Ein Tod auf der Titanic

Archibald Butt – Berater und Vertrauter des amerikanischen Präsidenten und Passagier der Titanic

Von Susanne Störmer, © 2017

 

Am 26. September 1865 wurde Archibald Willingham „Archie“ Butt in Augusta, Georgia (USA) geboren. Es war die Zeit direkt nach dem Bürgerkrieg; der Bundesstaat Georgia hatte den Konföderierten Staaten angehört und war sowohl im Krieg als auch nach Kriegsende schwer gebeutelt. Archies Eltern waren Joshua und Pamela Butt; Joshua Butt war ein Sklavenhalter gewesen, der zusammen mit seinem Bruder eine örtliche Handelsgesellschaft betrieb. Durch den Bürgerkrieg war die einst reiche Familie verarmt. Die ersten Lebensjahre Archies waren durch die Zeit der „Reconstruction“ geprägt, deren Ziel es war, die ehemals Konföderierten Staaten in die Union zurückzuführen. Als letzter ehemals Konföderierter Staat wurde Georgia am 15. Juli 1870 wieder in die Union aufgenommen.
Für die Butts waren es schwere Jahre. Joshua Butt hielt die Partnerschaft mit seinem Bruder aufrecht und gemeinsam eröffneten und schlossen sie diverse Handelsunternehmen, bis sie dann 1876 gezwungen waren, ihren Bankrott zu erklären. Joshua machte unverdrossen weiter und eröffnete 1877 ein eigenes Handelsunternehmen – doch 1878 starb Joshua völlig unerwartet und ließ seine Ehefrau, vier Söhne und eine Tochter in schweren finanziellen Verhältnissen zurück.
Als sein Vater starb, war Archie 13 Jahre alt. Die finanzielle Lage seiner Familie zwang Archie, die Schule zu verlassen und sich eine Arbeit zu suchen, um so seinen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie zu leisten. Archies erster Job war als Telegrammbote in Augusta. Von 1880 – 1882 arbeitete Archie für seinen älteren Bruder Edward in Columbia (South Carolina).

Doch langsam begann das Blatt sich für die Butts zu wenden. 1882 gab es Unterstützung von einem großzügigen Freund der Familie, und so konnte Pamela Butt ihren Sohn Archie in der Vorbereitungsschule der University of the South in Sewanee, Tennessee anmelden. Pamela zog mit ihren Söhnen Archie und Lewis sowie möglicherweise der Tochter Mary Ann nach Sewanee.
Rückschläge waren leider nicht ausgeschlossen, denn 1883 starb Archies älterer Bruder John bei einem Eisenbahnunglück und 1885 seine Schwester Mary Ann. Doch Archie konnte seinen Schulbesuch fortsetzen und nahm 1884 sein Studium an der Universität auf. Der Universitätsbesuch legte den Grundstein für Archies weiteren Lebensweg: Er erhielt 1886 Diplome in Latein, Chemie und Sittenlehre (Moral Science). 1888 schloss er die Universität mit einem Zertifikat in Politikwissenschaften und einem Bachelor of Arts in Englisch ab. Archie war sich bewusst, welche Opfer seine Mutter erbracht hatte, um ihm diese Ausbildung zu ermöglichen. Das verstärkte seine ohnehin starke Zuneigung zu ihr weiter und hielt bis zum Ende seines Lebens an.

Erste berufliche Schritte

Die ersten beruflichen Schritte gelangen Archie bei einer Lebensversicherung in Augusta, doch bereits 1890 arbeitete Archie als jüngster Reporter beim Louisville Courier-Journal, wo er über die Polizeiarbeit berichtete. Im März 1890 war er zusammen mit einem Kollegen dabei, die Schäden eines Zyklons zu begutachten, als er unter Trümmern ein Schluchzen hörte. Gemeinsam mit dem Kollegen zog er eine Frau aus den Trümmern, danach kehrte er in sein Büro zurück und schrieb seinen Bericht zu Ende.

