Deutschland und die Titanic
Nach meiner Beobachtung hatte Deutschland früher ein spezielles Verhältnis zur Titanic. Als ich Kind war, hieß es immer, in einem Altersheim in Eckernförde lebte eine Witwe eines Titanic-Opfers, einige behaupteten sogar, die Witwe des Kapitäns. Belege dafür habe ich allerdings nie gefunden.
Gerade „ganz früher“ oder, wie ich es heute gerne nenne, in der ersten großen Titanic-Zeit in Deutschland Ende der 1920er und in den 1930er Jahren gab es einige Besonderheiten, die vermutlich lange nachgewirkt haben. Da war jemand, der behauptete, Offizier auf der Titanic gewesen zu sein. Dann gab es die Romane von Robert Prechtl und Josef Pelz von Felinau, die auch jeweils einen nicht-britischen Offizier auf die Titanic schrieben – dabei war insbesondere die Schaffung eines deutschen Offiziers, der auch im anti-britischen Propagandafilm von 1943 auftaucht, so nachdrücklich, dass 1998 die ernsthafte Frage aufkam, warum Cameron in seinem Film den deutschen Offizier nicht erwähnt hatte …
In der Titanic-Forschung ist die deutsche Geschichte ein Randthema. Doch gelegentlich wird sich auch damit auseinander gesetzt und so gibt es manchmal dann doch noch neue Erkenntnisse. Auf jeden Fall ist die deutsche Titanic-Geschichte auch eine Geschichte von Hochstaplerei, wo man, wie sich inzwischen gezeigt hat, eigentlich niemanden mehr trauen kann, sondern wirklich versuchen muss, zu absolut objektiven Quellen wie zum Beispiel amtlichen Meldebüchern oder auch Gerichtsunterlagen zu gelangen. – Eine Lehre daraus ist aber auch: Die Hochstapler von damals konnten auch ohne KI sehr gut Geschichten glaubhaft erzählen!
Das lag vielleicht auch daran, dass es 1912 zwar Berichte über den Untergang der Titanic gab, diese aber voller Spekulationen (auch, als es schon verlässliche Informationen gab) und auch Übersetzungsfehler waren. Da die Welt damals noch nicht so vernetzt war wie heute, prägten diese Zeitungsberichte das Bild der Titanic im damaligen Deutschland.