Das Logbuch der Titanic – eine Theorie

von Susanne Störmer, © 2003

 

Wäre das Logbuch der Titanic für die Untersuchungsausschüsse verfügbar gewesen, wäre es ein wichtiges Beweisstück gewesen. Seit vielen Jahren fragen sich Titanic-Interessierte, ob sich wirklich niemand vor Verlassen des Schiffes darum kümmerte, das Logbuch mitzunehmen, und was mit dem Log geschehen ist, sollte es wirklich die Carpathia erreicht haben.

Hinsichtlich des Logs sollte allerdings daran gedacht werden, dass es auf einem Schiff verschiedene Logs gibt – z. B. das Maschinenraumlogbuch, das Groblog auf der Brücke und das offizielle Logbuch. Der Chief Officer trug die Verantwortung für das Logbuch; er führte das offizielle Log, indem er die Einträge des Wachoffiziers aus dem Groblog übertrug. Dementsprechend wäre das offizielle Logbuch der Titanic von wenig Nutzen für irgendeinen Untersuchungsausschuss gewesen, da es sich nicht bis auf den Stand bis zum Unfall gebracht worden ist. Das Groblog wäre es gewesen, das all das, was während der letzten Stunden auf der Brücke passierte, festgehalten hätte. – Ich vermute, dass Wilde das Groblog mit sich nahm, als er die Brücke um 18 Uhr abends verließ und Lightoller, der die Wache übernahm, ein neues Groblog begonnen hat. Bezieht man das in die Überlegung mit ein, dann wird das offizielle Logbuch bestenfalls all das enthalten haben, was vom Beginn der Reise bis zum 14. April, 18 Uhr geschehen ist. Das mag vielleicht noch interessant sein, ist aber trotzdem den nicht das, wonach gesucht wurde und immer noch wird.
Also ist es das Groblog, das besondere Beachtung verdient, das die Zeitspanne vom 14. April, 18 Uhr bis zur Kollision und höchstwahrscheinlich noch darüber hinaus enthielt – vielleicht wurde es nicht mehr weiter geführt, als alle mit dem Klarmachen und Beladen der Rettungsboote beschäftigt waren.
Was könnte das Logbuch enthalten? – Definitiv Sichtungen von Eis und Eisbergen bereits vor der Kollision. Da alle anderen Schiffe in jenen Längen- und Breitengraden im April 1912 viel Eis begegneten, gibt es absolut keinen Grund zur Annahme, dass das Eis die Titanic verschonte – bis auf einen einzigen Berg, der es irgendwie nicht mehr rechtzeitig schaffte, den Weg frei zu machen.
Darüber hinaus hatten andere Schiffe in jener Region im April 1912 ihren jeweiligen Kapitän auf der Brücke, selbst wenn dieses große Eisfeld bei Tag durchquert wurde (der Cunarder Carmania und ihre Erfahrungen mit dem Eis machten die ersten Schlagzeilen des New York Times am 15. April 1912 – siehe auch TiPo 42 bzw. www.titanicfiles.org, newspaper reports, USA für den kompletten Bericht [1]) oder wenn Schiffe sich dem Eisfeld nur näherten. (z. B. der Leyland Liner Californian). Warum also sollte die Titanic die einzige Ausnahme gewesen sein, besonders dann, wenn das große Eisfeld nachts durchquert wird? (Die vollständige Argumentation ist auf englisch nachzulesen in William McMaster Murdoch. A Career at Sea, Appendix II).
Zweifellos hätte das Groblog der Titanic gezeigt, dass diejenigen auf der Brücke der Titanic gewusst haben, dass sie durch ein Eisfeld fuhren – und dass der Kapitän die ganze Zeit auf der Brücke gewesen ist (siehe auch 4. Offizier Boxhall vor dem britischen Untersuchungsausschuss, 16925).