1893 wechselte Archie zum Macon Telegraph in Georgia, aber bereits ein Jahr später zog es Archie nach Washington D. C., wo er als Korrespondent diverser Zeitungen aus dem Süden tätig war. Seine gute journalistische Arbeit fiel auf und verschaffte ihm Kontakte zu vielen wichtigen  Männern. So kam er auch 1895 an die Stelle als Sekretär und Attaché des neuen US-Botschafters in Mexiko. Doch schon Ende 1895 kehrte Archie nach Washington zurück. Seine Eindrücke und Erfahrungen verarbeitete er zu einem Pamphlet, das für eine politische Kampagne zur Wahl von William McKinley (Republikaner) [1] als US-Präsident verwendet wurde.

Archie wohnte bei einem Verwandten in Washington, als er sich 1899 eine Blutvergiftung im Fuß zuzog, die eine Amputation unausweichlich zu machen schien, doch die schwarze Köchin der Familie konnte Archie ohne chirurgischen Eingriff wieder gesund pflegen. Dafür war ihr Archie Zeit seines Lebens dankbar und organisierte ihrem Neffen eine gute Stellung als Bote in einer Regierungsabteilung.
In dieser Zeit zerbrach auch Archies Beziehung zu Alice Connally. Alices Mutter war strikt dagegen, dass ihre Tochter irgendeinen Zeitungsmann heiratete, wenn es doch die Chance gab, dass sie in die Vanderbilt-Familie einheiraten könnte. Archie erkannte die Hoffnungslosigkeit seines Werbens und gab auf.

Militärische Laufbahn

Den spanisch-amerikanischen Krieg, der 1898 ausbrach, begleitete Archie von Washington aus, und er schrieb Reportagen aus der Sicht der Generäle und Politiker. Ein sehnlicher Wunsch erfüllte sich für Archie am 2. Januar 1900: Er wurde im Freiwilligendienst Quartiermeisterassistent [2] und erhielt den Rang eines Hauptmanns. Damit war er sehr zum Entsetzen seiner Mutter nun im Militärdienst. Seine erste Aufgabe war die Organisation der Verschiffung von Maultieren auf die Philippinen, was ihm ohne den Verlust eines Tieres gelang. Archie schrieb einen Bericht darüber, der zum Anlass genommen wurde, die mittlerweile veralteten Verfahrensbeschreibungen zum Seetransport von Tieren zu überarbeiten.

Archie blieb auf den Philippinen, wurde dort zum Assistenzquartiermaster, der die Landtransportabteilung leitete, ernannt und machte dort unter anderem die Bekanntschaft von William Howard Taft und dessen Frau Nellie. Taft war der neue Zivilgouverneur der Philippinen und schwer beeindruckt von Archies Fleiß und Effizienz, wenn er den Zivilgouverneur in verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen unterstützte. Taft schlug Archie für eine Stelle als Hauptmann und Assistenzquartiermaster in der Berufsarmee der Vereinigten Staaten vor – und am 2. Februar 1901 wurde Archie zum Quartiermeister und Hauptmann in der Berufsarmee ernannt.

Bis zum 1. Mai 1903 blieb Archie auf den Philippinen stationiert, erkrankte während der Zeit an Malaria und Dengue-Fieber, wurde von einem Baseball getroffen und bewusstlos und zog sich eine Verletzung bei einem Fuhrwerksunfall zu. Nach seiner Rückkehr in die Staaten und einem Urlaub, den er in Georgia verbrachte, arbeitete Archie zuerst im Büro von General Humphreys in Washington. Doch als der General die Fähigkeiten Archies erkannte, ernannte er ihn zum Depotquartiermeister Washingtons; üblicherweise erhielten nur weit erfahrene Offiziere als Archie diesen Posten.

1905 wurde der von Archie verfasste Roman „Both Sides of the Shields“ als Serie publiziert. Der Roman handelt vom Leben in Süden, und US-Präsident Theodore Roosevelt, dessen Mutter aus Georgia stammte, wurde aufmerksam. – Archies Mutter Pamela zog nach Washington, um dort bei ihrem Lieblingssohn Archie zu leben, doch das Militär forderte schon 1906 den nächsten Ortswechsel. Dieses Mal ging es nach Havanna auf Kuba, wo Archie Depotquartiermeister wurde. Seine Mutter folgte ihm nach Kuba, wo er bis zum Mai 1908 blieb. Dann wurde er nach Washington zurück gerufen: Archie Butt wurde Mitglied im Militärstab vom US-Präsidenten Theodore Roosevelt. Gleich an seinem ersten Arbeitstag im Weißen Haus musste Hauptmann Butt seine Dienste bei einem formellen Empfang leisten. Danach ging Archie zum Army and Navy Club und sagte zu einem Freund: „Alter Schwede, ist das anstrengend, aber ich glaube, ich werde es mögen.“

