Ein Tod auf der Titanic
Archibald Butt – Berater und Vertrauter des amerikanischen Präsidenten und Passagier der Titanic
Von Susanne Störmer, © 2017
Nur widerstrebend war Archie Butt auf diese Reise gegangen. Aber alle hatten ihn gedrängt – sein Freund und Mitbewohner, der Maler Frank Millet, und auch der Präsident. Es wäre die letzte ruhige Phase vor Beginn des Wahlkampfes, und Archie hätte eine Erholung nötig! So hatte er seinen ersten Urlaub seit Eintritt in die Armee im Jahr 1900 genommen, war mit Frank Millet nach Rom gereist und von dort aus dann alleine über Basel, Berlin und Paris nach England, wo er in Chester seinen Bruder und in London eine Cousine besuchte.
Wie zuvor sein Bruder schon hatte auch sie ihn bedrängt, die Fahrt mit der Titanic abzusagen, noch ein paar Tage länger zu bleiben und mit einem anderen Schiff zurückzufahren – sie machten sich Sorgen um Archie, der so anders war als sonst. Doch Archie war standhaft geblieben, hatte an seinen ursprünglichen Plänen festgehalten. Bereits auf der Reise nach Europa hatte er alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Rückreise auf der Titanic zu machen. Sein Freund Frank Millet, der dem Präsidenten versprochen hatte, auf Archie aufzupassen und ihn wohlbehalten zurückzubringen, würde in Cherbourg an Bord kommen.
Nun stand Archie in Southampton am Dock vor der riesigen Titanic. Mit dem „Boat Train“ war er aus London gekommen. Der Boat Train hatte etwas Verspätung, da er kurz nach der Abfahrt in London Probleme mit den Bremsen gehabt hatte. Reporter entdeckten Archie, wollten Details seiner Reise wissen, doch er hielt sich bedeckt mit seinen Äußerungen – er wollte sicherstellen, dass keine vertraulichen Bemerkungen über die Presse ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden. Da die Zeit des Ablegens nahe war, verabschiedete sich Archie von den Reportern und ging an Bord. Seine Kabine war Kabine B-38. Regulärer Preis dieser Kabine wäre £ 60 gewesen, doch es war dem Sekretär des Präsidenten gelungen, die Kabine zum Preis von £ 26 für Archie zu buchen. B-38 lag im vorderen Bereich der Titanic, noch vor dem großen Treppenhaus und direkt hinter dem ersten Schornstein. In der Kabine befanden sich eine Couch an der Wand rechter Hand und linker Hand ein Kleiderschrank, ein einklappbarer Waschtisch und ein Bett. An der Wand direkt gegenüber der Tür stand eine Frisierkommode, und dort zweigte nach rechts ein schmaler Flur ab, an dessen Ende eine weitere Kommode stand und wo sich auch ein Fenster befand, das den Blick auf die B-Deck-Promenade frei gab.
Auf dem Weg zurück nach Washington, D. C.
Beim Auslaufen war Archie an Deck. Durch die Beinahe-Kollision mit der New York verzögerte sich die Weiterfahrt der Titanic, bis die New York wieder sicher vertäut war. Während dieser Zeit unterhielt sich Kapitän Smith mit einigen Passagieren, darunter Archie Butt. Kapitän Smith sagte mit seinem charakteristischen Lächeln: „Es ist der Höhepunkt meiner Karriere, dieses Schiff. Als sie mir sagten, dass ich den Befehl darüber erhalten sollte, fühlte ich mich wie ein Schuljunge mit seinem neuen Fahrrad. Sie haben mich geehrt, als sie mir das Kommando über sie übertrugen. Es wird lange dauern, bis die Konstruktion von dieser hier übertroffen werden wird.“
Abends erreichte die Titanic mit etwa einer Stunde Verspätung Cherbourg. Die Tender Nomadic und Traffic brachten weitere Passagiere und Post an Bord und nahmen die Passagiere mit, die in Cherbourg aussteigen wollten. Unter den Neuankömmlingen in Cherbourg war auch Frank Millet – der entgegen der ursprünglichen Planungen alleine reiste. Seine Frau fuhr nicht mit der Titanic in die USA, sondern über den Kanal zu ihrem Haus in England. Und Millet selbst war auch nur widerstrebend gereist, damit er rechtzeitig zu einer Ausstellungseröffnung in Wisconsin eintreffen würde.
