Ein weiterer Selbstmordkandidat

von Susanne Störmer, © 2003

 

Der übliche „Verdächtige“ als Offizier, der seinem Leben selbst ein Ende setzte, ehe die Titanic zum Meeresgrund rauschte, ist der 1. Offizier William McMaster Murdoch. Um ihn von dem angeblichen Selbstmord freizusprechen, wurde auch Chief Officer Henry Tingle Wilde nominiert, obwohl das für ihn dargelegte Szenario überzeugende Motive vermissen lässt. Wenn man sich allerdings mit den Aussagen von 1912 befasst, erscheint eine weitere Lösung durchaus denkbar.

Normalerweise wird angenommen, dass dieser Selbstmord eines Offiziers am letzten Rettungsboot an steuerbord stattfand, also an Boot A. Diese Annahme verursacht allerdings ein großes Problem: Einer der Hauptzeugen, namentlich Eugene Daly, sagte aus, dass er zwei Frauen in das Boot setzte, an dem sich der Selbstmord ereignet haben soll, und es ist bekannt, dass diese zwei Frauen den Untergang der Titanic überlebten. Boot A wurde allerdings niemals richtig gefiert, sondern vom sinkenden Schiff gespült. Die Überlebenden in dem Boot wurden von Boot 14 aufgenommen – und unter diesen Überlebenden war nur eine Frau. Wenn nicht die Menschen in Boot 14 eine von Dalys zwei Frauen für einen Mann gehalten haben, dann kann sich der Selbstmord des Offiziers aus offensichtlichen Gründen nicht an Boot A ereignet haben.

Oftmals wird auch gerne Boot C genommen, ein weiteres Boot von Steuerbord, und tatsächlich hat jemand (sehr wahrscheinlich Murdoch) einige Schüsse abgefeuert, als dieses Boot von Passagieren gestürmt wurde; allerdings sagte Passagier Hugh Woolner vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss, dass er Murdoch nach diesen Schüssen noch quicklebendig gesehen hat. Das wiederum widerspricht ganz eindeutig der Annahme, dass Murdoch sich an Boot C erschossen haben könnte.
Ein weiteres Indiz gegen Boot C basiert ein weiteres Mal auf Eugene Dalys Bericht: die zwei Frauen, die in das Rettungsboot gesetzt wurden, an dem sich der Offizier erschossen haben soll, werden üblicherweise in Boot 15 platziert – in der Tat das letzte Rettungsboot, allerdings in der Reihe der Steuerbordrettungsboote.
Und tatsächlich gab es einen Sturm auf Boot 15 (Steward Samuel Rule sprach vor dem britischen Untersuchungsausschuss davon), doch es scheint als wenn der befehlshabende Offizier dort, schon wieder Murdoch, es geschafft hat, die Ordnung aufrecht zu erhalten – und Murdoch wurde danach noch lebend gesehen.
Allerdings weist der Sturm auf Boot 15 auch darauf hin, dass es den Zwischendeckpassagieren endlich gelungen war, einen Weg zum Bootsdeck zu finden; und als sie es erreichten, hielten sie einfach die Boote 15 und 16 für die letzten Rettungsboote. (Es war stockdunkle Nacht und es kann durchaus so gewesen sein, dass sie nicht wussten, dass vorne noch die Boote 2 und 4 sowie die Faltboote A, B, C und D darauf warteten, beladen und gefiert zu werden.) In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, dass der 5. Offizier Lowe die Titanic mit dem Befehl über Boot 14 verließ und beim Fieren seine Pistole mehrmals abfeuerte, um zu verhindern, dass Menschen in das Boot springen, während es heruntergelassen wurde. Alle zuvor gefierten Boote hatten ohne Schwierigkeiten und ohne eine Gefahr dieser Art vom Schiff abgelegt – aber natürlich mag sich die Lage geändert haben, als die Zwischendeckpassagiere auf das Bootsdeck stürmten, während Boot 14 gerade gefiert wurde.

Das letzte Rettungsboot backbord war Boot 16, und es ist spannend festzustellen, dass viele Passagiere der 3. Klasse in diesem Boot gerettet wurden. Es ist ebenfalls spannend festzuhalten, dass – soweit mir bekannt ist – kaum ein Überlebendenbericht aus diesem Boot erhältlich ist (abgesehen von der Tatsache, dass nach dem Untergang Boot 16 einen Heizer an Boot 6 abgegeben hat) und statt dessen viele Überlebende aus Boot 16 Zeit ihres Lebens nicht über die Titanic sprachen [1]. Warum dieses Schweigen, während so viele andere Überlebende einfach nicht aufhören konnten, ihre Geschichte zu erzählen? Warum diese so geschlossen anmutende Weigerung, über die Erfahrungen zu sprechen?