Beruflich war das Jahr 1908 für Archie so aufregend wie hektisch, denn neben seiner Aufgabe, den Präsidenten militärisch und sozial zu beraten, wurde Archie auch ins „Tennis Kabinett“ Roosevelts berufen. Das bedeutete, dass er den Präsidenten während Bergsteigerexkursionen, bei Galoppausritten, beim Schwimmen und Tennis und anderen physischen Aktivitäten begleitete. Schnell wurde er zum geschätzten Freund und Vertrauten von Präsident Roosevelt, und Archie war Roosevelt und dessen Frau Edith vollständig ergeben.
Privat jedoch hielt das Jahr 1908 einen Schicksalsschlag für Archie bereit. Seine Mutter erkrankte schwer und starb im Oktober in England im Haus ihres Sohnes Edward. Im Dezember begrub Archie eigenhändig die Asche seiner Mutter in ihrer Heimaterde in Augusta, Georgia und im nächsten Jahr ließ Archie zu Ehren seiner Mutter ein Bleiglasfenster anfertigen, das in der Kirche Zum Guten Hirten in Augusta eingesetzt wurde.
Anstelle seiner Mutter vertraute Archie nun seiner Schwägerin Clara, Ehefrau seines Bruders Lewis, alle Neuigkeiten an, die er jemanden mitteilen musste. Archie hatte die vage Vorstellung, auf Basis dieser Briefe später im Ruhestand ein Buch zu verfassen.

Bis März 1909 diente Archie als Flügeladjutant von Präsident Roosevelt. Am 4. März 1909 übernahm William Howard Taft das Präsidentenamt. Er fragte seinen alten Bekannten Archie Butt, ob er weiterhin als Flügeladjutant im Weißen Haus verbleiben würde – und Archie wollte. Schnell wurde er zum hochgeschätzten Berater und Vertrauten von Präsident Taft. Die Freizeitaktivitäten, an denen Archie an der Seite des Präsidenten teilnahm, änderten sich ein wenig – man unternahm Ausritte, machte lange Ausfahrten mit dem Automobil oder spielte Golf. Diese Freizeitaktivitäten waren ein Teil der Arbeit Archies. Dabei endete ein Arbeitstag von Hauptmann Butt nicht um 17 Uhr, sondern ging oft bis spät in die Nacht, da er den Präsidenten zu offiziellen Veranstaltungen begleitete – und am nächsten Morgen ging es dessen ungeachtet zur normalen Stunde wieder los. Archie schien dieses Leben zu lieben.

1910 wurde Archie von den Freimaurern aufgenommen. Mittlerweile teilte er sich ein Haus unter anderem mit dem Maler Frank Millet – und Archie sicherte sich auch einen Begräbnisplatz auf dem Arlington National Cemetery, wo er seine letzte Ruhe zu finden hoffte. Zu dieser Zeit musste er erkennen, dass Mathilde Townsend, in die er schon lange verliebt war, seine Liebe nicht erwiderte und es vorzog, einen anderen zu heiraten. Archie blieb dennoch ihr Freund und Vertrauter. Und gleichfalls wurde offensichtlich, dass Roosevelt, der von einer Afrika-Safari zurückgekehrt war, Howard Taft die Freundschaft aufgekündigt hatte und ihn als Feind betrachtete – eine Situation, die Archie sehr belastete, da er beiden Männern verbunden war.

Am 24. März 1911 wurde Hauptmann Butt zum Major befördert. Zur gleichen Zeit kaufte Archie sich ein neues Haus in Washington, das er sich weiterhin mit Frank Millet und anderen Mitbewohnern teilte. Ab Mai 1911 gab Archie die Hoffnung auf, dass er jemals eine Frau zum Heiraten finden würde – er fühlte sich einsam und sehnte sich nach Kindern, doch er vermutete, dass er einfach zu lange mit dem Heiraten gewartet hatte.