Auf der kurzen Fahrt von Southampton nach Cherbourg wird Archie bereits erste Bekanntschaften geschlossen oder auch welche erneuert haben – es waren einige Menschen aus Washington, D. C., an Bord, so z. B. Colonel Archibald Gracie, der gerade ein Buch über die Schlacht am Chickamauga (19. – 20. September 1863; amerikanischer Bürgerkrieg) veröffentlicht hatte und nach England gereist war, um zum Krieg von 1812 (USA gegen Großbritannien) zu forschen. Auch Irene Harris stammte aus Washington, genau wie Clarence Moore. Robert Daniel aus Philadelphia berichtete später über seine Fahrt auf der Titanic: „Ich hatte mich mit Major Archibald Butt, Clarence Moore und Colonel Archibald Gracie angefreundet. Ich war jeden Tag mit ihnen zusammen. Butt war einer der besten Typen, die ich jemals kennengelernt habe.“ Vermutlich ebenfalls von Robert Daniel stammt diese Erinnerung: „[Wir] waren vom Ablegen der Titanic an dicke Freunde. Manchmal stieß Mr. Astor zu uns, doch für die meiste Zeit der Reise zog er es vor, bei seiner wunderschönen jungen Frau zu sitzen und sich mit ihr zu unterhalten. Er war ihr so ergeben wie sie ihm.“
Von Cherbourg aus fuhr die Titanic den Ärmelkanal Richtung Westen, umrundete in der Nacht die Südwestspitze Englands und nahm Kurs auf Queenstown, wo sie gegen 11:30 Uhr auf Reede ankerte. Weitere Passagiere und Post wurden mit einem Tender zum Schiff gebracht, und auf der Rückfahrt zum Land nahm der Tender Passagiere, die nur bis Queenstown wollten, und auch Post mit an Land. Während des Stopps wurde die Titanic von den Bumbooten umlagert. In diesen Booten waren örtliche Händler und boten ihre Waren – überwiegend irische Spitzen – feil. Der Chief Officer entschied, welche Händler das Privileg erhielten, an Bord zu kommen und ihre Waren an Deck zu verkaufen. Gegen 13:30 Uhr waren alle Händler wieder von Bord und alle neuen Passagiere sowie die Post an Bord genommen. Die Titanic lichtete Anker und fuhr südlich um Irland herum. Vor ihr lag nun nur noch der weite Nordatlantik, und bis zum Erreichen der US-Ostküste würde kein Land mehr in Sicht kommen. Mit jeder Stunde, die verging, kam Archie seinem Präsidenten wieder näher – und damit auch der anstrengenden Arbeit in Washington, die durch den bevorstehenden Wahlkampf sicherlich noch anstrengender werden würde als bisher.
Bordleben
Tage auf See vergehen im immer gleichen Rhythmus, der sich an den Mahlzeiten ausrichtet. Als Passagier in der 1. Klasse konnte Archie die übrige Zeit des Tages auf alle Zerstreuungen zurückgreifen, die die Titanic für ihre Passagiere im Angebot hatte – viele davon mussten allerdings extra bezahlt werden. Ob Archie z. B. im Türkischen Bad oder im Schwimmbad war, ist nicht überliefert. Da sportliche Aktivität für Archie immer sehr wichtig war, war er vielleicht im Fitnessraum und hat wie auf der Ostpassage auf der Berlin die mechanischen Kamele geritten oder hat sogar Squash gespielt. Eventuell hat Archie sich Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen – oder er hat Briefe geschrieben. Seit Beginn seiner Europareise hatte er, und das ist in der Tat sehr merkwürdig, seiner Schwägerin Clara nicht einen einzigen Brief gesandt. Dabei erhielt Clara normalerweise sehr oft Briefe von Archie.
Mit Clarence Moore unternahm Archie Spaziergänge an Deck. Und abends nach dem Dinner war er im Rauchsalon anzutreffen – Colonel Gracie erinnerte sich: „Vom Palmengarten gingen die Herren meiner Kragenweite immer zum Rauchsalon und kamen fast jeden Abend in Gespräch mit einigen der sehr bekannten Männer, die wir dort antrafen, meiner Erinnerung nach einschließlich Major Archie Butt, der Flügeladjutant von Präsident Taft, mit dem man über Politik sprechen konnte; Clarence Moore aus Washington D. C., der von seinem waghalsigen Trip vor einigen Jahren durch die Wälder und Berge West Virginias berichtete, auf dem er einem Zeitungsmann dabei half, ein Interview mit dem Gesetzlosen Anse Hatfield [1] verhalf; Frank D. Millet, der bekannte Maler, der eine Reise nach Westen plante; Arthur Ryerson und andere.“
Am Abend des 14. April wartete auf Archie eine Abwechslung – statt mit Frank Millet und Clarence Moore im Speisesaal zu speisen, war er zu der Dinnerparty im a la carte Restaurant eingeladen worden, das die Wideners zu Ehren von Kapitän Smith gaben. In dieser Runde waren nur Kapitän Smith und Archie nicht aus Philadelphia. Gegen 19:30 Uhr kam die Gesellschaft zusammen. Kapitän Smith erhielt den Ehrenplatz. Zu seiner Rechten saß Mrs Widener, zu seiner Linken Archie Butt. Ebenfalls in Hör- und Redeweite von Archie saßen Mr Widener und Mrs Thayer, und es war dieses Trio, das sich während des ganzen Dinners angeregt unterhalten hat. „Ich erinnere mich nicht daran, dass ich während des Dinners am Sonntagabend irgendeine Person irgendeine Bemerkung machte, dass Eis in der Nähe sei“, gab Mrs. Thayer später zu Protokoll, „oder dass wir erwarteten, Eis zu sehen, da Mr. Widener, Major Butt und ich während des ganzen Dinners sehr vertieft in eine Unterhaltung über andere Dinge gewesen sind.“
