12 Menschen in einem Boot
von Susanne Störmer, © 2008
Boot 1 von der Titanic wird gerne als besonders drastisches Beispiel der Unterfüllung der ohnehin zu knappen Rettungsboote an Bord des sinkenden Ozeanriesen genommen, denn das Notfallboot, das 40 Menschen hätte aufnehmen können, wurde mit nur 12 Personen gefiert. Da dieses Boot später auch nicht nach Überlebenden im Wasser suchte, blieben 28 Plätze in dem Boot ungenutzt. Noch skandalöser wirkt dieser Vorgang, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass von diesen 12 Menschen fünf Passagiere der 1. Klasse, darunter zwei Frauen, und sieben Besatzungsmitglieder waren.
1912 stellte sich die Frage, ob Boot 1 möglicherweise das Privatboot der Duff Gordons gewesen ist; dazu trug möglicherweise auch das Verhalten der Duff Gordons nach der Rettung bei. Ebenfalls von Interesse im Zusammenhang mit Boot 1 ist aber auch, wer dafür verantwortlich war, dass Boot 1 gefiert wurde, obwohl nur zwölf Menschen darin saßen.
Üblicherweise wird die Verantwortung für das Beladen und Fieren des Bootes dem 1. Offizier William McMaster Murdoch zugeschrieben. Wer sich intensiv mit der Geschichte der Titanic befasst hat, hat sich vielleicht schon gefragt, warum ein Offizier, der andere Boote deutlich stärker beladen, zum Teil über die offizielle Kapazitätsgrenze hinaus, und gefiert hat, bei Boot 1 in das andere Extrem gefallen ist und ein Boot quasi leer zu Wasser gelassen hat. Vielleicht mag es psychologische Erklärungen für inkonsistentes Verhalten in Situationen wie die der Evakuierung des Schiffes geben, doch vielleicht ist es schon erhellend, sich einfach mal die Aussagen der Menschen anzuschauen, die in jener Nacht an, in und um Boot 1 waren.
Es sind die Aussagen von George Symons, Ausguck, und Albert Horswill, Vollmatrose, die Murdoch als Offizier benennen, der für das Beladen und Fieren von Boot 1 verantwortlich war. Horswills Aussage bekommt besondere Autorität durch seine Erklärung: „Wir [Murdoch und Horswill] sind lange genug zusammen gewesen, wir sollten einander kennen.“ [1] Allerdings erscheinen die Namen von William McMaster Murdoch und Albert Horswill einzig und allein auf der Musterrolle der Titanic gemeinsam auf einer Musterrolle [2] – und Horswill ist erst in Southampton auf die Titanic gekommen. Damit „kannten“ Murdoch und Horswill sich erst wenige Tage. Ziehen wir dann noch in Erwägung, dass es in der Nacht zum 15. April 1912 dunkel war und das Bootsdeck nicht durch helle Flutlichtstrahler beleuchtet wurde. dann erscheint Horswills Sicherheit der Idnetifizierung bemerkenswert, sollte jedoch nicht über jegliche Zweifel erhaben sein.
Und auch Symons kam erst in Southampton auf die Titanic und traf hier nach den bekannten Musterrollen und/oder Logbüchern zu urteilen erstmals auf Murdoch [2]. Da Symons als Ausguck angeheuert hatte, ist es zudem fraglich, ob er überhaupt von Murdoch gesehen hat. Interessanterweise war Symons generell schnell darin, Murdoch für alles verantwortlich zu machen – zum Beispiel auch für die fehlenden Ferngläser im Ausguck [3]. Dem widerspricht der 2. Offizier Lightoller, der aussagte, er habe den Chief Officer Wilde über die fehlenden Ferngläser informiert, nachdem sich der Ausguck bei ihm beschwert hatte [4]. Der Chief Officer war selbstverständlich Henry Tingle Wilde. Zudem beahuptete Symons zu seiner Verteidigung, dass er von Murdoch den Befehl erhalten hatte, nach dem Fieren nicht zum Schiff zurück zu rudern, womit er auch hier Murdoch die Verantwortung für fragwürdiges Verhalten zuschiebt. Noch mal kurz zusammengefasst: Zwei der Insassen von Boot 1 behaupten, Murdoch sei der Offizier gewesen, der für das Beladen und Fieren von Boot 1 verantwortlich gewesen ist. Keide dieser beiden Insassen kannte Murdoch von früheren Schiffen, und beide Insassen waren erst in Southampton auf die Titanic gekommen. Und es gibt noch mehr Verbindungen zwischen diesen beiden Zeugen: Beide waren zuvor auf der Oceanic gefahren. Und beide hatten einige Tage vor ihrer Aussage vor dem britischen Untersuchungsausschuss Besuch von einem Gentleman. Dieser Gentleman hatte behauptet, er sei von den Duff Gordons geschickt worden – wobei die Duff Gordons vor dem britischen Untersuchungsausschuss aussagten, dass dieser Gentleman auf eigene Initiative gehandelt und gedacht hatte, er täte ihnen einen Gefallen damit.