Archies Gesundheitszustand verschlechterte sich im Verlauf von 1911, und auf einer größeren Dienstreise an der Seite des Präsidenten musste er aus Gesundheitsgründen sogar pausieren. Er erholte sich zwar schnell wieder, doch er ließ sich nun ärztlich betreuen. Eine große Belastung für Archie war das sich immer weiter verschlechternde Verhältnis zwischen Taft und Roosevelt – es wurde sogar erwartet, dass Roosevelt versuchen würde, Taft abzulösen und sich als Kandidat der Republikaner aufstellen lassen würde – obwohl es dann seine dritte Amtszeit als Präsident wäre, was in den USA unabhängig von den politischen Zielen ungern gesehen wurde. Doch es wurde für möglich gehalten, dass Roosevelt sich von dieser ungeschriebenen Regel nicht von einer Kandidatur abhalten lassen würde. Damit stand Archie zwischen seinen beiden Freunden, von denen nur einer für die Republikaner würde kandidieren können. Roosevelt forderte Archie Anfang Dezember 1911 indirekt auf, als Flügeladjutant Tafts zurückzutreten, was Archie jedoch ablehnte. Seiner Gesundheit war das allerdings nicht zuträglich.

1912

1912 begann mit dem Neujahrsempfang im Weißen Haus, wo Archie dem Präsidenten die Gäste ankündigte. Es war der kälteste Januar in Washington seit 15 Jahren, und als Präsident Taft einen Abend noch einen Ausflug mit dem Automobil ansetzte, litt der Chauffeur an erfrorenen Ohren – Archie half beim Auftauen, indem er die Ohren mit Schnee abrieb.

Doch auch der Wahlkampf warf bereits seine Schatten voraus. So spekulierte ein Reporter darüber, dass Archie Butt, wenn Taft nicht wiedergewählt werden würde, wieder Quartiermeister im Heer werden würde. Das war im politischen Washington nur schwer vorstellbar. Allerdings gab es auch die 4-Jahres-Regel, nach der Soldaten nach vier Jahren in Washington an einen anderen Standort versetzt werden müssen – Archie hätte seine vier Jahre in Washington im April voll, und es erschien allgemein unvorstellbar, dass Taft „seinen“ Archie gehen lassen würde. Das aber würde eine Sonderregelung für Archie Butt bedeuten, und würde der Präsident das – auch angesichts des anstehenden Wahlkampfes – wirklich durchsetzen? Ging das alles an Archie spurlos vorbei? – Zumindest wusste Archie genau, wo sein aktueller Platz war: Loyal an der Seite des amtierenden Präsidenten zu stehen, selbst wenn die Hölle zufrieren sollte.

Ungeachtet dieser politischen und dienstlichen Überlegungen versah Archie seine Pflichten. Darunter fiel auch die Organisation des Besuchs des Duke of Connaught, einem Onkel vom englischen König, beim Präsidenten am 25. Januar 1912. Glücklicherweise war Archies Mitbewohner in seinem Privathaus zu der Zeit der 3. Botschaftssekretär der britischen Botschaft, so dass viele Abstimmungen und Absprachen auch auf einem ganz kurzen Weg getroffen werden können.

Anfang Februar war Taft und damit Archie wieder zurück im Weißen Haus, doch es standen weiterhin Empfänge und Theater- sowie Clubbesuche auf der Tages- bzw. Abendordnung, neben dem politischen Tagesgeschäft, das unter anderem durch Spannungen mit Mexiko geprägt war. Zu dieser Zeit wurden auch Archies gesundheitliche Probleme publik. Ein Armeearzt hatte Nesselsucht am ganzen Körper und eine vom Darm ausgehende Selbstvergiftung diagnostiziert, offenbar ausgelöst durch eine Lebensmittelvergiftung, die er sich in Kansas zugezogen hatte – anders ausgedrückt: Archie vertrug das reichhaltige Essen in seinem gegenwärtigen Zustand nicht. Also musste Archie selbst bei allen offiziellen Essen strikte Diät halten: Weißes Hähnchenfleisch ohne Haut, trockenes Toastbrot, Kartoffeln ohne Butter, kein Fleisch, keine Getränke außer Wasser, ein wenig Gemüse ohne Butter und „verlorene Eier“ (pochierte Eier).

