I believe she’s gone, Hardy

von Susanne Störmer, © 2002

 

Das sagte der 1. Offizier Murdoch zum Chefsteward der 2. Klasse, John Hardy, auf der sinkenden Titanic. Im Deutschen wird dieser Ausspruch zum Beispiel mit „Ich glaube, sie ist hinüber, Hardy“ [1] oder „Ich glaube, es ist aus mit ihr, Hardy“ [2] übersetzt, wobei ja die Übersetzung eine weitere Interpretation beinhaltet. Dieses „she’s gone“ kann natürlich für „sie ist hinüber“ oder „sie ist kaputt“ oder irgendwas anderes in der Art stehen, aber in der englischen Umgangssprache steht dieses „she’s gone“ auch für „sie ist weg“ im Sinne von weggegangen oder weggefahren. Grammatikalisch korrekt wäre natürlich „she’s gone away“, aber während das „away“ im formellen geschriebenen Englisch auch zwingend erforderlich ist, wird es in der informellen Sprache und im täglichen Sprachgebrauch weg gelassen [3]. Generell wird, in Übereinstimmung mit Hardy. davon ausgegangen, dass Murdoch sich wirklich auf die sinkende Titanic bezog.
Allerdings gibt es da einen Widerspruch: Es war nämlich auch Murdoch, der sich bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt vom 3. Offizier Pitman mit den Worten „Good-bye, good luck“ („Auf Wiedersehen, viel Glück“) verabschiedet und dabei sogar zum Abschied die Hand reichte [4]. Pitman sagte vor beiden Untersuchungsausschüssen aus, dass Murdoch durchaus unter dem Eindruck zu stehen schien, dass man sich vielleicht nicht wiedersehen würde. Dementsprechend macht dieser ziemlich stilvolle Abschied besonders dann Sinn, wenn Murdoch schon zu diesem frühen Zeitpunkt, nämlich beim Einbooten von Boot 5 rund eine Stunde bevor er dieses „I believe, she’s gone, Hardy“ sagte, wusste, dass die Titanic sinken würde.
Wie konnte Murdoch es wissen, während andere es zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten?
Murdoch hatte die ideale Ausgangsposition, um über den Zustand des Schiffes informiert zu sein: Die Kollision war während seiner Wache geschehen, und er durfte die Brücke nicht eher verlassen, als bis er am regulären Ende seiner Wache um 2 Uhr morgens Schiffszeit abgelöst wurde oder aber vom Kapitän zu einem früheren Zeitpunkt fortbeordert wurde. Damit war Murdoch auf der Brücke, als dort die Schadensmeldungen zusammenliefen.
Zieht man in Erwägung, dass Murdoch bereits zu Beginn des Einbootens wusste, dass die Titanic unrettbar verloren war, dann macht es wenig Sinn, dass er sich zuerst von Pitman mit „Auf Wiedersehen, viel Glück“ verabschiedet und später zu Hardy „I believe she is gone, Hardy“ sagt, so, als würde die Tatsache, dass die Titanic untergehen könnte, zum ersten Mal in den Sinn kommen.
Damit lohnt es sich, eine genauere Untersuchung der Umstände zu machen, unter denen duese Worte gesagt wurden.

