Ein Schiff verschwindet
Das Schicksal der Naronic ist bis heute ungeklärt
von Susanne Störmer, © 2014
Dass die White Star Line im Passagierdienst tätig war, ist bekannt. Doch die White Star Line war auch in anderen Geschäftsfeldern tätig, in denen es um Transport zur See ging.
1888 eröffnete die White Star Line den Viehtransportdienst, bei dem Stückgut von England nach New York transportiert wurde und Vieh von New York nach England. Die White Star Line war bemüht, die Transportbedingungen für das Vieh zu verbessern – nicht aus Tierfreundlichkeit, sondern weil das Vieh Ladung war und je mehr Tiere die Märkte gesund erreichten, umso höher war der Gewinn.
Das erste Schiff auf der Route war die Cufic, ein Einschraubenschiff von 4.639 BRT mit 13 Knoten Höchstgeschwindigkeit. Es gab keine Passagierkabinen an Bord. Als zweites Schiff wurde die Runic 1889 in Dienst gestellt. Sie war ein Schwesterschiff der Cufic, allerdings etwas größer.
Ausbau des Viehtransports
Cufic und Runic waren sehr erfolgreiche Schiffe in ihrem Dienst. Gleichzeitig muss die Nachfrage hoch gewesen sein, denn die White Star Line ließ weitere Viehtransporter bauen:
Die Nomadic wurde 1891 in Dienst gestellt. Sie war ein Zwei-Schrauben-Schiff und mit 5.749 BRT größer als Cufic und Runic. – Ihr Schwesterschiff Tauric wurde im gleichen Jahr in Dienst gestellt und war mit 5.728 BRT geringfügig kleiner vermessen als die Nomadic. Die Dienstgeschwindigkeit von Nomadic und Tauric war 13 Knoten.
1892 folgten zwei weitere Viehtransporter, die wie auch ihre vier Vorgänger auf dem Weg von England nach New York Stückgut transportierten und auf dem Rückweg Vieh. Am 15. Juli 1892 ging die Naronic auf Jungfernfahrt. Sie war ein Zwei-Schrauben-Schiff, hatte eine Höchstgeschwindigkeit von 13 Knoten und war mit 6.594 BRT vermessen. Im Gegensatz zu den vier Vorgängerschiffen hatte sie Platz für 12 Passagiere an Bord. Allerdings waren die Passagierplätze nicht sonderlich nachgefragt – niemand fuhr gerne freiwillig mit einem Tiertransporter.
Das Schwesterschiff der Naronic war die Bovic. Die Bovic war mit 6.583 BRT vermessen und ging am 26. August 1892 auf Jungfernfahrt. Damit waren sechs Viehtransporter im Einsatz.
Gegenwart
Ab dem 11. Februar 2014 konnten auf unserer Facebook-Seite [nachträgliche Anmerkung: Seite des Deutschen Titanic-Vereins] Meldungen zur letzten Fahrt der Naronic verfolgt werden. Möglichst taggenau wurden bis zum 30. März die Informationen online gestellt und so der Nachrichtenfluss aus dem Jahr 1893 simuliert. Denn damals gab es noch keinen Funk. Nachrichten zu einem Schiff gab es nur, wenn es einen Hafen erreichte oder verließ oder von Land aus gesehen wurde. Begegnungen auf hoher See konnten nur gemeldet werden, wenn das andere Schiff die Nachricht an Land übermitteln konnte. Wobei 1893 noch nicht jeder Ort über ein Kabel an das Nachrichtennetz angeschlossen war. Wenn ein Schiff einen solchen Ort erreichte, musste die Information wie seit Ewigkeiten von menschlichen Boten auf dem Land- oder Seeweg weiter verbreitet werden und brauchte entsprechend lange.
