„Heize alle verfügbaren Kessel so schnell wie möglich an!“
Vom vergeblichen Versuch der Olympic, ihrer in Not geratenen Schwester zu helfen
von Susanne Störmer, © 2018
Die Olympic war das ältere Schwesterschiff der Titanic. Seite an Seite wurden sie in Belfast gebaut, wobei die Olympic der Titanic immer viele Wochen voraus war. Als die Olympic am 31. Mai 1911 an die Reederei übergeben wurde, lief die Titanic vom Stapel. Am 14. Juni 1911 begann die Olympic ihre Jungfernfahrt, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Titanic ihr in den Dienst folgen würde.
Am 13. März 1912 begann die Olympic ihre zehnte Transatlantikrundreise seit Indienststellung; erste Besatzungsmitglieder waren von Bord gegangen, da sie auf der Titanic eingesetzt werden sollten. Wegen dem Kohlenarbeiterstreik musste die Olympic ihre Geschwindigkeit auf Anweisung der Reederei reduzieren, um Kohle zu sparen.
Als die Olympic diese Rundreise beendet hatte, gingen weitere Besatzungsmitglieder von Bord, um auf die Titanic zu wechseln, darunter Kapitän E. J. Smith und Schiffsarzt Dr. O’Loughlin (62) [1]. Besonders glücklich darüber war O’Loughlin nicht, denn er sagte in Southampton zu seinem Kollegen Dr. Beaumont, dass er es in seinem Alter leid sei, Schiffe wechseln zu müssen. Daraufhin nannte E. J. Smith den alten Schiffsarzt scherzhaft „faul“ – am Ende reisten beide, Smith und O’Loughlin, nach Belfast. Ihre Stellen auf der Olympic nahmen Herbert J. Haddock, der schon mal kurz als Kapitän auf der Titanic gewesen war, und Dr. Beaumont ein.
Am 3. April 1912 legte die Olympic wieder aus Southampton ab – mit Haddock als neuem Kapitän, Beaumont als neuem Schiffsarzt, einem neuen Chief Officer, der zuvor eine Reise als 1. Offizier auf der Olympic gemacht hatte, einem zum 1. Offizier beförderten 2. Offizier [2], der bereits seit der Jungfernfahrt der Olympic an Bord war, und einem neuen 2. Offizier. Während die Olympic von Southampton aus über Cherbourg nach Queenstown fuhr, war die Titanic auf dem Weg nach Southampton, doch die beiden Schwestern kamen auf dem Ärmelkanal nicht in Sichtweite voneinander. Dennoch waren sie sich am Abend des 3. April so nahe, wie seit ihren gemeinsamen Zeiten in Belfast nicht mehr.
Am 10. April 1912 erreichte die Olympic New York – es war der Tag, an dem die Titanic Southampton für ihre Jungfernfahrt verließ. Zu der Zeit lag in New York auch die Carpathia der Cunard Line, die im Mittelmeerdienst eingesetzt war und am 11. April 1912 für eine weitere Rundreise auslief. Die Olympic legte am 13. April 1912 in New York wieder ab – die Titanic war zu der Zeit mitten auf dem Atlantik. Es bestand die Möglichkeit, dass sich die beiden Schwestern, die zu der Zeit größten Schiffe der Welt, auf hoher See begegnen könnten. Wenn dieses Treffen gelang, dann wäre es mit Sicherheit ein ganz großes Ereignis für die Passagiere und Besatzungen beider Schiffe. Und es liegt nahe, dass die beiden Kapitäne und vermutlich auch die White Star Line diese Begegnung fest eingeplant hatten.
