
Header der früheren Seite william-mcmaster-murdoch.de und william-mcmaster-murdoch.info; entstanden aus Fotos aus der Sammlung von Susanne Störmer
Wer war Murdoch?
William McMaster Murdoch war der dienstältere Offizier der Wache, als die Titanic mit einem Eisberg kollidierte. Es wird üblicherweise davon ausgegangen, dass es Murdochs Problem war, die Situation zu lösen, als der Eisberg gemeldet wurde – und seine Handlungen die Kollision nicht mehr verhindern konnten. Murdoch kam beim Untergang der Titanic ums Leben.
Eines Abends, als ich mich mal wieder gedanklich mit der Titanic befasste, stellte sich mir plötzlich die Frage, was für ein Mensch dieser 1. Offizier der Titanic eigentlich war. War er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort oder hätte ein anderer Seemann dieses Eisberg-Problem besser (erfolgreicher) lösen können? Nun war es Anfang der 1990er Jahre noch schwer, diese Informationen zu bekommen. In Büchern zum Thema Titanic war kaum etwas über Murdoch zu finden, was über das Ausweichmanöver hinausging, am meisten noch in Michael Davies Buch, das ich auf einer Studienfahrt in Schottland 1986 entdeckt hatte, und in Lightollers Biographie. Aber damals, vor Zeiten des Internets und von internationalen Online-Buchhandlungen, war es schwer, an Bücher aus dem Ausland zu gelangen oder gar an weitere Informationen. Da musste man sich schon selbst auf den Weg machen. Und nachdem ich mich entschieden hatte, selbst aktiv zu der Frage, ob Murdoch auf der Brücke der Titanic der richtige Mann zu richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen ist, zu forschen, ging es los mit den Fahrten nach Schottland und England. 1991 reiste ich noch mit einer Reisegruppe auf einer Schottland-Rundreise ohne Bezug zur Titanic oder zur Seefahrt, da ich höllischen Respekt vor dem Linksverkehr auf der Insel hatte, kam aber mit einigen englischen Titanic-Büchern zurück, unter anderem „Titanic. Triumph and Tragedy“ von John Eaton und Charles Haas (beide sollte ich später auf einer Convention der British Titanic Society kennenlernen) und der englischen Fassung von „Die letzte Nacht der Titanic“.
1992 erschien ausgerechnet an meinem Geburtstag ein Bericht über die Titanic in einer großen deutschen Sonntagszeitung. In dem Bericht wurde die British Titanic Society erwähnt. Ich schrieb die Zeitungsredaktion an (Briefpost! – Man schickte den Brief mit einem selbst adressierten und frankierten Rückumschlag!) und erhielt die Adresse des englischen Vereins. Die British Titanic Society, die ich mit einem internationalen Antwortschein (wer kennt sowas noch?) angeschrieben hatte. gab mir die Adresse vom Neffen Murdochs in Schottland und den Hinweis auf die Convention des Vereins 1993 in Southampton. Im September 1992 bin ich dann alleine mit dem eigenen Auto nach Schottland gefahren und habe mich dort erstmals mit Scott Murdoch getroffen. Seitdem habe ich viel herausgefunden, habe auch die englische Sprache durch die regelmäßige Anwendung weit über das Schulenglisch hinausgehend gelernt und bin viele Zehntausende Kilometer im Linksverkehr selbst gefahren.
Aber wer war denn nun Murdoch von der Titanic?
William McMaster Murdoch stammte aus einer der größeren britischen Seefahrerfamilien, sein Vater und sein Großvater waren als Kapitäne auf großer Fahrt auf Segelschiffen gefahren, andere Verwandte waren ebenfalls Kapitäne von Segelschiffen und später Dampfschiffen geworden.
Murdoch begann seine Laufbahn zur See ebenfalls auf Segelschiffen, wechselte jedoch 1899 in die Dampfschifffahrt zur White Star Line. „White Star Line“ war der Markenname der Oceanic Steam Navigation Company, die 1869 von Thomas Henry Ismay gegründet worden war. Thomas Henry Ismay stammte aus Maryport, einem Ort auf der englischen Seite des Solway Firth; Murdoch war auf der schottischen Seite aufgewachsen. – Die White Star Line behielt viele Traditionen von den Segelschiffen bei, so u. a. auch die Bezeichnung für die „Offiziere“, die in den Musterrollen als „Mate“, also „Steuermänner“ gemustert wurden, auch wenn im Alltag die Bezeichnung „Offizier“ genutzt wurde.