Es gibt übrigens ein Indiz, dass die zwei Frauen, die von Eugene Daly in das Rettungsboot gesetzt wurden, an dem sich ein Offizier erschossen haben soll, in Boot 16 waren: Eine der beiden Frauen, Bertha Mulvihill, schrieb einen Brief, während sie eindeutig noch unter Schock stand, und erwähnte ihren Seemannsfreund Robert „Hickens“, der angeblich maßgelich an ihrer Rettung beteiligt gewesen sein soll [2]. Auf der Titanic gab es einen Robert Hichens, aber er war von 20 Uhr bis Mitternacht auf Wache und arbeitete dann an den Booten. Er verließ die Titanic mit dem Kommando über Boot 6 – also dem Rettungsboot, das später in der Nacht Boot 16 traf. So könnte Robert Hichens in Bertha Mulvihills Geschichte gekommen sein. Und wenn Eugene Daly wirklich die zwei Frauen in Boot 16 platziert hat, dann wären sie nicht nur in Gesellschaft vieler anderer Irinnen gewesen, sondern Boot 16 müsste demnach auch das Boot gewesen sein, an dem sich ein Offizier erschossen haben soll.

Ein anderer Zeuge, der angeblich den Selbstmord eines Offiziers beobachtete, war George Rheims. Im Gegensatz zu Daly machte Rheims seine Aussage niemals unter Eid, trotzdem scheint er den gleichen Zwischenfall zu beschreiben. Hier ist es interessant festzuhalten, dass Rheims‘ Offizier salutiert, ehe er sich erschießt. Würden Handelsmarinemänner wie Wilde und Murdoch salutieren? (Zugegeben, beide waren Reserveoffiziere der Royal Navy, doch trotzdem waren sie Offiziere der Handelsmarine.) Doch ein anderer Offizier, der wie diese beiden nicht überlebt hat, war, im Gegensatz zu diesen beiden, von der Kriegsmarine gedrillt worden, ehe er zur Handelsmarine gekommen war. Mit dieser Voraussetzung setzt Rheims‘ Beobachtung diesen Offizier ebenfalls unter Verdacht. Und zumindest die gleiche Beweisführung, die für Wilde gerne genommen wird, sollte nicht zwingend für den 6. Offizier James Paul Moody ausgeschlossen werden.