Ein Notruf erreicht die Olympic
Am späten Abend des 14. April 1912 war die Olympic rund eineinhalb Tage von New York entfernt – die Titanic befand sich etwa 500sm weiter östlich mit Kurs auf New York. Wachoffizier auf der Brücke der Olympic von 22 Uhr abends bis 2 Uhr morgens war der neu zum 1. Offizier aufgestiegene Robert Hume. Dr. Beaumont saß auf eine Pfeife bei Zahlmeister Lancaster [3] in der Kabine. In der Funkstation hatte Ernest James Moore Dienst. Um 22:50 Uhr New York Zeit hörte Moore die Titanic – beide Schiffe hatten eine starke Funkanlage an Bord, doch der Empfang auf der Olympic wurde durch viele arbeitende Stationen [4] und atmosphärische Störungen beeinträchtigt. Moore verstand auf jeden Fall, dass irgendein Schiff einen Eisberg gestreift hatte, war sich aber nicht sicher, ob es die Titanic selbst war. Falls Moore darüber grübelte und vielleicht auch darüber nachdachte, bei der Titanic mal nachzufragen, wurde ihm zehn Minuten später klar, dass die Titanic selbst betroffen war, denn nun empfing er ihren Notruf, auf den er sofort reagierte, indem er ihre Position anforderte. Doch es dauerte gemäß Funklog der Olympic nochmals zehn Minuten, bis die Titanic ihrer Schwester ihre Position übermittelte. Damit lief Moore sofort zur Brücke, wo er den Wachoffizier Hume informierte – und Kapitän Haddock wurde ebenfalls sofort in Kenntnis gesetzt. Natürlich nahm die Olympic Kurs auf die Notrufposition, obwohl es eine Tagesreise bis dahin war, und natürlich musste die Geschwindigkeit erhöht werden – das war keine Situation mehr, in der man Kohle sparen sollte – also wurde der Chefingenieur alarmiert.
Chefingenieur Bob Fleming ließ es sich allerdings nicht nehmen, beim Zahlmeister vorbei zu schauen, wo Lancaster und Beaumont noch bei ihrer Pfeife saßen. Fleming sagte zu den beiden: „Jungs, es ist bös was los. Die Titanic wurde von einem Eisberg gestreift, ist schwer beschädigt und wir fahren nach Norden, um ihr zu helfen.“ Danach ging Fleming in den Maschinenraum, um der Olympic so richtig Dampf zu machen. Denn es war schließlich ihre jüngere Schwester, die um Hilfe rief! Viele Besatzungsmitglieder auf der Olympic kannten Kollegen auf der Titanic, die bis vor kurzem noch selbst auf der Olympic gefahren waren. Hier war es also nicht nur irgendein Schiff, das in Seenot war, sondern es gab persönliche Betroffenheit … Zum Beispiel bei Kapitän Haddock, dessen zukünftiges Schiff in Schwierigkeiten war [5] und der einen Teil der Crew persönlich nach Belfast gebracht hatte [6]; außerdem waren frühere Crewmitglieder von der Oceanic an Bord der Titanic, die Haddock ebenfalls gut kannte. Vielleicht hat auch Beaumont darüber nachgedacht, dass er, wenn O’Loughlin sich nicht zum Schiffswechsel hätte bewegen lassen, nun auf der Titanic in Seenot gewesen wäre und O’Loughlin auf der Olympic in Sicherheit …
In der Funkstation der Olympic meldete Moore nun der Titanic, dass die Olympic sich auf dem Weg zu ihr machte. Und die Antwort der Titanic machte durchaus Hoffnung:
Sag Deinem Kapitän, er soll seine Boote klar machen und was ist Deine Position?
Auch diese Nachricht musste Moore zur Brücke der Olympic bringen. Wahrscheinlich atmete man dort etwas durch, denn die Olympic war weit entfernt und wurde dennoch aufgefordert, die Boote klar zu machen. Anscheinend konnte man es sich auf der Titanic erlauben, auf die Olympic zu warten, also war es wohl ernst, aber nicht kritisch. Oder hatte man sich auf der Titanic verschätzt? Auch wenn die Position der Olympic auf der Titanic nicht genau bekannt war, so musste man dort doch wissen, dass die Olympic laut Fahrplan am Sonnabend aus New York ausgelaufen war und konnte so abschätzen, wie weit entfernt die Olympic von der Titanic ungefähr war. Und selbst falls der Funker der Titanic auf eigene Initiative die Aufforderung gesendet haben sollte – er konnte doch anhand der Funkkarten und der Stärke der Signale abschätzen, dass die Olympic nicht gerade in der Nähe der Titanic war.