Steuermänner waren im damaligen Sprachgebrauch nicht die Männer, die das Schiff mit dem Steuerrad steuerten, sondern sie hatten während ihrer Wachen (= Schichten) die Verantwortung für das Schiff, wenn der Kapitän nicht auf der Brücke war. Selbstverständlich waren sie während ihrer Wachen an die Weisungen des Kapitäns gebunden. – Die Männer, die am Steuerrad eines Schiffes standen, wurden übrigens als Rudergänger bezeichnet.
Insbesondere der Titanic-Film, der am 8. Januar 1998 in Deutschland in die Kinos kam, befeuerte eine Kontroverse um Murdoch, denn in dem Film wird Murdoch als bestechlich gezeigt und zudem erschießt er sich, nachdem er zuvor einen Passagier erschossen hat. In Großbritannien gab es wegen dieser Darstellung einen großen Aufruhr in den damaligen Medien; die Kampagne endete, nachdem die Filmgesellschaft öffentlich um Entschuldigung für Murdochs Darstellung in dem Film bat und £ 5.000 für den Murdoch Memorial Prize, der jährlich in seinem Heimatort für herausragende schulische Leistungen vergeben wird, spendete.
Manche Dinge habe ich erstmals wieder der Vergangenheit entrissen, so zum Beispiel in welchem Haus in Southampton Murdoch mit seiner Frau wohnte. Die Adresse war bekannt, selbst die Familie hielt das darauf stehende Haus für „außergewöhnlich“, denn es war eine kleine Gärtnerhütte. Allerdings hatte es in der Zeit nach Murdoch eine bauliche Verdichtung in der Straße gegeben, die zu einer Umnummerierung führte, wie mir ein Archivar erzählte, als ich nach alten Plänen fragte. Schnell fanden der Archivar und ich dann heraus, was das echte Haus gewesen ist, in dem Murdoch mit seiner Frau gelebt hat und welche Nummer dieses Haus heute hat. Es war eine ganz normale Doppelhaushälfte, ein Neubau von kurz nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert.
Dann ist es mir gelungen, die Unklarheiten bezüglich seiner Anwärterzeit zu beseitigen. Ich habe wieder herausgefunden, in welchem Alter er als Anwärter angefangen hat und auf welchem Schiff unter welchem Kapitän.
Auch habe ich wieder entdeckt, auf welchem Schiff Murdoch seine spätere Frau kennengelernt hat und auf welcher Reise es war. Es hieß immer, die beiden hätten sich auf der Medic getroffen, als sie ihren Vater auf einer Geschäftsreise von Neuseeland nach Europa begleitet hatte. Doch ein Besuch von mir in Neuseeland und die Herstellung eines Kontakts zu Verwandten von Murdochs Frau förderte ein altes Fotobuch zu Tage, und darin war unter anderem ein Gruppenfoto von einigen Passagieren (darunter Murdochs spätere Frau) und einigen Schiffsoffizieren (darunter Murdoch). Dieses Gruppenfoto wurde vor einem Rettungsboot gemacht und man kann den Namen des Schiffes klar erkennen: Runic. Die Runic war ein Schwesterschiff der Medic.
Weitere Nachforschungen ergaben dann die Reise, auf der Murdoch und seine spätere Frau sich getroffen haben – sie war mit Freundinnen auf dem Weg nach Europa zu einer längeren Rundreise; rund ein Jahr waren die Frauen unterwegs. Ihre Abwesenheit aus Neuseeland lässt sich auch anhand anderer Dokumente belegen; für eine frühere längere Reise gibt es hingegen keinen Nachweis.
Und dann ist da natürlich meine Quellenarbeit insbesondere hinsichtlich der Geschehnisse des letzten Tages an Bord der Titanic, Murdochs letzter Wache und dem Ausweichmanöver. Auf Basis dieser Quellen argumentiere ich. Ob man diesen Argumentationen folgen will, muss jeder für sich selbst entscheiden.