Zurück zu Boot 1 und dem als Zeugen sehr interessanten George Symons. Er schob immer Murdoch vor – denn das war der Offizier, dessen Befehle befolgt werden mussten und nicht hinterfragt werden durften. Ist es denkbar, dass für Symons der Name „Murdoch“ ein Synonym für jeden ihm unbekannten Offizier war? – Symons Aussagen besonders in Großbritannien hinterlassen den Eindruck, dass er einerseits sehr von sich eingenommen war und andererseits kein Selbstvertrauen hatte. Zum Beispiel verwendete er die Ausdrücke „I was master of the situation“ („Ich war Herr der Lage“) und „I acted on my own discretions“ (= „Ich agierte nach eigenem Ermessen“) so häufig, dass der Attorney-General im Kreuzverhör diese Phrasen offenbar schon im Scherz verwendete. Übrigens tauchen diese beiden Phrasen in Symons Aussage vor dem US-Untersuchungsausschuss nicht auf. Kann es also sein, dass der Gentleman ihm diese Redewendungen in irgendeiner Form beigebracht hat?
Ebenfalls ist es interessant, dass das Medieninteresse Symons anscheinend nicht völlig kalt gelassen hat:
11861 [Mr. Edwards] Wir haben etwas von einer Fotografie gehört. Wurde von Ihnen auf der Carpathia ein Foto gemacht? – Ja, ich wurde letzten Monat in verschiedenen Fotos aufgenehmt [sic!]. Es ist sehr angenehm zu wissen, wie bedeutend man ist. [5]
Kann es sein, dass diese ungewohnte „Bedeutung“ die Phantasie des Seemannes angeregt hat? – Ein weiteres Licht auf den Wert von Symons Aussagen wirft folgender Extrakt vom britischen Untersuchungsausschuss:
11983. Als Sie bis 22 Uhr im Ausguck waren, was war das für eine Nacht? – Ziemlich klar, Sir, eine schöne Nacht, ziemlich neblig; wenn da überhaupt etwas war, dann ein leichter Dies am Horizont, aber nicht der Rede wert.
11984. Würden Sie es als eine sehr klare Nacht beschreiben? – Ja.
11985. Mit Sternen? – Ja.
Also war es nun klar oder doch ziemlich neblig? – Angesichts der anderen Aussagen sollten wir davon ausgehen können, dass dieses „ziemlich neblig“ von Symons aus welchen Gründen auch immer in die Aussage gerutscht ist.
Abschließend sei noch betont, dass es auffällig ist, wie oft Symons betont, dass der Offizier, der ihm das Kommando über Boot 1 übertragen hat, ihm (Symons) befohlen hat, dass er (Symons) sicherstellen soll, dass alle in dem Boot seinen Befehlen folgen. Auf mich erweckt das nicht den Eindruck, dass der Offizier viel Vertrauen in Symons‘ Führungsqualitäten hatte, doch Symons war als Ausguck gemustert und war damit höher im Rang als ein Vollmatrose. Aber warum wurde Symons überhaupt mit dem Kommando von Boot 1 betraut?
Es gibt eine Bootsliste auf der Titanic. Und gemäß dieser Bootsliste waren Besatzungsmitgliedern den verschiedenen Booten zugeteilt. Das Kommando über das Notfallboot 1 hätte ein Offizier haben sollen – welcher ist fraglich, da sowohl Pitman als auch Boxhall vor den Untersuchungsausschüssen Boot 1 als „ihr“ Boot bezeichneten. Wenn die verantwortlichen Offiziere für die Notfallboote nach dem Wachsystem zugeordnet wurden, das eine Steuerbord- und eine Backbordwache kannte, dann war Pitman (Backbordwache) für Boot 2 vorgesehen und Boxhall (Steuerbordwache) für Boot 1. Dann wäre es Boxhalls Boot gewesen – und interessanterweise wurden die Notraketen der Titanic ganz in der Nähe von Boot 1 abgeschossen. Kann es also sein, dass Boxhall statt mit Boot 1 von Bord zu gehen lieber weiter Notraketen abfeuern wollte und deswegen Symons das Kommando übernehmen musste?