Nach Ende der Dinnerparty ging die Gruppe in die Empfangshalle und trank dort einen Mokka. Archie führte sein Gespräch mit Mrs. Thayer fort. Offenbar verfügte Mrs. Thayer über einen Charme, der Männer in ihren Bann zog – auch Bruce Ismay war ihr sehr ergeben. Doch nun kam Archie in den Genuss von Mrs. Thayers Gesellschaft, und Mrs. Thayer berichtete später Präsident Taft über dieses Zusammentreffen: „… Wir blieben seit wir uns das erste Mal getroffen hatten für den Rest des Abends Seite an Seite. Niemals zuvor bin ich jemanden so schnell so nah gekommen. Er fühlte wie ich, und wir beide fanden es seltsam, denn wir beide bemerkten es, als wir einander unsere innersten Gedanken anvertrauten. Er erzählte mir viel von seiner Mutter und ihre Briefe, seine Schwägerin, Sie [Präsident Taft] und jemand anderen, den er liebte aber ich nicht. Er sprach mit großem Enthusiasmus darüber, mit diesen Briefen der Zeitgeschichte seinen Stempel aufzudrücken und der Nachwelt sein Denkmal der Wahrheit zu hinterlassen, wenn sie nach seinem Tod veröffentlicht werden würden.“
Mrs. Thayer brachte auch von Archie in Erfahrung, dass er zwar stets behauptete, es gehe ihm gut, doch insgeheim hegte er die Befürchtung, nach seiner Rückkehr nach Washington, D. C., wieder dem Stress und der Hektik ausgesetzt zu sein, die ihm gesundheitlich so zu schaffen machten. „Wir verabredeten uns für den nächsten Nachmittag“, berichtete Mrs. Thayer weiter, „denn ich wollte ihm eine Methode lehren, mit deren Hilfe er seine Nerven in den Griff bekommen könnte. Ich hatte diese Methode gerade erst von einem bekannten Schweizer Arzt erlernt. Ich war mir sicher, dass es eine wundervolle Sache für ihn sein würde, wenn er sie beherrschte, denn er war sehr zerstreut und wusste nicht, wie er das stressige Leben, in das er zurückkehrte, meistern sollte, und wir wollten die verbleibende Zeit an Bord hart daran arbeiten. Er sagte, ich sei wie seine Mutter und er öffnete mir sein Herz, und es war, als hätten wir uns schon seit Jahren gut gekannt. Es war eine sehr merkwürdige Empfindung und fühlte sich an, als wäre für diese wenigen Stunden ein Schleier gelüftet worden, der die Distanz zwischen Zweien eliminiert, die sich seit langer, langer Zeit sehr gut kannten und sich gerade erst wiedergefunden hatten – glaube ich. Sonst hätten wir nicht nach so kurzer Zeit des Kennens so miteinander gesprochen.“
Archie ging aber auch noch in den Rauchsalon, und dort spielte er Bridge mit William Carter, Clarence Moore und Harry Widener. Sie spielten auch noch Bridge, als gegen 23:40 Uhr ein leichter Stoß den Raum erschütterte; Mr. Carter kam es so vor, als würden die Maschinen stoppen. Immerhin war dieser Tisch neugierig genug herauszufinden, was geschehen war – andere ließen sich beim Kartenspiel nicht so leicht stören. Am Ende jedoch kehrten Archie, Clarence Moore und Harry Widener an den Kartentisch zurück, obwohl es ungewöhnlich war, dass ein Passagierschiff mitten auf dem Atlantik stoppte. Den letzten freien Platz in der Runde könnte Frank Millet eingenommen haben, der wusste, dass die Titanic mit einem Eisberg kollidiert war, wobei unklar ist, woher er die Information hatte. Immerhin hatte er sie an Edith Rosenbaum weitergegeben, ehe er in den Rauchsalon zurückkehrte.
Gegen 0:40 Uhr war Archie Butt immer noch im Rauchsalon und spielte Karten – Colonel Gracie sah ihn an einem Tisch mit Frank Millet und Clarence Moore sowie einem Gracie unbekannten Mann. Außer dieser Vierergruppe war sonst niemand mehr im Rauchsalon. Doch nur wenige Minuten später verließen auch sie den Rauchsalon – vielleicht, weil sie ihr Kartenspiel beendet hatten. Marian Thayer, Archies Bekanntschaft von dem Dinner, das nur wenige Stunden zurücklag, sah ihn auf dem A-Deck entlanggehen: „… Er kam mit einem seltsamen, ausdrucklosen Gesicht auf uns zu. Ich berührte ihn an seinem Mantel und sagte: „Major Butt, Major Butt, wohin gehen Sie? Kommen Sie mit mir mit.“ Und er antwortete: „Ich muss erst noch etwas erledigen, doch dann komme ich.““ Eleanor Cassebeer berichtete später gegenüber Zeitungsreportern, dass Archie Butt in seine Kabine ging, um „Diplomatenpost“ zu verbrennen. Für Archie ging es darum sicherzustellen, dass all die vertrauliche Post, die er während seiner Europareise u. a. für den amerikanischen Präsidenten erhalten hatte, nicht in falsche Hände geriet, wenn die Titanic evakuiert worden war. Dass er die Briefe nicht mit in ein Rettungsboot nehmen konnte, war ihm auch klar – zum einen war Gepäck in den Booten sicher unerwünscht, zum anderen bestand die Möglichkeit, dass ihm im Boot irgendetwas zustoßen könnte, und dann wäre unsicher, in welche Hände die Briefe mit dieser hohen Geheimhaltungsstufe gerieten.