Wer geglaubt hat, dass heute ein spurloses Verschwinden von Transportmitteln nicht mehr möglich ist, wurde noch während der Nachrichtensimulation auf Facebook eines Besseren belehrt: Der Flug MH370, durchgeführt von einer Boeing 777, verschwand und die Suchaktion führte bisher (Stand 18.04.2014) zu keinem Ergebnis. Die Suchgebiete wurden dabei mehrfach verändert und um Tausende von Kilometern verlegt. Trümmerteile wurden noch nicht gefunden. Etwas jedoch war anders: Während das Verschwinden der Naronic erst viele Tage später realisiert wurde, war schon während des Fluges von MH370 klar, dass irgendetwas vorgefallen sein musste. Gleich geblieben ist jedoch die Verzweiflung der Angehörigen, wenn langsam zur Gewissheit wird, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Die Meldungen zur Naronic
11. Februar 1893:
Die Naronic der White Star Line legt unter dem Kommando von Kapitän William Roberts zu ihrer siebenten Rundreise in Liverpool ab. Zielhafen ist New York. Die Naronic ist ein Frachtschiff von 6.594 BRT, das auch eine geringe Zahl an Passagieren befördern kann – und Vieh! Sie wurde im Juli 1892 in Dienst gestellt. Kapitän Roberts hat das Schiff schon auf drei Rundreisen geführt. An Bord sind 50 Mann Besatzung, zehn Pferdepfleger und 14 Tierpfleger, die in die USA zurückkehren. Für die anstehende Überfahrt hat die Naronic Stückgut geladen, darunter auch Kaliumchlorat, Schwefelsäure, Natriumsulfit und Chlorkalk, die brandgefährlich werden, wenn sie miteinander vermischt werden. Außerdem werden 200tons Kohle an Deck verstaut, da die Bunker der Naronic voll sind. Um die Topplast auszugleichen, werden 140tons Wasser zusätzlich in den Backbordballasttanks aufgenommen. – Den Lotsen setzt die Naronic bei Point Lynas ab und fährt danach in die Irische See hinaus.
22. Februar 1893:
Elf Tage nach dem Verlassen Liverpools ist die Naronic fällig in New York. Aber noch ist sie nicht auf der anderen Seite des Atlantiks gesichtet worden.
Das muss nicht unbedingt etwas bedeuten, allerdings gibt es Anlass für ein erstes ungutes Gefühl: Die Naronic hat noch nie mehr als 11 Tage für eine Überfahrt benötigt; ihre bisher schnellste Passage war im Juli 1892 mit einer Fahrtdauer von 9 Tagen, 4 Stunden und 21 Minuten, das war zugleich die bisher schnellste Passage eines Frachters auf der Transatlantikroute.
Doch man muss zu diesem Zeitpunkt noch nicht vom Schlimmsten ausgehen: Die Naronic kann einfach nur in schweres Wetter geraten sein oder technische Probleme (gehabt) haben, wodurch sich die Dauer ihrer Überfahrt verlängert. Nur gibt es keine Möglichkeit, diese Nachricht direkt an Land zu übermitteln. Wenn die Naronic einem anderen Schiff begegnet ist, kann sie dem anderen Schiff eine Nachricht mitgegeben haben. Doch auch diese Nachricht kann erst dann verbreitet werden, wenn Sichtkontakt mit Land hergestellt wurde.
Mit jedem weiteren Tag, den die Naronic ausbleibt, wird man ankommende Schiffe auf beiden Seiten des Atlantiks immer dringlicher nach Nachrichten von der Naronic befragen. Wenn auch in einigen Tagen keine Sichtung oder Nachrichtenübermittlung von der Naronic erfolgt ist, wird die White Star Line jedem ihrer Schiffe den Auftrag mitgeben, nach der Naronic Ausschau zu halten. Das ist alles, was man in so einer Situation tun kann.