Bedeutende Entscheidungen

Am 23. Februar verlautete es aus der Roosevelt-Ecke, dass der Colonel als Präsidentschaftskandidat der Republikaner kandidieren würde, sofern die Parte es wünsche – doch auch Taft wollte wieder für die Republikaner antreten. Es lief also anscheinend auf einen Zweikampf beim Nominierungswahlkampf zwischen dem Amtsinhaber Taft und seinem Vorgänger Roosevelt, der bereits zwei Amtsperioden erfüllt hatte, hinaus. Für Archie bedeutete das, dass zwei seiner Freunde gegeneinander kämpfen würden.
Am Abend des 23. Februar ging Archie zuerst mit Taft in ein Theater und danach in einen Club. Dort hielt sich unter anderem auch der Künstler Frank Millet, ein Mitbewohner und Freund von Archie, der kürzlich aus Rom zurückgekehrt war. Millet bemerkte, dass Archie stark abgenommen hatte und sehr mitgenommen aussah. Deswegen schlug er vor, dass Archie ihn auf seiner nächsten Reise nach Rom begleitete – dafür müsste Archie nur den Präsidenten um Urlaub bitten. Doch Archie wollte den Präsidenten in diesen schweren Zeiten nicht alleine lassen. Das hielt Millet jedoch nicht davon ab, selbst beim Präsidenten vorstellig zu werden: „Mr. Taft, ich denke nicht, dass Butt gesund aussieht. Warum lassen Sie ihn nicht mit mir für einige Wochen rüber nach Europa reisen? Ich werde auf ihn aufpassen und dafür sorgen, dass er sicher und wohlbehalten zurückkehrt.“ Nachdem Taft auch von anderer Seite noch nahegelegt wurde, Butt in Urlaub zu schicken, da er ansonsten völlig zusammenbrechen würde, gab Taft nach und stimmte den Plänen Millets zu. Archie erinnerte sich: „Der Präsident sagte mir offen und ehrlich, dass es die einzige Zeit sei, in der er mich noch entbehren könne und bat mich, die Reise zu machen. … Es geht  dem Präsidenten selbst nicht gut, und ihm steht ein schrecklicher Kampf bevor, und ich sehe nicht, wie es möglich sein könnte, ihn während der langen und harten Tage, die den Versammlungen vorangehen und ihnen folgen, zu verlassen. Wenn er die Nominierung schafft, liegt bis zur Wahl harte Arbeit vor ihm, und wenn er bei der Tagung geschlagen wird, werden seine Tage noch anstrengender werden. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ohne eine Art von Erholung die Stellung halten kann. Die offizielle Saison ist hier vorüber, und es ist genau zwischen zwei Saisons und die beste Zeit, Abstand zu gewinnen.
Archie begann seine Reisevorbereitungen: Er beantragte bei der Armee Krankheitsurlaub ab 2. März 1912 und erzählte allen, dass er nicht beabsichtigte, länger als 40 Tage von Washington fern zu bleiben. Seinem Bruder Edward, der in England lebte, schrieb er einen Brief, in dem er sein Kommen in Aussicht stellte. Dabei ließ Archie durchblicken, dass er ungern seinen Posten verlassen wollte, doch sein gegenwärtiger Gesundheitszustand eine Pause erforderte. „Ich werde diese Reise mit Frank Millet, der mein Mitbewohner ist, unternehmen und der Leiter der American Academy in Rom ist, wo er eine wundervolle Villa hat, von der aus man über Rom blicken kann, und er möchte, dass ich während meines Aufenthalts dort sein Gast bin. Er kam erst vor zwei Monaten aus Rom zurück und fährt nun wieder hin, um Grundbesitz zu übernehmen, das J. Pierpont Morgan der Academy überlässt, und er möchte, dass ich ihn begleite.