Wie er es Marian Thayer versprochen hatte, kam Archie an Deck. Zuerst wurde er an steuerbord gesehen, bei Boot 3. An der Steuerbordseite ging das Beladen der Boote so vor, dass Frauen und Kinder zuerst einstiegen und wenn dann noch Platz war, konnten Männer den auffüllen. Doch Archie stieg nicht in Boot 3 wie z. B. die Cardezas oder die Speddens oder auch sein Reisekollege Robert Daniel. Stattdessen ging Archie zur Backbordseite. Dort galt die strikte Regel „Frauen und Kinder zuerst“ – Männer sollten erst in die Boote gehen, wenn keine Frauen und Kinder mehr an Bord waren. Das deckte sich mit Archies Einstellung und Werten – für ihn war es ganz offensichtlich undenkbar, in ein Boot zu gehen, solange nicht alle Frauen und Kinder in Sicherheit waren.
In den Berichten, die in den Tagen nach der Ankunft der Überlebenden in New York publiziert wurden, wird Archie Butt zusammen mit John Jacob Astor eine wichtige Rolle beim Beladen und Fieren der Rettungsboote zugeschrieben und Leser konnten den Eindruck gewinnen, dass die beiden das Kommando an Bord übernommen hätten. Ein Heizer der Titanic widersprach diesen Berichten: „Das ist alles Müll, dass die amerikanischen Millionäre diese oder jenes getan hätten. Jeder würde denken, dass sie das Sagen auf dem verdammten Schiff übernommen hatten. Es waren die Schiffsoffiziere und niemand sonst, die die Frauen in den Booten von Bord brachten und den ganzen Laden schmissen.“ Ein Steward stimmte dem Heizer zu: „Die Millionäre haben ganz sicher nicht das Kommando auf dem Schiff übernommen, und all das Gerede, dass Major Butt und Mr. Astor für Ordnung gesorgt und sich um die Boote gekümmert haben, ist völlig falsch. Ich habe sie die ganze Zeit gesehen, und sie standen einfach nur rum und taten, was ihnen gesagt wurde, wie jeder andere auch. Allerdings zeigten sie keine Spur von Panik.“
Doch Archie Butt hat auf eine stille Art und Weise geholfen, indem er dafür gesorgt hat, dass die Befehle der Schiffsführung befolgt wurden. Irene Harris‘ ausführliche Schilderung zeigt, wie sich Archie bei der Evakuierung der Titanic engagierte:
„Archie war ein Major bis zum Ende. Gott hat niemals einen besseren Edelmann erschaffen als ihn. Der Anblick dieses Mannes, ruhig, sanft und dennoch felsenfest, wird mich niemals verlassen. […] Major Butt war in meiner Nähe und ich weiß fast alles, was er tat.
Als der Befehl kam, zu den Booten zu gehen, hatte er sich überragend in der Gewalt. Man hätte denken können, dass er bei einem Empfang im Weißen Haus sei, so cool und ruhig war er. Ungefähr ein Dutzend Frauen wurden gleichzeitig hysterisch, als irgendetwas mit dem Rettungsboot schief lief. Major Butt trat auf sie zu und sagte: „So dürfen Sie sich wirklich nicht verhalten; wir kümmern uns alle darum, dass sie wohlbehalten aus dieser Sache herauskommen.“ Er half den Seemännern dabei, den Tampen oder die Kette, die sich verheddert hatte, neu zu arrangieren und half einigen Frauen mit einem Hauch von Ritterlichkeit hinein. Nicht nur, dass in seinem Verhalten keine Spur von Furcht war, es war auch das Verhalten eines Aristokraten. […]
Die Boote wurden nacheinander gefiert, und ich stand neben meinem Ehemann und er sagte zu mir: „Dem Himmel sei Dank für Archie Butt.“ Vielleicht hat Major Butt es erhört, denn er wandte sein Gesicht uns für einen Moment zu. Gerade in diesem Moment stritt ein junger Mann darum, auch ins Boot gelassen zu werden, und Major Butt fasste den Buben am Arm, so wie ein großer Bruder, und schien ihn aufzufordern, die Ruhe zu bewahren. […]
Er sorgte dafür, dass die Männer zurückstanden und half den Frauen und Kindern in die Boote. Aber er war niemals so grob wie gesagt wurde. Er war nur eine Autorität mit den höflichsten Manieren, die ich jemals gesehen habe. Er war wirklich einer von Gottes Edelmännern.“
Und so kümmerte sich Archie – zusammen mit Frank Millet und Clarence Moore – darum, dass die Frauen und Kinder von Bord kamen und verschwendete offenbar keinen Gedanken an seine eigene Rettung. Er war kurz an der Steuerbordseite und hätte – wie z. B. seine Schiffsbekanntschaft Robert Daniel – in Boot 3 einsteigen können. Archie wählte jedoch die Backbordseite, wo es Männern verboten war, in die Boote zu gehen, solange noch Frauen und Kinder an Bord waren. Doch was wäre gewesen, wenn Archie an der Steuerbordseite in ein Boot gestiegen wäre und überlebt hätte? Der Flügeladjutant des amerikanischen Präsidenten geht in ein Rettungsboot, während noch Frauen und Kinder an Bord sind? Der Flügeladjutant des amerikanischen Präsidenten überlebt das Unglück, während viele andere bedeutende Amerikaner ihr Leben verlieren? – Für Archie muss es ein ungeschriebenes Gesetz gewesen sein, an Bord zu bleiben, bis alle Frauen und Kinder evakuiert worden oder alle Boote gefiert worden waren. Als Repräsentant des amerikanischen Staates und als Soldat glaubte er die bestehende Ordnung und die zugehörigen Normen vertreten zu müssen. So konnte er einer gesellschaftlichen Ächtung entgehen und seine Selbstachtung wahren. In diesem sozialen Kontext gab es für Archie damit nur die Überlebenschance, schwimmend aus dem Wasser gerettet zu werden – wie z. B. Colonel Gracie. Doch wie sein Leben in der kalten Nacht auf dem eisigen Nordatlantik endete, ist nicht überliefert. Es gibt allerdings den Bericht eines Überlebenden, der davon berichtet, dass ein Schwimmer in Armeeuniform das kieloben treibende Rettungsboot B nach dem Untergang der Titanic erreichte, doch kurz danach an Unterkühlung verstarb. Und so bleibt als letzter unbestrittener Eindruck von Archibald Willingham Butt, wie er dem Boot D, in dem auch Irene Harris die Titanic verließ, zum Abschied hinterher winkt.