Gemäß Funklog dauerte es 15 Minuten, bis die Olympic der Titanic antwortete, und die Antwort stand wohl ganz unter dem Eindruck der Überlegungen, dass die Titanic Hilfe durch die Olympic wollte und was das bedeuten könnte. Vermutlich hat Kapitän Haddock hin und her überlegt, wie ernst die Situation auf der Titanic sein könnte und hatte dann entschieden, mal ganz unverfänglich anzufragen, um weitere Informationen zu bekommen, ohne dass er sich dabei gleich als Pessimist lächerlich machen würde … Was würde ein E. J. Smith wohl sagen, wenn er einen Funkspruch von der Olympic erhielt, aus dem pure Sorge des Kapitäns der Olympic um die Titanic sprach? Also musste es eher etwas Optimistisches, Unverfängliches sein, das jedoch eine Antwort liefern würde …
Kapitän Titanic. 4:24 a.m. GMT 40.52 Nord, 61.18 West. Steuern Sie nach Süden, um uns zu treffen? Haddock.
Die Antwort der Titanic auf diese Frage muss alle auf der Olympic, die von den Notrufen wussten, wie eine kalte Dusche getroffen haben, denn es war nicht die Antwort, die nach der Aufforderung, dass die Olympic ihre Boote klar machen sollte, zu erwarten gewesen war:
Sag Deinem Kapitän, dass wir die Passagiere in kleinen Booten aussetzen.
Nun dürfte allen auf der Olympic, die von den Notrufen wussten und in den Informationsfluss eingebunden waren, klar geworden sein, dass es extrem ernst um die Titanic stand – denn mitten in der Nacht ein Schiff zu evakuieren, ohne dass schon andere Schiffe am Unglücksort eingetroffen waren, das machte man nicht einfach so, wenn keine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben bestand. Es galt eigentlich die Grundregel, dass das große Schiff sicherer war als ein Rettungsboot. Die Rettungsboote waren offen, boten keinen Schutz vor Wind und Wetter und waren auf dem großen weiten Atlantik deutlich schwerer zu finden als ein großes Schiff. Wenn man also bereit war, die Sicherheit des großen Schiffes aufzugeben, dann war das große Schiff einfach nicht mehr sicher und ein Verbleib darauf gefährlicher, als nachts in einem offenen Boot auf dem Atlantik ausgesetzt zu werden. Die Aufforderung an die Olympic, ihre Boote klar zu machen, war dann wohl doch eher einem Irrtum geschuldet, vielleicht einer fehlgeleiteten Hoffnung, dass die ältere Schwester wider aller Wahrscheinlichkeit doch nahe genug war, um zu helfen!
Ein paar Minuten nach der Nachricht, dass die Titanic bereits evakuierte, fragte die Olympic nach dem Wetter und die Titanic antwortete, dass es klar und ruhig sei. Das war jedenfalls etwas. Und noch ein paar Minuten später ließ der Kapitän der Olympic mitteilen:
Kapitän Titanic. Heize alle verfügbaren Kessel so schnell wie möglich an. Haddock.
Und dann war Schweigen
Die Distanz zwischen Olympic und Titanic war groß. Atmosphärische Störungen und auch anderer Funkverkehr erschwerten dem Funker der Olympic, Signale der Titanic zu empfangen. Deswegen fragte er jede Station in Reichweite an, ob sie Neuigkeiten von der Titanic hätten, da er sie selbst nicht mehr gehört hatte. Gleichzeitig wurden auf der Olympic Maßnahmen für die Aufnahme von Schiffbrüchigen getroffen – so bereitete der Schiffsarzt Beaumont mit seinen Leuten ein Notaufnahmequartier mit 200 Betten in den öffentlichen Räumen der 3. Klasse vor – und auch an anderen Stellen wurden Vorkehrungen getroffen, die Schiffbrüchigen aufzunehmen. Im Maschinenraum wurde zu gleicher Zeit alles daran gesetzt, die höchstmögliche Leistung aus der Olympic herauszuholen, denn bis zu der in Seenot geratenen Schwester war es eine Tagesreise, da die Titanic ihnen nicht entgegen kam.
