Kapitän Lord: Sündenbock oder verstockter Sünder?
von Susanne Störmer, © 2003
An Kapitän Lord von der Californian scheiden sich die Geister. Für manche ist er der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, da sein Schiff nicht auf die Notraketen der Titanic reagierte, für andere ist er das willkommene Opferlamm des britischen Handelsministeriums, das vom eigenen Versagen ablenken wollte und deswegen einen Seemann der Öffentlichkeit quasi zum Fraß vorwarf und ihm keine Chance auf eine faire Behandlung gab.
Fakt ist auf jeden Fall, dass von der Californian aus in der Nacht zum 15. April 1912 ein Schiff in der Nähe gesehen wurde, von dem zumindest ein Offzier behauptete, es sei ein Passagierschiff gewesen (zwei andere und Kapitän Lord waren anderer Meinung). Dieses Schiff verschwand nach zwei Uhr nachts. Ebenfalls Fakt ist, dass von der Californian aus im weiteren Verlauf der Nacht erst acht Raketen und später, als das andere Schiff längst verschwunden war, noch mal drei Raketen in weiter Entfernung gesehen wurden. Ebenfalls wird gerne als Fakt angesehen, dass nur die Californian in jener Nacht Raketen gesehen hat. Allerdings gab es auch von einem anderen Schiff, von dem bekannt ist, dass es der Titanic zu Hilfe eilte, Behauptungen, dass Raketen gesichtet wurden – dort allerdings bügelte der Kapitän diese Äußerungen gegenüber der Presse als Erfindung ab, und seine Autorität genügte, um diesen Mutmaßungen nicht weiter nachzugehen.
Kapitän Lord dagegen verfolgte eine andere Strategie. Aus er sagte, er hätte keine Raketen gesehen, doch er verwies sofort darauf, dass seine Brückenwache ihm welche gemeldet hätte. Damit war Lord unter Verdacht geraten, sein Schiff könnte das Geisterschiff gewesen sein, das der Titanic nicht zu Hilfe eilte. Verblüffend ist jedoch Lords Hang zur Wahrheit – er bemühte sich nicht, irgendwas zu verstecken oder zu vertuschen oder gar abzubiegen. Wenn er selbst gefragt wurde, wie viele Mastlichter der andere Dampfer hatte, dann sagte er, dass er selbst eines gesehen hatte, aber der 3. Offizier hätte zwei gesehen, womit Lord sich weiter in Bedrängnis begab. Der Kapitän schwächte seine eigenen Aussagen (und damit seine Autorität?) immer wieder dadurch ab, dass er ungefragt andere Meinungen als seine zu Protokoll gab. Er muss ein dankbares Opfer für die ausgekochten Juristen gewesen sein.
Gegner von Kapitän Lord behaupten, er wäre ein sehr autoritärer Kapitän gewesen, vor dem die Besatzung Angst hatte; deswegen wagte nur der 3. Offizier die Wahrheit zu sagen. Dagegen spricht jedoch (wie oben schon dargelegt) Lords Art der Verteidigung vor den Untersuchungsausschüssen sowie folgende andere Aussagen:
- Benjamin Kirk, Matrose unter Lord, sagte Jahrzehnte später, dass er es immer als angenehm empfunden hätte, unter Lord zu dienen. (Das spricht eher für einen umgänglichen Menschen.)
- Als Lord bereits vor 23 Uhr zu seinem 3. Offizier sagte, dass seiner Meinung nach das Mastlicht eines Schiffes im Osten sichtbar wäre, widersprach der 3. Offizier und behauptete, es sei ein Stern. Lord ließ dem 3. Offizier seine Meinung und ging von der Brücke.
- später sah dann auch der 3, Offizier ein sich aus dem Osten her näherndes Schiff. (Es war übrigens dieser 3. Offizier, der später Lord als sehr autoritär und unnahbar beschrieb – doch diese Szene deutet eher an, dass Lord liberal genug war, dem Offizier seine – falsche – Meinung zu belassen, bis dieser dann auch das andere Schiff sah.)
- Der 2. Offizier war es, der dem Kapitän, der sich mittlerweile zur Ruhe gelegt hatte, die Raketen per Sprachrohr meldete. Er meldete lediglich Raketen und sagte vor dem Untersuchungsausschuss: „Ich überließ das Urteil ihm.“ – Der Kapitän hatte die Raketen selbst nicht gesehen und war auf die Meldung seines Offiziers angewiesen. Lord sagte aus, er ging davon aus, dass sein Offizier in der Lage gewesen ist, Notraketen von anderen Signalen zu unterscheiden. Der Offizier erweckt mit seinen ganzen Aussagen vor dem britischen Untersuchungsausschuss den Eindruck, dass er so stoisch wie stur war – und die spezielle Aussage strotzt in diesem Zusammenhang nicht vor Autoritätsgläubigkeit, sondern eher von einem großen Desinteresse und wenig Respekt vor dem Kapitän.
- Der Anwärter wurde zum Kapitän geschickt, um Meldung zu machen. Vor dem britischen Untersuchungsausschuss gab er das Gespräch wider und ergänzte, das Lord. nachdem er den Raum verlassen hatte, noch irgendwas sagte, doch der Anwärter ging nicht zurück, um zu erfahren, was der Kapitän gesagt hatte. – Lord erinnert das Gespräch nicht, sondern nur das Zuschlagen der Tür, woraufhin der Kapitän gesagt haben will: „Was ist los?“, doch da niemand antwortete, schlief er wieder ein. – Würde jemand, der ins Respekt vor dem Kapitän beinahe erstarrt, so handeln? Oder ist es eher die Handlungsweise eines Menschen, der seinen Vorgesetzten nicht unbedingt für voll nimmt?