Vor einigen Jahren wurde mir erzählt, dass der 2. Offizier Lightoller privat zugegeben hat, dass irgendjemand, den er kannte, auf der sinkenden Titanic Selbstmord begangen hat. Natürlich kannte Lightoller viele Menschen auf dem Schiff, aber die fragliche Person muss jemand gewesen sein, der Lightoller nahe stand, denn es sieht so aus, als wäre der 2. Offizier bereit gewesen, seine eigene Geschichte so darzustellen, dass die Person geschützt wurde. Dass diese Information durchaus einen wahren Hintergrund haben könnte, wird deutlich, wenn man sich Lightollers Aussage vor dem britischen Untersuchungsausschuss anschaut. Dort sagte der 2. Offizier, dass er während der Evakuierung des Schiffes an folgenden Booten arbeitete: 6, 8 (bis Wilde übernahm), 4 und D. Eine dürftige Leistung, die Lightoller dennoch öffentlich machte. Noch merkwürdiger ist jedoch, dass Besatzungsmitglieder, die wie Lightoller von der Oceanic gekommen waren, Lightoller sehr wohl an Boot 12 gesehen  haben. Ist es möglich, dass Lightoller sich selbst von den hinteren Booten „wegerzählt“ hat, um zu vermeiden, dass er zu den Vorgängen dort befragt wurde? – In späteren Jahren vermittelte Lightoller übrigens durchaus auch den Eindruck, als hätte er backbord sowohl vorne wie auch achtern gearbeitet, aber zu der Zeit war der Selbstmord, sofern er für wahrscheinlich gehalten wurde, ja auch bereits auf Murdoch fixiert worden und der Name Moody war niemals in der Diskussion gewesen.
Andere Offiziere könnten ebenfalls versucht haben, ihren unglücklichen Kameraden zu schützen – und fühlten sich den Jüngsten mehr verpflichtet als gegenüber Wilde und Murdoch, die die dienstältesten Offiziere waren. Abgesehen davon kam Moody wie auch Lightoller und Pitman von der Oceanic, auf der zuvor auch Boxhall bereits gedient hatte (obwohl er von der Arabic auf die Titanic versetzt wurde). Das führt übrigens zu einer interessanten Aufstellung der Offiziere:
Die beiden ranghöchsten, Wilde und Murdoch, kamen beide von der Olympic. Dann gab es die Oceanic-Leute Lightoller, Pitman, Boxhall und Moody, und dann war da noch Lowe, der laut seiner eigenen Aussage allen anderen völlig fremd war. Doch es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass Lowe aufgrund seines Dienstranges und seines Alters eine engere Beziehung zu den Oceanic-Leuten als zu den beiden dienstältesten Offizieren entwickelte. Setzt man sich mit Lowes Aussage auseinander, findet man durchaus Anhaltspunkte für diese Annahme: Der 5. Offizier sagte aus, dass er vor dem Abfieren von Boot 14 den 6. Offizier Moody fragte, wer das Kommando in dem Boot übernehmen sollte, denn Lowe hatte beobachtet, dass fünf Boote ohne einen Offizier an Bord gefiert worden waren. Lowe vor dem britischen Untersuchungsausschuss:
15832. Wer hatte dort das Kommando? – Ich weiß nicht, wer dort das Kommando hatte. Ich führte das Beladen von Boot 14 zu Ende und Mr. Moody war dabei, Boot 16 fertig zu beladen.
15833. Sie beluden Boot 14 und er belud Boot 16? – Ja.
15834. Sahen Sie irgendwas von Boot 12? – Nummer 12 war das vordere Boot – das Boot weiter vorne neben meinem.
15835. Ja? – Nummer 12, 14, 16 wurden fast zur gleichen Zeit gefiert.
15836. Sie gingen mit Boot 14, oder? – Ja.
15837. Gingen Sie auf Befehl von irgendjemanden? – Nein. Ich sah fünf Boote ohne Offizier gefiert werden, und ich sagte Mr. Moody aus eigenem Antrieb, dass ich gesehen hatte, dass fünf Boote ohne Offizier gefiert worden waren, und ein Offizier sollte in einem dieser Boote gehen. Ich fragte ihn, wer es sein solle – er oder ich – und er wies mich an: „Du gehst. Ich werde ein anderes Boot bekommen.“
15838. Ich vergaß, wer von Ihnen beiden ranghöher war, stand er über oder unten Ihnen? – Nein, er war rangniedriger.
Der Anwalt wunderte sich offenbar darüber, warum der 5. Offizier dem 6. Offizier die Entscheidung überlässt [Der 2. Offizier Lightoller hatte eindeutig klar gemacht, dass Wilde, als er das Kommando beim Beladen eines Bootes übernahm (Lightoller erinnerte die Nummer nicht mehr), derjenige war, die die Befehle erteilte, da Wilde ranghöher als Lightoller war: GB 13931]. Und in der Tat ist Lowes Story aufgrund zweier Punkte merkwürdig:
1.) Lowe hatte an steuerbord gearbeitet und war dabei gewesen, als Boot 5 abgefiert worden war. Das Kommando in dem Boot hatte der 3. Offizier Pitman übertragen bekommen. Es gibt mindestens vier denkbare Erklärungen, warum Lowe später zu Moody sagte, dass fünf Rettungsboote ohne Offizier an Bord die Titanic verlassen hatten:
a) Lowe sah Pitman nicht als Offizier an.
b) Lowe hatte einfach vergessen, dass Pitman das Kommando über Boot 5 erhalten hatte.
c) Als die Boote 14 und 16 kurz davor standen, abgefiert zu werden, müssen mindestens sechs andere Boote zuvor abgefiert worden sein und davon fünf eben ohne Offizier. [Boote 7, 3 und 1 ergeben drei, doch welche zwei anderen könnte Lowe gemeint haben? Da 14 und 16 noch an Bord waren, könnten es 13 und 15 gewesen sein? Oder waren die fraglichen Boote 9 und 11? Hatte Lowe die beiden Backbordboote 6 und  8 mit eingerechnet? Doch wenn Lowe zuvor an steuerbord gearbeitet hat, wer hat ihn darüber informiert, welche Boote an backbord mit oder eben ohne Offizier an Bord das Schiff bereits verlassen hatten? – Natürlich könnte das Moody gewesen sein, der Lowe berichtete, welche Boote backbord bereits gefiert worden waren, doch dann ist es in Indiz dafür, dass Lowes Erinnerung an die Unterhaltung nicht ganz richtig ist; das oben angeführte Zitat besagt eindeutig, dass Lowe die Boote sah, als sie ohne Offizier an Bord abgefiert wurden, was wiederum nahe legt, dass er zugegen war, als diese Boote das sinkende Schiff verließen. Es bleibt eine merkwürdige Geschichte.]
d) Lowe nutzte einfach einen Vorwand, um zu erklären, warum er die Titanic verlassen hat.

