Der deutsche Offizier auf der Titanic
von Susanne Störmer, © 2000 – veröffentlicht in der Ausgabe Nr. 36 der Titanic Post des Titanic-Verein Schweiz, Juni 2001
Auszug aus dem Buch „Titanic – Eine Katastrophe zwischen Kitsch, Kult und Legende“ von Susanne Störmer
Der folgende Text ist dem Kapitel „Papier ist geduldig“ entnommen (S. 27 ff).
Nicht nur für die Reporter von 1912 bis heute war und ist die Titanic ein interessantes Thema, auch Buchautoren haben sich ihrer Geschichte angenommen und dadurch – bewusst und unbewusst – zur Legendenbildung beigetragen. Manche davon sind strikt national, und eine dieser nationalen Legenden handelt von einem deutschen Offizier auf der Titanic.
1926 erschien die Autobiographie eines gewissen Max Dittmar-Pittmann. „Ein Menschenalter auf dem Meere“ ist der Titel. Im Vorwort schreibt der Autor:
Die Zahl der Bücher, die abenteuerliche Erlebnisse zu Wasser und zu Land schildern, ist nicht gering. Vor den meisten von ihnen, die vielfach nur Phantasieschöpfungen sind, – hat der Inhalt dieser Blätter den Vorzug unbedingter Wahrheit. Was ich hier berichte, sind eigene Erlebnisse, deren tatsachengetreue Wiedergabe sich jeder schmückenden Zutat enthält. Ich bin zweiunddreissig Jahre zur See gefahren und habe dabei nicht nur auf See, sondern auch beim Aufenthalt in fremden Ländern immerhin manches erlebt, was weitere Kreise interessieren dürfte. Das umso mehr, als es sich zum Teil um Ereignisse handelt, die weltbekannt geworden sind und größtes Aufsehen erregt haben; – ich nenne nur den Titanic-Untergang. Den nachstehenden berichten liegen meine Tagebuchaufzeichnungen zugrunde und der Leser darf sich der Gewissheit hingeben, dass auch die ungewöhnlichsten der erzählten Abenteuer sich tatsächlich und in der geschilderten Weise zugetragen haben.
Erfurt, im Sommer 1925
M. Dittmar-Pittmann
Kapitän a. D. [1]
In dieser Form den Text seines Buches adelnd, legt er also los und schildert allen, die es lesen wollen, sein ereignisreiches Leben. – 1881 beginnt er seine Laufbahn als Leichtmatrose auf der bremischen Bark „H. U.“ und fährt bis 1883 auf ihr in ostasiatischen und australischen Gewässern. Einen Tag nach Ausbruch des Krakatau passiert diese Bark nach Angaben von Dittmar-Pittmann die Sumatra-Strasse auf dem Weg von China nach Hamburg.
Zur Cholera-Zeit hält sich Dittmar-Pittmann in Hamburg auf – er bleibt unversehrt. Das Kapitänspatent legt er in London ab, danach fährt er als Wachoffizier auf dem Passagierschiff „P“ der New Zealand Shipping Company und macht Fahrten nach Australien und Neuseeland.
Schiffbrüchig wird Dittman-Pittmann im Pazifik, nachdem ein Feuer an Bord eines chilenischen Seglers, auf dem er zu jener Zeit diente, ausgebrochen ist. Einen weiteren Schiffbruch erlebt Dittmar-Pittmann dann im Atlantik, und dieses Mal ist er einziger Überlebender.
Vom Kapitän der Deutschland wird er eingeladen, als Passagier von New York, wo er sehr erfolgreich als Detektiv gearbeitet hat, nach Europa zu fahren. Dittmar-Pittmann hält sich oft in der Offiziersmesse auf, andere Passagiere kommen dazu, es wird viel gesoffen und geraucht. In Plymouth geht er von Bord und arbeitet in London als Detektiv.
Nachdem seit Zeiten der Cholera in Hamburg alles ohne Jahresangabe aufgeführt wurde, nennt der Autor nun die Jahre 1906 – 1909, in denen er als Offizier auf dem Dampfer „M“ von London aus im Afrika-Dienst (Goldküste) dient.