In der Funkstation traf nach Einsetzen der Morgendämmerung eine Anforderung aus New York ein; auch dort wartete man ungeduldig auf Neuigkeiten vom Atlantik, nachdem erste Nachrichten vom Notruf der Titanic bereits in der Nacht dort eingetroffen waren:
Kapitän Haddock, Olympic. Bemühen Sie sich, mit der Titanic zu kommunizieren. Bestimmen Sie Zeit und Position. Antworten Sie so schnell wie möglich an Ismay, New York.
Als nach mehr als zwei Stunden darauf noch immer keine Antwort in New York eingetroffen war, wurde die Bitte wiederholt – und die Dringlichkeit durch die Unterschrift des Vizepräsidenten der Reederei betont:
Kapitän Olympic. Halten Sie uns in Sachen Titanic auf dem Laufenden. Franklin.
Diese Aufforderung zeigte Wirkung, denn nur zehn Minuten später meldete die Olympic nach New York:
Ismay, New York. Seit Mitternacht, als ihre Position 41.46 Nord, 50.14 West war, keine Kommunikation mehr. Wir sind jetzt 310 Meilen entfernt von ihr, 9 a.m., fahren mit voller Kraft. Informiere Sie, sobald ich etwas höre. Kapitän.
Nach dieser Nachricht versuchte die Olympic weiter von jedem Schiff in Reichweite etwas zum Schicksal der Titanic in Erfahrung zu bringen – und rund zwei Stunden später hatte sie dann Erfolg. Der Funker der Parisian meldete:
Ich habe um 20:30 Uhr gestern Abend Nachrichten an die Titanic gesandt und ich hörte, wie er kurz bevor ich gegen 23:15 Uhr Schiffszeit schlafen ging, Nachrichten an Cape Race sandte. Die Californian war etwa 50 Meilen hinter uns. Ich hörte folgendes heute morgen um 6 Uhr:
Möchtest Du, dass ich eine Dienstmeldung [7] an Deinen Kapitän sende? Gemäß aufgefangener Information hat die Carpathia etwa 20 Boote mit Passagieren aufgenommen. Die Baltic kehrt um, um zu unterstützen. Über die Titanic habe ich nichts gehört – keine Ahnung, ob sie gesunken ist.
Diese Nachricht wurde sofort mündlich an Kapitän Haddock weitergegeben – und dann versuchte die Olympic weiter, von jeder Funktstation in Reichweite etwas über ihre Schwester in Erfahrung zu bringen, vielleicht mit der Hoffnung, Nachrichten zu erhalten, dass die Titanic noch schwamm und bereits andere Schiffe bei ihr waren. Doch diese Hoffnung war vergeblich, es gab einfach nichts anderes als das, was die Parisian zu berichten wusste. Fast eine Stunde später sandte Haddock dann eine Meldung nach New York:
Ismay, New York: Parisian meldet, dass die Carpathia vor Ort ist und 20 Boote mit Passagieren aufgenommen hat und Baltic umkehrt, um zu unterstützen. Position nicht genannt. Haddock.
Neben den Versuchen, weitere Informationen über die Titanic zu erhalten, trudelten auch weitere Eisberichte ein, die Haddock bei der Entscheidung helfen sollten, wann er am besten nach Norden abdrehte. Der Parisian teilte Haddock mit, dass er davon ausginge, gegen Mitternacht die Position der Titanic zu erreichen. Von der Parisian gab es dazu folgenden Ratschlag:
Kapitän Olympic. Bis 41.22, 50.14 sicher vor Treibeis; da das Eis gestern war, sollten Sie von der Position in etwa Nordost und Nord steuern, bis Sie bei 41.42 Breite und 50 sind, und dann seine Position von Westen [sic!] her ansteuern, indem Sie West-Nordwest [sic!] steuern. Meine Kenntnis von der Position der Titanic um Mitternacht wurde aus Ihrer Nachricht an New York abgeleitet, in der Sie 41.47, 50.20 nennen; wenn das korrekt ist, dann war sie in dichtem Treibeis und zwischen zahlreichen Bergen. Hoffe und vertraue, dass die Dinge nicht so schlecht stehen, wie sie erscheinen. Hains.