2.) Es ist sogar noch merkwürdiger, dass der 5. Offizier eine Anweisung des 6. befolgte, der ja rangniedriger und damit ihm gegenüber nicht weisungsbefugt war. Ein weiteres Mal gibt es dafür einige mögliche Erklärungen:
a) Lowe respektierte Moody so sehr, dass er Moody aufgrund von dessen „Autorität“ als weisungsbefugt betrachtete, obwohl die offensichtlichen Ränge genau das Gegenteil nahelegten.
b) Moody hatte zuvor auf der Oceanic gedient und – wie oben dargelegt – frühere Oceanic-Offiziere bildeten die Mehrheit der Titanic-Offiziere, deswegen mag Lowe vielleicht gedacht haben, dass es den Oceanic-Offizieren zusteht zu entscheiden, wer bleiben muss und wer gehen darf.
c) Die Unterhaltung ist erfunden worden.

Betrachtet man einfach nur die Fakten, dann erscheint es merkwürdig, dass Moody, der rangniedrigste Offizier an Bord, nicht überlebt hat. Im Gegensatz zu Pitman, Boxhall und Lowe, die alle das Kommando über ein Boot übernahmen, blieb Moody an Bord. Warum? Es ist argumentiert worden, dass Moody ja ebenfalls Wache hatte, als die Kollision geschah, und dass er sich deswegen für den Unfall mitverantwortlich gefühlt hat oder dass er gezwungen wurde, auf dem Schiff zu bleiben. Allerdings hätten diese Argumente dann auch für Boxhall gelten müssen, der ebenfalls auf Wache war, als der Unfall geschah. Dennoch wurde der 4. Offizier mit dem Befehl über ein Rettungsboot betraut. Warum dann nicht auch Moody? Beabsichtigte Moody, die Titanic in Boot 16 zu verlassen? Wenn das der Fall war, warum übernahm dann einer der Schiffswachtmeister das Kommando in dem Boot?
Offiziere, die an oder in der Nähe von Boot 16 gesehen wurden, waren Chief Officer Wilde, 6. Offizier Moody und angeblich auch 2. Offizier Lightoller. Warum dieser Pulk an Offizieren, um ein einziges Boot zu fieren? Das scheint nur Sinn zu machen, wenn es dort irgendwelche Schwierigkeiten gab – Schwierigkeiten, wie sie sich auch Murdoch an Boot 15 gegenüber gesehen hat, und Schwierigkeiten, die Lowe zwangen, einige Schüsse abzugeben, als sein Boot abgefiert wurde. In diesem Zusammenhang könnte es auch von Wichtigkeit sein, dass Murdoch von steuerbord nach backbord kam, während es an steuerbord noch Boote gab, die darauf warteten, beladen und gefiert zu werden. Warum der Seitenwechsel? Geschah irgendwas an backbord, was die Anwesenheit aller noch an Bord befindlicher Offiziere erforderte? Ausgenommen Boxhall, der damit beschäftigt war, Raketen abzufeuern; doch selbst Boxhall sagte aus, dass er zwischen dem Abfeuern der Raketen generell an den Booten mitgeholfen hat, so dass selbst Boxhall an Boot 16 gewesen sein könnte.

Von den Offizieren, die noch an Bord waren, nachdem Boot 16 gefiert wurde, überlebten nur Lightoller und Boxhall, womit sie als Selbstmord-Kandidaten wegfallen. Von den verbliebenen Kandidaten wurden Kapitän Smith wie auch Wilde und Murdoch noch lebend gesehen.