1912 wird er dann 3. Offizier auf der Titanic, nachdem er Kapitän W. Smith in London getroffen hat. Titanic ist übrigens der einzige Schiffsname, den Dittmar-Pittmann vollständig nennt. Auffällig an dieser Biographie ist zudem, dass Dittmar-Pittmann bei allen großen Katastrophen jener Jahre vor dem 1. Weltkrieg vor Ort war – die Sumatra-Straße passierend, als einer der größten Vulkanausbrüche seit Aufzeichnungsbeginn der Menschheitsgeschichte eine Insel auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe verkleinerte und vier gigantische Flutwellen auslöste, die um die ganze Welt liefen; bei der letzten großen Cholera-Seuche in Hamburg befindet er sich in eben dieser Stadt; und beim Untergang der Titanic ist er 3. Offizier – von Kapitän W. Smith persönlich aufgefordert, für den plötzlich erkrankten, ursprünglich vorgesehenen Dritten einzuspringen. – Eine Überprüfung der Angaben Dittmar-Pittmanns durch Personen, die keine Familienangehörigen sind, scheitert übrigens am bundesdeutschen Datenschutzgesetz, wobei sich in diesem Zusammenhang unwillkürlich die Frage aufdrängt, was es hier zu schützen gibt.
Dittmar-Pittmanns Reiseerlebnisse mit der Titanic nennen – im Gegensatz zum Rest des Buches – einige Daten: Auslaufen aus Southampton am 10. April 1912 vormittags, wobei die Titanic mit einem Marinetender kollidiert, ohne jedoch nennenswert beschädigt zu werden.
Die Beschreibung des weiteren Reiseverlaufs beschränkt sich auf das Wetter – die ersten zwei Tage stürmisch, dann neblig, ein Abend jedoch aufklarend, aber kühler, worauf der 3. Offizier seinem Kapitän sagt, dass er Eis riecht („Captain! I smell ice!“[2]). Da aber der Direktor der Gesellschaft, Joseph Bruce Ismay, an Bord ist, kann Smith die Geschwindigkeit nicht reduzieren, da vom Kapitän erwartet wird, dass die Titanic den Rekord bricht und das Blaue Band holt.
Dittmar-Pittmann berichtet von einer Feier, die der Direktor am Abend des 13. April gibt, und bei der auch Smith anwesend ist. Auf der Kommandobrücke vertritt während dieser Zeit der 1. Offizier, Mr. Murdock, Smith. Laut Dittmar-Pittmann sagt der 2. Offizier später aus, dass er von Murdock gegen die Vorschriften zu Berechnungen in das Kartenzimmer geschickt worden ist. Murdock selbst schießt sich – laut Dittmar-Pittmann – eine Kugel durch den Kopf, als er die Schwere der Bedeutung des Zusammenstoßes erkennt.
Als es Dittmar-Pittmann klar wird, dass das Schiff verloren ist, geht er in den Maschinenraum und spricht mit Mr. Hesketh, der von nichts weiß, und erst in diesem Moment kommt ein Schmierer und meldet, dass das Schiff leck sei.
Dittmar-Pittmann berichtet auch, dass die Auswanderer der 3. Klasse unter Deck zurückgehalten werden, um eine Panik zu verhindern.Und als Joseph Bruce Ismay versucht, in ein Boot zu gelangen, hält Dittmar-Pittmann ihn mit gezogener Pistole davon ab und drängt ihn zurück. Dittmar-Pittmann erzählt von Selbstmorden unter den Fahrgästen – und von der rührenden Geschichte des deutsch-amerikanischen Bankiers Guggenheim und seiner Frau, einem alten Ehepaar, das sich nicht trennen wollte. Auf Aufforderung Dittmar-Pittmanns, in das Boot zu gehen, antwortet Mrs. Guggenheim: „Ich bleibe, wo mein Mann bleibt; ich gehöre zu ihm!“ [3]
Max Dittmar-Pittmann geht mit dem letzten Boot von Bord, in dem er natürlich auch das Kommando hat – den Untergang der Titanic datiert er übrigens auf den 14. April 1912.
Gemäß Dittmar-Pittmann wird Joseph Bruce Ismay und Kapitän Smith die Hauptschuld bei den nachfolgenden Seeamtsverhandlungen gegeben. Sein Fazit: „Das Streben nach einem neuen Schnelligkeitsrekord hatte ein unerhörtes Opfer gefordert.“ [4]
Außerdem stellt er fest: „Bei dem großen Interesse, welches dem Riesendampfer schon bei seinem Bau und bei seiner Ausreise in der ganzen Welt entgegengebracht worden war, und bei der Art und dem Umfang der Katastrophe, erregte diese ungeheures Aufsehen. Selbst der große Krieg hat die Erinnerung an den tragischen Untergang der Titanic auf ihrer ersten Reise bei den Zeitgenossen nicht verblassen lassen.“ [5]
Schon damals wollten die Menschen auch mehr hören. Also tingelte Kapitän Max Dittmar-Pittmann über die Lande und hielt Vorträge über seine Erlebnisse als 3. Offizier der Titanic.