Gab es also jemanden auf dem Schiff, der ein Interesse daran gehabt haben könnte, dass das Groblog gerettet wurde?
Vielleicht Chief Officer Wilde, weil er für das Logbuch verantwortlich war. Aber es gab noch jemanden, der ein besonders großes Interesse daran hatte, dass das Groblog in Sicherheit gebracht wurde: Der 1. Offizier Murdoch, in dessen Wache die Kollision geschehen war. Mit Kapitän Smith auf der Brücke hatte natürlich der Kapitän das Kommando gehabt – doch Murdoch hatte vor dem Olympic/Hawke-Untersuchungsausschuss ausgesagt und war daran beteiligt gewesen, einen wichtigen Zeugen von dessen Station wegzuerzählen (siehe William McMaster Murdoch. A Career at Sea für weitere Details). Damit muss Murdoch, der gewusst hat, wie ernst die Lage war (sein Abschied vom 3. Offizier Pitman legt diese Vermutung nahe), klar gewesen sein, dass die Kollision der Titanic mit einem Eisberg und der deutlich ernstere Ausgang von der Reederei noch mehr Klimmzüge erfordern würde, um Schadensersatzforderungen wegen Fahrlässigkeit gemäß dem Fatal Accident Act von 1846 zu umgehen. Vielleicht hat er auch befürchtet, dass die Reederei versuchen würde, ihm alle Schuld in die Schuhe zu schieben – in diesem Fall wäre das Groblog ein wichtiges Beweisstück für Murdochs Verteidigung.

Gibt es einen Grund zur Annahme, dass das Groblog jemals die Titanic verlassen hat?

Es überrascht vielleicht, doch es gibt wirklich Aussagen, die Raum für die Theorie lassen, wer das Groblog an sich nahm, wie es das Schiff verließ und warum es nicht an Land kam.

Rudergänger Walter Wynn machte interessante Aussagen vor dem britischen Untersuchungsausschuss. Der überraschendste Teil ist sicherlich, dass er seinen Seesack mit ins Boot nahm. Gemäss Wynn enthielt der Seesack zwei Garnituren Unterwäsche, die er nicht benötigt hatte. Nun mag man annehmen, dass Wynn seinem Seesack besondere Beachtung schenkte und sicherstellte, dass er ihn mit auf die Carpathia nahm, da er ja einige Stunden vorher beim Untergang der Titanic alles verloren hatte. Dem war aber nicht so! Wynn sagte vor dem britischen Untersuchungsausschuss, dass dieser Seesack über Bord geworfen wurde. Eine absolut natürliche Sache in so einer Lage? War vielleicht jemand eifersüchtig, weil dieser Seemann einige seiner Kleidungsstücke retten konnte, während alle anderen alles verloren hatten und nur noch das besaßen, was sie am Leibe trugen bzw. auf die Freundlichkeit von Fremden angewiesen waren? Warum scherte er sich erst so sehr um zwei Garnituren Unterwäsche, dass er sie mitnahm und dafür sorgte, dass sie ins Rettungsboot kamen? Warum scherte er sich einige Stunden später so wenig darum, dass irgendjemand anders diesen Seesack über Bord werfen konnte (anstatt sich seine Habseligkeiten wieder selbst anzueignen)?
Auf den ersten Blick scheint Wynns Aussage durchaus logisch. Der 6. Offizier Moody befahl ihm, zu seinem Boot zu gehen, und da Wynn nicht wusste, welches Boot das war, befahl Moody ihm, den Befehl über Boot 9 zu übernehmen, was Wynn auch tat. Erst als Bootsmannsmaat Haines in das Boot kam, übergab Wynn ihm den Befehl.
Wie kommt es jedoch, dass der rangniedrigste Offizier einem Rudergänger den Befehl gibt, das Kommando über ein Rettungsboot zu übernehmen, wo doch ein dienstälterer Offizier das Kommando auf jener Seite beim Beladen und Fieren der Boote hatte? In diesem Zusammenhang ist es spannend zu beobachten, dass es Murdoch war, der steuerbord das Kommando hatte und das Beladen und Fieren von Boot 9 leitete – ganz zufällig ausgerechnet der Offizier, der ein besonderes Interesse daran hatte, dass das Groblog das sinkende Schiff verließ und in Sicherheit gebracht wurde. Wirklich nur ein Zufall?