1. März 1893:
Die Bovic läuft in New York ein. Sie ist das jüngere Schwesterschiff der Naronic und hat Liverpool am 17. Februar, sechs Tage nach der Naronic, verlassen. Weder die Bovic noch andere Schiffe, die an diesem Tag in New York einlaufen, haben etwas von der Naronic gesehen, doch alle berichten von Stürmen auf dem Nordatlantik. Keiner dieser Stürme war jedoch so schwer, dass er die Ursache für die Verspätung der Naronic sein könnte. Die Naronic ist nun sieben Tage überfällig und die Sorgen um das Schiff nehmen zu. Die Versicherungsrate für das Schiff liegt aktuell bei 10 Guineas.
2, März 1893:
Die New York Times berichtet, dass die Naronic nun acht Tage überfällig sei. Man müsse davon ausgehen, dass das Schiff einen Unfall gehabt habe, doch ob dieser Unfall die Sicherheit des Schiffes und aller an Bord gefährdet habe, sei derzeit offen, so das Blatt weiter. Außerdem schreibt die Zeitung: Die Naronic sei ein modernes Doppelschraubenschiff, das über sämtliche modernen Ausrüstungen verfüge. Da sie zwei Maschinen habe, sei es unwahrscheinlich, dass beide Maschinen zeitgleich ausgefallen seien. Ein Bruch des Ruders würde ihre Weiterfahrt nicht gefährden, da sie auch mit ihren beiden Schrauben gesteuert werden könne. Schottenkammern würden einen Wassereinbruch begrenzen. Ihr Kapitän stehe seit 15 Jahren in Diensten der White Star Line.
2. März 1893, ca. 15:50 Uhr:
Naronic südlich von Fire Island (Long Island, New York, USA) gesichtet! – Das Schiff hat keinerlei Signale gesetzt, doch der Augenzeuge ist sich sicher, dass es sich um den vermissten White Star Line Dampfer handelt. Die Beobachtung wird nach New York gemeldet. Dort reagieren die Agenten sofort und informieren die White Star Line in Liverpool.
2. März 1893, einige Stunden nach 15:50 Uhr:
Das südlich von Fire Island gesichtete Schiff war die Mohawk der Atlantic Transport Line. Der Beobachter hatte sich getäuscht. Damit bleibt die Naronic verschollen. Die White Star Line in Liverpool wird davon in Kenntnis gesetzt. Denn auch kein anderes Schiff, das an diesem Tag New York erreicht, hat etwas von der Naronic gesehen oder kann etwas zum Verbleib der Naronic sagen.
Seefahrtsexperten halten es für möglich, dass die Maschinen der Naronic ausgefallen sind und sie deswegen unter Segeln Kurs auf die Azoren genommen hat. Da die Naronic eine Schooner-Takelung hat, verfügt sie nur über geringe Segelfläche und kann deswegen unter Segeln nur wenig Fahrt machen. Wenn sie wirklich Kurs auf die Azoren genommen hat, dann hat sie die transatlantische Dampferroute verlassen, was wiederum erklärt, warum kein anderes Schiff auf der Nordatlantikroute etwas von ihr gesehen hat.
3. März 1893:
Kapitän Thompson von der Bovic sagt der Presse, dass die Naronic beim Ausfall einer Maschine unmöglich Westkurs gehalten haben kann, wenn sie sich durch so starke Stürme kämpfen musste, wie sie der Bovic auf ihrer letzten Überfahrt begegnet sind. Kapitän Thompson geht davon aus, dass die Naronic, wenn sie denn überhaupt jemals wieder auftaucht, bei den Bermudas ankommen wird.
Die White Star Line gibt bekannt, dass die Naronic 1100 tons Kohle in ihren Bunkern hatte. Üblicherweise benötigt sie 50 tons am Tag. Sollte der Brennstoff knapp werden, gibt es an Bord der Naronic noch das in den Viehstallungen verarbeitete Holz, das zum Heizen der Kessel verwendet werden könne. Der Proviant an Bord reicht für fünf bis sechs Wochen. – Die Naronic ist vor 20 Tagen aus Liverpool ausgelaufen und seit neun Tagen überfällig.