Allerdings ist es schwierig, Zeugen dafür zu finden, dass Moody nach dem Fieren von Boot 16 noch lebte. Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass die Boote 13 und 15 nach dem Fieren von Boot 16 zu Wasser gelassen wurden. Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass die Boote 13 und 15 nach dem Fieren von Boot 16 zu Wasser gelassen wurden; allerdings kann es m. E. aufgrund des Sturmes auf Boot 15 und wegen der beim Fieren von Boot 14 von Lowe abgefeuerten Schüsse nicht ausgeschlossen werden, das Boot 15 ungefähr zur gleichen Zeit wie die Boote 14 und 16 gefiert wurde. Doch das steht hier nicht zur Debatte. Allerdings wird gerne angeführt, dass Moody sich beim Fieren der Boote 13 und 15 auf dem A-Deck befand. Diese Annahme basiert auf folgender Aussage vom Ausguck Reginald Lee:
2527. Sie wollen sagen, dass kaum jemand in Boot 13 war? – Ja, Mr. … ich weiß seinen Namen nicht – ein großer Offizier, ungefähr sechs Fuß groß, schlank – ich habe seinen Namen vergessen – er war dort und beaufsichtigte das Verladen der Passagiere in die Boote.
2528. War es Mr. Wilde, der Chief Officer? – Nein, es war ungefähr der 6. Offizier, oder der 5. Offizier.
2529. Unabhängig davon war er laut Ihnen ein sehr großer Mann? – Ja, rank und schlank. Ich glaube, er ist ertrunken.
Das ist alles mögliche, aber keine Identifikation, die über jeglichen Zweifel erhaben ist. Lee hatte zuvor auf der Olympic gedient, wohingegen Moody von der Oceanic und Lowe von der Belgic gekommen waren. (Als Randbemerkung folgender Hinweis: Wenn Lowe während des Beladens und Fierens der Boote 13 und 15 auf dem A-Deck war, dann wäre er an dem Abfieren von sechs Booten beteiligt gewesen, und fünf von denen hatten keinen Offizier an Bord – womit die weiter oben zitierte Anmerkung hier von Lee gestützt werden könnte, sofern Lowe groß genug war, um als „groß“ beschrieben zu werden.)
Wie gut konnte Lee den 5. und 6. Offizier der Titanic kennen? Als einer der Ausguckleute war Lees Arbeitsplatz im Krähennest, und der einzige Offizier, dessen Ein- und Auslaufstation (gemäß den Reedereirichtlinien) das Krähennest war, war der 2. Offizier. Üblicherweise wussten die Ausguckleute nicht, welche Offiziere gerade auf der Brücke waren – sie mussten voraus schauen und alles melden, was sie im Kurs des Schiffes sahen und durften deswegen nicht zurück blicken, um zu beobachten, was die Offiziere auf der Brücke taten. Damit ist fraglich, ob Lee wirklich die Offiziere der Titanic kannte. (Es ist ebenfalls spannend festzustellen, dass Major Peuchen Quartermaster Hichens dabei beobachtete, wie dieser im Rettungsboot versuchte herauszufinden, welche Offiziere mit ihm auf Wache waren, als die Kollision geschah – und Hichens war als Rudergänger auf der Brücke gewesen, wenn auch eingeschlossen im Ruderhaus.)
Abgesehen von all dem gibt es noch den Assistenz 2. Steward Wheat, der unter dem Kommando von E. J. Smith – und damit auch mit Murdoch, Latimer, Dodd und O’Loughlin (um jetzt nur mal einige zu nennen) – auf der Adriatic und Olympic gefahren war. Wheat sagte aus, dass Murdoch im befohlen hatte, mit seinen Männern zum A-Deck zu gehen und dort alles für das Fieren der nächsten Boote von dort vorzubereiten. Wheat war 29 Jahre alt und damit gerade mal fünf Jahre älter als Moody und ungefähr im selben Alter wie Lowe, womit ein Indiz vorhanden ist, dass es außer Moody noch andere Twens an Bord gab, die gelegentlich das Kommando über verschiedene Aufgaben erhielten.
Ein weiterer Zeuge, der Moody nach dem Fieren von Boot 16 noch gesehen haben will, ist Lampentrimmer Samuel Hemming, der sagte, dass Moody kurz vor dem Untergang der Titanic auf dem Dach der Offiziersquartiere war. Doch wie gut kannte Hemming Moody? Hemming war, bevor er auf die Titanic kam, auf der Olympic und Majestic gewesen. Und es war eine dunkle Nacht. (Andere Besatzungsmitglieder sagten aus, dass sie Schwierigkeiten hatten, zum Beispiel Murdoch von Zahlmeister McElroy zu unterscheiden, da beides große Männer waren – und diese Besatzungsmitglieder waren zuvor schon mit Murdoch und McElroy gefahren.) Wie also konnte Hemming zweifelsfrei behaupten, dass es sich um Moody auf dem Dach der Offiziersquartiere handelte? Die Beleuchtung wird dort nicht heller als auf dem Bootsdeck gewesen sein, und da es nur noch diese zwei Boote für die mehr als 1500 Seelen an Bord, die noch auf Rettung warteten, gab, muss die Lage auf dem Schiff doch sehr chaotisch gewesen sein. Es ist nur schwer vorstellbar, dass das Dach der Offiziersquartiere, wo sich diese beiden Boote befanden, eine Insel der Ruhe und Stille war, während auf dem Bootsdeck schon das Chaos tobte. Wie also konnte Hemming Moody zu dem Zeitpunkt von allen anderen Menschen an Bord unterscheiden? Hatte Moody so einen einzigartigen Körperbau, wodurch es unmöglich war, ihn mit jemand anders zu verwechseln? Auf der anderen Seite lässt allerdings Lees Beobachtung Raum für den Schluss, dass es andere junge Männer an Bord gab, die dem 6. Offizier ähnlich gesehen haben könnten. (Hier ist interessant festzuhalten, dass ein Foto, das Offiziere der Olympic 1911 in Belfast zeigt, normalerweise fehlerhaft als Foto von Titanic-Offizieren bezeichnet wird, und dann stellt der 3. Offizier Cater den 2. Offizier Lightoller dar, der 5. Offizier Tulloch gibt den 5. Offizier Lowe und der 6. Offizier Holehouse muss für den 6. Offizier Moody den Kopf hinhalten [3].)
