21.11.1916 – der Untergang der Britannic
Das Schwesterschiff der Titanic sinkt im Einsatz als Lazarettschiff
von Susanne Störmer, © 2016
Die Titanic war ein Schiff der olympischen Klasse. Die olympische Klasse wurde nach dem ersten Schiff der Baureihe, dem Typschiff, benannt – der Olympic. Drittes Schiff dieser Klasse war die Britannic (II). Die Britannic (II) war häufiger Thema im Navigator. Das Register zählt 22 Beiträge (inklusive Kurzmeldungen) zwischen September 1998 und September 2016. Und der 2009 verstorbene Wracktaucher Carl Spencer war mit seinem Vortrag zur Erforschung des Wracks der Britannic „Special Guest“ der JHV 2006 in Regensburg.
Am 21. November 2016 jährte sich der Untergang der Britannic zum 100. Mal. Und das ist Anlass genug, ein weiteres Mal die Britannic (II) zu einem Thema im Navigator zu machen.
Die Namensgebung
Wer sich mit der Titanic befasst, stößt sehr schnell auf die Legende, dass die Schiffe der olympischen Klasse ihre Namen aus der griechischen Mythologie erhalten sollten: Olympic nach dem Olymp, dem Sitz der olympischen Götter, den Olympiern. Titanic nach den Titanen, die im Kampf u. a. gegen die Olympier geschlagen und in die Unterwelt verbannt wurden … Und das dritte Schiff dieser Klasse sollte Gigantic heißen, nach den Giganten, die die Olympier entmachten wollten. Nach dem Untergang der Titanic jedoch wurde der Name beschämt in Britannic geändert.
Allerdings führen die Aufzeichnungen der Werft Harland & Wolff nur einen Namen für das am 28. Juni 1911 beauftragte dritte Schiff der olympischen Klasse: Britannic. Die Kiellegung war am 30. November 1911, also noch vor dem Untergang der Titanic. Und es gibt in den Unterlagen der Werft keine Hinweise darauf, dass von Seiten der Reederei jemals ein anderer Name als Britannic für den Neubau mit der Nummer 433, dem dritten Schiff der olympischen Klasse, vorgesehen war.
So wurde das dritte Schiff der olympischen Klasse das zweite Schiff mit dem Namen Britannic in der Flotte der White Star Line. Die erste Britannic war von 1874 – 1903 unter der Flagge der White Star Line gefahren und hatte vom November 1876 – April 1882 das Blaue Band für die schnellste Westpassage (15,43 Knoten) und von Dezember 1876 – Juli 1879 das Blaue Band für die schnellste Ostpassage (15,94 Knoten) gehalten. Mit 5.004 BRT war sie knapp zehn Mal kleiner als die Britannic II, die mit rund 48.000 BRT vermessen war.
Der Bau
Beauftragt wurde die Britannic (II) am 28. Juni 1911, bestellt am 23. Oktober 1911 und die Kiellegung erfolgte am 30. November 1911. Am 12. März 1912 waren die Spanten bis zur Höhe des Doppelbodens errichtet. Anfang März 1912 war die Olympic für Reparaturen in der Werft gewesen, und dabei hatte man Schäden am Rumpf der Olympic entdeckt – das bedeutete eine Modifikation für die Britannic, die drei Dehnungsfugen im Rumpf erhielt (ihre beiden Schwestern hatten davon nur zwei). Doch das war nur die geringste Änderung, denn nur wenige Wochen danach war die Titanic gesunken und der Bau der Britannic war vorübergehend komplett eingestellt worden. Man wollte die Erkenntnisse aus dem Untergang der Titanic abwarten und in den Bau der Britannic einfließen lassen. Beim Stapellauf am 26. Februar 1914 hieß es dann auch, dass ein Unfall, wie ihn die Titanic erlitten hatte, der Britannic nicht zum Verhängnis werden würde.
Die Indienststellung der Britannic wurde letztendlich für 1915 erwartet, doch mit dem Eintritt Großbritanniens in den 1. Weltkrieg am 4. August 1914 wurden diese Planungen obsolet.
Fertigstellung und Einsatz als Lazarettschiff
Die Überlegung, dass Handelsschiffe und ganz besonders die schnellen Passagierschiffe im Kriegsfall als Hilfskreuzer eingesetzt werden könnten, wurde bereits in den ersten Kriegsmonaten als falsche Annahme identifiziert. Aber die großen Passagierschiffe fanden schnell ein neues Einsatzgebiet – als Truppentransporter und Lazarettschiffe waren sie hervorragend geeignet. Und der Bedarf an Truppentransportern und in Folge an Lazarettschiffen wuchs beständig. So fiel dann im November 1915 die Entscheidung, die bis auf die Inneneinrichtung ziemlich komplette Britannic als Lazarettschiff fertig zu bauen und dann in Dienst zu stellen.
Am 23. Dezember 1915 begann die Britannic ihre erste Fahrt als Lazarettschiff ab Liverpool ins Mittelmeer. Nach drei Fahrten bis April 1916 wurden die Dienste der Britannic als Lazarettschiff nicht mehr benötigt – erst wurde sie aufgelegt, damit sie schnell wieder einsatzbereit war, doch bereits im Mai 1916 wurde die Britannic an die White Star Line zurückgegeben, die zudem £ 76.000 erhielt, um die Britannic in ein Passagierschiff umzuwandeln.
