergungsexpedition im Fernsehen und meldet sich dann beim Leiter der Bergungsexpedition – sie erklärt ihm, dass sie 1912 auf der Titanic war. Per Hubschrauber gelangt sie auf das Schiff von Lovett, das sich noch über der Untergangsstelle befindet – und nach einem kurzen Intermezzo geht’s dann zurück ins Jahr 1912.
Die Titanic taucht auf – und der Anblick des Nachbaus ist beeindruckend – allerdings: Bei bestimmten Szenen wirkt dieses Schiff „falsch“. Wer jemals ein „echtes“ Schiff bei Sonnenschein gesehen hat, hat vielleicht bemerkt, dass das Schiff leuchtet, reflektiert oder auch strahlt – die Film-Titanic dagegen wirkt in solchen Szenen einfach „stumpf“. Aber gut, Cameron hat die Titanic nur für die Dauer der Dreharbeiten nachgebaut, das Modell existiert schon nicht mehr – und böse Zungen behaupten, dass, wenn El Niño den Ort der Dreharbeiten gestreift hätte, der Film wegen Zerstörung des Nachbaus durch die Naturgewalten noch vor der Fertigstellung untergegangen wäre. Doch die Schwäche des Modells fällt nur bei bestimmten Szenen auf, ansonsten ist es der beste Nachbau, der je für einen Titanic-Film benutzt wurde. Und die Inneneinrichtungen – phänomenal gut und schwer beeindruckend. Einfach genial übrigens die Darstellung von Szenen aus dem Maschinenraum – in so einer Perfektion wurden sie bisher noch nie gezeigt.

Schwach dagegen sämtliche nautische Offiziere einschließlich Kapitän. In diesem Film agieren die Männer wie im Trance – man gewinnt den Eindruck, man könne diesen Herren beim Laufen die Schuhe besohlen. Und deren Reaktionszeiten – sei es auf Worte oder Situationen – sind ein einziges Ärgerniss. Man möchte ihnen zurufen: „Kommt doch endlich mal in die Hufe“, aber sie zeigen alle die Einstellung: „Komm ich heut‘ nicht, komm ich morgen …“ Das ist absolut nervig. Cameron oder seine Berater haben offensichtlich nicht bedacht, dass z. B. Kapitän Smith ein Seemann war, der 1912 seit über 40 Jahren einen Beruf ausgeübt hat, in dem schnelle Entscheidungen und prompte Reaktionen über Leben und Tod entscheiden. Nein, in diesem Film wirken die Nautiker sehr verschlafen und haben ständig eine unglaublich lange Leitung. Man möchte sie schütteln oder ihnen kräftig in den Hintern treten, damit endlich mal Bewegung in die Herrschaften kommt …

Dem Einfluss der Titanic Historical Society ist es wahrscheinlich auch zu verdanken, dass sich der 1. Offizier Murdoch in diesem Film erschießt. – Noch lebende Angehörige von Murdoch haben gegen diese Darstellung übrigens schriftlich protestiert, allerdings niemals irgendeine Reaktion darauf erhalten. – Und selbst dieser Selbstmord geschieht in „Zeitlupe“ – allein die Leiche fällt schnell über Bord, und es ist die einzige schnelle Aktion eines Offiziers in diesem Film.

In diesem Zusammehang auch der Hinweis, dass das Ausweichmanöver aus Titanic-historischer Sicht ebenfalls völlig katastrophal dargestellt wird, doch es passt andererseits wieder zu dem generellen Verhalten der Offiziere in diesem Film. – Cameron hätte vielleicht daran denken sollen, dass auf der „richtigen“ Titanic die besten Offiziere der White Star Line zusammengezogen wurden. Die Darstellung der Offiziere in Camerons TITANIC ist auf jeden Fall eine Ohrfeige und auch eine Beleidigung für die Offiziere der Titanic.

Auch ist es aus dramaturgischer Sicht ausgesprochen bedauerlich, dass Cameron den fiktiven Hauptpersonen sehr viel Raum bzw. Zeit einräumt, während andere Charaktere nur kurz auftauchen und dadurch einige Szenen nur für eingefleischte Titanicer zu verstehen sind. So plätschern viele Darstellungen, die die Schrecken dieser Tragödie deutlich machen sollen, wie Katastrophenbilder aus Nachrichtensendungen dain – man sieht zwar die Menschen, aber man hat vorher nie eine Beziehung zu diesen Personen aufbauen können, so dass trotz der Dramatik der einzelnen Szene eine gewisse Distanz zu den Vorgängen bleibt. Beispiel Ehepaar Straus – ziemlich zu Beginn des Films werden sie kurz vorgestellt – und dann tauchen sie erst kurz vorm Untergang wieder auf: Gezeigt wird ein altes Ehepaar, das händchenhaltend auf einem Bett liegt, während in der Kabine das Wasser steigt.
Besonders bei den dramatischen Szenen während des Sinkens der Titanic „rächt“ es sich dann, dass Cameron in der Zeit, die er vorher zur Verfügung hatte, sich nur auf wenige Personen konzentriert hat. – So lassen sich z. B. die Offiziere auch nur an ihren Rangabzeichen unterscheiden, ach ja: Der Herr, der, wann immer er einen Auftritt hat, auf einer Trillerpfeife zu blasen scheint, ist Chief Officer Wilde.
Wahrscheinlich sind viele Szenen, die die Personen, die später in Notlagen gezeigt werden, „einführen“ sollen, dem Schnitt zum Opfer gefallen – die dänische Schauspielerin Camila Overbye Roos z. B. hatte eine größere Nebenrolle, doch die wurde in der endgültigen Fassung auf eine einzige Szene kurz vorm Untergang reduziert.

Schade auch, dass Cameron sich durch den Aufbau des Films selbst der Spannung beraubt – indem klar ist, dass die fiktive Person Rose überlegt, geht Dramatik verloren, wann immer Rose auf dem sinkenden Schiff in Schwierigkeiten gerät, weil sie z. B. durch verschlossene Türen aufgehalten wird, während das Wasser steigt und steigt und steigt …

Aber alles in allem ist es ein sehr gelungener Film, und die aufgeführten Schwächen sind – im Vergleich zur Gesamtlänge des Films – absolut minimal, da sie wirklich nur einen kleinen Teil von TITANIC betreffen.

Aufwühlend ist TITANIC von James Cameron auf jeden Fall, und man sieht, dass verdammt harte Arbeit darin steckt. Der Film ist sein Eintrittsgeld wert – und wer sentimental veranlagt ist, ist gut geraten, ein Taschentuch bereitzuhalten.