Hardys Aussage vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss zu diesem Ausspruch:
Mr. Hardy: „Natürlich hatte ich großen Respekt und viel Achtung vor Chief Officer Murdoch [sic!], und ich ging mit ihm das Deck entlang nach vorne, und er sagte: ‚I believe, she’s gone, Hardy‘, und das war der einzige Zeitpunkt, an dem ich dachte, sie könne sinken, als er das gesagt hat.“
Senator Fletcher: „Wie lange war das, bevor das Boot gefiert wurde?“
Mr. Hardy: „Eine gute halbe Stunde, würde ich sagen, Sir.“
Senator Fletcher: „Wohin ging er dann, wissen Sie das?“
Mr. Hardy: „Er ging in Richtung Achterteil dieses Decks. Das war, bevor alle Boote gefiert worden waren.“
Obwohl Hardy nicht gerade viel sagt, können doch zwei bedeutende Punkte abgeleitet werden:
1.) Wann sagte Murdoch diese Worte?
Hardy sagte, es war „eine gute halbe Stunde“ ehe Hardy die Titanic in Boot D verließ. Boot D wurde ungefähr gegen 2:05 Uhr gefiert, dementsprechend war es ungefähr 1:35 Uhr, als Murdoch diese Worte sagte.
2.) Wo wurden diese Worte gesagt?
Hardy sagte, dass er mit Murdoch nach vorne ging – und Murdoch ging danach nach achtern. Betrachtet man Murdochs überlieferte Bewegungen in jener Nacht, kann man einige Generalkurse erkennen: Er hatte das Kommando über die Steuerbordseite und begann das Einbooten mit Boot 7, danach arbeitete er sich seinen Weg nach vorne: 5, 3 und 1, obwohl der 5. Offizier Lowe sich selbst das Laden und Fieren von Boot 1 zuschrieb und der Leitende Heizer Hendrickson aussagte, es wäre der Offizier gewesen, der Notraketen vom Steuerbordausleger abfeuerte [5]. Boot 1 wurde gegen 1:10 Uhr gefiert, also rund eine Stunde bevor Hardy das Schiff verließ, und damit ist das zu früh. Murdochs nächste Aktionen auf dem Bootsdeck war das Herüberbringen von Frauen und Kindern von backbord nach steuerbord zu Boot 9, und danach fierte Murdoch die Boote 11, 13 und 15, arbeitete sich jetzt also nach hinten durch, was die falsche Richtung ist. Nachdem Boot 15 gefiert wurde, wurde Murdoch an Boot 10 gesehen, das gemäss neuesten Erkenntnissen gegen 1:40 Uhr gefiert wurde [6]. Also muss Murdoch von Boot 15 zu Boot 10 nach vorne gegangen sein – und vielleicht ist er sogar an backbord nach vorne gegangen, da es beim Fieren von Boot 14 und 16  an backbord Probleme gegeben hat [7]. Die Richtung stimmt, der Zeitpunkt stimmt auch so ziemlich, allerdings sind die Umstände nicht ganz korrekt, da Hardy auch noch sagt, dass Murdoch danach wieder weiter nach achtern ging. Damit sieht es so aus, als wären die beiden nach dem erfolgreichen Fieren von Boot 10 nach vorne gegangen. Während an steuerbord alle hölzernen Rettungsboote bereits gefiert waren, gab es an backbord vorne noch die Boote 2 und 4, die noch nicht gefiert waren. So ist es möglich, dass Murdoch einfach nur sehen wollte, ob seine Hilfe an backbord noch erforderlich war, oder ob er an steuerbord zurückkehren und seine letzten beiden Boote fieren konnte – die Faltboote C und A.
Dementsprechend scheint es so, als hätte Murdoch diese Worte Hardy gesagt, als die beiden von Boot 10 zu Boot 2 gingen. Hardy würde ja die Titanic am Ende in Boot D verlassen, und D wurde von den Davits von Boot 2 aus gefiert. – Nachdem Murdoch an Boot 2 irgendwas geprüft oder überprüft hatte, vielleicht hat er sich auch mit Wilde ausgetauscht, wie weiter vorgegangen werden sollte (der 2. Offizier Lightoller war immer noch mit Boot 4 auf dem A-Deck beschäftigt und damit nicht auf dem Bootsdeck zugegen). Wilde war laut dem 2. Offizier Boxhall übrigens an Boot 2. Und damit war ja für Murdoch auch kein Anlass mehr, ebenfalls an dem Boot zu bleiben, so dass er wieder nach steuerbord gehen konnte. Wenn er dafür aus welchen Gründen auch immer nicht den Weg über die Brücke verwendete, sondern über das Bootsdeck ging (vielleicht, um noch einige Leute zu rufen, die ihm zur Hand gehen sollten), musste er wirklich wieder nach achtern gehen, um zur Steuerbordseite zu gelangen.
Deswegen bin ich der Meinung, dass Murdoch die Worte „I believe she is gone, Hardy“ sagte, als er von Boot 10 zu Boot 2 ging.