Die Olympic kommt zu spät
Etwa 90 Minuten später gelang es der Olympic, mit der Carpathia, die eine schwache Funkanlage hatte, in Verbindung zu treten – das Schiff, von dem dank der Parisian bekannt war, dass es Rettungsboote der Titanic mit Insassen aufgenommen hatte . Auch hier fragte Moore wieder nach Neuigkeiten von der Titanic und erhielt die Antwort:
Kann nicht alles auf einmal machen! Bitte Geduld.
Doch dann raffte sich der Funker der Carpathia doch auf, der Olympic Details zu nennen:
Ich hörte die Notrufe der Titanic um 11:20 und wir fuhren direkt zur genannten Stelle. Bei unserer Ankunft bei Tagesanbruch sahen wir 25 Meilen Treibeis, anscheinend sehr dicht, und eine größere Menge Wrackteile und ein paar Boote voller Menschen. Wir nahmen etwa 670 Seelen auf. Die Titanic ist untergegangen. Sie sank innerhalb von etwa zwei Stunden. Kapitän und alle Ingenieure tot. Unser Kapitän gab die Anweisung, dass es nicht erforderlich ist, dass die Baltic noch näher kommt, deswegen ist sie zurück auf ihren Kurs nach Liverpool gegangen. Werdet Ihr auf Basis dieser Information Euren Kurs wieder aufnehmen? Wir haben zwei oder drei Offiziere an Bord und den zweiten Marconi Operator [8], der zum Teil durch Wasser von 30 Grad [Fahrenheit = -1,7° Celsius) gekrochen ist. Mr. Ismay ist an Bord.
Diese Information wurde sofort an Haddock weitergegeben. Zweifellos wird sie ein Schock gewesen sein. Natürlich wusste man schon länger, dass die Lage ernst war – die Evakuierung des Schiffes und auch die Tatsache, dass lange Stunden kein Signal mehr von der Titanic empfangen worden war, sprachen eindeutig dafür. Doch mit der Meldung der Carpathia schwand jede Hoffnung!
Die Olympic bot der Carpathia an, wichtige Informationen von ihr entgegen zu nehmen und weiter zu leiten und forderte sie auf, sich für Dienstnachrichten bereit zu halten. Darauf antwortete der Funker der Carpathia, dass er seit 17:30 Uhr des Vortages nichts mehr zu essen gehabt hatte. Danach kam dann die angekündigte Dienstnachricht:
Kapitän Carpathia, 19:12 Uhr GMT. Unsere Position 41.17 Nord, 53.53 West, steuern Ostkurs. Soll ich Sie treffen und wo? Haddock.
Die Virginian nahm Kontakt mit der Olympic auf und bat die Olympic, der Carpathia mitzuteilen, dass sie eine Nachricht für die Carpathia hätte, auf deren Übermittlung sie seit 9 Uhr morgens wartete, als die Carpathia, die zu dem Zeitpunkt etwa 25sm entfernt war, sie aufgefordert hatte, ihren Kurs wieder aufzunehmen. Moore bat um Verständnis für den Kollegen auf der Carpathia, der gerade jetzt viel um die Ohren hatte.
Und dann meldete sich die Carpathia wieder – sie hatte mehrere Dienstnachrichten für Kapitän Haddock:
Kapitän Olympic. 19:30 Uhr GMT, 41.15 Nord, 51.45 West. Steuere Kurs Süd 87 West, kehre mit den Titanic Passagieren nach New York zurück. Rostron.
