Kurs auf Hamburg – Das Titanic-Musical kommt

von Susanne Störmer, © 2002

„Ship of Dreams“ war eines der Schlagworte bei der Eröffnungspressekonferenz am 10. Oktober 2002 in der Neuen Flora in Hamburg, wobei „Ship of Dreams“ auf keinen Fall mit „Traumschiff“ übersetzt werden sollte. Denken Deutsche dann doch sofort an Kreuzfahrten, südliche Sonne und vielleicht auch noch Sascha Hehn. Wolfgang Adenberg, Jahrgang 1967, hat die schwierige Aufgabe, den amerikanischen Text ins Deutsche zu übertragen und dabei Klippen dieser Art zu umschiffen, in drei Monaten von Juni bis Ende August 2002, bewältigt. Seine Auszeichnung erhielt er, als der als schwierig geltende Texter der Originalfassung, Maury Yeston, nur eine einzige Stelle monierte.
Die besondere Herausforderung für den Übersetzer, der mit einem handelsüblichen, umfangreichen Wörterbuch Englisch – Deutsch sowie einem Synonymwörterbuch des Duden arbeitet, liegt darin, dass bei Liedtexten nicht nur einfach in die andere Sprache übertragen werden kann, sondern dass zusätzlich noch Musik, Silbenzahl, Rhythmus der Worte und natürlich der Reim passen muss. Ein von Achtenberg genanntes Beispiel war das englische dreisilbige „Marry me“. In Deutsch wäre es das viersilbige „Heirate mich.“ „Heirat‘ mich“ ist für einen Übersetzer nicht akzeptabel – am Ende wurde es dann „Werde mein“, ebenfalls dreisilbig und auch zu der Sprache des Jahres 1912 passend.
Auch hatte Achtenberg bei seiner Arbeit darauf zu achten, dass er seemännische Ausdrücke aus der Sprache der Crew ebenso korrekt wiedergab wie er die Zeilen der Passagiere zeitgenössisch aber zugleich für heutige Zuhörer verständlich übersetzte. Eine Forderung des Originalautor war übrigens, dass keine Anpassung an europäische Sichtweisen und Denkungsarten erfolgte, und so wurden lediglich Wortspiele und Redewendungen angeglichen. Gemäß Adenberg ist „Titanic. Das Musical“ eine sehr unamerikanische Produktion und fällt durch eine ungewöhnliche Erzählweise auf.
„Ship of Dreams“ ist zudem eine zentrale Thematik des Musicals, in dem das historische Schiff höchstes eine Nebenrolle spielt. Es geht um Personen (deren Namen übrigens alle auf den Passagier- und Besatzungslisten zu finden sind) und deren Träume. Beispielhaft dafür wurde bei der Eröffnungspressekonferenz ein Szenenausschnitt aus der 3. Klasse drei Tage nach Probenbeginn vorgestellt – die drei Kates malen sich ihr Leben in Amerika aus, es werden Zukunftspläne geschmiedet, es wird sich ein neues Leben in der neuen Welt erträumt. Zu dem ganzen Neuen passend, ist eine der Kates auch schwanger, dass heißt, in ihr wird neues Leben. Historisch ist das sicher nicht belegbar, aber es ist ein guter Interpretationsansatz und zeigt zumindest in dieser Szene die Schlüssigkeit des Motivs.
Das Musical tritt nicht mit dem Anspruch auf, authentisch zu sein. Dafür ist das Medium auch nicht geeignet. Während ein Film sogar dokumentarisch gemacht werden kann, ist ein Musical immer an die Grenzen der Bühnen gekettet. Im Zusammenspiel von Livemusik durch das Orchester sowie dem Gesang und dem Agieren der SchauspielerInnen im Musical vervollständigt der Zuschauer/die Zuschauerin durch eigene Wahnehmung sein eigenes Bild des „ship of dreams“. Regisseur Daniel Stewart stellte im Gespräch klar, dass ein Film immer alle Bilder fertig vorsetzt, während ein Musical durch das Zusammenspiel von dem begrenzten Bühnenraum, Musik, Gesang und Schauspielkunst an alle Sinne appelliert. Gerade der Gesang spricht einen ganz anderen emotionalen Level bei den Zuschauern an, so dass ein Musical auf keinen Fall mit einem Film vergleichbar ist.
Titanic. Das Musical“ hat durch Charakterstudien, die in eine Geschichte eingebunden wurden, etwas von einem griechischen Drama. Dazu passend ist sicher auch die Neue Flora, die durch ihre Architektur an ein Schiff erinnert und in der die Zuschauerränge wie in einem antiken römischen Theater aufgebaut wurden. Für „Titanic. Das Musical“ wird die Neue Flora für 8,5 Millionen Euro umgebaut. Interessanterweise ist die deutsche Fassung von „Titanic. Das Musical“ die bisher weltweit größte Produktion.
Das in den USA mit 5 Tonys ausgezeichnete Musical wird in Deutschland bis zum Juli 2003 zu sehen sein – ob es auch in der dann folgenden Spielzeit gezeigt werden wird, hängt sicher davon ab, ob es gelingt, deutschsprachigen Zuschauern kalr zu machen, dass „Titanic. Das Musical“ keine historisch authentische Dokumentation, sondern ein Erlebnis, das alle Sinne anspricht, ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass während der Pressekonferenz auf alle Fragen bereitwillig geantwortet wurde – nur die Erkundigung nach den Produktionskosten wurde abfällig beschieden. Produzent Maik Klokow machte deutlich, dass es nicht ums Geld, sondern um das Musical geht. Und so hat offenbar auch der Produzent seinen ganz persönlichen Traum im Zusammenhang mit diesem Schiff.