Worauf beziehen sich diese Worte?
Hardy erwähnt keine andere Unterhaltung, noch gibt er weitere Informationen – er nennt nur dieses Zitat. Damit ist es erforderlich, an dieser Stelle einen Ausflug in die Konversationslehre zu machen. Denn jede Nachricht, sogar jedes Wort, das gesagt wird, muss vom Empfänger interpretiert werden. Manche Aussagen sind eindeutig, andere lassen mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu. Wie eine Nachricht aufgenommen wird, bestimmt nicht der Sender, sondern einzig und allein der Empfänger. Ob der Empfänger die wahre Meinung erfasst, kann der Sender nie wissen. Diese Interpretation machen wir alle, jeder von uns, Tag für Tag. Und es ist der Grund für viele Missverständnisse.
Im Fall vom „I believe she’s gone, Hardy“-Zitat haben wir nur Hardys Interpretation, aber wir wissen nicht, ob Murdoch wirklich das sagen wollte, was Hardy verstanden hat.
Betrachtet man einfach nur die Worte, kann man folgendes mit Sicherheit sagen:
„I believe“ heißt „ich glaube“ und deutet an, dass Murdoch sich nicht unbedingt sicher ist, aber dass er unter einem bestimmten Eindruck steht.
„She’s gone“ bezieht sich auf eine „sie“, von der der 1. Offizier ausgeht, dass sie „gone“ ist, also entweder „gegangen“ oder aber „kaputt“ oder „hinüber“ oder sonst irgendwas in der Art ist.
„Hardy“ ist natürlich eine direkte Anrede, und zeigt den Empfänger der Nachricht.
Und dieser Empfänger muss dieses „she’s gone“ interpretieren, da „she“ keine präzise Angabe ist und von der Deutung des „she“ hängt dann auch die Interpretation des Wortes „gone“ ab. Hardy muss also entweder aus dem zuvor geführten Gespräch schließen können, wer mit „she“ gemeint ist oder aber aus den Umständen deuten, was der 1. Offizier meinen könnte.
Natürlich denkt jeder zuerst an die Titanic, wenn von „she“ (= „sie“) die Rede ist, doch es hat noch eine andere „she“ in der Nacht gegeben … und diese andere „she“ wurde vom 4. Offizier Boxhall auf der Brücke genau observiert und von vielen anderen auf der Titanic gesehen. Bis Boot 10 das Schiff verließ, wurde „sie“ als das Schiff, das ihnen zu Hilfe kam, den Passagieren gezeigt [8].
Der 4. Offizier Boxhall sagte, dass er kurz bevor er die Titanic um 1:45 Uhr (!) in Boot 2 verließ, nur noch das Hecklicht des Geisterschiffes sichtbar war, nachdem sie für einige Zeit zuvor ihr rotes Positionslicht und die Dampferlaterne am Mast gezeigt hatte, dementsprechend hatte das andere Schiff gewendet und schien wegfahren zu wollen, zumindest, wenn man nach der Lichterführung urteilt.
Natürlich hatten diejenigen, die an steuerbord gearbeitet haben, auch davon gehört, dass an backbord die Lichter eines anderes Schiffes zu sehen waren. Sie wussten, dass Raketen abgefeuert wurden, um die Aufmerksamkeit des anderen zu wecken. Man stelle sich mal vor, was in Murdochs Kopf vorgegangen sein mag … Er arbeitete an steuerbord und war damit nicht in der Lage, diese Lichter selbst zu sehen. Aber er hat die Raketen gesehen, und er muss die Gerüchte gehört haben, dass ein anderes Schiff in Sichtweite ist und als das Rettungsschiff angesehen wurde. Vermutlich ist er davon ausgegangen, dass das andere Schiff näher kommt. Und dann arbeitet er selbst an backbord … Doch anstatt wie erwartet ein anderes Schiff ganz nahe zu sehen, sah er vermutlich nichts oder nur das weiße Licht, dass Boxhall für die Hecklaterne hielt.