3. März 1893:
Am Strand von Bay Ridge, New York Bay, wird eine alte, gelbe Flasche gefunden mit dem Stempel “John Hagg 113th St NY, NY” im Boden. In der Flasche steckt ein Stück Papier – eine aus einem Buch herausgerissene Seite, auf die folgende Nachricht gekritzelt worden war:
19. Februar 1893 – Die Naronic sinkt. Alle Mann beten. Möge Gott uns gnädig sein.
Unterschrieben ist die Nachricht mit L. Winsel. – Die Passagier- und Besatzungsliste der Naronic für die Abfahrt am 11. Februar 1893 aus Liverpool führt allerdings keine Person mit diesem Namen auf.
4. März 1893:
Die New York Times berichtet, dass die Naronic jetzt seit zehn Tagen überfällig ist und vor 21 Tagen beim Auslaufen aus Liverpool zuletzt gesehen wurde. Die Zeitung betont, dass trotz der Weite des Atlantiks die Geschichte gezeigt hat, dass es nahezu unmöglich ist, dass ein großes Dampfschiff lange driften kann, ohne von einem anderen Schiff gesichtet zu werden. Deswegen gibt es Stimmen, die davon ausgehen, dass die Naronic am 11. Februar Kurs auf den Hafen der vermissten Schiffe genommen hat. – Andererseits ist es für die New York Times schwer vorstellbar, dass ein Schiff von der Größe der Naronic einfach spurlos verschwinden kann. Sollte die Naronic jedoch untergegangen sein, wäre es ein böses Erwachen für all diejenigen, die an die Unfehlbarkeit der Doppelschrauben und der Nehmerqualitäten der modernen Dampfschiffe in einem Sturm glauben.
5. März 1893:
Immer noch gibt es keine Spur von der Naronic, doch noch haben ihre Agenten die Hoffnung nicht aufgegeben. Laut New York Times halten sie es für möglich, dass die Naronic wegen Maschinenausfall die Fahrt unter Segeln fortgesetzt hat, dabei allerdings nur langsam voran kommt. Sie erwarten, dass die Naronic in Kürze bei den Azoren auftauchen wird.
Der französische Dampfer La Bretagne, der an diesem Tag New York erreicht, hat den Kurs genommen, den auch üblicherweise die Naronic nahm, jedoch nichts von ihr gesehen. Und auch vier Dampfer, die in Philadelphia einlaufen, haben keine Nachrichten zur Naronic.
7. März 1893:
Weiterhin nichts Neues zur Naronic. – Die Italy, die am 11. Februar aus London ausgelaufen ist und vermutlich den gleichen Kurs wie die Naronic genommen hat, hat nichts von ihr gesehen.
Nun wartet man auf zwei überfällige Dampfer– einer aus Gibraltar, der andere aus Swansea – von denen man hofft, dass einer der beiden die Naronic in Schlepp genommen hat.
Wenn die Naronic, wie von den Agenten vermutet, in Richtung Azoren gesegelt ist, könnte sie dem Schiff aus Gibraltar begegnet sein. Das Schiff aus Swansea sollte den Kurs der Naronic gefahren sein und könnte so direkt auf sie getroffen sein.
8, März 1893:
Die Runic der White Star Line erreicht New York und meldet starke Weststürme auf dem Atlantik. Von der Naronic hat die Runic nichts gesehen, allerdings erfuhr man auf der Runic erst beim Einlaufen nach New York vom Lotsen, dass die Naronic vermisst wird.
Die Alsatia aus Gibraltar, eines der überfälligen Schiffe von denen man hoffte, dass sie die Naronic getroffen und in Schlepp genommen haben könnte, erreicht ebenfalls New York – ohne die Naronic und ohne sie überhaupt gesehen zu haben. Auch die Friesland, von Antwerpen kommend, und die Ocean Prince, aus dem Mittelmeer kommend, haben nichts von der Naronic gesehen.