Der Präsident wartet auf Nachrichten
In Washington, D. C., war der 15. April 1912 ein weiterer geschäftiger Tag für den Präsidenten. Um 15.30 Uhr war Taft mit Oberst Spencer Crosby als Flügeladjutanten auf dem Weg zur Continental Memorial Hall, wo 3000 Mitglieder des Vereins „Töchter der Amerikanischen Revolution“ zur Eröffnungsfeier ihres jährlichen Kongresses zusammenkamen. Dieser Termin war vermutlich eine willkommene Abwechslung zum übrigen Tagesgeschäft. Die Spannungen an der Grenze zu Mexiko hatten weiter zugenommen und nun einen Stand erreicht, der an Anarchie grenzte. Die Kämpfe zwischen den Kämpfern des Rebellen Orozco und den Streitkräften des Präsidenten Madero setzten sich fort und Leben und Besitz von Amerikanern auf beiden Seiten der Grenze waren in zunehmender Gefahr. Erst an diesem Tag waren 20 Amerikaner, darunter Ehefrau und Kinder des amerikanischen Konsuls in Chihuahua (Stadt in Nordmexiko), aus dem Bürgerkriegsgebiet nach El Paso in Texas geflohen. Präsident Taft warnte Mexiko vor weiteren Übergriffen auf amerikanisches Leben und amerikanischen Besitz.
Und dann war da noch Theodore Roosevelt, der immer mehr persönliche Angriffe gegen die Regierung Taft startete, so dass selbst Taft, der eigentlich die republikanische Partei durch diesen Zwist nicht schwächen wollte, allmählich die Geduld verlor. Außerdem war da der Freund aus Kalifornien, der sich Sorgen um Tafts Gesundheit im Wahlkampf machte und ihm ein neues und völlig ungefährliches Diätmittel schenkte: „… Von 193 auf unter 160 Pfund [2]– und das ohne fatale Ergebnisse!“
Ein neues Thema am 15. April war die bevorstehende Rückkehr von Archibald Butt, der sich auf der Titanic befand. Nun berichteten die Zeitungen, dass die Titanic einen Unfall gehabt hatte. Doch trotz der Funkmeldungen, dass die Titanic sank und Frauen und Kinder in die Boote gebracht wurden, bestand nach Angaben der White Star Line kein Anlass zur Sorge. So ging vorerst alles weiter seinen geregelten Gang. Abends stand für Taft ein Theaterbesuch auf dem Tagesprogramm. Kaum hatte er für die Aufführung um 20:15 Uhr in seiner Loge Platz genommen, als ein Bote vom Weißen Haus ihm die neueste Nachricht zur Titanic brachte, die auf einer Meldung der Olympic an Kap Race basierte:
„Carpathia erreichte Position der Titanic bei Tagesanbruch. Fand nur Boote und Wrackteile. Titanic sank gegen 2:20 Uhr morgens auf 41.46 Nord, 50.14 West. Alle ihre Boote wurden gefunden, etwa 675 Seelen, Passagiere und Besatzung, wurden gerettet. Fast alle Geretteten sind Frauen und Kinder. Leyland Liner Californian blieb zurück und suchte die exakte Position des Unglücks ab. Vermutlich insgesamt 1800 Tote.“
Präsident Taft verließ sofort die Loge und kehrte ins Weiße Haus zurück, wo er sich alle Meldungen zur Titanic vorlegen ließ. Außerdem erhielten der Telegraphist im Haus sowie die Funker der Kriegs- und Marineabteilung die Anweisung, alle erhältlichen Informationen direkt an Präsident Taft weiterzuleiten. Präsident Taft ließ die White Star Line anmorsen mit der Frage, ob Archie Butt zu den Geretteten gehörte. Auch Kap Race wurde kontaktiert und die Antwort wurde ans Weiße Haus weitergeleitet: „Kap Race antwortet Sorry, konnte nicht ermitteln, ob Major Archibald Butt gerettet wurde. Marconi Station. H. F. Bradshaw.“ – Nun wandte Taft sich direkt an Philip Franklin, dem Vizepräsidenten des Reedereientrusts International Mercantile Marine, zu dem auch die White Star Line und damit die Titanic gehörte: „Haben Sie irgendwelche Informationen hinsichtlich Major Butt? Wenn Sie mir diese unverzüglich mitteilen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“ Der tief betroffene Präsident Taft wies seine Mitarbeiter an, ihn persönlich über jede eintreffende Nachricht zu informieren und zog sich dann zurück.