Natürlich hatte die Titanic einen 3. Offizier gehabt, und dieser hieß sogar Pitman, was in der Aussprache nicht unbeding einen großen Unterschied macht. Doch während Max Dittmar-Pittmann aus Erfurt stammte, kam Herbert John Pitman aus Castle Cary in Somerset, England.
Ganz abgesehen davon schrieb sich der 1. Offizier der Titanic „Murdoch“, der Kapitän hieß Edward John Smith, und wer dieser W. Smith war, der Dittmar-Pittmann angemustert hat, bleibt damit ein ganz großes Rätsel. Dieses scheint auch Dittmar-Pittmann im Laufe der Jahre erkannt zu haben, denn als 1939 das Buch „Titanic – Die Tragödie eines Ozeanriesen“ von Pelz von Felinau erscheint, wird nur noch ein „Kapitän Smith“ erwähnt, während „Murdock“ jedoch „Murdock“ bleibt.
Übrigens steht auf Seite 5 des Buches von Pelz von Felinau geschrieben:
Ich habe dies gelesen.
Alle darin enthaltenen Ereignisse sind wahr.
Selbst Gespräche sind stellenweise dialoggetreu wiedergegeben. Bei aller romanhafter Gestalter, die der Verfasser anwandte, hat mich dieses Buch so erschüttert, als ob ich zum zweiten Male den Untergang des Schiffes mit all seinem unfassbaren Dunkel und dem unmittelbaren Grauen seines Geschehens erlebt hätte.
Kapitän Max Dittmar-Pittmann
s. Z. Offizier der Titanic [6]
Mit diesem Vorwort verleiht Dittmar-Pittmann dem Buch natürlich die Autorität, die er durch seinen Überlebendenschein erlangt hat. Ob es jemanden aufgefallen ist, dass Felinau den Deutschen zum 2. Offizier gemacht hat, wo doch in der Autobiographie stand, dass er Dritter war? Und was in der Autobiographie noch auf elf Seiten relativ namenlos abgehandelt wurde, kann nun schon ein ganzes Buch von 326 Seiten füllen. Selbst der von Murdock in der Autobiographie entgegen der Vorschriften von der Brücke geschickte 2. Offizier ist nun nicht mehr der Zweite (das war ja Dittmar-Pittmann), hat aber dafür den Namen „Lightolder“ erhalten – und statt der Kollision mit einem Marinetender, die Dittmar-Pittmann in seiner Autobiographie noch erlebt haben will, ist es nun die New York, die auf die Titanic zutreibt, aber durch ein Schraubenmanöver zur Teutonia abgedrängt wird und mit der kollidiert, ohne jedoch weiteren Schaden anzurichten.
Auch in Felinaus Buch ist die Titanic auf der Jagd nach dem blauen Band, und wie bereits in der Autobiographie ist Dittmar-Pittmann beim Einbooten durchaus aktiv, doch übernimmt er nicht mehr das Kommando im letzten Boot das gefiert wird, sondern wird kurz vor dem Untergang von irgendeinem Gegenstand getroffen und verliert das Bewusstsein. Boxhall sorgt dafür, dass Dittmar-Pittmann in ein Rettungsboot kommt.
Ob diese Diskrepanzen zwischen der Autobiographie und dem von Max Dittmar-Pittmann als authentisch bezeichneten Roman der Glaubwürdigkeit Abbruch getan haben, ist mir nicht bekannt. Doch irgendwann zwischen 1939 und 1943 dürfte vermutlich Max Dittmar-Pittmann als Erzähler von Seemannsgarn aufgeflogen sein, denn in dem deutschen Spielfilm „Titanic“ heißt der deutsche Offizier der Titanic „Petersen“ und ist ein ausgesprochen aufrechter Zeitgenosse. Im Gegensatz zu seinen sorglosen englischen Kollegen wettert er gegen den Wahnsinn der Rekordfahrt durch das Eisberggebiet und bietet dem Präsidenten Ismay die Stirn, was ihn eigentlich den Job kosten soll. Petersen ist der Held der ganzen Geschichte – die Engländer und die Amerikaner sind dem damaligen Zeitgeist und Anforderungen entsprechend die Bösewichte und Charakterschweine, und die weibliche Hauptrolle stellt eine reiche Baltin vor, die erst so richtig sympathisch wird, als sie all ihr Geld verloren hat.