9. März 1893:
Die Naronic bleibt spurlos verschwunden. Doch die Agenten der White Star Line hoffen weiterhin, dass das Schiff wieder auftaucht. Allerdings sinken mit jedem weiteren Tag, der verstreicht, ohne dass es eine Nachricht gibt, die Chancen, dass die Geschichte noch ein gutes Ende nimmt.
Das Spannungsfeld zwischen Hoffen und Bangen lässt sich anhand zwei Positionen beschreiben:
- Ein so großes Schiff wie die Naronic verschwindet nicht spurlos! Wäre es gesunken, hätten andere Schiffe, die auf der gleichen Route gefahren sind, Wrackteile finden müssen. Bisher liegen dazu aber noch keine Berichte vor. Und ein Schiff wie die Naronic kann gar nicht so schnell sinken, als dass nicht noch Rettungsboote hätten bemannt und gefiert werden können. Von daher ist keine Nachricht von der Naronic eine gute Nachricht.
- Wenn jedoch die gemeldeten schweren Stürme auf dem Nordatlantik die Naronic bei einem Maschinenschaden aus der Dampferroute getrieben haben, ist es unwahrscheinlich, dass ein anderes Schiff Wrackteile oder Rettungsboote der Naronic sieht.
Die Rückversicherungsrate für die Naronic ist mittlerweile auf 30 Guineas gestiegen (von 10 Guineas am 1. März 1893).
10. März 1893:
Die Britannic der White Star Line erreicht Liverpool. Sie hat New York am 1. März verlassen und hat einen deutlich südlicheren Kurs als üblich genommen; sie hat nach der Naronic oder Spuren von der Naronic gesucht. Die Britannic hat nichts gefunden. – Die Rückversicherungsrate für die Naronic liegt nun bei 45 Guineas.In New York sind zahlreiche Schiffe eingelaufen, von denen sich viele tagelang durch schwere Stürme kämpfen mussten. Keines von ihnen hat die Naronic gesehen – auch nicht das Schiff aus Swansea, von dem man so gehofft hatte, dass es die Naronic in Schlepp genommen haben könnte. Nun klammern sich die Agenten der White Star Line an die Hoffnung, dass der Dampfer Montezuma, der überfällig ist, die Naronic in Schlepp genommen haben könnte.
11. März 1893:
Die Montezuma, auf der die Hoffnungen der White Star Line Agenten in Sachen Naronic ruhen (siehe 10. März 1893), erreicht New York, allerdings erfüllen sich die Hoffnungen nicht. Denn die Montezuma hat weder die Naronic im Schlepp, noch kann sie irgendwelche Angaben zum Schicksal des vermissten Dampfers machen.
13. März 1893:
Diverse Theorien kursieren mittlerweile in New York, mit denen das mysteriöse Verschwinden der Naronic erklärt werden soll. Besonders merkwürdig erscheint, dass bisher keine Spur von der Naronic entdeckt wurde und auch noch kein Rettungsboot von ihr aufgetaucht ist. Damit muss davon ausgegangen werden, dass sie, wenn sie gesunken ist, der Untergang für alle an Bord so plötzlich und überraschend kam, dass kein Boot mehr gefiert werden konnte. Damit scheiden eine Kollision mit einem Eisberg oder mit einem Wrack aus; in beiden Fällen wäre vermutlich genug Zeit geblieben, in die Boote zu gehen und außerdem wären wohl Wrackteile übrig geblieben, die von wenigstens einem anderen Schiff auf der vielbefahrenen Route mittlerweile hätten gemeldet werden müssen. – Eine weitere Möglichkeit, die diskutiert wird, ist ein Maschinenschaden, bei dem Teile der defekten Maschine den Rumpf durchschlagen und ein Leck verursachen. Das ist der City of Paris vor einiger Zeit passiert, allerdings war die See nur bewegt und das Schiff konnte einen Hafen erreichen, wenn auch mit 4000 tons Seewasser im Rumpf. So ein Maschinenschaden mitten im Sturm könnte durchaus zum Untergang der Naronic geführt haben.