Damit ist jedoch immer noch nicht geklärt, wer letztendlich verantwortlich für das Beladen und Fieren von Boot 1 war – und welcher Offizier Symons einschärfte, darauf zu achten, dass alle in dem Boot seinen Befehlen Folge leisteten.
Außer Symons und Horswill, die „Murdoch“ als Verantwortlichen benannten, gibt es noch weitere Zeugen, und damit ändert sich auch dieses Bild. Der Leitende Heizer Charles Hendrickson wurde von einem Offizier aufgefordert, in das Boot zu steigen. Hendrickson kannte den Offizier nicht, aber er beobachtete, dass dieser Offizier Notraketen von der Brücke aus abfeuerte und sich dann Boot 1 zuwandte [6]. Nach Hendrickson war es dieser Offizier, der die Heizer in das Boot befahl, und es war auch dieser Offizier, der keine weiteren Frauen und Kinder finden konnte – und den Befehl gab, das Boot zu fieren.
Der 4. Offizier Boxhall (der laut Bootsliste auch für Boot 1 zuständig gewesen sein will/soll) war der Offizier, der für sich in Anspruch genommen hat, Notraketen von der Brücke abgefeuert zu haben – sofern Boxhall die Mitarbeit Murdochs beim Abfeuern der Notraketen nicht unterschlagen hat, ist nach Aussage Hendricksons Boxhall der Offizier gewesen, der für das Beladen und Fieren von Boot 1 verwantwortlich war.
Allerdings gibt es einen Offizier, der aus freien Stücken heraus behauptet hat, er wäre derjenige gewesen, der Boot 1 beladen und gefiert hat: Harold Godfrey Lowe, 5. Offizier der Titanic. Vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss sagte er noch über das Beladen und Fieren der Boote an Steuerbord: „Ich war da nicht der Boss, Mr. Murdoch schmiss den Laden.“ [7] Vor dem britischen Untersuchungsausschuss dagegen sagte Lowe, dass er Boot 1 klar machte [8], und er sagte auch, dass er Lady Duff Gordon einfach in das Boot stopfte [9]. Für das Fieren von Boot 1 mit nur zwölf Personen gab er auch eine Begründung:
15894. Gaben Sie Anweisungen bezüglich des Beladens von Boot 1? – Ja, das tat ich.
15895. Und dem Fieren? – Und dem Fieren.
15896. Es waren nur sehr wenige Passagiere in dem Boot – fünf? – Ich weiß nicht, wie viele da waren. Ich nahm jeden, der da war; das ist alles, was ich weiß.
15897. [Der Commisioner] Sie nahmen was? – Ich räumte das Deck, my Lord.
15898. Sie wollen damit sagen, dass, als Sie die Leute in Boot 1 brachten, niemand mehr übrig war auf dem Deck? – Es waren keine Leute mehr auf dem Steuerborddeck.
15899. [Mr. Scanlan] Welche Suche unternahmen Sie zu der Zeit nach Leuten – nach Passagieren? – Ich suchte nicht.
15900. Sie schickten zum Beispiel niemanden nach backbord, um herauszufinden, ob da noch Frauen und Kinder waren? – Nein, denn ich wollte die Boote auf den Weg bekommen. Es gab keine Zeit zu verlieren.
15901. Und Sie schickten niemanden nach unten auf irgendeines der unteren Decks? – Das war niemand auf dem nächsten Deck. Ich stoppte das Boot dort und forderte sie auf, sich umzusehen.
15902. Oder auf irgendeinem der unteren Decks? – Davon weiß ich nichts. Ich stoppte das Fieren des Bootes am A-Deck und befahl den Männern, sich dort umzusehen, und sie sahen niemanden.