Doch auch andere blieben nicht untätig, so z. B. Archibald Clark Kerr, der junge britische Diplomat, der ein Mitbewohner von Archie Butt in dessen Haus in Washington war. Er wandte sich direkt an Kapitän Rostron von der Carpathia: „Ist Major Archibald Butt unter den Überlebenden? Rückantwort bezahlt.“
16. April 1912
Die tragische Nachricht vom Untergang der Titanic mit hohem Verlust an Menschenleben war in Washington D. C. mittlerweile durchgesickert. Das öffentliche Leben kam angesichts des Untergangs der Titanic zum Erliegen – alle warteten auf Nachrichten von Verwandten oder Freunden, die auf der Titanic gereist waren. Die „Washington Post“ schrieb in ihrem Leitartikel unter anderem: „Dass Clarence Moore, Major Archibald Butt, Colonel Archibald Gracie und Frank D. Millet, der Künstler, unter denen waren, die auf der Titanic in den Tod gefahren sind, war die Befürchtung, die vergangene Nacht Washington in ihrem Griff gehalten hat … Es ist noch nicht bekannt, ob einer von ihnen unter den Geretteten ist … Major Butt ist der persönliche Flügeladjutant und enger Freund von zwei Präsidenten – Roosevelt und Taft. Er hat bei fast allen Empfängen des Weißen Hauses der vergangenen zehn Jahre amtiert. Er war ein früherer Zeitungsmann, und seine Freunde sagen, dass es typisch für ihn wäre, wenn er bis zum Schluss auf der Titanic geblieben sei. Man glaubt, dass Major Butt sich geweigert hat, die Titanic zu verlassen, bis alle Frauen und Kinder in Sicherheit waren, und es war vielleicht diese charakteristische Ritterlichkeit, die ihm das Leben gekostet hat.“
Ein enger Freund von Archie sagte: „Er war ein ganzer Kerl. Ich sehe ihn vor mir, wie er sich mit dem Kapitän anfreundet, als die Titanic zu ihrer schicksalhaften Fahrt ablegt, und ich weiß, dass der Kapitän, wie alle Präsidenten, die ihn kannten, sich auch auf sein Urteilsvermögen und seinen Mut verlassen hat. Man kann davon ausgehen, dass der Kapitän ab Eintritt der Krise Major Butt wie einen seiner Offiziere behandelt hat und dass er ihm erlaubt hat, bei der Arbeit, die Frauen und Kinder in die Boote zu bringen, zu helfen. Armer Archie! Es war typisch für ihn, bis zum Ende zu bleiben und tapfer unterzugehen, mit einem Lächeln auf seinen Lippen und einem warmen Herzen in seiner Brust.“
Das Weiße Haus stand in engem Kontakt mit der White Star Line, doch auch die Reederei hatte nur rudimentäre Informationen – Archies Name war weder unter denen, die sicher als tot galten, noch war er als Überlebender genannt worden. Das Weiße Haus wurde zugleich von Archies Verwandten mit der Bitte um Informationen kontaktiert. Doch es gab keine Gewissheit, obwohl Zeitungen in Liverpool bereits Archies Tod vermeldeten. Präsident Taft entschied, zwei Kreuzer, die Salem und die Chester, in Richtung Unglücksstelle zu senden, damit sie mit der Carpathia Kontakt aufnehmen konnten. Und sobald Funkkontakt mit dem Rettungsschiff hergestellt war, sollte die erste Frage lauten: „Wie viele sind gerettet? Sind Clarence Moore und Major Butt an Bord?“ Doch obwohl Funkkontakt hergestellt werden konnte, wurde diese Anfrage des amerikanischen Präsidenten von der Carpathia nicht beantwortet. Als diese Ignoranz bekannt wurde, schrieb Kapitän Rostron an Präsident Taft: „Ich bitte darum, die Stellungnahme machen zu dürfen, dass ich absolut keine Kenntnis von einer Nachricht dieser Art erhalten habe. Ich habe unseren Zahlmeister um Stellungnahme gebeten, ob eine Nachricht dieser Art erhalten wurde. Er antwortete mir: „Wir hatten eine von der Olympic, ob Major Butt an Bord sei. Ich antwortete, dass Major Butt nicht an Bord sei.““
Am Abend des 16. April um 19:12 Uhr wurde im Namen des Präsidenten ein Telegramm an Archies Bruder Lewis gesandt: „Bedaure, habe keine weiteren Nachrichten. Doch noch sind nicht alle Namen übermittelt.“ – Es gab also noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass Archie wider Erwarten überlebt hatte. Angesichts der hohen Opferzahl war die öffentliche Meinung sich allerdings schon sicher, dass Archie Butt wie ein Mann gestorben war.
