Wieder gesehen: Titanic. Nachspiel einer Katastrophe
Deutsche TV-Produktion von 1984
Von Susanne Störmer, © 2018
Am 6. Oktober 1984 wurde im ZDF erstmals der Spielfilm „Titanic. Nachspiel einer Katastrophe“ ausgestrahlt. Es war ein Sonnabend, und ich war zu der Zeit gerade bei Onkel und Tante in Stuttgart in Ferien. Und natürlich haben sie mich als gute Gastgeber diesen Spielfilm sehen lassen. Zu der Zeit war das Wrack der Titanic übrigens noch nicht entdeckt worden, es sollte noch knapp 11 Monate dauern, bis Menschen die Titanic wieder sahen.
1984 gab es in Deutschland nicht viel zur Titanic. Und dieser Film war kein Drama über den Untergang, sondern er handelte vom amerikanischen Untersuchungsausschuss. Durch die Zeugenbefragungen wird versucht, die Unglücksursache aufzuarbeiten. Nicht explizit erwähnt wird dabei die seelische Belastung, unter der die Überlebenden standen. Es gab 1912 keine psychologische Betreuung, und der amerikanische Untersuchungsausschuss startete am Tag nach der abendlichen Ankunft der Carpathia mit den Überlebenden in New York. Die überlebenden Besatzungsmitglieder wären mit Sicherheit gerne nach England zu ihren Familien zurückgekehrt, doch sie wurden in den USA zurückgehalten, damit sie vor dem Untersuchungsausschuss des amerikanischen Senats aussagen konnten.
Eine Hauptrolle spielt Senator William Alden Smith, dargestellt von Hans Korte (1929 – 2016), der üblicherweise nie die eindeutigen Rollen spielte, sondern eher zwielichtige Typen. Einer seiner Gegenspieler ist Charles Herbert Lightoller, dargestellt von Sigmar Solbach (*1946), der es später u. a. als der Arzt, dem Frauen vertrauen, zu Bekanntheit brachte. Der Film ist relativ eng angelehnt an das Buch „Titanic. Das Ende eines Traums“ von Wyn Craig Wade (englisch: Titanic. End of a Dream), das Anfang der 80er Jahre in Deutschland erschien und leider weder im Nachgang des Cameron-Films noch 2012 neu aufgelegt wurde. Das Buch befasst sich mit dem amerikanischen Untersuchungsausschuss und ganz besonders mit Senator Smith. Konflikte zwischen den Senatoren werden aufgezeigt, und auch Ereignisse am Rande des Untersuchungsausschusses, über das die damaligen Zeitungen berichteten. Das sind Informationen, die kein Protokoll eines Untersuchungsausschusses liefern kann.
In dem Film ist vieles davon wiederzufinden. Wer die Aussagen vor den Untersuchungsausschüssen kennt und auch Wades Buch gelesen hat, wird Abweichungen im Film erkennen, die der Dramaturgie oder der Vereinfachung dienen. So fehlt zum Beispiel die Rolle „Arthur Henry Rostron“ komplett, was sehr schade ist, da Rostron durch sein Verhalten in der Unglücksnacht sowohl in den USA als auch in England als Held gefeiert wurde.
„Nachspiel einer Katastrophe“ lebt von dem Spiel der Darsteller und erreicht dadurch trotz der eigentlich bekannten Geschichte einiges an Spannung. Senator Smith macht in diesem Film eine Wandlung durch: Vom Gegner Morgans und Ehrgeizling, der es bis zum Präsidenten der USA schaffen will hin zu einem, der erkennt, dass er verloren hat, da er keine Gerechtigkeit schaffen kann.
Viele im Film angerissene Themen sind auch heute noch oder wieder aktuell – Politiker, hier Senatoren, die sich nicht der Wahrheitsfindung sondern den Konzernen verpflichtet fühlen; doch im Film gibt es in dem Punkt eine Art happy end, auch wenn beim Untergang der Titanic gegen kein geltendes Recht verstoßen wurde.
Im Abspann werden die Veränderungen, die es durch den Untergang der Titanic in der Seefahrt gegeben hat, so dass die Seefahrt deutlich sicherer geworden ist, genannt. Und diese Veränderungen werden Senator William Alden Smith zugeschrieben, der dadurch dann doch noch Geschichte geschrieben hat.
„Nachspiel einer Katastrophe“ ist übrigens die zweite deutsche TV-Produktion zum Thema Titanic. Die erste wurde 1955 vom damaligen NWDR produziert und hatte den Titel „Die letzte Nacht der Titanic“. Unter anderem spielten mit: Chris Howland (Mister Pumpernickel) , Heinz Drache und Werner Riepel (später am Ohnsorg-Theater und dort in diversen Fernsehrollen an der Seite von Heidi Kabel aktiv). Schaut man sich die Besetzungsliste auf imdb.com an, gewinnt man den Eindruck, dass der Untergang der Titanic aus der Sicht von anderen Schiffen und in erster Linie durch die Funker dargestellt wird.
Erstausstrahlung von „Die letzte Nacht der Titanic“ war in der Bundesrepublik Deutschland am 13. April 1955. Wiederholungen sind nicht bekannt. Und nach Aussage des NDR gibt es die Sendung auch nicht mehr im Archiv. Damit bleibt als deutscher TV-Spielfilm zur Titanic nur „Nachspiel einer Katastrophe“ – und der Film ist durchaus sehenswert, weil er aus einer völlig anderen Perspektive auf den Untergang der Titanic blickt.