Manches Mal wird auch Gracie als weiterer Zeuge aufgeführt, der Moody nach dem Fieren von Boot 16 noch gesehen hat. Aber wenn man Gracies Bericht liest, wird klar, dass er Moody kurz nach Beginn der Evakuierung an Boot 4 gesehen hat. (Aufgrund einer Fehleinschätzung wurde die Arbeit an Boot 4 zurückgestellt, bis die Fenster auf dem A-Deck geöffnet waren; die Besatzungsmitglieder, die an Boot 4 gearbeitet hatten, gingen zu anderen Booten, ehe sie ziemlich zum Schluss zu Boot 4 zurückkehrten, um Boot 4 mit Passagieren zu füllen und abzufieren.) Damit ist Gracie nur ein Zeuge dafür, dass Moody an backbord arbeitete.
Das stellt übrigens eine gute Auflösung zur Verfügung, wie sich die Offiziere während der Evakuierung des Schiffes aufteilten:
Zuerst mal muss beachtet werden, dass es auf einem Schiff zwei Wachen gibt – die Steuerbord- und die Backbordwache. Traditionell war die Steuerbordwache die des Kapitäns, und der Chief Officer war für die Backbordwache zuständig. Dementsprechend gehörte der 1. Offizier zur Steuerbordwache und der 2. Offizier zur Backbordwache. Fragmente dieses Systems kann man auf den ersten Blick an Bord der Titanic daran erkennen, dass Murdoch die Steuerbordseite unterstand und Lightoller sich an backbord aufhielt.
Laut den Reedereirichtlinien der White Star Line hatte der 3. Offizier das Kommando über die Backbordwache und der 4. Offizier über die Steuerbordwache – natürlich unter den Befehlen des Kapitäns und den dienstälteren Offizieren – damit gehörte der 5. Offizier ebenfalls zur Backbordwache, während der 6. Offizier der Steuerbordwache zugeteilt war.
Sieht man sich jedoch an, wie die Junior-Offiziere der Titanic während der letzten Stunden arbeiteten, scheint es auf dem Schiff en stärkeres Band als die Zugehörigkeit zu den Wachen gegeben zu haben: Pitman (Backbordwache) arbeitete an steuerbord, und als Lowe endlich aufwachte, ging auch er nach steuerbord (vermutlich suchte er nach seiner Backbordwache und fand sie an steuerbord). Boxhall (Steuerbordwache) arbeitete buchstäblich auf der anderen Seite, backbord. Da Moody zu dessen Wache gehörte, sieht es so aus, als wenn auch Moody an backbord arbeitete – damit hielten sich beide an Lightoller, ihrem ehemaligen Kameraden von der Oceanic.  (Gemäß Inger Sheil hielt Boxhall große Stücke auf Lightoller und verehrte ihn sehr. Und gemäß Lightoller vor dem britischen Untersuchungsausschuss scherte Lightoller sich nicht um irgendwelche Wacheinteilungen, als er die Männer zu Beginn der Evakuierung auf die beiden Seiten des Schiffes verteilte. Laut Matrose Scarrott versuchte Chief Officer Wilde später Ordnung in dieses Chaos zu bringen und teilte die Männer noch mal neu ein, dieses Mal jedoch nicht frei Schnauze, sondern nach den Wachen oder Bootstationen.)
Wie dem auch sei, damit arbeiteten Murdoch, Pitman und Lowe an steuerbord und Lightoller, Boxhall und Moody an backbord. Es sieht so aus, als hätten die letztgenannten eine Art „Oceanic-Connection“ gebildet.
Es gibt auch Anhaltspunkte dafür, dass Pitman der Außenseite der Oceanic-Gruppe gewesen ist. (Psychologische Untersuchungen haben belegt, dass jede Gruppe nach einem Schema agiert – es gibt immer einen Anführer, einen Herausforderer, die Anhänger des Anführers, die Anhänger des Herausforderers, den Sündenbock und den oder die Außenseiter: es gibt m. E. keinen Grund davon auszugehen, dass ausgerechnet die Gruppe der Titanic– oder Oceanic-Offiziere nicht nach diesem Schema funktionierte.) Das könnte auch erklären, warum Lowe der Meinung war, dass kein Offizier das Kommando über ein Boot übernommen hatte, ehe Boot 14 gefiert wurde; doch die Einschätzung, dass Pitman der Außenseiter war, wird vielleicht noch deutlicher, wenn man sich einen relativ bekannten Dialog im vollständigen Bild anschaut:
Boxhall war auf der Brücke, während die anderen Offiziere (möglicherweise außer Lowe, der eventuell immer noch geschlafen hat) bei den Rettungsbooten arbeiteten, die ja gemäß den Befehlen des Kapitäns beladen und gefiert werden sollten. Nun klingelte das Telefon auf der Brücke. Boxhall ging ran und hörte eine Stimme sinngemäß sagen: „Wissen Sie, dass ein Rettungsboot auf dem Wasser treibt?“
Boxhalls Antwort ist ziemlich verräterisch: „Sind Sie der 3. Offizier?“
Nein, es war Quartermaster Rowe vom Achterdeck, doch Boxhalls Antwort lässt dennoch den Schluss zu, dass es ihm an Respekt gegenüber dem 3. Offizier mangelte. Boxhall wusste, dass sein Kamerad bei den Booten arbeiten sollte. Dennoch hielt er es für denkbar, dass der 3. Offizier seinen Posten verließ, um die Brücke anzurufen und zu fragen, ob denen bekannt wäre, dass dort ein Boot im Wasser treibt. Wenn dieser Gedanke kein Zeichen von mangelndem Respekt ist, was könnte es dann sein?