Doch Ende August 1916 wurde die Britannic wieder als Lazarettschiff benötigt und es erfolgte der Rückumbau. Am 24. September 1916 war die Britannic erneut als Lazarettschiff im Einsatz, und erneut fuhr sie ins Mittelmeer.
Die letzte Fahrt
Die sechste und – wie sich herausstellen sollte auch letzte – Reise der Britannic begann am 12. November 1916 in Southampton. Vom 17. bis 19. November 1916 lag die Britannic zur Bekohlung in Neapel; wegen eines Sturmes verzögerte sich das Auslaufen. Von Neapel aus ging es weiter nach Mudros – an Bord waren die Besatzung und das Pflegepersonal. Die Verwundeten sollten aus Mudros abgeholt werden.
Am 21. November 1916 war die Britannic morgens im Kea Kanal unterwegs. Um 8:00 Uhr morgens war Wachwechsel, um 8:12 Uhr erschütterte eine Explosion die Britannic. Heute ist man überwiegend der Meinung, dass die Britannic auf eine wenige Stunden zuvor von einem deutschen U-Boot gelegte Mine gelaufen ist. Beim Wrack wurden bei Expeditionen zudem Reste von deutschen Seeminen gefunden. Allerdings gab es seit dem Untergang auch Stimmen und sogar Augenzeugen für einen Torpedotreffer. Doch die Britannic war als Lazarettschiff offiziell angemeldet und fuhr in der vorgeschriebenen Bemalung. Das sollte sie eigentlich vor U-Boot-Angriffen schützen – während eine Mine nicht unterscheiden konnte.
Um 09:07 Uhr versank die Britannic. Von den 1036 Menschen an Bord starben 30 und 40 wurden verletzt – in erster Linie in den zwei Rettungsbooten, die ohne Erlaubnis gefiert wurden und in die sich noch drehenden Propeller gerieten. Die Britannic ist bis heute das größte in einem Krieg versenkte Handelsschiff. Ihr Wrack wurde am 3. Dezember 1975 von Jacques Cousteau entdeckt und war seitdem mehrfach das Ziel von Expeditionen. Es ist im Besitz von Simon Mills, von dem diverse Publikationen zur Britannic stammen.
Warum sank die Britannic?
Wie konnte ein einziger Treffer die Britannic versenken, wo doch die Erfahrungen aus dem Untergang der Titanic mit in den Bau eingeflossen waren? Und vor allen Dingen: Die Titanic hielt sich nach der Kollision noch etwa 2 Stunden 40 Minuten über Wasser, die Britannic sank innerhalb von 55 Minuten. Was waren die Ursachen dafür?
Das Vorschiff der Britannic war durch die Explosion schwer beschädigt worden. Das größte Problem aber war der Heizertunnel, der direkt über dem doppelten Boden durch die Laderäume 2 und 3 bis zum Kesselraum lief. Dieser Tunnel war zwar durch Schotten gesichert, doch diese Schotten ließen sich nicht mehr schließen und so fand das Wasser einen Durchlass und konnte größere Teile des Schiffes fluten, besonders, da weitere Schotten im Kesselraum 6 ihren Dienst versagten und weit offen standen. Nach ungefähr zehn bis fünfzehn Minuten stand das Wasser dort schon bis zum E-Deck.
Kapitän Bartlett hatte zwar den Befehl gegeben, die Rettungsboote klar zu machen, doch er verfolgte auch den Plan, die Britannic auf Grund zu setzen. Ein auf Grund sitzendes Schiff kann nicht sinken. Und die Chancen dafür standen in den relativ flachen Gewässern sowie der relativen Nähe zum Land bei dem großen Schiff gar nicht mal so schlecht – allerdings hatte die Entscheidung einen gewaltigen Nachteil: In dem Moment, in dem die Britannic wieder Fahrt aufnahm, wurde noch mehr Wasser in den verwundeten Bug und damit in das Schiff gepresst.
Erschwerend kam hinzu, dass Bullaugen auf dem E-Deck, das normalerweise mehr als 6 Meter über der Wasserlinie waren, offen standen – und auf der Steuerbordseite lagen diese Bullaugen durch die Schlagseite bald unter Wasser, so dass noch mehr Wasser in das Schiff eindringen konnte. Da das E-Deck nicht wasserdicht war, konnte so auch Wasser von oben in Kesselräume eindringen, die bisher trocken geblieben waren.
Die baulichen Veränderungen, die nach dem Untergang der Titanic bei der Britannic umgesetzt wurden und einen Untergang nach einer Kollision, wie sie die Titanic erlebt hatte, verhindert hätten, waren eben nicht ausreichend für die speziellen Voraussetzungen, wie sie am 21. November 1916 zwischen 8:12 und 09:07 Uhr im Kea Kanal auf der Britannic vorlagen.
Quelle: Der Navigator Ausgabe 72, Im Schatten der Titanic. Die Geschichte der Britannic (II) aus einer anderen Perspektive, Dezember 2015, S. 32 ff