Doch noch gibt es Hoffnung! Denn die Naronic könnte unter Segeln Kurs auf die Azoren oder andere Häfen genommen haben, zu denen es noch keine Seekabelverbindung gibt, so dass Nachrichten von dort nur per Schiff verbreitet werden können. Und das braucht einfach seine Zeit. Denn zuerst mal muss ein Schiff in dem jeweiligen Hafen sein, wenn die Naronic einläuft. Dann muss das Schiff, das die Nachricht von der sicheren Ankunft der Naronic verbreiten soll, den Hafen verlassen und einen Hafen erreichen, der über eine Seekabelverbindung verfügt!
14. März 1893:
Die Naronic bleibt verschollen. – Die Teutonic ist auf ihrer Überfahrt von New York nach Liverpool extra weit nach Süden ausgewichen, hat aber nichts von der Naronic gesehen. Auch die Tauric, die an diesem Tag in New York einläuft, hat scharfe Ausschau nach der Naronic oder Spuren von ihr gehalten und nichts gefunden.
Zwei Schiffe, die aus dem Mittelmeer kommend New York erreichen, haben ebenfalls nichts von der Naronic gesehen, obwohl eines der Schiffe sogar die Azoren angelaufen hat, also dort war, wohin die Naronic nach einem Maschinenschaden gesegelt sein könnte.
16. März 1893:
Die Naronic ist immer noch nicht wieder aufgetaucht, und so allmählich geht auch die letzte Hoffnung verloren. Die Rückversicherungsrate liegt nun bei 80 Guineas.
17. März 1893:
Weiterhin fehlt jede Spur von der Naronic. Allerdings hat ein Schiff am 22. Februar ein Floß, das bereits einige Zeit im Wasser trieb, 460sm von Irland entfernt und etwa 200sm nördlich vom üblichen Kurs gesichtet. Das Schiff war auf dem Weg von Sunderland nach Baltimore nördlich um Großbritannien gefahren. Ob das Floß wirklich von der Naronic stammt, ist unklar.
Allerdings gibt es nun die Überlegung, dass die Naronic bereits kurz nach dem Verlassen von Liverpool am 11. Februar verunglückt sein muss, da ansonsten irgendein anderes Schiff auf der Route das Schiff hätte sichten müssen. Eine andere Theorie besagt, dass die Naronic havariert ist und von der Strömung nach Norden getrieben wurde und nicht von den Stürmen nach Süde
18, März 1893:
Die Naronic bleibt verschollen, und die Chance, dass man jemals wieder etwas von ihr hören wird, reduziert sich mit jedem weiteren Tag. Die Gerüchteküche in New York besagt, dass Auswanderer an Bord der Naronic waren, doch dieses Gerücht wird von der Agentur zurückgewiesen! Es waren laut Reederei keine Auswanderer an Bord, sondern nur die Besatzung plus in die Heimat zurückkehrende Tierpfleger. Auch bestehe keine Möglichkeit, auf einem Frachtschiff wie die Naronic Auswanderer zu schmuggeln.
An Bord der Tauric werden Feuerwerkskörper im Laderaum gefunden – die Feuerwerkskörper waren in dem am leichtesten entzündlichen Teil der Ladung versteckt. Das feuert Spekulationen um die Naronic dahin gehend an, ob es vielleicht einen Anschlag auf das Schiff gegeben haben könnte.
20. März 1893:
Aus Bremen kommt die Nachricht, dass Rettungsboote der Naronic schon vor Tagen vom britischen Dampfer Coventry im Nordatlantik entdeckt wurden, doch die Coventry erreicht erst jetzt einen Hafen (Bremen) und erfährt erst hier, dass die Naronic schon seit fast einem Monat vermisst wird.