Zurück zu Boot 16: Es gibt Anzeichen dafür, dass, wenn denn ein Offizier sich selbst erschossen hat, es an Boot 16 geschah und dass es der 6. Offizier Moody war, der sich das Leben nahm.
Warum ist es wahrscheinlicher, dass es Moody war und nicht Wilde oder Murdoch oder gar Kapitän Smith? – Das von Rheims beobachtete Salutieren ist verräterisch. Während Wilde, Murdoch und Smith seit Beginn ihrer Seefahrtslaufbahn bei der Handelsmarine waren, hatte Moody seine Seefahrtslaufbahn auf der HMS Conway begonnen, einem Schulschiff der Kriegsmarine, auf dem die Jungs entsprechend militärisch gedrillt wurden. Salutieren ist zweifelsfrei eine militärische Geste.
Wenn Moody der Offizier war, der sich erschossen hat, bleibt natürlich die Frage, ob er überhaupt eine Waffe gehabt hat. Lightoller sagte schließlich aus, dass nur er selbst, Kapitän Smith, Wilde und Murdoch Revolver erhalten hatten – doch Lightoller war der einzige Überlebende aus dieser Gruppe, und wenn er einen Namen nicht erwähnt hat, wer hätte ihn korrigieren oder wer hätte ihm widersprechen können? Es gab keine anderen Zeugen! Wenn Lightoller wirklich Moody vor dem Verdacht des Selbstmords schützen wollte, dann hatte er definitiv einen sehr guten Grund, Moody keine Waffe in die Hand zu drücken.
Auf der anderen Seite hatte Lowe seinen eigenen Revolver mit an Bord und nahm diesen mit in Boot 14. Mir ist nicht bekannt, ob Moody selbst auch eine Waffe besessen hat, die sein ständige Begleiter gewesen sein könnte.
Wenn Moody wirklich der Offizier war, der Selbstmord gegangen hat: Was könnte ihn zu der Tat getrieben haben? – Leider gibt es von Boot 16 keine detaillierten, zuverlässigen Augenzeugenberichte, eher das Gegenteil ist der Fall, denn die meisten Überlebenden aus dem Boot weigerten sich, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Doch die gleichen Motive, wie sie gerne Murdoch oder Wilde unterstellt werden, sollten auch für Moody Gültigkeit haben.