Kapitän Olympic. Bruce Ismay steht unter Opiaten. Rostron.
Kapitän Olympic. Halten Sie es für ratsam, dass die Titanic-Passagiere die Olympic sehen? Ich persönlich denke nicht. Rostron.
Kapitän Olympic. Mr Ismay befiehlt, dass die Olympic nicht von der Carpathia aus gesehen werden soll. Es wird keine Transfers geben. Rostron.
Haddock antwortete darauf:
Kapitän Carpathia. Bitte informieren Sie mich, wenn es die geringste Hoffnung gibt, die Position der Titanic bei Tagesanbruch abzusuchen. Stimme Ihnen zu, dass wir uns nicht begegnen sollten; werde auf gegenwärtigem Kurs bleiben, bis Sie vorbei sind und mich dann weiter südlich halten. Ist es parallel zu 41.17 Nord frei von Eis? Haben Sie unsere Leute in New York oder Liverpool von der Havarie in Kenntnis gesetzt? Und welche persönlichen Angaben können Sie mir machen, damit Sie aufrichtigen Dank für das, was Sie getan haben, erhalten? Haddock.
Die Antwort von der Carpathia lautete:
Kapitän Haddock, Olympic: Südliche Packeisgrenze ist 44.46 Nord [sic!]. Versuchen Sie nicht, vor 49.30 West nach Norden zu gehen. Viele Berge, große und kleine, zwischen dem Packeis; auch viele Meilen nach Osten reichend.
Fürchte, es ist absolut hoffnungslos, die Position der Titanic abzusuchen. Ließ die Californian der Leyland zurück, um weiter zu suchen. Alle Boote sind aufgenommen. Etwa 675 Seelen an Bord, Besatzung und Passagiere, letztere fast alles Frauen und Kinder. Titanic ging um 2:20 Uhr morgens, 5:47 Uhr GMT auf 41.16 Nord [sic!], 50.14 West unter; bin nicht sicher, ob Meldung durchgegangen ist. Bitte leiten Sie es an White Star weiter – auch an Cunard. Liverpool und New York – dass ich nach New York zurückkehre. Halte das aus verschiedenen Gründen für das Beste. Rostron.
Nun nutzte die Olympic ihre Funkverbindung nach Cape Race, um folgende Meldung zu übermitteln – es sollte die erste offizielle Bestätigung von dem Unglück werden, das sich in der vergangenen Nacht auf dem Nordatlantik ereignet hatte:
Ismay, New York und Liverpool:
Carpathia erreichte die Position der Titanic bei Tagesanbruch; fand nur Boote und Wrackteile. Titanic ist um 2:20 Uhr morgens auf 41:46 Nord, 50:14 West gesunken; alle ihre Boote konnten aufgenommen werden; etwa 675 Seelen gerettet, Besatzung und Passagiere; letztere fast alles Frauen und Kinder. Leyland Line Dampfer Californian ist geblieben und sucht die Unglücksstelle ab; Carpathia kehrt mit den Überlebenden nach New York zurück. Bitte informieren Sie Cunard. Haddock.
Und einige Zeit später hat Rostron von der Carpathia dann noch eine private Nachricht für Kapitän Haddock:
Kapitän, Chief Officer, Erster und Sechster Offizier und alle Ingenieure tot, auch Schiffsarzt, alle Zahlmeister, ein Marconi Operator und der Chefsteward tot. Wir haben Zweiten, Dritten, Vierten und Fünften Offizier und einen Marconi-Operator an Bord.
