Auf hoher See mit der Welt in Verbindung

Kommunikation auf der Titanic

von Susanne Störmer, © 2018

Der Mensch ist ein kommunikatives Wesen. Und zu keiner anderen Zeit gab es so viele Kommunikationsmöglichkeiten wie heute: Festnetztelefonie, Mobilfunk, E-Mail, What’s App, SMS, Funk, Internet – das direkte Gespräch gerät da schon mal in Vergessenheit genauso wie der klassische Brief oder die Postkarte.

Zu Zeiten der Titanic war es noch anders. An Land gab es Briefe, Postkarten, Telefon und drahtgebundene Telegraphie. Und seit Guglielmo Marconi auch Funk, d. h. die Übermittlung von Zeichen zwischen Sender und Empfänger einfach durch die Luft. 1897 hatte Marconi den Funk so weit perfektioniert, dass er seine eigene Firma für drahtlose Dienste gründen konnte. 1909 erhielt Marconi den Nobelpreis in Physik zusammen mit Wernher von Braun, der die theoretischen Grundlagen für drahtlose Telegraphie beschrieben hatte.

Die erste Funkstation auf einem Schiff befand sich auf der Kaiser Wilhelm der Große des Norddeutschen Lloyd. 1901 wurde sie in Betrieb genommen. Nachrichten konnten zu Landstationen gesendet oder von dort empfangen werden. Schnell wurde klar, dass die Passagiere diese – kostenpflichtige – Kommunikationsmöglichkeit sehr schätzten. Ein per Funk vom Schiff versandtes Telegramm war schnell und originell! Andere Schiffe zogen nach und erhielten auch eine Funkstation. Weitere Funkgesellschaften wurden gegründet und machten Marconi Konkurrenz, im Deutschen Reich z. B. Telefunken.

Die Funker durchliefen eine Ausbildung, nach deren Abschluss sie befähigt waren, in einer Funkstation auf See oder an Land zu arbeiten. Auf See waren sie häufig Einzelkämpfer. Funk war in erster Linie als Service für die Passagiere gedacht. Dass per Funk auch Navigationsmitteilungen möglich waren und auch Hilfe herbei geholt werden konnte, wenn ein Schiff in Seenot war, war ein anfangs wenig beachteter Nebeneffekt.

Kommunikation lag damals bei der jeweiligen Post – Briefe und Postkarten beförderte sie sowieso, aber sie vermittelte an Land auch Telefonate und besaß damit das Leitungsnetz der Telefonie. Auch die drahtgebundene Telegraphie unterstand der Post. Dass die Post für die Kommunikation in einem Land zuständig war, blieb so lange bestehen, bis die jeweilige Post privatisiert wurde.

Auch die damals moderne Funktechnologie hatte feste Prozesse vorgegeben. Wenn ein Passagier ein Telegramm aufgeben wollte, gab er es beim Zahlmeister ab und bezahlte es auch dort. Der Zahlmeister sorgte dafür, dass der Funker die Nachricht bekam. Der Funker sendete sie dann, sobald er mit einer Landstation oder einer anderen Station, die die Nachricht weiterleiten konnte, in Kontakt war. Die empfangende Station schrieb die Nachricht in ein Formblatt auf und sorgte für eine Weiterleitung. Das ging so lange, bis der Empfänger die Nachricht erhalten hatte. Die Formblätter wurden archiviert.

Auch von der Titanic gibt es diese archivierten Formblätter – nicht von der Titanic selbst, da ihr Funklog und die Formblätter mit untergegangen sind, aber von den aufnehmenden Stationen wie z. B. Kap Race. Ein Sammler hat diese Formblätter in drei Ordnern zusammengetragen und zwei davon Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts versteigern lassen. Das damalige Postmuseum in Frankfurt am Main hat diese beiden Ordner ersteigert und damit gibt es Dokumente mit direkter Verbindung zur Titanic in Deutschland. Zur Erinnerung: Diese Formblätter dokumentieren Kommunikation mit der Titanic!

Eine Besonderheit waren die Navigationstelegramme. Sie waren für die Reedereien kostenfrei. Eine Nachricht mit dem Präfix MSG war eine Nachricht eines Kapitäns an einen anderen und musste vom empfangenden Kapitän immer bestätigt werden. Am 14. April 1912 abends sendete die Californian eine Eiswarnung, die auch von der Titanic gehört wurde. Allerdings nahm der diensthabende Funker Bride diese Nachricht nicht auf, da er zu der Zeit mit seiner Abrechnung beschäftigt war [1]. – Harold Sidney Bride war schon als Junge vom Funk begeistert und hatte im Garten der Familie eine große Antenne aufgebaut [2]. Als Funker auf der Titanic arbeitete er also in seinem Traumberuf, und ihm sind auch die Schilderungen von Vorgängen in der Funkstation der Titanic zu verdanken. John Georg „Jack“ Phillips, der 1. Funker auf der Titanic, war mit seinen 25 Jahren (sein Geburtstag war am 11. April) ein sehr erfahrener Funker. Ehe er Funker wurde, hatte er beim Postamt in Godalming (Surrey) eine Ausbildung durchlaufen.