Weitere Anzeichen dafürm dass in der Tat ein Selbstmord an Boot 16 stattgefunden hat:

Ist es denkbar, dass kein Offizier, sondern jemand anderes sich an Boot 16 erschossen hat?
Ein anderer Mann, der eine Uniform trug, eine Waffe hatte und nicht überlebte, war Thomas King, einer der beiden Schiffswachtmeister. (Ganz zufällig war Thomas King in Diensten der Royal Navy gewesen, ehe er 1911 auf der Olympic anmusterte.) Abgesehen davon sieht es so aus, als wenn die Schiffswachtmeister dafür verantwortlich waren, die Zwischendeckpassagiere in ihrem eigenen Bereich zu halten, um ein Durcheinander bei den Booten zu verhindern. Deswegen ist natürlich auch Thomas King ein „Verdächtiger“ (er war am Ort des Geschehens und hatte die notwendigen Mittel), aber die Möglichkeit, dass King derjenige war, der sich erschossen hat, erklärt nicht, warum Moody nicht wie die anderen Junior-Offiziere mit dem Kommando über ein Boot betraut wurde. Deswegen die Gegenfragen:

Eine Anmerkung noch am Rande: Es ist interessant festzustellen, dass die Mehrheit der Besatzungsmitglieder, die von der Oceanic auf die Titanic gekommen waren, überlebt haben, während die Opfer der Decksabteilung hauptsächlich diejenigen waren, die von der Adriatic und der Olympic kamen. Viele ernst zu nehmende Bücher über Seefahrt behaupten, dass die Persönlichkeit des Kapitäns das ganze Schiff und die ganze Besatzung ansteckte; ein nachlässiger Kapitän hatte immer eine nachlässige Besatzung, ein ausgebuffter Kapitän hatte immer eine ausgebuffte Besatzung, ein verantwortungsbewusster Kapitän hatte immer eine verantwortungsbewusste Besatzung und ein egoistischer Kapitän hatte immer eine egoistische Besatzung. Es scheint so zu sein, dass Kapitän Haddocks Persönlichkeit der Schlüssel zu dem späteren Überleben seiner früheren Offiziere und Besatzungsmitglieder war, denn unter ihm hatten sie länger gedient als unter E. J. Smith, der zuvor die Olympic und davor die Adriatic kommandiert hatte und damit der Kapitän war, dessen früherer Männer den größeren Teil der Opfer der Decksabteilung stellten. Hier ist es dann noch eine Erwähnung wert, dass Haddocks langjähriger Zahlmeister Claude Lancaster nicht nur zwei Schiffsunglücke im 1. Weltkrieg überlebte, sondern in beiden Fällen auch noch die jeweiligen Schiffspapiere, das Geld der Reederei, sein eigenes Geld und jeweils eine ganz neue Uniform retten konnte. Man mag sich in diesem Zusammenhang gerne fragen, was gewesen wäre, wenn Lancaster der Zahlmeister der Titanic geworden wäre und eben nicht McElroy, der viele Jahre unter Kapitän Hayes gefahren war.
Eine weitere interessante Parallele bei zwei Männern, die lange Jahre unter Haddock gefahren sind, tut sich zwischen Lightoller und Dr. Beaumont auf: Bei veröffentlichten ihre Autobiographien, beide bezeichneten die Deutschen als „Hunnen“ und zeigen Anti-Deutsche-Tendenzen [4], während auf der anderen Seite Kapitän Hayes in seiner Autobiographie über fairen Wettstreit mit deutschen Kapitänen und Reedereien auf der Transatlantikroute berichtet und gegenseitigen Respekt sowie das Bedauern auf beiden Seiten über den Kriegsausbruch erwähnt und eine wesentlich ausbalanciertere Sichtweise an den Tag legt [5].

Zum Schluss ist noch folgende Bemerkung wichtig:
Dieses Essay soll nicht dazu dienen, den möglichen Selbstmord eines Titanic-Offiziers explizit an Moody festzumachen. Im Gegenteil, es soll darlegen, dass es keinen Grund gibt, den 6. Offizier aus der Diskussion von vorne herein rauszuhalten. Moody befand sich auf dem sinkenden Schiff und damit am Tatort. Moody arbeitete an den Rettungsbooten und war damit noch dichter am Tatort. Moody überlebte das Unglück nicht und seine Leiche wurde niemals gefunden – womit er die gleichen Voraussetzungen aufweist wie die anderen Selbstmordkandidaten. Es gibt, wie oben dargestellt, ein Motiv, und es gibt nichts, was dieses Motiv für Moody weniger wahrscheinlich sein lässt als für Murdoch oder Wilde.

Abschließend geht mein Dank an George Behe, der mich überzeugte, dass ich meine Überlegung aus Fairness gegenüber Wilde und Murdoch öffentlich machen muss und der mir zugleich auf seiner Homepage die Möglichkeit gegeben hat, die Ausarbeitung allseits zugänglich zu machen.

 

[1] Senan Molony, The Irish Aboard Titanic, Dublin, 2000
[2] Westmeath Independent, 4. Mai 1912
[3] George Behe, A Mystery is Solved (Commutator, Vol. 24, No. 151)
[4] Charles Herbert Lightoller, Titanic and other Ships, London, kein Datum; Dr. J. H. C. Beaumont, Ships – and People, London, keine Datum
[5] Sir Bertram Hayes, Hull Down, London, 1925

Quellen:
Seefahrt allgemein:
Jens Kusk Jensen, Handbuch der praktischen Seemannschaft auf traditionellen Segelschiffen, Königswinter, 1988 (Nachdruck einer Ausgabe von 1910, die die verschiedenen Abläufe auf dänischen und englischen Schiffen beschreibt)
Ev. Draper (Herausgeber), All at Sea, Memories of Maritime Merseyside, Bebington, 2000 (enthält einige wenige Informationen über die
Conway)

Titanic-Quellen:
Colonel Archibald Gracie, Titanic. A Survivor’s Story, Gloucester, 1995
Public Record Office, 
Titanic. The True Story, Kew, 1999 (CD-ROM)

Internet:
http://home.att.net/~wormstedt/titanic/shots/shots.htm (besucht: Dezember 2001)