Die Coventry, die am 10. Februar Fernandina verlassen hat, hat am 4. März um 2 Uhr morgens ein Rettungsboot der Naronic gesichtet. Die Position war 42° Nord, 46° West. Am 4. März um 14 Uhr passierte die Coventry ein weiteres Rettungsboot der Naronic, bei dem ein Seeanker ausgeworfen worden war. Es muss also mal bemannt gewesen sein. Allerdings war es auch halb geflutet. Der Kapitän der Coventry, der nicht wusste, dass die Naronic vermisst wird, ging davon aus, dass die Insassen des Bootes von einem anderen Schiff aufgenommen wurden und man das Boot treiben ließ. – Die Boote wurden etwa 50sm südlich der Dampfschiffroute nach New York gesichtet.
Die White Star Line in Liverpool geht nun davon aus, dass die Naronic gesunken ist, doch die Unglücksursache bleibt unklar. Es könnte sein, dass die Naronic mit einem Wrack oder einem Eisberg kollidiert ist. Man hofft nun darauf, dass ein anderes Schiff Überlebende von der Naronic an Bord hat, die etwas zu dem Hergang der Havarie sagen können. Auf jeden Fall ist nun klar, dass auf der Naronic genügend Zeit blieb, um wenigstens ein Rettungsboot zu fieren, was dagegen spricht, dass das Unglück plötzlich und schnell über das Schiff hereingebrochen ist. Damit kann verrutschte Ladung ausgeschlossen werden. Alles weitere liegt weiterhin im Dunkeln.
30. März 1893:
An einem Strand eines Sommer Resorts in Ocean View, Virginia, findet ein Nachwächter eine Champagnerflasche, in der eine Nachricht steckt. Der Text der Nachricht lautet:
3:10 Uhr morgens, 19. Februar, Dampfschiff Naronic, auf See. Wer auch immer diese Nachricht findet: Melden Sie bitte unseren Agenten, sofern es bisher noch nicht bekannt wurde, dass unser Schiff schnell sinkt. Es ist so ein starker Sturm, dass wir niemals in den kleinen Booten überleben werden. Ein Rettungsboot ist bereits mit seiner menschlichen Fracht untergegangen. Möge Gott uns beschützen. In einem dichten Schneesturm hat uns ein Eisberg gestreift. Wir konnten uns zwei Stunden schwimmend halten. Jetzt ist es 3:20 Uhr auf meiner Uhr und das große Schiff ist fast im Meer versunken. Melden Sie das bitte den Agenten im Broadway, New York, M. Kersey & Co. Auf Wiedersehen an alle.
Unterschrieben hat diese Nachricht ein John Olsen, Tierpfleger. Allerdings war laut Besatzungs- und Passagierliste kein John Olsen an Bord.
17. April 1893:
Es gibt keine neue Spur von der Naronic, und bisher sind auch keine Überlebenden irgendwo eingetroffen oder entdeckt worden. Dafür sprießen die Spekulationen über die Unglücksursache:
- Die Naronic kollidierte mit einem Eisberg. Dagegen spricht jedoch, dass kleinere und weniger solide gebaute Schiffe nach einer Kollision mit einem Eisberg zwar Beschädigungen davontrugen, aber dennoch einen Hafen erreichten.
- Eine Kollision mit einem anderen Schiff kann ebenfalls ausgeschlossen werden – denn dazu gehören immer zwei, und weder hat ein anderes Schiff eine Kollision mit einem unbekannten Schiff gemeldet noch wird außer der Naronic ein anderes Schiff vermisst, das auf dieser Route zu dieser Zeit unterwegs war.