Felinau scheint übrigens Konsequenzen gezogen zu haben, als ihm klar wurde, dass Dittmar-Pittmann nicht auf der Titanic war. Er änderte sein Buch. Aus Max Dittmar-Pittmann aus Erfurt wurde Hans Erik Petersen aus Kopenhagen, der als 3. Offizier angemustert wird. Sicherlich war die dänische Nationalität nach 1945 unverfänglicher, besonders dann, wenn der Däne nun derjenige ist, der gegen die Verantwortungslosigkeit der Rekordfahrt trotz der Eisberggefahr wettert. Anstelle einer Vorbemerkung eines „Überlebenden“ gibt es in der Neuauflage ein Nachwort, in dem betont wird, dass das Buch nach authentischem Tatsachematerial entstand. Hauptquellen waren demnach die Protokolle der Untersuchungsausschüsse in den USA und Großbritannien sowie zahlreiche Augenzeugenberichte, die vom Autor lange Jahre studiert wurden. Gleichzeitig wird betont, dass der Autor des Buches kein Überlebender der Titanic ist, sondern eine ganz andere Intention mit dem Schreiben des Romans verfolgte [7].
Dennoch hat sich Felinau womöglich ein Beispiel an Dittmar-Pittmann genommen. So existiert eine Aufzeichnung eines Interviews mit Felinau, in dem er seine Erlebnisse als Passagier der Carpathia schildert, als diese der sinkenden Titanic zur Hilfe eilte, zu spät kam und nur noch die Überlebenden aus den Rettungsbooten aufnehmen konnte. [8]
Aber Felinau ust vielen Berlinern auch noch lebhaft als Überlebender die Titanic in Erinnerung geblieben [9], und viele von ihnen glauben bis heute, dass Felinau höchstpersönlich auf der Titanic war, schließlich hat er das ja auch im Radio erzählt. Seinem Wort als Buchautor und seiner Stimme aus dem Radio wird ganz einfach Autorität und Wahrheit zugestanden. Allerdings war in jeden Zeiten nur wenig Titanic-Literatur erhältlich, und diese war zudem nicht so deutlich anglo-amerikanisch dominiert und geprägt wie heute.
Unbestreitbar ist jedoch die Tatsache, dass das Duo Dittmar-Pittmann/Felinau zumindest in der älteren Generation nachhaltig das deutsche Titanic-Bild geprägt hat, denn als der Cameron-Film in aller Munde und in allen Zeitungen war, fragten ältere Semester an, ob ein Grund dafür bekannt sei, warum Cameron die wichtige Rolle des deutschen Offiziers der Titanic mit keiner einzigen Silbe erwähnt hat. Und wieder andere baten um Identifizierung des deutschen Offiziers auf einem oft publizierten Gruppenfoto von Offizieren. Dieses Foto zeigt, wie neueste Forschungen wieder herausgefunden haben, nicht mal die Offiziere der Titanic [10], doch das ist dann schon wieder eine andere Legende.
[1] Max Dittmar-Pittmann, Ein Menschenalter auf dem Meere, Leipzig, 1926. Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Koehler/Mittler (Schreiben vom 22.11.2000)
[2] Max Dittmar-Pittmann, Ein Menschenalter auf dem Meere, Leipzig, 1926, S. 116
[3] Max Dittmar-Pittmann, Ein Menschenalter auf dem Meere, Leipzig, 1926, S. 119
[4] Max Dittmar-Pittmann, Ein Menschenalter auf dem Meere, Leipzig, 1926, S. 124
[5] dito
[6] Pelz von Felinau, Titanic, Die Tragödie eines Ozeanriesen, Berlin, 1939
[7] Pelz von Felinau, Titanic, Die Tragödie eines Ozeanriesen, Frankfurt am Main, ohne Datum, S. 317
[8] Information vom Süddeutschen Rundfunk Stuttgart, 30.08.1997
[9] privat
(10] vgl. Der Navigator Nr. 1, 3. Jahrgang und Nr. 3, 3. Jahrgang, Beiträge von Hermann Söldner (Deutschland), sowie Beitrag von George Behe, „A Mystery is solved“, in The Titanic Commutator, Vol. 24, Nr. 151, 2000 (Vereinszeitung der Titanic Historical Society)
Ergänzende Informationen für diesen Abschnitt des Buches von Günter Bäbler