Wynns Aussage vor dem britischen Untersuchungsausschuss gibt keinen Ort an, wo er den Befehl von Moody erhielt, das Kommando über Boot 9 zu übernehmen. Üblicherweise wird angenommen, dass es an steuerbord geschah. Doch was es wirklich so?
Walter Wynn kam von der Oceanic. Moody auch. Wynn beschrieb die Pflichten eines Rudergängers folgendermaßen: „Das Ruder zu übernehmen und sich den Offizieren zur Verfügung zu halten, und wenn man den letzten Törn des Ruders hat, dann nach achtern zum Poopdeck gehen und sich dort während der ganzen Wache in Bereitschaft zu halten, falls es einen Unfall gibt, falls ein Passagier über Bord fällt oder versucht, Selbstmord zu begehen, einen Rettungsring oder eine Rettungsboje zu werfen und die auf der Brücke sofort zu warnen.“ [GB 13352] Es scheint so, als würden die Rudergänger eng mit den Offizieren arbeiten.
Wynn war damit beschäftigt, die beiden Notfallboote klarzumachen und half danach an verschiedenen Rettungsbooten, bis er von Moody den Befehl erhielt, zu Boot 9 zu gehen und das Kommando zu übernehmen. – Merkwürdig ist daran nur, dass die beiden Notfallboote immer bereit gehalten wurden, unverzüglich abgefiert zu werden, so dass es wirklich nicht viel gab, was dort klarzumachen war. Und wenn Wynn eigentlich das Beladen und Fieren der Boote meinte, dann gibt es ein anderes Problem: Generell wird davon ausgegangen, dass Boot 9 vor Boot 2 das Schiff verließ.
Darüber hinaus gibt es eine weitere Merkwürdigkeit in Wynns Aussage vor dem britischen Untersuchungsausschuss:
13395: Hatten Sie Zeit, Ihren Seesack mitzunehmen? – Nein, den nahm ich, aks ich nach unten ging, um mein Messer zu holen.
13396: Platzierten Sie Ihren Seesack in dem Boot? – Ich hatte zwei Garnituren Unterwäsche, die ich nicht ausgepackt hatte, in meinem Seesack. Ich warf ihn in das erste Boot, zu dem ich kam, als mir befohlen wurde, mit dem Boot von Bord zu gehen.
13397: Das war das Boot, mit dem Sie das Schiff verließen? – Ja.
Zieht man trotz des offensichtlichen Widerspruchs Wynns vorangegangene Aussage mit in Erwägung und verbindet beide Angaben, dann hatte Wynn entweder seinen Seesack ständig dabei, als er an den Booten arbeitete, bis Moody ihm befahl, mit Boot 9 von Bord zu gehen – in diesem Fall wäre es sogar noch bemerkenswerter, dass er sich in seinem Rettungsboot nicht mehr um seinen Seesack kümmerte – oder Wynn ging, um seinen Seesack zu holen, als ihm befohlen wurde, zu Boot 9 zu gehen.
Kann man dieser Aussage glauben? Warum der Widerspruch? Gab es für Wynn einen Grund, etwas zu verbergen? War es Wynn, der den Befehl erhalten hatte, die Titanic mit dem Groblog zu verlassen?