Die Telefonie auf der Titanic

Die Titanic verfügte über Telefone an Bord. Es gab Festverbindungen und Wählverbindungen. Festverbindungen bedeuten, dass man beim Abnehmen des Hörers direkt mit der Gegenstelle verbunden wird, man kann also nur bei der einen Stelle anrufen. Festverbindungen gab es z. B. zwischen Brücke und Ausguck, Brücke und Reservebrücke am Heck, Brücke und Maschinenraum und Chefingenieur und Maschinenraum. Eine Kommunikation war immer in beiden Richtungen möglich, wie man am Beispiel der Festverbindung Brücke <-> Ausguck sehen kann:

In einigen Passagierkabinen und in manchen öffentlichen Räumen befanden sich Telefone. Die Leitungen wurden über einen Klappenschrank geführt, der von einem Telefoniesteward bedient wurde. Damit war es möglich, von einer Kabine mit einem Telefon in einer anderen Kabine mit Telefon oder auch im Restaurant anzurufen, z. B. um eine Tischreservierung vorzunehmen. Allerdings konnte nicht aus allen Kabinen gleichzeitig telefoniert werden, da der Klappenschrank eine begrenzte Vermittlungskapazität hatte. Wenn alle möglichen Verbindungen gesteckt waren, mussten die weiteren Anrufer warten, bis wieder eine Verbindung frei wurde.

Eine Verbindung nach außerhalb war vom Schiff aus nicht möglich. Weder Satelliten noch Mobilfunktelefonie waren damals erfunden, so dass man immer ein Kabel benötigte, um Sprache per Telefon zu übertragen. Diese dauerhafte Kabelverbindung war vom Schiff aus nicht gegeben, deswegen konnte man nur innerhalb der Schiffes telefonieren.

Briefpost

Die Titanic war ein Postdampfer – wie so viele Schnelldampfer der damaligen Zeit. Bei der Kommunikation ging es damals wie heute um Geschwindigkeit. Auf der Titanic fuhren fünf Postleute mit, die während der Überfahrt Briefe sortierten. Wie wichtig die Postler waren, wird daran deutlich, dass ihr Speisesaal im Bereich der 1. Klasse lag. Sie teilten sich den Speisesaal übrigens mit den Funkern.

Beim internationalen Brieftransport spielt ein Verein eine wichtige Rolle: Der Weltpostverein, der 1874 auf Anregung von Heinrich von Stephan gegründet wurde und seitdem seinen Sitz in  Bern (Schweiz) hat. Heinrich von Stephan war Generalpostdirektor der Deutschen Reichspost, und nach ihm ist der Stephansplatz in Hamburg benannt. Der Weltpostverein regelt die grenzüberschreitende Briefbeförderung und ganz besonders die Entgeltfrage für diese Dienstleistung [3].

Nachdem die Titanic gesunken war, konnte die Deutsche Reichspost genau sagen, welche Briefsendungen mit der Titanic befördert worden war – maßgeblich war, in welchem Zeitraum die Sendung aufgegeben oder in einem Briefkasten eingeworfen worden war.

Auch an Bord der Titanic wurden noch Briefe geschrieben, einige wurden in Queenstown an Land gebracht und von dort aus dann zum Empfänger befördert. Das sind die letzten Lebenszeichen von der Titanic, abgesehen von den Funksprüchen.

Funk

Funksprüche wurden während der Überfahrt von den Passagieren genutzt, um mit Familie oder Freunden in Kontakt zu bleiben. Es muss ein überragendes Gefühl gewesen sein, mitten auf hoher See wieder mit Land in Verbindung treten zu können. Um einen herum nichts als Wasser, das nächste Land hunderte von Kilometern entfernt, doch Marconis Erfindung macht es möglich, sich daheim zu melden … Das ist vielleicht vergleichbar mit heute, wenn man mit einem Zug in Deutschland irgendwo im nirgendwo gestrandet ist und trotzdem zuhause Bescheid sagen kann, dass man später kommt. – Die Nachrichten wurden im Morsecode übermittelt, d. h. eine Sprachübertragung per Funk war damals noch nicht möglich. Wie bereits erwähnt, befindet sich die größte zusammenhängende Sammlung von Funksprüchen von der Titanic im Kommunikationsmuseum Frankfurt am Main. Die Texte auf den Formblättern sind in Klarschrift.

Der Untergang der Republic hatte die Möglichkeiten des Funks in Seenotfällen erstmals so richtig deutlich vor Augen geführt – allerdings ging man seitdem auch davon aus, dass ein mit Funk ausgerüstetes Schiff immer rechtzeitig genug Hilfe erhalten würde. Ein Trugschluss, wie die Titanic zeigt – aber auch weitere Schiffsunglücke bis in die Gegenwart, so z. B. die München oder die Estonia. Dennoch konnte die genannten Schiffe und zahlreiche andere dank der Erfindung Marconis immerhin noch per Funk auf ihre Notlage aufmerksam machen, und oft genug gelang es auch, Hilfe zur Seenotstelle zu holen. Bereits 1912 wurde klar, dass Marconis Erfindung zumindest die 712 Schiffbrüchigen gerettet hatte, die es in die Rettungsboote der Titanic geschafft hatten. Ohne Funk wäre die Titanic mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein weiteres Schiff gewesen, dass spurlos im Atlantik verschollen ist.

[1] Britischer Untersuchungsausschuss Fragen 16385 – 16394, zitiert in Störmer (2007), S. 40 f

[2] Information von „Ben“ Bennett auf einer Convention der British Titanic Society in den 1990er Jahren.

[3] Der Weltpostverein kam Ende Oktober/Anfang November 2018 in die Schlagzeilen, als US-Präsident Donald Trump verkündete, die Mitgliedschaft der USA in dem Verein zu kündigen.

Quellen:

Störmer, Susanne (2007), Dampfer Titanic: Eisberg voraus, Norderstedt: Books on Demand