Lord bescheinigte übrigens vor dem britischen Untersuchungsausschuss dem 2. Offizier Kompetenz und – typisch für diesen Kapitän – sagte deutlich, dass er zwar keine Erinnerung an die Unterhaltung mit dem Anwärter habe, aber auch keinen Anlass, an der Ehrlichkeit des Anwärters zu zweifeln. Ein anders gestrickter Kapitän als Lord hätte entweder den 2. Offizier oder aber zumindest den Anwärter geopfert, um seine eigene Haut zu retten. Nicht so Lord. Er stellt sich schützend vor seine Männer und erinnert dabei an einen Fußballtrainer, der seine Mannschaft immer noch verteidigt, obwohl die längst seine Autorität untergraben hat, macht was sie will und gegen ihn agiert.
Lord war sich seiner nächtlichen Stop-Position absolut sicher und zog die Untergangsposition der Titanic in Zweifel. Damit machte er sich hchverdächtig, denn 1912 sah niemand einen Grund für die Titanic, die SOS-Position falsch anzugeben, doch Lord hatte genügend Gründe, seine eigene Position zu fälschen. Das Wrack der Titanic weis nach, dass die SOS-Position wirklich falsch war – doch muss deswegen auch Lords Positionsangabe völlig daneben gewesen sein?
Die Californian-Leute blieben 1912 dabei, dass sie Raketen im Südosten gesehen hatten. Wäre die Titanic an ihrer SOS-Position gewesen, hätten die Raketen aber im Südwesten erscheinen müssen. Da von keinem anderen Schiff bekannt war, dass es in jener Nacht östlich der Titanic lag und Raketen abgefeuert hatte, sah es ein weiteres Mal so aus, als würden die Californian-Leute lügen. Betrachtet man allerdings die Wrack-Position sowie die angegebene Position der Californian, dann lag die Titanic südöstlich von der Californian, und damit scheinen die Californian-Zeugen ein weiteres Mal nach bestem Wissen und Gewissen ausgesagt zu haben. 1912 jedoch war diese Haltung nicht angebracht, denn sie brachten das Schiff und besonders den Kapitän in arge Bedrängnis. Doch wer so strikt eben bei Aussagen bleibt, die einen selbst in schwere Erklärungsnöte bringen, sagt normalerweise die Wahrheit.
Lords Gegner werfen dem Kapitän übrigens auch gerne Feigheit vor. Allerdings spricht für Lord, dass er bei Tageslicht drei Mal die Eisbarriere durchquerte (einmal auf dem Weg zur SOS-Position, dann auf dem Weg zur Carpathia und zuletzt wieder auf dem Weg nach Westen zum Bestimmungsort Boston), während ein anderer Kapitän, nämlich Moore von der Mount Temple, in den frühen Morgenstunden die SOS-Position erreichte, dort weder Titanic noch Rettungsboote noch Trümmer fand, dann aber nicht weiter suchte, sondern was auch immer tat, allerdings keine Suche nach dem Havaristen unternahm. Dabei war ihm klar, dass die SOS-Position der Titanic fehlerhaft und die Titanic weiter im Osten gewesen sein muss (das sagte er auch mehrfach vor den Untersuchungsausschüssen und seine Zweifel hätten Lord helfen können; allein: Die SOS-Position der Titanic erschien als unanfechtbares Sakrileg!). Und Moore muss auch gewusst haben, dass Menschenleben auf Rettung warteten. Allein: Er durchquerte die Eisbarriere weder in der Nacht noch bei Tageslicht. Dennoch stellte der britische Untersuchungsausschuss fest, dass Moore alles getan hatte, was ihm möglich war. Im Klartext: Zur SOS- Position fahren, dort nichts finden und dann abwarten, was noch so alles geschieht, aber auf gar keinen Fall nachdem Havaristen oder den Schiffbrüchigen suchen, war laut britischem Untersuchungsausschuss für Moore das Menschenmögliche. Selbst als die Carpathia in Sichtweite war, blieb die Mount Temple untätig, während die Californian zumindest auf die Carpathia zulief, ihre Hilfe aber nicht mehr benötigt wurde. Auch blieb die Californian in der Gegend und suchte (erfolglos) nach Überlebenden oder Leichen. Die Mount Temple beteiligte sich auch an dieser Suche nicht.
Lord hat nie einen fairen Prozess erhalten. Er wurde als Zeuge geladen, aber ihm wurde nicht gesagt, dass alles, was er sagen würde, auch gegen ihn selbst verwendet werden könnte. Erst im Verlauf des Unterschungsausschuss wurde eine weitere zu untersuchende Frage eingefügt, die später die Verdammung der Californian enthalten sollte. Es wurde Lord auch kein Rechtsmittel zugestanden, um dieses Untersuchungsergebniss aufzuheben oder zumindest anzufechten.
Doch interessanterweise wurde Lord auch nicht wegen unterlassener Hilfeleistung vor ein ordentliches Gericht gestellt. Warum, wenn man sich der Sache so sicher war wie die beiden Untersuchungsausschüsse? Dann hätte Lord jedenfalls 1912 schon einen Prozess bekommen und damit die Chance, zu allen Vorwürfen gegen ihn Stellung zu beziehen. So aber überließen ihn Senator Smith sowie Lord Mersey seinem Schicksal, in der Öffentlichkeit als der Kapitän gebrandmarkt zu sein, der der sinkenden Titanic nicht zu Hilfe gekommen ist. Es wurde jemand öffentlich verurteilt, ohne juristisch verurteilt worden zu sein – und das war vielleicht der cleverste Schachzug von Lord Mersey und seinem Attorney General, denn für Lord, ob schuldig oder nicht, bedeutete es lebenslänglich.
Quelle: Senan Molony, „Ein Schiff unter Anklage“, Elmshorn, 2003