„Hello Operator“

Die Telefontechnik an Bord der Titanic

von Susanne Störmer, © 1996

Heute ist es ein täglicher Gebrauchsgegenstand, 1912 war es noch innovative Technik – das Telefon. Heute kann sich wohl keiner mehr vorstellen, wie ein Leben ohne Telefon wäre (das merkt man besonders dann, wenn der Anschluss oder das Gerät gestört ist), 1912 war das Telefon noch purer Luxus.

Dass es auf der Titanic Telefone gab, ist allein schon dadurch bekannt, dass Frederick Fleet im Ausguck nach Sichtung des Eisbergs und dem Anschlagen der Glocke zum Hörer griff und der Brücke meldete, was er gesehen hatte. Doch abgesehen davon wird in Titanic-Büchern nur bei Aufzählung des vorhandenen Luxus (wenn überhaupt) erwähnt, dass es an Bord auch Telefone gab. Allein die Sonderausgabe vom The Shipbuilder zum Thema Olympic/Titanic lässt sich in einigen Details zu den Telefonen und der dazugehörigen Technik an Bord aus.

Aus heutiger Sicht war die damalige Technik in Sachen Telefon eher primitiv. Digitale Vermittlungstechnik, ISDN, Tastentelefone oder gar Selbstwählferndienst und Wählscheibentelefon waren 1912 noch absolute Fremdwörter. Dennoch gab es auf der Titanic zwei verschiedene Systeme. Eines basierte auf Festverbindungen und wird im Shipbuilder als „navigating group“ bezeichnet, das andere wurde über einen Klappenschrank („Switchboard“) abgewickelt, wobei die Verbindungen in diesem System manuell hergestellt werden mussten.

Die Festverbindungen

„Festverbindung“ bedeutet, dass zwei Telefone über eine Leitung miteinander verbunden sind. Sobald bei einem Telefon der Hörer abgehoben wird, wird eine Verbindung zum anderen Apparat aufgenommen, wobei es nicht möglich ist, mit anderen Gegenstellen Verbindung aufzunehmen. Die berühmteste Festverbindung ist sicherlich das „rote Telefon“ von Moskau und Washington. Ein weiteres Beispiel für Festverbindungen sind zum Beispiel Notrufmelder.

Folgende Festverbindungen waren auf der Titanic eingerichtet:
Brücke – Vorschiff (Auslaufstation)
Brücke – Krähennest
Brücke – Maschinenraum
Brücke – Achterdeck (Auslaufstation)
Kabine des Chefingenieurs – Maschinenraum
Maschinenraum – Kesselräume 1, 2, 3, 4, 5 und 6

Für die Festverbindungen gab es spezielle Telefone, die unter der Typenbezeichnung „Marine Telefone“ gehandelt wurden. Verbindungen konnten durch Stimme aber auch durch die Betätigung von dem, was bei heutigen Telefonen als „Gabel“ bezeichnet wird, hergestellt werden. Im Gegensatz zu heute klingelten diese Apparate allerdings nicht, sondern ein Verbindungsaufbau wurde durch eine Flagge und eine Signallampe angezeigt.
Die Telefone auf dem Vorschiff und dem Achterdeck waren sogar tragbar, allerdings mit der Einschränkung, dass es für die Geräte dort zwei verschiedene Halterungen gab und man das Telefon in zwei verschiedenen Positionen nutzen konnte – was bei einer Deckbreite von 28 Metern durchaus sinnvoll war.

Ein Verbindungsaufbau war von beiden Seiten aus möglich. Als Beispiel sei hier die Festverbindung Brücke – Krähennest genannt: Der 2. Offizier Lightoller gab dem 6. Offizier Moody die Anweisung, dem Krähennest mitzuteilen, dass scharf Ausschau nach Eisbergen, Eisschollen und Kälbern gehalten werden soll. Moody rief im Krähennest an und übermittelte den Befehl. Wenige Stunden später wurde die Verbindung von der anderen Seite aufgebaut – das Krähennest meldete den Eisberg an die Brücke.

Die zum Telefonieren erforderliche Elektrizität wurde über die Lichtmaschinen in das Netz eingespeist. wobei Widerstände die notwendige Spannung herstellen. Auch gab es für das Festnetz ein Notstromaggregat, so dass selbst bei einem Stromausfall die Kommunikation gewährleistet war. Ohne Telekommunikationstechnik wäre eine Verständigung zwischen den o. g. Stationen auch äußerst umständlich und sehr zeitraubend gewesen, wobei gerade in Notfällen bzw. beim Ein- und Auslaufen diese Verbindungen sehr wichtig waren.

Das interne System

Zum internen System gehörten die Telefone in den Kabinen einiger 1.-Klasse-Unterkünfte sowie Räume der leitenden Besatzungsmitglieder und einigen Serviceräumen.

Die Kommunikation im internen System wurde über einen Klappenschrank abgewickelt. Der Klappenschrank war quasi die Vermittlungsstelle. In (West-)Deutschland wurden bis Ende der 60er Jahre dieses Jahrhunderts Gespräche über Klappenschränke abgewickelt, bedient wurden die Einrichtungen von den „Fräuleins vom Amt“ (jüngeren Semestern sind diese wohl nur noch aus Filmen bekannt). Letztendlich hat der sogenannte Selbstwählferndienst die Klappenschränke und damit auch die „Fräuleins vom Amt“ ersetzt.