Die Theorie zu der Frage, was mit dem Log geschah

Zuerst muss die Theorie beinhalten, dass Moody Wynn den Befehl gab, zu Boot 9 zu gehen, da ich aus irgendwelchen Gründen nicht davon ausgehe, dass Wynn diese Geschichte erfunden hat. Da ich allerdings auch keinen Grund für Moody sehe, dass Groblog unbedingt zu retten, ist es erforderlich, eine Szene zu ermitteln, die erklärt, warum Moody den Befehl bekam, das Groblog in Sicherheit zu bringen. Persönlich glaube ich nicht, dass es ein Zufall war, dass Moody Wynn befahl, zu Boot 9 zu gehen, von daher gehe ich davon aus, dass Murdoch in diese Aktion verwickelt war.
Einige Teile von Wynns Aussage in Erwägung ziehend, komme ich zu folgender Theorie:
Während Boot 1 beladen wurde, wurden Pistolen an die Offiziere ausgegeben. Dafür mussten sie sich in Murdochs Kabine versammeln. Zwar wurde niemals gesagt, dass Moody bei dieser Gelegenheit ebenfalls eine Waffe erhielt, trotzdem besteht die Möglichkeit, dass auch dem 6. Offizier ein Revolver ausgehändigt wurde. – Mir ist bekannt, dass Lightoller Moody nicht erwähnte, als er sich erinnerte, wie Wilde Waffen an Kapitän Smith und die dienstälteren Offiziere ausgab, doch Lightoller mag seine Gründe dafür gehabt haben, dass er nicht erwähnt hat, dass Moody bei dieser Gelegenheit ebenfalls anwesend war.
Murdoch (oder vielleicht auch Wilde, obwohl ich es wegen der Verwicklung von Boot 9 nicht für wahrscheinlich halte) befahl Moody dann, dafür zu sorgen, dass das Groblog gerettet wird – die anderen Offiziere in der Nähe haben es sehr wahrscheinlich gehört – und Murdoch sagte vielleicht auch, dass er nun zu Boot 9 gehen würde und dem Mann mit dem Log an dem Boot erwarten würde. Moody nahm das Groblog, suchte danach nach einem Besatzungsmitglied, das er kannte und von dem er wusste, dass es zuverlässig war, traf Wynn, den er von der Oceanic kannte und befahl Wynn dann, das Groblog zu nehmen und damit zu Boot 9 zu gehen, was Wynn auch tat.

Da weder Wilde noch Murdoch unter den Überlebenden waren, gab es unter den überlebenden Offizieren niemanden mehr, der das Groblog für die eigene Verteidigung benötigte. Und weder Ismay noch Lightoller werden Interesse daran gehabt haben, das Groblog als Beweisstück bei dem folgenden Untersuchungsausschuss zu sehen. – Damit war es die einfachste Lösung, dieses Beweismaterial einfach über Bord zu werfen. Wynn musste nur sagen, dass er seinen Seesack mit sich ins Rettungsboot genommen hatte. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, dass Mr. Lewis vor dem britischen Untersuchungsausschuss einen Verdacht gehegt hat, während der Vorsitzende deutliches Desinteresse zeigt:
13398: Was geschah mit dem Seesack?
Der Vorsitzende: Ist es wichtig, was mit dem Seesack geschah?
Zeuge: Ich habe es nie gesehen.
13396 [sic!]: (Mr. Lewis); Er hätte eine gute Form gehabt, oder – eine schöne große Tasche? – Nicht für die zwei Garnituren Unterwäsche, die ich hatte.
13400: War es nicht so, dass er von der Carpathia geworfen wurde, als das Boot dort ankam? – Das ist richtig.
Leider hat niemand den Zeugen bei diesem Punkt wirklich unter Druck gesetzt, doch gerade wegen der außergewöhnlichen Geschichte, dass ein Seemann erst seinen Seesack rettet und dann jegliches Interesse daran verliert (während Kameraden von ihm in einem anderen Rettungsboot darüber klagen, dass sie alles verloren haben und nicht genug Geld besitzen, um die Verluste zu ersetzen), so dass jemand anderes den Seesack über Bord werfen kann (obwohl dieser andere ebenfalls alles verloren haben muss oder aber gewusst haben muss, dass die Überlebenden Kleidung benötigen werden), gehe ich davon aus, dass das Groblog, wenn es denn die Titanic überhaupt verlassen hat, sich auf Boot 9 in der Obhut von Rudergänger Wynn befand. Irgendjemand, der darin verwickelt war, dafür zu sorgen, dass die White Star Line nicht für Fahrlässigkeit belangt werden würde, muss sichergestellt haben, dass das Groblog die Carpathia verlassen hat, bevor dessen Existenz bekannt wurde. Der Rest ist Geschichte.

[1] Der Link funktioniert nicht mehr. Nach Umsatrukturierungen der Seite sind die zeitgenössischen Zeitungsberichte nicht mehr auf der Seite online gestellt.