Entweder vor oder nach dem Beladen und Fieren von Boot 10 brauchte Murdoch jemanden, dem er seine Enttäuschung darüber mitteilen musste, dass seine Hoffnung auf Rettung verloren war. Da Hardy in der Nähe war, ist es der Steward, dem der 1. Offizier anvertraut: „I believe she’s gone, Hardy.“ Es gab vorher oder danach keine Unterhaltung – nur dieses eine Statement, vielleicht in direkter Verbindung mit den tröstenden Worten der Besatzung gegenüber den Passagieren, als man, um diese zu beruhigen, sagte, dass dort ein Schiff lag, das zu ihrer Rettung kommen würde.
Murdoch wird auch das weiße Licht gesehen haben, vielleicht hat er es im Auge behalten, während er Boot 10 beladen und gefiert hat, und dabei bemerkt, dass „sie“ überhaupt keine Reaktion zeigte. Und als er mit dem Steward nach vorne ging, gab es für Murdoch keine Veranlassung, dieses „sie“ näher zu definieren, denn die Besatzung hat ja vorher an Boot 10 ständig davon gesprochen (vielleicht war Hardy auch an dem Boot, oder es war Murdoch nicht aufgefallen, dass der Steward, der schon zuvor in seiner Nähe gearbeitet hatte, nicht mit ihm an Boot 10 gewesen war). Und so sagte der 1. Offizier einfach nur: „I believe she’s gone, Hardy“ (- „Ich glaube, die ist abgehauen, Hardy“, d. h. „gone“ im Sinne von „weg gefahren“), als er seine Hoffnung auf Rettung schwinden sah.
Hardy musste natürlich die Bedeutung von „she“ (= „sie“) interpretieren. Hardy dachte aber nicht an das andere Schiff (vielleicht hatte er es nicht gesehen oder nicht beachtet). sondern ihm fiel für „sie“ nur die Titanic ein. Und die Titanic lag mit dem Bug ja schon recht tief im Wasser zu diesem Zeitpunkt. Dementsprechend machten Murdochs Worte mit dem Wort „Titanic“ für „sie“ durchaus Sinn und zwar in dem Zusammenhang, dass „gone“ dann „hinüber“ oder „kaputt“ oder irgendwas in der Art bedeutete. Allerdings muss noch mal betont werden, dass diese Interpretation nicht mit Murdochs Verhalten an Boot 5 übereinstimmt. Dementsprechend ist es wahrscheinlich, dass der Steward den Offizier missververstanden (d. h. seine Aussage beim Empfang der Nachricht fehlinterpretiert) hat. Murdoch sprach über das Geisterschiff, das entweder ihre Hecklaterne zeigte (ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ein Schiff sich entfernt, denn normalerweise nähert sich kein Schiff auf hoher See einem anderen mit dem Heck voraus) oder für den 1. Offizier bereits unsichtbar war.
Mögen andere sich den Kopf darüber zerbrechen, ob all das von Bedeutung ist.

 

[1] Walter Lord, „Die Titanic-Katastrophe“, Heyne-Verlag, München
[2] Walter Lord, „Die letzte Nacht der Titanic
[3] Auskunft von Geoff Whitfield
[4] In Großbritannien wird nur bei besonders wichtigen Angelegenheiten der Händedruck eingesetzt.
[5] vgl. Susanne Störmer, „William McMaster Murdoch. A Careet at Sea“, Appendix II, Boat 1, Elmshorn, 2002, für weitere Details
[6] Titanic: The Lifeboat Launching Sequence re-examined von Bill Wormstedt, Tad Fitch & George Behe (Zugang vor Veröffentlichung am 3. Dezember 2001)
[7] vgl. Susanne Störmer, „William McMaster Murdoch. A Career at Sea“, Appendix II, The Suicide, Elmshorn, 2002, für weitere Details
[8] vgl. Senan Molony, „A Ship Accused“, Dublin, 2002, für weitere Details (deutsche Ausgabe für Ende 2002/Anfang 2003 unter dem Titel „Ein Schiff unter Anklage“ geplant, weitere Infos unter Andy’s Bücherecke)