17. April 1912
Der Untergang der Titanic war weiterhin das bestimmende Thema – und noch immer war nicht wirklich klar, wer niemals mehr Land betreten würde. Doch so allmählich sickerte durch, dass die Namen der Überlebenden aus der 1. und 2. Klasse inzwischen komplett waren. Die „Washington Post“ schrieb: „Selbst mit der mittlerweile veröffentlichten Liste ist es für Washington schwer zu verstehen, dass der Flügeladjutant des Präsidenten, dieser hochaufgeschossene, tüchtige, fröhliche Mann, der so viel Popularität erlangt hatte, der so ziemlich alle in der Hauptstadt kannte und von allen geschätzt wurde, wirklich tot ist. Es gab im öffentlichen Leben keinen, der das Wort „Tod“ in den Mund nahm, wenn er von Major Butt sprach. „Wir hoffen weiterhin, selbst jetzt, wo alle Hoffnung verloren ist“, sagen sie.“
18. April 1912
Um 11 Uhr morgens besprach sich Präsident Taft mit Senator William Alden Smith aus Michigan. Smith wollte einen Untersuchungsausschuss zum Titanic-Untergang einrichten, und dafür wollte er auch die Zustimmung des Präsidenten. Der Senator erhielt sie – sicherlich auch, weil Taft mehr als unglücklich über die Informationspolitik der White Star Line war und immer noch erbost darüber, dass seine Funksprüche an die Carpathia von dem britischen Schiff so schnöde missachtet worden waren. Taft wollte Klarheit über das Schicksal eines seiner engsten Mitarbeiter, und der von Senator Smith initiierte Untersuchungsausschuss versprach Aufklärung darüber, warum es zu dem Unfall gekommen war und warum es so lange keine klaren Informationen gegeben hatte, warum es anfangs sogar hieß, dass kein Anlass zur Sorge bestand – obwohl die Titanic zu dem Zeitpunkt schon untergegangen war.
Mit der Ankunft der Carpathia am Abend des 18. April im strömenden Regen in New York war endgültig klar, dass Archie Butt nicht zu den Überlebenden des Unglücks gehörte. Ein Freund von Archie sagte: „Ich wusste von Anfang an, dass Butt und Millet umgekommen waren, als es hieß, die Titanic sei untergegangen. Natürlich ist das ein schwerer Schlag für alle Freunde von Butt und Millet, aber wir realisierten, dass Männer wie sie keine andere Wahl hatten als mit dem Schiff unterzugehen. Sie waren Männer, das ist sicher!“
In das gleiche Horn stieß der irische Tenor John McCormack [3], der schrieb, dass der Trauer über Archies Tod als Linderung die von Archie gezeigte Tapferkeit gegenüberstand; laut McCormack gab der Gedanke, dass Archie „gestorben war, wie er gelebt hatte – ein echter amerikanischer Gentlemen“, „viel Trost“.
Nachrufe und Erinnerungen
Für den 19. April 1912 ordnete der Präsident der USA Trauerbeflaggung zu Ehren der Opfer des Untergangs der Titanic an. Am Nachmittag fand zwar das Eröffnungsspiel der Baseball-Saison zwischen den Washington Nationals und den Washington Athletics statt, doch die Besucherzahl war sehr gering, und selbst der klare 6-0 Erfolg der Nationals löste nur ganz verhaltenen Jubel aus. Die Titanic überschattete die Veranstaltung, besonders auch, weil viele sich noch daran erinnerten, wie im Vorjahr Präsident Taft und Major Butt das Eröffnungsspiel besucht hatten. Nun veröffentlichte Präsident Taft eine Erklärung zum Tod von Archibald Willingham Butt: „Major Archie Butt war mein Flügeladjutant. Er war für mich wie ein Familienmitglied, und für mich ist sein Verlust, als wenn ich einen jüngeren Bruder verloren hätte. Sein Hauptcharakterzug war Loyalität – gegenüber seinen Idealen, seiner Uniform und seinen Freunden. Er war ein einfacher Charakter hinsichtlich seiner Unfähigkeit, Intrigen zu spinnen oder unehrlich zu sein. Er war freundlich und aufmerksam zu jedem, egal welchen gesellschaftlichen Ranges. Unter keinen Umständen verlor er seinen Sinn für die sorgfältige Beachtung des Respekts gegenüber der konstituierten Autorität. Er war ein aufrichtiges Mitglied der Episkopalkirche und liebte die Gemeinschaft. Er war ein Soldat durch und durch; ein äußerst kompetenter und erfolgreicher Quartiermeister und seiner Profession ergeben. Nachdem ich hörte, dass ein Teil der Schiffsgemeinschaft mit untergegangen war, gab ich die Hoffnung auf eine Rettung von Major Butt auf, außer, es wäre zufällig gewesen. Ich wusste, dass er sicher so lange auf dem Schiff bleiben würde, bis jede Pflicht erfüllt und jedes Opfer erbracht worden wäre, denn er würde sich selbst in der Verantwortung für die Rettung anderer sehen. Er hinterlässt einen großen Kreis von Freunden, die ihn in jeglicher Hinsicht in bester Erinnerung halten werden.“