Seiner Schwägerin Clara schrieb er unter anderem: „Ich hasse es, den Großen Weißen Häuptling gerade zu dieser Zeit zu verlassen, obwohl ich vor Mitte April zurück sein werde. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich, wenn ich diesen schrecklichen Sommer überstehen will, jetzt ausspannen muss. Ich bin wie eine Dampfmaschine unter Volldampf und fühle mich die ganze Zeit müde … Ich mache jeden Tag Ausritte und spaziere meilenweit mit dem Präsidenten jeden Nachmittag, aber ich möchte all diesen teuflischen Dinner und Banketten entkommen. Ich habe immer noch eine kleine toxische Vergiftung in meinem System, und der Arzt denkt, dass eine Seereise mich wieder für die vorausliegende Zeit in der Verwaltung durchgrünen lassen wird.“

Von dumpfen Vorahnungen und dem Gefühl geplagt, dass irgendetwas wie ein Schatten über ihm hängen würde, traf Archie seine Reisevorbereitungen – am 2. März 1912 sollte mit dem Dampfer Berlin des Norddeutschen Lloyd ab Hoboken direkt nach Neapel gehen. Am 28. Februar 1912 erhielt Archie den Bescheid, dass sein Antrag auf Krankheitsurlaub bewilligt wurde: „Beurlaubung für einen Monat und 24 Tage aufgrund eines ärztlichen Attests ist für Major Archibald W. Butt, Quartiermeister, beginnend ab 2. März 1912 bewilligt mit der Erlaubnis, nach Übersee zu gehen. Auf Anordnung des Kriegsministers: Leonard Wood, Generalmajor, Personalleiter“ – es war Archies erster Urlaub seit Eintritt in die Armee!

Die Reise

Am 2. März 1912 legte die Bremen des Norddeutschen Lloyd von Hoboken mit Ziel Mittelmeer ab – und an Bord waren unter anderem Frank Millet und Archie Butt. Vor der Abreise hatten sie Journalisten noch Rede und Antwort gestanden, und ganz besonders die Frage, wann das Junggesellenleben von Archie ein Ende finden würde, hatte die Reporter interessiert. Bereits während der ersten Tage auf der Bremen machte Archie Pläne für seine Rückreise und er schrieb an den Sekretär von Präsident Taft: „Ich möchte mit der Titanic der White Star Line zurückkommen, die am 10. April ab Southampton fährt. Ich habe ausgezeichnete Angebote anderer Reedereien vorliegen. Könnten Sie oder Forster die den White Star Leuten in New York vorlegen und die dazu bringen, mir einen Brief zu Händen des amerikanischen Botschafters in Rom zu senden, in dem mir die Reservierung einer guten Unterkunft zu den gleichen Preisen bestätigt wird. … Ich vermisse den Präsidenten sehr. Es kommt mir sehr komisch vor, von ihm und Ihnen allen entfernt zu sein. Auf Wiedersehen und viele Grüße Archie W. Butt“

Am 10. März erreichte die Berlin Gibraltar und Archie nutzte die Gelegenheit zu einem Landgang. Er traf dort einen alten Bekannten, der ihn einlud, mit ihm nach Tanger zu kommen, doch Archie hielt an den Rom-Plänen fest. Am 13. März erreichte die Berlin Neapel, und dort gingen Millet und Butt von Bord, um direkt nach Rom zu reisen.
Am 14. März war Archie Butt unter den Menschen, die den italienischen König Victor Emmanuel und Königin Helena nach dem gescheiterten Attentat durch einen Anarchisten sehen.
Am 18. März traf sich Archie mit dem Staatssekretär des Vatikans auf ein Gespräch zu politischen Gesprächen und am Ende wurde ihm eine Audienz beim Papst in Aussicht gestellt. Bereits am 21. März um 10:30 Uhr war es so weit: Archie traf auf Papst Pius X, der sich für den netten Brief von Taft bedankte. Die Briefe, die Taft seinem Flügeladjutanten mitgegeben hatten, waren ganz eindeutig Türöffnen, die Archies Aufenthalt in Rom abwechslungsreich gestalteten und ihm wichtige Kontakte vermittelten. Dementsprechend bedankte Archie sich auch bei Taft in einem seiner Briefe an ihn dafür. Am 28. März wurde Archie dann König Victor Emmanuel vorgestellt – dass Archie überhaupt noch in Rom weilte, lag daran, dass er einen Brief vom Papst an den amerikanischen Präsidenten mitnehmen sollte. – Am 29. März verließ Archie Rom mit dem Zug nach Basel und dem Versprechen an seinen Freund Frank Millet, ihn am 10. April auf der Titanic wieder zu treffen. In Basel fiel es Major Butt auf, dass er so gut wie in Deutschland war, und da er Berlin noch nie gesehen hatte, nutzte er die Gelegenheit, dorthin zu fahren – vermutlich mit einem Nachtzug. Einen Tag verbrachte er dort und traf dort deutsche und amerikanische Freunde, ehe er mit dem Nachtzug nach Paris weiterfuhr, wo er am 31. März eintraf, zwei Tage blieb und weitere Freunde traf. Von Paris aus reiste Archie über London, wo er in der dortigen amerikanischen Botschaft seine Post abholte, nach Chester. In Chester lebte sein Bruder Edward mit seiner Familie, und dort verbrachte Archie ein paar weitere Tage, ehe er am Ostermontag nach London fuhr, um dort seine Cousine und deren Ehemann zu treffen. Während seines Aufenthalts im Haus seines Bruders beknieten ihn seine Verwandten, seine Reisepläne zu ändern und einen Schnelldampfer ab Liverpool zu nehmen, doch Archie hielt an seinen Plänen fest, mit der Titanic zu reisen. Immerhin erwartete sein Freund Frank Millet, dass er Archie an Bord wieder treffen würde.