- Die Naronic ist gekentert. Dagegen spricht jedoch, dass man zwei Rettungsboote gesichtet hat, von denen mindestens eines auch bemannt gewesen sein muss. Wenn ein Schiff kentert, bleibt üblicherweise keine Zeit, die Boote zu bemannen und zu fieren.
- Es gab eine Kesselexplosion auf der Naronic. Bisher hat kein Schiff so einen Zwischenfall überlebt. Doch die Naronic war ein neues Schiff und ihre Kessel entsprachen dem neuesten Standard. Doch völlig ausgeschlossen werden kann eine Kesselexplosion an Bord der Naronic
- Die Naronic könnte durch einen Maschinenschaden teilweise oder sogar vollständig ihrer Antriebskraft beraubt worden sein. Das könnte sie in einem Sturm verwundbar gemacht haben und letztendlich dazu geführt haben, dass sie gesunken ist.
27. April 1893:
Die Witwe des Kapitäns der Naronic und die Witwe des Chief Officers wurden in die Irrenanstalt eingewiesen. Sie waren über den Verlust ihrer Ehemänner verrückt geworden.
Gleichzeitig meldet sich in den USA ein Bruder des 2. Ingenieurs der Naronic. Demnach hat der 2. Ingenieur Lucock nach der letzten Ankunft der Naronic in Liverpool einen Brief geschrieben, in dem er den Zustand der Kessel als sehr schlecht bezeichnete. Demnach hätten die Ingenieure schon auf dem Weg von New York nach Liverpool schwer arbeiten müssen, damit das Schiff den Hafen erreicht. Außerdem schrieb der 2. Ingenieur, dass, sofern in Liverpool keine Reparaturen an den Kesseln vorgenommen werden würden, die nächste Überfahrt nach New York sehr gefährlich werden würde.
Die Untersuchung des Unglücks
In Großbritannien gab es im Sommer 1893 eine Untersuchung des Unglücks. Die allerdings war schwierig, da es weder Wrack noch Überlebende gab – und auch keine anderen Augenzeugen. Der letzte Mensch, der die Naronic gesehen hat, war der Lotse. Er berichtete von keinen Problemen. Doch wirklich aufgeklärt werden konnte das Unglück so natürlich nicht. Und damit bleibt ungeklärt, wann die Naronic untergegangen ist, wo sie sich zu dem Zeitpunkt befunden hat und was die Ursache für den Untergang war. Allerdings gibt es bis heute Raum für Spekulationen. Mit dazu beigetragen haben auch die Funde von Flaschenpostflaschen im Jahr 1893, die angeblich Nachrichten von der Naronic enthielten.
Vier Mal Flaschenpost
Insgesamt wurden an vier Stellen jeweils eine Flaschenpost gefunden. Zwei in den USA (siehe 3. März 1893 und 30. März 1893), eine in der Irischen See (Sommer 1893) und eine am Mersey (September 1893).
Die im Sommer gefundene Nachricht hatte den Inhalt:
Eisberg gestreift. Sinken schnell. Naronic. Young
Es war niemand mit dem Namen Young an Bord.
Die im September gefundene Nachricht war auf zwei dünne Wollstreifen gekritzelt und lautete:
Alle Mann verloren. Keine Zeit, mehr zu sagen. T.
Auch hier ist keine Identifikation des Autor möglich.
Ob eine dieser Nachrichten wirklich von der Naronic stammt oder alles Fälschungen sind, ist bis heute nicht geklärt worden. Die unterschiedlichsten Fundorte sowie der unklare Unglücksort machen Recherchen auch heute nicht einfacher. Und so liegt Naronic bis heute in dem großen Hafen, den alle vermissten Schiffe anlaufen und in dem sie oft für immer bleiben …
Quellen:
New York Times – diverse Ausgaben aus dem Archiv
Richard de Kerbrech (2009), Ships of the White Star Line, Hersham: Ian Allan Publishing
http://www.titanic-whitestarships.com/Naronic.htm (zuletzt besucht: 18.04.2014)