Auf der Olympic hatte sich jedoch schon Katerstimmung breit gemacht, als allen an Bord, die nicht im Informationsfluss zwischen Funkstation und Kapitän Haddock eingebunden waren, auffiel, dass die Olympic plötzlich ihren Kurs änderte. Zuvor hatte man sich noch daran erfreut, dass die Olympic eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Knoten in den letzten 12 Stunden gefahren war. Doch diese Bemühungen waren umsonst, und allmählich sickerte an Bord durch, dass die Titanic gesunken war, alle Überlebenden an Bord der Carpathia waren und es für die Olympic nichts mehr zu tun gab. Alle Anstrengungen waren vergeblich gewesen – die Olympic hatte ihrer jüngeren Schwester nicht mehr helfen können. Haddock hatte sein zukünftiges Schiff verloren, und viele Crewmitglieder mussten erkennen, dass Männer, mit denen sie noch bis vor wenigen Wochen oder sogar nur Tagen zusammengearbeitet hatten, ihr Leben verloren hatten. Als letzten Dienst konnte die Olympic nun nur noch so viele Nachrichten und ganz besonders die Namen der Überlebenden von der Carpathia weiterleiten – so lange die beiden Funkstationen miteinander in Verbindung standen und die Olympic in Reichweite von Landstationen war.
[1] Dr. O’Loughlin war das älteste Besatzungsmitglied der Titanic und der dienstälteste Offizier der Reederei – im Mai 1912 wäre er 40 Jahre bei der White Star Line gewesen.
[2] Der Offizier war Robert Hume aus Colvend (Dumfries & Galloway, Schottland) – Nachbargemeinde von Dalbeattie, Heimat von William McMaster Murdoch, 1. Offizier auf der Titanic. Hume hatte seine Anwärterzeit auf See unter Kapitän Samuel Murdoch absolviert, dem Vater von William McMaster Murdoch. Bei der Jungfernfahrt der Olympic war William Murdoch 1. Offizier und Robert Hume 2. Offizier. – Hume war Chief Officer auf der Britannic, als diese auf eine Mine lief und sank – und wie Murdoch auf der Titanic war Hume zum Zeitpunkt des Unglücks auf der Brücke der Britannic. Hume überlebte den Untergang der Britannic.
[3] Zahlmeister Claude Lancaster war ebenfalls auf der Britannic, als diese auf eine Mine lief und sank. Ihm gelang es, nicht nur die Schiffspapiere und das Geld der Reederei sowie sein eigenes zu retten, sondern auch seine neueste Uniform mitsamt Mantel. Gleiches gelang ihm dann bei der Versenkung der Justicia. (Quelle: Beaumont, J. H. C., Ships and People, London, ohne Datum)
[4] Damals war es üblich, dass mehrere Stationen gleichzeitig aktiv waren, so dass es wirklich geübte Ohren erforderte, einzelne Nachrichten korrekt herauszufiltern. Zudem wurde nicht gesprochen, sondern es wurden Morsezeichen gesendet. Allerdings soll jeder Funker einen charakteristischen Anschlag auf der Signaltaste gehabt haben, was vermutlich zur besseren Identifizierung der Stationen beitrug.
[5] Haddock sollte die Titanic übernehmen, wenn E. J. Smith gegangen war (Marcus, Geoffrey (1988), The Maiden Voyage, London: Unwin Hyman Ltd, S. 40)
[6] Siehe „Zum Abschied gab es keinen Dank (Teil 3)“, Navigator Nr. 67
[7] Dienstmeldung = eine offizielle und formelle Nachricht eines Kapitäns an einen anderen via Funk. Der Empfang dieser Nachrichten musste bestätigt werden.
[8] Marconi Operator = andere Bezeichnung für Funker, die von der Marconi-Gesellschaft eingestellt waren.
Quellen:
Beaumont, J. C. H. (ohne Datum), Ships – and People, London: Geoffrey Bles
Bisset, Kommodore Sir James (ohne Datum), Auf allen Ozeanen, Gütersloh: Bertelsmann Lesering
Sisson, Wade (2011), Racing through the Night, Stroud: Amberley Publishing
Internetquellen:
Funklog der Olympic: http://www.titanicinquiry.org/USInq/AmInq18PVOlympic01.php (zuletzt besucht am 28.09.2014)
Aussage von Haddock und Moore vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss: http://www.titanicinquiry.org/USInq/AmInq18HadMoore01.php (zuletzte besucht am 05.10.2014)