Auf der Titanic gab es kein „Fräulein“, sondern einen „Telephone Steward“. Laut Besatzungsliste war es ein 21jähriger aus Southampton. Dieser Mann hat nicht überlebt. – Mag es auch verwunderlich erscheinen, dass ein einziger Steward sich um den Klappenschrank gekümmert haben soll, so darf man nicht vergessen, dass das Telefon eine ziemlich neue Erfindung war. Im übrigen erinnere ich an die Funker, von denen es auf den meisten Schiffen auch nur einen gab und die einen 16-Stunden-Tag zu verrichten hatten. So eine Regelung würde auch für den Telefonsteward Sinn machen. Ganz abgesehen davon befand sich der Klappenschrank direkt neben dem Büro vom Zahlmeister, und ein Zahlmeisterbüro ist rund um die Uhr besetzt. So ist es also denkbar, dass der Telefonsteward die Hauptarbeit verrichtete, während der diensthabende Zahlmeister bzw. einer der diensthabenden Zahlmeisterassistenten nachts auch den Klappenschrank bedienten, wobei man davon ausgehen kann, dass nachts Ruhe herrschte, schließlich waren die für den Schiffsbetrieb erforderlichen Leitungen alls im Festnetz geschaltet.

Der Klappenschrank hatte eine Kapazität von 50 Leitungen. Das bedeutet jetzt aber nicht, dass 50 Gespräche gleichzeitig geführt werden konnten. Eine Begutachtung des Fotos vom Klappenschrank der Titanic durch eine Fachfrau ergab, dass maximal sieben Verbindungen zur selben Zeit hergestellt werden konnten. Sieben Verbindungen bedeutet wiederum, dass 14 Telefone in Betrieb waren (sieben, die angerufen haben und sieben, die angerufen wurden). Und wer sich etwas mit der Telefontechnik auskennt, weiß, dass 14 von 50 für die damalige Zeit ein sehr guter Schnitt ist. Bei dieser Zahl kann man sogar davon ausgehen, dass es keine Leitungsprobleme gab.

Im übrigen gehe ich inzwischen davon aus, dass 50 Leitungen auch gleichzeitig 50 Anschlüsse bedeutete, denn die Stadt Eckernförde hatte 1912 eine Einwohnerzahl von ca. 6000 und verfügte über geschätzte 120 Telefonleitungen, wobei die Bevölkerungsstruktur von Eckernförde auch in etwa der Passagierstruktur der Titanic entsprechen dürfte.

Die Funktionsweise eines Klappenschranks lässt sich am besten durch ein fiktives Beispiel erklären:
Molly Brown ist in ihrer Kabine und möchte sich mit Mrs. Meyer zum Dinner verabreden. Sie greift zum Hörer ihres Telefons in der Kabine – und am Klappenschrank leuchtet an einer der sogenannten „Klinken“ eine Lampe auf, die dem Telefonsteward signalisiert, dass ein Gesprächswunsch besteht. Mit einem „Stöpsel“ (so wurde dieses Teil des Abfragewerkzeugs genannt) belegt der Steward diese Klinke und fragt, mit wem der Anrufer/die Anruferin zu sprechen wünsche. Molly Brown würde dann sagen: „Ich hätte gerne Mrs. Meyer aus Kabine XYZ gesprochen.“ Mit einem zweiten Stöpsel geht der Steward dann in die für die Kabine XYZ „zuständige“ Klinke, legt dann den zu dem Stöpselpaar gehörigen Hebel um, wodurch in der Kabine XYZ der Ruf ankommt, und wenn Mrs. Meyer sich meldet, sagt der Steward, dass Mrs. Brown sie zu sprechen wünscht. Mit dem Zurücklegen des Hebels in die Normalstellung geht der Steward aus der Leitung, und Molly Brown kann sich mit Mrs. Meyer zum Dinner verabreden.

Die ganze Funktionsweise des Klappenschranks sowie die nur begrenzte Anzahl an Verbindungsmöglichkeiten macht auch deutlich, warum ein Festnetz für die wichtigsten Verbindungen eingerichtet wurde. Man stelle sich nur mal vor, Frederick Fleet im Ausguck sieht einen Eisberg direkt im Kurs der Titanic, greift zum Hörer, landet beim Telefonsteward und der sagt ihm: „Sorry, aber alle Leitungen belegt …“ Das hätte mit Sicherheit einen noch größeren Skandal ausgelöst, als Moodys Erwiderung auf Fleets Meldung, die im Festnetz erfolgte und hier – weil es schließlich das bekannteste Telefongespräch, das an Bord der Titanic geführt wurde, ist – in voller Länge wiedergegeben werden soll:

Fleet: „Are you there?“

Das ist der weiter oben beschriebene Aufbau einer Verbindung über Stimme.

Moody: „Yes. What did you see?“

Moody als 6. Offizier hatte seinen Posten beim Rudergänger und damit auch bei den Telefonen auf der Brücke. Die Flagge und die Lampe haben ihm gezeigt, dass das Krähennest über die Festverbindung Verbindung mit der Brücke aufnehmen wollte.

Fleet: „Iceberg, right ahead!“

Moody: „Thank you!“

Mein Dank geht an:
Gisela Morawetz, ehemals „Fräulein vom Amt“, die mir den Klappenschrank in allen Einzelheiten erklärte
und Helmut Ritter von der Deutschen Telekom AG
Dr. Uwe Beitz vom Stadtarchiv Eckernförde und Nikolaus Zöllner