Archie schrieb einen Brief an den Präsidenten und stellte dann fest, dass der Brief und er selbst vermutlich mit dem gleichen Schiff fahren würden – also fertigte er, was für ihn völlig ungewöhnlich war, eine Kopie an, die er bei seinem Bruder ließ, für den Fall, dass etwas geschehen würde. Anscheinend nahmen Archies dunkle Vorahnungen während seines Aufenthalts in England zu, und seine Cousine erinnerte sich später daran, dass Archie ungewohnt melancholisch war und davon sprach, dass er fühlte, dass er nicht mehr lange zu leben hätte. Den 9. April 1912, Archies letzter Tag in London, verbrachte er überwiegend Briefe schreibend in seinem Raum – bis auf die Zeit, in der er Westminster Abbey besuchte.

Am 10. April morgens brachten seine Verwandten ihn zum Boat Train, der ab Waterloo Station direkt zum Pier fuhr, an dem die Titanic auf ihre Passagiere wartete. Erst hatten seine Verwandten noch mit dem Gedanken gespielt, Archie auf dieser Reise zu begleiten, doch dann hatten sie eine Passage für die zweite Fahrt der Titanic gebucht, die am 1. Mai ab Southampton starten sollte. Sie würden in Washington dann bei Archie wohnen.

Seine Verwandten ließen ihn nur ungern ziehen, denn sie sahen, dass es ihm mental schlecht ging. War es eine Vorahnung einer drohenden Katastrophe? Oder war es nur die Aussicht auf eine sehr anstrengende Wahlkampfzeit, die ihn niederdrückte? – Um 9:45 Uhr verließ der Sonderzug Waterloo Station, erreichte um 11:30 Uhr den Bahnhof direkt am Pier und bevor er an Bord gehen konnte, musste Archie noch diversen Reportern einige Fragen beantworten. Seine Kabine war B 38, die er für £ 26 gebucht hatte – der reguläre Preis wäre £ 60 gewesen. In Cherbourg stieg dann sein Freund Frank Millet neben zahlreichen anderen Passagieren zu; viele an Bord kannte Archie von Washington. Und nur wenige Tage noch, dann würde Archie wieder in Washington sein und könnte seinem Präsidenten persönlich berichten. Doch das Schicksal hatte andere Pläne …

 

[1] Der erste US-Präsident, der zu den Republikanern gehörte, war Abraham Lincoln, der 1861 das Amt antrat. Lincoln war der 16. Präsident der USA.
[2] Quartiermeister: Der für die Logistik zuständige Generalstabsoffizier

 

Quelle:

Behe, George M. (2011), A Death on the Titanic. The Loss of Major Archibald Butt, ohne Ort: Lulu.com; Bezugsquelle neben Lulu.com auch Amazon.de; Rezension des Buches im Navigator Nr. 55B (August 2011) und auch auf amazon.de