In einem privaten Brief schrieb Taft: „Armer Archie! Er unternahm diese Ozeanreise, um seine Gesundheit wieder herzustellen. Er wählte Rom, da Frank Millet, der sein Mitbewohner war, die Amerikanische Akademie in Rom, deren Präsident er war, besuchen musste. Er war nicht in diplomatischer Mission unterwegs, wie einige Personen vermuten. Archie war eine Seele von Mensch. Er war aufrichtig und gut, höflich und mutig und ein charmanter Gesellschafter.“
Auch Tafts Vorgänger im Amt, Theodore Roosevelt, äußerte sich öffentlich zu Archies Tod: „Archie diente als mein Flügeladjutant, als ich Präsident war, und wie viele Männer mit großem Mut verfügte er über ein großes und freundliches Herz. Alle von uns, die ihn kannten, sind bereit, das stille und heitere Heldentum seines Endes zu akzeptieren. Es war typisch für Archie Butt zu sterben ohne an sich selbst zu denken und nur die Rettung aller Frauen und Kinder an Bord im Sinn zu haben.“ Reportern gegenüber gab Roosevelt zu Protokoll: „Major Butt war ein Offizier und Gentleman von bestem Schlag. Er ging wie ein Offizier und Gentleman in den Tod; er gab sein Leben, damit andere gerettet werden konnten. Ich und meine Familie lieben ihn wirklich.“
Im Laufe der Jahre wurden einige Denkmäler für Archie Butt errichtet. Auf dem Arlington National Cemetery, der Nationalfriedhof in Washington D. C., wurde im Sommer 1913 ein Ehrengrab errichtet – Archie hatte diesen Platz vor einiger Zeit selbst als Grabstelle für sich ausgesucht. Allerdings ist das Grab leer; Archies Leiche wurde nie gefunden. Im Oktober 1913 wurde der „Butt-Millet-Gedenk-Springbrunnen“ in der Nähe des Weißen Hauses eingeweiht. 1914 wurde in Augusta (Georgia), Archies Geburtsort, die „Butt-Gedenk-Brücke“ durch Taft eingeweiht. Und in der Washington National Cathedral gibt es eine große Erinnerungsplakette an Archie Butt.
Die Briefe von Archie sind wie von ihm geplant und gewünscht der Nachwelt erhalten geblieben. Sie befinden sich im Georgia Department of Archives and History in Morrow, Georgia; ein weiterer Satz von den mikroverfilmten Briefen befindet sich in der Emory University in Atlanta.
In Buchform wurden die Briefe zwei Mal veröffentlicht – die ersten Briefe 1924 unter dem Titel „The Letters of Archie Butt, Personal Aide to President Roosevelt“. 1930, nach dem Tod von Taft, folgte die zweite Veröffentlichung, dieses Mal unter dem Titel „Taft and Roosevelt: The intimate Letters of Archie Butt, Military Aide“.
George Behe, amerikanischer Titanic-Historiker und frühere Vize-Präsident der Titanic Historical Society, veröffentlichte 2010 die dreibändige Biographie von Archibald Butt über Lulu.com. Die drei Bände haben insgesamt mehr als 2300 Seiten. Vom gleichen Autor stammt ein Buch über die letzten 100 Tage von Archie Butt, das im Jahr 2011 erschien.
Präsident Taft wurde am 22. Juni 1912 erneut zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gewählt. Roosevelt gründete eine dritte Partei, die Fortschrittspartei, deren Spitzenkandidat er wurde – und am 14. Oktober 1912 wurde Roosevelt Opfer eines Attentats, das er überlebte. Der Attentäter wollte Roosevelt töten, da dieser ein drittes Mal als Präsident amtieren wollte.
Am 3. November 1912 fanden die Präsidentschaftswahlen der USA statt, und am Ende siegte Woodrow Wilson, der Kandidat der Demokraten. Es war das dritte Mal in 52 Jahren, dass die Demokraten das Präsidentschaftsamt von den Republikanern übernahmen.
Theodore Roosevelt starb am 6. Januar 1919. William Howard Taft wurde 1921 zum Obersten Bundesrichter ernannt – er war damit der erste Amerikaner, der das jeweils höchste Amt in zwei Säulen des amerikanischen Rechtsstaates bekleidete. Er starb am 8. März 1930. In einem Nachruf zum Tode von Taft schrieb ein Reporter: „Und nun sind sie alle von uns gegangen. Der Rough Rider … Big Bill … und Archie Butt, der sie beide geliebt hat.“
[1] Anse Hatfield war Patriarch eines großen Familienclans, der in eine Fehde mit einem anderen Clan, die McCoys, verstrickt war. Diese Fehde forderte zahlreiche Tote auf beiden Seiten und wurde 1891 eher widerwillig beendet. – 2012 wurde diese Fehde in einer US-amerikanischen Mini-Serie „Hatfields & McCoys“ filmisch verarbeitet. Kevin Costner spielte in dieser Serie Anse Hatfield, Bill Paxton Randolph McCoy.
[2] Gemeint ist hier das anglo-amerikanische Pfund, das 0,454 kg entspricht. Hier wird also eine Gewichtsabnahme von rund 88 kg auf 73 kg angeführt.
[3] John McCormack ist einer der Interpreten des „Tipperary-Songs“, „It’s a long way to Tipperary“, der im 1. Weltkrieg sehr populär war.
Quellen:
Behe, George M. (2011), A Death on the Titanic. The Loss of Major Archibald Butt, ohne Ort: Lulu.com; Bezugsquelle neben Lulu.com auch Amazon.de
Internet:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hatfield-McCoy-Fehde
https://de.wikipedia.org/wiki/Hatfields_%26_McCoys