15903. Es gab keinen bestimmten Grund, warum das Boot mit nur fünf Passagieren gefiert wurde? – Kein bestimmter Grund, warum das Boot nur mit fünf Leuten gefiert wurde. [10]
Sir Cosmo Duff Gordon sagte aus, dass er erst wenige Tage vor seiner Aussage erfahren hatte, dass der 5. Offizier Lowe beim Beladen und Fieren von Boot 1 das Kommando hatte, während Symons erklärte, dass er außer Murdoch keinen anderen Offizier gesehen hatte. Interessant an Lowes Aussage ist das Stoppen des Fierens in Höhe des A-Decks. Er sagte, er hielt das Boot dort an, um die Männer nach mehr Leuten Ausschau halten zu lassen. Symons berichtete, dass das Boot in Höhe des A-Decks sich in einem Draht verfing, was zu einer Unterbrechung des Fierens führte.
Da Lowes Aussage in Großbritannien den Anschein erweckt, dass er sich absolut sicher war, Boot 1 beladen und gefiert zu haben, besteht durchaus Anlass genug, ihm zu glauben. Oder gab es für ihn irgendeinen Anlass, die Verantwortung für das Laden und Fieren auf sich zu nehmen, obwohl das Fieren eines Bootes mit Platz für 40 mit nur 12 Insassen zu fieren nicht unbedingt „Meisterleistung“ zu nennen ist. Was konnte Lowe gewinnen, wenn er die Verantwortung für eine Aktion übernahm, die in der Presse und von der Öffentlichkeit heftigst kritisiert worden war?
Und es gibt noch ein Indiz dafür, dass Lowe wirklich an Boot 1 war: Mr. Stengel, einer der drei männlichen Passagiere in dem Boot, hatte Schwierigkeiten beim Einsteigen, deswegen kletterte er einfach auf die Reling und rollte in das Boot. Der Offizier bei dem Boot lachte und kommentierte: „Das ist der lustigste Anblick, den ich diese Nacht gesehen habe.“ [11]
Üblicherweise wird dieses Zitat Murdoch zugeschrieben, auch wenn Stengel den Namen des Offiziers unerwähnt lässt. Doch wenn man sich anschaut, was von Murdoch bekannt und überliefert ist und welche Äußerungen von Lowe zum Beispiel später im Rettungsboot gefallen sind, so würde das von Stengel vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss wiedergegebene Zitat durchaus zu Lowe passen – vielleicht sogar noch besser als zu Murdoch.
Symons und Horswill sagten aus, dass Murdoch der Offizier an Boot 1 war, der das Kommando beim Beladen und Fieren hatte. Nach der Beobachtung vom Leitenden Heizer Charles Hendrickson war es der Offizier, der Notraketen abfeuerte, also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Boxhall, der seiner Meinung/Aussage nach laut Bootsliste der Offizier war, der Boot 1 zugeteilt war. Und nach Aussage vom 5. Offizier Lowe vor dem britischen Untersuchungsausschuss war es der 5. Offizier Lowe, der das Beladen und Fieren von Boot 1 leitete. – Wem können wir glauben? Wem wollen wir glauben? Symons und Horswill? Hendrickson? Oder womöglich sogar Lowe?
Wenn wir uns entscheiden, Hendrickson oder Lowe zu glauben, dann muss die Verantwortlichkeit für das Beladen und Fieren von Boot 1 einem anderen Offizier zugeschrieben werden. Das wäre im übrigen auch stimmiger mit dem Verhalten Murdochs an den anderen Rettungsbooten, die nachden Aussagen Überlebender zu urteilen unter seinem Kommando beladen und gefiert wurden.
Fussnoten:
[1] GB 12400; Übersetzung durch Verfasserin
[2] Auswertung sämtlicher auffindbarer Musterrollen und/oder Logbücher von Schiffen, auf denen Murdoch gefahren ist.
[3] GB 11324
[4] GB 14485
[5] Originalwortlaut: 11861. [Mr. Edwards] We have heard something about a photograph. Were you taken in a photograph on the Carpathia? – Yes, I was took [sic!] in several photographs this last month. It’s quite nice to know you are so big.
[6] GB 11094 – 11100
[7] Originalwortlaut: „I was not the boss there. Mr. Murdoch was running the show.“
[8] GB 15825
[9] GB 15958
[10] Übersetzung durch Verfasserin
[11] Aussage von Stengel vor dem amerikanischen Untersuchungsausschuss